Der Unbequeme muss gehen

Rostock, 31. März 2015. Sewan Latchinian, Intendant des Volkstheater Rostock, ist fristlos entlassen worden. Das melden verschiedene Medien. Die Entscheidung wurde am Abend vom Hauptausschuss der Rostocker Bürgerschaft gefällt – mit 6 Ja- und 5 Nein-Stimmen, womit die Mehrheit einem entsprechenden Antrag von Oberbürgermeister Roland Methling (parteilos) folgte. Grund für die Entlassung ist Latchinians Vergleich der Theaterpolitik Mecklenburg-Vorpommerns mit der Kulturzerstörung durch die Terrormiliz Islamischer Staat in einer Rede gegen die Theaterfusionspläne der Landesregierung bei einer Demonstration in Neustrelitz am 9. März sowie Aussagen Latchinians in einem Interview mit der Zeitschrift "Oper und Tanz". Methling hatte die Meinung vertreten, dass Latchinians Äußerungen gegen den Charakter seines bis Juli 2019 laufenden Vertrags verstießen.

Sewan Latchinian 280 Foto Steffen Rasche uAls Rostocker Intendant entlassen: Sewan Latchinian © Steffen Rasche

Kritische Äußerungen in Interviews

Latchinian, der erst seit dieser Saison Chef des Volkstheaters ist, befindet sich seit Längerem im Konflikt mit der Rostocker Regierung. So wehrte er sich u.a. gegen die von Oberbürgermeister Methling geplante Reduzierung des Volkstheaters von vier auf zwei Sparten. In dem Interview mit "Oper und Tanz" hatte er u.a. gesagt, dass er den Beschluss der Bürgerschaft zur Spartenschließung für falsch halte und "ihn kippen" wolle, indem man ihn "mit zusammengebissenen Zähnen rechnerisch und künstlerisch" durchspiele, um allen Beteiligten zu zeigen, dass es so nicht gehe.

Die IS-Bemerkung in seiner Neustrelitzer Rede hatte Latchinian gegenüber den Nordeutschen Neusten Nachrichten damit verteidigt, dass er als Künstler "das Recht auf poetische und satirische Zuspitzung" habe. Mit seinem Vergleich habe er auf die Verantwortung der Politik, "behutsam mit dem Ererbten umzugehen", hinweisen wollen.

Gegen die Entlassung hatten am Nachmittag rund 500 Demonstranten protestiert, 200 von ihnen besetzten gegen 17 Uhr friedlich das Rathaus. Nach dem Beschluss drückte Oberbürgermeister Methling laut Ostsee-Zeitung sein Bedauern aus, "dass wir zu dieser Entscheidung gezwungen waren". Weiter sagte er: "Wir werden dafür Sorge tragen, dass das Volkstheater in sicherem Fahrwasser bleibt." Mit sofortiger Wirkung sei Latchinian von seinen Aufgaben und Pflichten als künstlerischer Geschäftsführer der Volkstheater Rostock GmbH entbunden. "Ich kann leider nichts mehr für die Hansestadt und das Volkstheater tun. Ich bedanke mich ganz herzlich für die Solidarität und Ihren Beistand", sagte Latchinian nach seiner Entlassung zu seinen Unterstützern im Rathaus.

(NDR / Ostsee-Zeitung / ape)

 

Hier kommentiert Georg Kasch die Entlassung und sagt: was Oberbürgermeister Roland Methling tut, "ist gewagt – und mutwillig".

Mehr Hintergrund zur aktuellen Lage des Volkstheaters Rostock:

Meldung 25.2.2015: Rostocker Bürgerschaft beschließt Spartenschließung am Volkstheater

Blogeintrag 26.2.2015: Das Volkstheater Rostock soll künftig ein "funktionelles Vierspartenhaus" sein

Meldung 27.2.2015: Harsche Kritik an Rostocker Spartenschließung aus Reihen der SPD

Meldung 26.3.2015: Rostocks Intendant Sewan Latchinian droht Abberufung

Die Chronik zum Fall des Rostocker Volkstheaters unter Sewan Latchinian: alle Meldungen und Debattenbeiträge.

 

 
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