Fahrstuhl in die Hölle

von Dorothea Marcus

Köln, 12. April 2015. "Via Mala", schlechter Weg, prangt in Gothic-Kitschlettern über dem grandiosen zweistöckigen Endzeit-Bürokomplex von Thilo Reuther, der Profanes, Pathetisches und Politisches perfekt abmischt. Aber gibt es überhaupt schlechte Wege auf diesem Selbstfindungstrip eines Dichters, als den Regisseur Sebastian Baumgarten Dantes "Göttliche Komödie" anlegt? Auf einem Plakat kreuzen sich zwei Maschinengewehre vor arabischer Schrift, ein Autowrack mit Kreuzritter-Abzeichen steht davor, daneben ein Kasten mit Schnee, der langsam vor sich hin schmilzt. Die Fenster sind entweder geheimnisvoll verschlossen oder es schwimmen bedrohlich-bedrängt fette Video-Haie dahinter.

Dante im Dilirium

Es dampft, klingelt, die Fahrstuhltür in der Mitte öffnet und schließt sich, unten flackern Kerzen in einer Autowerkstatt. Dante, den Guido Lamprecht großartig als naiv Staunenden und besessen Suchenden zeigt, ist ein Soldat in Kreuzritter-Leibchen, mit Jesus-Kreuzmalen auf der Hand, ein christlicher Dschihadist, der auf der Gottsuche gescheitert ist. Er kommt gerade traumatisiert aus dem Krieg, als er auch noch vom Tod seiner geliebten Frau Beatrice erfährt. Eine ausgewachsene posttraumatische Belastungsstörung, die von fünf Fachkräften betreut wird, die sich "Kunsthistoriker", "Arzt", "Frau", "Mädchen" und "Dichter" nennen und genauso gut Stimmen in seinem Kopf sein könnten. Sie übernehmen die Therapie, legen ihn in den Schnee, träufeln Blut, schwenken Weihrauch, und immer hat der Dichter Vergil eine Spritze parat, um das Drogendelirium zu verlängern.

goettlichekomoedie 2653 560 Matthias Horn uGuido Lambrecht (vorne) und Ensemble © Matthias Horn

Und dann geht die Reise los. Soweit die Baumgarten'sche Rahmenhandlung für seine Bühnenversion von Dantes "Göttlicher Komödie". Rund 700 Jahre ist sie alt, jene Besuchsfahrt eines Dichters in Hölle und Paradies mit 100 Gesängen und rund 14.000 elfsilbigen Versen. Sie begründete die italienische Schriftsprache, ist eins der größten Werke der Weltliteratur, hat Opern, Filme, Bands, Romane und sogar Computerspiele beeinflusst.

Erfolglose Selbsmorde im 5. UG

Zu ihrer Bildgewalt ist dem Regisseur, seinem Bühnenbildner Thilo Reuther und Videokünstler Stefan Bischoff viel Effektvolles eingefallen. Grandios werden die Höllen- und Fegefeuerstationen illustriert: Eine Videoprojektion zeigt die Fahrstuhletagen auf der Reise in die Hölle an, die eigentlich nur der projizierte, endlose Gang einer gruselig betonierten Tiefgarage ist. Mal windet es scheußlich, mal tropft es von der Decke, mal lodert schon das Fegefeuer auf. Auf Fahrstuhlebene -01 robben die "Zweifler" noch recht harmlos in Regenmänteln durch den Schnee, ehe sie zackig Abendmahlsoblaten auf die Zunge gelegt bekommen, um in einem blutrot ausgeleuchteten Zimmer durchgewaschen zu werden. Auf -02 ist es dann das berühmte Liebespaar von Rimini – Francesca wird im Schrottauto erschossen. Bei -03 stopfen sich die "Schlemmer", zwei Männer in Fatsuits mit der "verruchten Schuld des Schlundes" Würstchenketten ins Maul und rudern hilflos im Schnee, die Geizigen klammern sich auf -04 an ihre Plastiktüten voller Gold und Pelze, die Selbstmörderin auf -05 versucht sich erfolglos zu erstechen.

Karikaturen des Schmerzes sind sie alle, mit Mitleid hält sich der Regisseur nicht auf. Es hüpft, zappelt, knallt – zuweilen scheinen die Schauspieler ihre großen Dante-Sprachanteile nur noch zu bewältigen, ohne sie sinnvoll mitzudenken. Comicstripartig sausen die Stationen vorbei, die Hölle – das ist eben auch die menschliche Banalität. Was wollte der Regisseur noch mal erzählen? Immer wieder geistert Beatrice (Yvon Jansen), die geliebte und früh gestorbene Muse, auch in Dantes realer Biografie, als rastalockige, leicht stotternde Engelsgestalt über Dantes Weg. Doch immer, wenn er dem Höllenspektakel um ihn herum misstrauisch begegnet, jagt ihm sein Begleiter Vergil (Sean Mac Donagh) eine neue Spritze in den Arm – und weiter geht der Trip.

Der Welt abhanden gekommen

Als der tiefste Punkt erreicht ist, schießt Dante auf einmal um sich und nimmt das eigene Werk in die Hand. Man sieht ihn trinkend, grübelnd und schreibend vor seiner Schreibmaschine, auf einer ewig qualvollen Reise zur Katharsis der Kunst. Vor einer apokalyptisch farbverändernden Wolkenlandschaft geht es dann schließlich zur Läuterung, ein Todsünden-Umhang nach dem anderen wird von den reuigen Sündern in Mönchskutten abgelegt und im Schnee durchgewaschen – bei der Paradies-Einrichtung hat Baumgarten und sein Filmteam dann doch ein wenig die Fantasie verlassen.

Dennoch: Endlich wird Dante leicht säuerlich von einer leibhaftigen Beatrice empfangen, endlich stehen die Schauspieler im Kreis vor dem Flügel, lassen Luftballons schaukeln und intonieren leicht krächzend Mahlers "Ich bin der Welt abhanden gekommen", endlich scheint der neu selbstgefundene Künstler zur Ruhe zu kommen. Doch was nützt all das, wenn schließlich das Weltgeschehen zuschlägt? Mit Nachrichten-Geknatter und einem kunsteisvernebelten Weltuntergangs-Knall endet der überaus unterhaltsame Abend dann doch kulturpessimistisch.

 

Die göttliche Komödie
von Dante Alighieri, bearbeitet von Sebastian Baumgarten und Jens Groß, nach Übersetzungen von Philaletes und Lebrecht Bachenschwanz
Regie: Sebastian Baumgarten, Bühne: Thilo Reuther, Kostüme: Jana Findeklee / Joki Tewes, Musik: Jens Massel / Jörg Follert, Video: Stefan Bischoff, Dramaturgie: Jens Gross / Michaela Kretschmann (Mitarbeit).
Mit: Mohamed Achour, Miguel Abrantes Ostrowski, Larissa Aimée Breidbach, Nicola Gründel, Christian Hockenbrink, Yvon Jansen, Guido Lambrecht, Seán McDonagh.
Dauer: 2  Stunden 15 Minuten, keine Pause

www.schauspielkoeln.de

 

Kritikenrundschau

Ulrike Gondorf schreibt auf der Website von Deutschlandradio Kultur (11.4.2015), das Schauspiel Köln greife mit der "Göttlichen Komödie" nach den Sternen. Der überraschende Anfang in einer Werkstatt sei ein "phantastisches Sprungbrett" für die Reise durch Himmel und Hölle. Klar werde: diese alte Geschichte müsse hier und jetzt erzählt werden. Es gehe nicht abstrakt um Theologie, Philosophie oder geniale Verskunst – "es geht ums Überleben". Und damit gingen die folgenden Erzählungen direkt unter die Haut. Mit "Projektionen, Toncollagen, farbigem Licht und Nebel" unterstütze die Inszenierung die Bilder, löse sich aber nie aus dem "einmal gesetzten realistischen Bühnenbild". "Suggestive Kraft" gewinne der Abend aus dem "gedanklich hoch differenziert und mit emotionsgeladener Energie vorgetragenen Text". Das Ensemble vollbringe eine "sprachliche Leistung von seltener Eindringlichkeit"; der Hauptdarsteller Guido Lamprecht schaffe eine "brennende Intensität". Leider ermatteten Fegefeuer und Paradies gegenüber den Unterwelt-Erzählungen. Es werde "textlastig und blutleer".

Jürgen Schön schreibt auf Koeln.de (13.4.2015): Es handele sich um ein "großes, rasantes Spektakel, ein Feuerwerk der Ideen und Phantasien", mit "reichlich Bühnennebel". Am Ende sei "man" von der "Bilder- und Symbolflut fast erschlagen", wisse kaum "noch so richtig", was man da "so und warum gesehen hat".

Auch Hartmut Wilmes in der Kölnischen Rundschau (13.4.2015) findet den zweiten Teil eher lahm. Aber auch über den Beginn wundert er sich ein wenig: Der mittelalterliche Dichter und Erlösungssucher Dante lande in Baumgartens Kölner Inszenierung "hart in der gottlosen Gegenwart samt Flüchtlingselend und Hubschraubergeknatter". Hier werde er vom "Kunsthistoriker beäugt, vom Arzt fitgespritzt und mit einem seltsamen Hokuspokus-Ritus auf die Reise vom Orkus bis ins Paradies geschickt". Noch stärker als die technischen Einfälle wirke die "gespenstische Szene des Grafen Ugolino, der mit gelassenem Kannibalismus seinen Peiniger verzehrt". In dem Steinbruch aus "Originalversen und Eigenkreationen" von Baumgarten und seinem Dramaturgen Jens Groß falle die Orientierung schwer. Obwohl je länger je mehr die Frage auftauche, "was denn eigentlich im Kern erzählt werden" solle, erstaune "wie geläufig" etwa Sean McDonágh die "alten Verse über die Lippen" perlen und wie Guido Lambrechts es schaffe, dem "diffusen Ganzen intensive Dringlichkeit zu geben".

Andreas Rossmann schreibt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (14.4.2015): Der "anhaltende Vampirismus" der Theater, der "allfälligen Romanmassen ihren spielerischen Gehalt" aussauge, werde in Köln "auf ein episches Gedicht des frühen vierzehnten Jahrhunderts ausgeweitet". Um die "große Dichtung kleinzukriegen", plaziere Baumgarten sie in einer Unterwelt, zwischen "zwielichtiger Halbwelt und trashiger Wunderkammer"; Dantes „Commedia" diene "als Vorwand" für einen "nervös delirierenden Comicstrip"; im Purgatorium hätten die Schauspieler vor allem mit dem Text zu kämpfen, und das Paradies verklimpere in "skeptischem Kitsch". In Köln werde Dante fast alles genommen.

"Nein, die 'Göttliche Komödie' ist kein Theaterstück, das kann auch Baumgartens ambitionierter und ausgetüftelter Bilderbogen nicht verhehlen", schreibt Martin Krumbholz in der Süddeutschen Zeitung (17.4.2015). Der Abend sei durchaus kurzweilig, "insofern, als optisch ungemein viel geboten wird"; doch "zu spannungsvollen Szenen verdichten sich die Ereignisse auf der Bühne selten", es blieben lediglich "einzelne Glanzlichter", etwa Yvon Jansens in die Kamera gesprochener Monolog der Beatrice.

 

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