Napoleons Schlafgewohnheiten

von Elisabeth Michelbach

Würzburg, 11. April 2015. Würde man den Menschen das Blut aus den Adern lassen und sie stattdessen mit Wasser füllen, hätte das Blutvergießen ein Ende, gäbe es keinen Krieg mehr – so eine Figur in Malte Kreutzfeldts Inszenierung von Tolstois "Krieg und Frieden" am Würzburger Mainfranken Theater. Das Risiko dieses Plans besteht freilich in der Gefahr der Verwässerung und Blutleere. Und so wünschenswert das Ende aller Kriege ist, sind es doch die Konflikte, die Theaterstoffe prägen, ihnen Dramatik verleihen. Nun ist es nicht so, dass in Kreutzfeldts Inszenierung des Monumentalepos wenig gekämpft, geschossen und gestorben würde – es ist das Warum und Wieso, die Geschichte des Gemetzels und damit sein dramatisches Potential, das in Würzburg trotz Unmengen an Kunstblut blutleer bleibt.

Krieg als conditio humana?

Tolstoi entfaltet in seinem 1869 erstmals erschienenen "Krieg und Frieden" auf über 2000 Seiten ein detailversessenes Panorama des russischen Adels zur Zeit der napoleonischen Kriege. Eine Adaption dieses Wälzers für das Theater muss Schneisen in die verästelten Figurenkonstellationen, gesellschaftspolitischen Nebenschauplätze und philosophischen Exkurse schlagen, wodurch immer schon eine Perspektive, eine Lesart des Stoffes geschaffen wird. In Würzburg ist "Krieg und Frieden" zugleich das Motto der Spielzeit 2014/15. Zwei Kriegsjubiläen, aber auch das bedrohliche Näherrücken kriegerischer Auseinandersetzungen in der Gegenwart werden im Spielzeitheft als Anknüpfungspunkte aufgerufen und legen daher nahe, dass es der Würzburger Inszenierung um eine Auseinandersetzung mit Krieg als conditio humana und Geißel der Menschheit zugleich gehen könnte.

Und auch Kreutzfeldt schickt sich im Programmheft an, so etwas wie eine geschichtsphilosophische These "in gewagter Kürze" aus Tolstoi zu destillieren: "Die Weltgeschichte schwappt. Sie schwappt beständig hin und her, und jedes Schwappen gebiert auf ihrem Höhepunkt ein Gesicht. Es ist unerheblich, ob dieses Gesicht Alexander oder Napoleon heißt (und ebenso, ob es Hitler oder Assad hieße)."

Kriegfrieden 560 FalkvonTraubenberg uEhestreitigkeiten, Eifersüchteleien und Liebschaften für Samstagabend? © Falk von Traubenberg

Bühnenbildner Nikolaus Porz hat einen schwarzen Raum geschaffen, der von einem gigantischen schwarzen Schornstein dominiert wird, aus dem es regnet und nebelt. Flexible kubistische schwarze Elemente sowie absenkbare Bodenteile verwandeln die Bühne beständig, ohne dass der Raum zerfasert. Ein weißes Kreuz, das an Soldatenfriedhöfe erinnert, und weiße Panzersperren wirken wie Skulpturen in diesem schwarzen Niemandsland. Zwar entstehen immer wieder starke Tableaux, etwa wenn das Ensemble sich zu einer vielköpfigen Generalität zusammenrottet und in angestaubten Armeemänteln und mit runden Sonnenbrillen als abstrakte, aber absolute Macht erfahrbar wird (Kostüme: Veronica Silva-Klug). Aber wie kommt es bloß, dass der Würzburger Abend statt historische Parallelen zu ziehen oder gar einen Transfer in die Gegenwart zu wagen, ansonsten zu einer Nacherzählung von Tolstois Roman verkommt?

Es blutet, pufft und explodiert

Da sind die beiden ungleichen Freunde Pierre Besuchow und Andrej Bolkonski, der eine ein zu Geld gekommener Außenseiter mit altruistischen Motiven, der andere ein Kriegseiferer aus bürgerlichem Ennui; Natascha Rostowa, die immer wieder aufs Neue den Mann fürs Leben findet; die maliziösen Geschwister Hélène und Anatol Kuragina und Pierres Jugendfreund Dolochow, der Pierre mit seiner Frau Hélène betrügen wird. Die Konfliktminiaturen rund um diese Figuren, die Ehestreitigkeiten, Eifersüchteleien und Liebschaften könnte sich der geneigte Zuschauer an einem Samstagabend andernorts sicher leichter zu Gemüte führen.

Aber auch das, was "Krieg und Frieden" jenseits des Boy-meets-Girl-Plots verspricht, Antworten auf die mitunter brennend aktuelle Frage nämlich, wie sich Krieg auf Individuen und Gesellschaften auswirkt, präsentiert Kreutzfeldt so eindimensional säbelrasselnd, als wolle er ein IS-Rekrutierungsvideo persiflieren. Allein der Naturalismus scheint ernst gemeint, da wird geschossen und geballert, dass das Premierenpublikum die Hände kaum mehr von der Ohren nimmt. Sven Mattke als Andrej Bolkonski schwenkt die Fahne zum anrollenden Kanonendonner, es pufft und explodiert, das Theaterblut steht in Tiegeln an der Rampe bereit. Wer hier aber gegen wen und wo genau kämpft, und vor allem, was das bedeuten könnte, was der Reigen aus privaten Szenen und Schlachtengetümmel uns erzählen möchte, bleibt so rätselhaft wie Napoleons Schlafgewohnheiten.

 

Krieg und Frieden
von Leo Tolstoi, in einer Bühnenfassung von Malte Kreutzfeldt
Regie: Malte Kreutzfeldt, Bühne: Nikolaus Porz, Kostüme: Veronica Silva-Klug, Licht: Walter Wiedmaier, Dramaturgie: Wiebke Melle.
Mit: Sven Mattke, Oliver Jaksch, Claudia Kraus, Tobias Roth, Maria Brendel, Georg Zeies, Theresa Palfi, Timo Ben Schöfer, Petra Hartung, Uwe Fischer, Luke Finnegan/DavidSiebert.
Dauer: 3 Stunden 15 Minuten, eine Pause

www.theaterwuerzburg.de

 

Kritikenrundschau

Manfred Kunz fragt in der Würzburger Main-Post (12.4.2015), ob das funktionieren könne, Leo Tolstois opulentes 1000-Seiten-Epos auf die Bühne zu bringen? Die Antwort: Ja, mit "minimalen Einschränkungen bei manch allzu verspieltem Effekt". Kreutzfeldt komprimiere Tolstois Gesellschaftspanorama auf die zentrale Frage "nach dem Sinne des Lebens". Er habe mit seinem Team "drastische und auch poetisch-schöne Bilder gefunden, die sich auf dem schmalen Grat zwischen Faszination und Abscheu bewegten und dennoch eine eindeutige Botschaft transportierten: Der Krieg befördere "Verrohung, Angst und Schrecken".

"Wie sich die Lebenswege der drei 'Sinnsucher' Andrej, Pierre und Natascha kreuzen, sie auseinanderdriften und dann wieder als deutlich gezeichnete und veränderte Charaktere zusammenfinden", erzähle Kreuzfeldt mit starken Kontrasten zu den sprachgewaltigen Texten, schreibt ein Autor mit dem Kürzel ferö in den Fränkischen Nachrichten (13.4.2015). Stark haften blieben stille Szenen, in denen ganz ohne Ironie über ein sinnhaftes Leben gesprochen wurde. Irritierend wirke in der Dramatisierung des großen Stoffes der Kontrast zwischen den sprachmächtigen, exzellent vorgetragenen Tolstoi-Texten und den Regieeinfällen, die - wie etwa Kopulationsübungen - nicht überzeugen konnten.

Die weitverzweigte Handlung sei zum größten Teil auf die drei Youngster und die Frage nach deren Platz im Leben zugeschnitten, so Florian Welle in der Süddeutschen Zeitung (13.4.2015). Kreutzfeldts Adaption lege den Kern des Mammutwerkes frei: Der Mensch im Räderwerk der Geschichte. Die dreistündige Inszenierung werfe die Theatermaschine an. "Das Bühnenbild verändert sich ständig: Da hebt und senkt sich ein riesiger Würfel, da dreht sich die große Bankett-Tafel, da regnet es unablässig von oben herab, da krachen Kanonenschüsse." "Zwischendurch bricht Kreutzfeldt durch groteske Momente die theatrale Vereinbarung und zeigt: Krieg, Mord und Totschlag realistisch nachzuspielen ist lächerlich, wir tun hier nur als ob."

 

 

 
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