Auf dem Sprung zur Rampen-Predigt

von Dieter Stoll

Erlangen, 16. April 2015. Es gibt zwar ein paar Szenen zu viel, aber deutlich weniger als Blickwinkel in Dea Lohers weit ausholender Schuld-Verschreibung mit dem sarkastischen Erlösungs-Titel "Unschuld". Präzise 19 Skizzen über Gott (in der Tüte) und die Welt, aber darin flippernd ins Unendliche die Querverweise auf die gesellschaftliche Buße von "Konfliktlösung durch Reden". Das schlichte Mosaik, bei dem am Ende ein Bild erkennbar wäre, kann es also auch zwölf Jahre nach der Uraufführung nicht sein. Es sind eher "sechstausend Facetten" – aus denen, so erklärt die blinde Stripperin im Stück heiter, setze eine Fliege ihre beidäugige Weltsicht zusammen. Bei der neuesten Produktion im Erlanger Markgrafentheater mag einem nach knapp drei Stunden Rundlauf durch Schuld und Lossprechung der unkontrollierte Gedanke an ein Kreuzworträtsel mit Rückkoppelung auskommen: Alles hat mit allem zu tun, buchstäblich. Die Inszenierung sollte zupacken, aber sie betrachtet es staunend.

Stück mit Blackfacing-Geschichte

Die Blackfacing-Debatte um die Berliner Thalheimer-Deutung von 2011, das zeitweilige Aufführungsverbot von Alexander Riemenschneiders ins Personaltableau greifender Bremer Inszenierung 2013 – man könnte vermuten, Dea Loher sei mit ihrer 2003 uraufgeführten "Unschuld" beim Absolvieren der zweiten Runde als Untermieterin in den Schutzbunker der Brechts geraten. Doch am Erlanger Theater lässt man sich auf solche Spekulationen nicht ein. Dort war, eingeladen vom sommerlichen "Poetenfest" des Kulturamts, die Autorin schon vor drei Jahren beim Live-Porträt mit Szenen-Lesung gefeiert worden. Jetzt also, im regulären Theater-Spielplan und regiemäßig zur "Chefsache" erklärt, die Interpretation zur Text-Ausstellung, das Bild zum Wort.

Intendantin Katja Ott rückt die in Bremen ursprünglich gestrichenen Attacken-Monologe der Philosophin Ella, die auf ihrer "Meta-Ebene" wortgewalttätig die "Unzuverlässigkeit der Welt" umkreist, in hinterhereilendem Gehorsam werktreu ins Zentrum. Der Merksatz "Ich will keine lückenlose Zusammenhangserklärung" ist besonders willkommen. Die beiden afrikanischen Flüchtlinge, die in der ersten Szene eine Selbstmörderin im Meer ertrinken lassen, weil sie Angst vor der eigenen Abschiebung haben, wären das zweite Problem. Die deutschen Darsteller (Christian Wincierz und Patrick Nellessen) sagen einfach "Ich bin schwarz, ich bin Ausländer". Zuschauer-Phantasie ist gefragt, Correctness gewahrt – da kann keiner meckern.

TE 2 UNSCHULD 560 c Jochen Quast u"Sechstausend Facetten" der Unschuld  © Jochen Quast

Für den Panoptikums-Reigen hat Bernhard Siegl eine drehbare Stahlrohr-Tribüne mit Karussell-Design gebaut, die auf mehreren Etagen ungemütliche Nischen bietet. Dort hausen – bewaffnet mit immer noch irritierend flapsig eingesetzten Dialogen – die seltsamen, jeder Lebenslogik entschlüpfenden Figuren in ihrem grotesk zugespitzten Selbstwertgefühl, das sich unbeirrbar Bahn bricht. Die schnatternde Diabetikern "Frau Zucker" (Regine Vergeen wie eine Hommage an die unvergessene Ruhrpott-Duse Tana Schanzara) neben dem Bestatter mit der Sammlung herrenloser Urnen im Hausflur, der klarsichtigen Blinden und der falschen Täter-Mutter auf Mea-culpa-Tour.

Tumult zu vorsichtig geordnet

Dass die Entdeckung von Gott in der Tüte bloß aus der überirdischen Segnung von "gebrauchten Geldscheinen" im Müll besteht, kann den beiläufig beschworenen Konflikt zwischen Geistes- und Naturwissenschaften kaum forcieren. Die Erlanger Inszenierung zeigt alle Beteiligten auf dem Sprung zur Rampen-Predigt und in gleichformatigen Großaufnahmen. Katja Ott ordnet den Gedanken-Tumult allzu vorsichtig, überlässt dem Zuschauer, der ja längst kein Unschulds-Lamm ist, das letzte Sortieren. Aber indem sie vor allem nichts falsch machen will, gerät ihre Regie immer mehr in die Defensive. Dea Loher und ihr Stück haben Widerstand verdient. Das zu zeigen, auch wenn sie es selbst nicht umsetzen konnte, ist ein Verdienst der Aufführung.

Am Ende wird der Selbstmord der jungen Frau im Meer noch einmal vorgeführt. Die afrikanischen Flüchtlinge mit ihren Gewissensbissen sind ausgeblendet, jetzt lässt der zivilisierte Ehemann das Unheil gleichmütig geschehen. Er schaut weg und wäscht seine Hände – nicht grade in Unschuld, aber Sagrotan tut es auch.

 

Unschuld
von Dea Loher
Regie: Katja Ott, Bühne: Bernhard Siegl, Kostüme: Ulrike Schlemm, Musik: Jörg Wockenfuß und Jan S. Beyer, Video: Christoph Panzer, Dramaturgie: Linda Best.
Mit: Christian Wincierz, Patrick Nellessen, Violetta Zupancic, Anja Lechle, Daniel Seniuk, Janina Zschernig, Regine Vergeen, Marion Bordat, Hermann Große-Berg, Anika Herbst.
Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, eine Pause

www.theater-erlangen.de

 

 
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