Auf dem Heimaltar seiner Depressionen

von Claude Bühler

Birsfelden, 16. April 2015. Der Typ kann einem auf die Nerven gehen. Eng um sein Bett geschart, in dem er vor uns thront, hocken wir in Socken in einem kleinen Zimmer, in dem es ganz bald stickig wird. Mit selbstgefälligem Lächeln wirft er stolz die dicken Bände seiner psychiatrischen Krankheitsgeschichte und seiner Polizeiakte vor uns hin, aus denen er mit Hilfe eines Hellraumprojektors eine Stunde lang zitieren wird. Mit melodramatischem Pathos und theatralischen Gesten entblößt er seine private Horrorgeschichte. Zehn Jahre lang, ab dem 19. Lebensjahr: Selbstmordversuche, Klinikeinweisungen und Rausschmisse aus Heimen, Diagnosen und Gegendiagnosen, Zwangsmedikationen und Drogensucht, Beziehungsabbrüche und kurze Spannen von Liebesglück.

Krankenbericht im Schlafzimmer

Widerwillen erregen kann dabei nicht nur sein selbstisches Getue, mit dem er uns im intimen Rahmen eines Schlafzimmers seine Elends-Story aufnötigt, sondern auch seine Handlungen, die er schildert, mithin seine aggressiven Wesenszüge: Warum nahm er in diesem Zustand Drogen? Warum musste er denn Polizisten den Mittelfinger hinstrecken? Warum musste er mit geschlossenen Augen die Autostraße überqueren? Warum musste er mit Sponti-Kunstaktionen und Straßenpartys die Sicherheitsorgane herausfordern und seine Nervenkräfte überfordern? Warum kann er, wie er selber sagt, nicht mit Menschen kooperieren? Schließlich: Warum wollte er sich immer wieder umbringen? James Leadbitter alias "The Vacuum Cleaner" stellt sein Schicksal wie ein Naturgesetz hin, liefert weder Hinweise noch Antworten.

mental 1 560i Hannah Hull uJames Leadbitter alias "The Vacuum Cleaner" und seine Psychiatrie-Lecture zwischen Medikamentenschachteln  © Hannah Hull

Da es sich ja fraglos um einen autobiographischen Tatsachenbericht handelt, kokettiert der Performancekünstler mit unserer Ambivalenz, ob wir das Äußere des Mannes James Leadbitter (welch ein Name zu dieser Geschichte!) genauer interpretieren wollen. Ob wir schamloser hinsehen, als man es sich vielleicht bei einem Bühnenkünstler in einer Fremdrolle sonst erlauben würde: leicht glasige Augen, leicht dostige, gerötete Wangen, vibrierende Unrast, aus der er heraus alle paar Minuten eine neue Dance- oder Pop-Platte aus dem Cover rupft und sie auf dem Turntable abspielt, als würde er die angespannte Stille nicht aushalten. Permanent fühlt man einen nervösen Radar, der den Raum abscannt; man möchte lieber nicht hier sein, wenn James die Kontrolle verliert. Immer wieder legt er Pausen ein, atmet tief durch, als müsse er sich selbst beruhigen.

In der Empathiefalle

Von da aus geht es direkt in die Empathiefalle. Man fragt sich: Ist das gut für einen Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung (so die stets wiederkehrende Diagnose, die er zitiert), sich vor Publikum in die Erinnerungen zu stürzen bis die Mundwinkel zittern, der Mann von den quälenden Szenarien seiner Vergangenheit erschüttert wird? Macht der das jeden Abend? Zeigen die zwei (einzigen!) Verhaspler gegen Ende nicht, dass der Auftritt eine Überforderung darstellt? Es ist wie im Zirkus: Warum geht der Mann aufs Hochseil, aber warum gucke ich denn zu? Den Raum zu verlassen, ist erlaubt, Notizen machen nicht, diktierte anfangs eine Produktionsassistentin. James werde sonst die Show abbrechen. Show?

So ist es. Leadbitter verliert die Kontrolle nie. Überraschenderweise kaschiert sogar sein teilweise dickes Überspiel erfolgreich, dass wir überhaupt einem Spiel folgen; man nimmt es über weite Strecken als das selbstvergessene Agieren eines narzisstisch Gestörten hin. Betonungen, Rhythmus, Aktionen sind minutiös präzise gesetzt. Er weiß, wie spektakulär und einleuchtend zugleich es wirkt, wenn er urplötzlich einen ganzen Berg von Medikamentenschachteln, auf die Bettdecke kippt als wäre es ein Opfer auf dem Heimaltar seiner Depressionen. Dazu erläutert er die hilflose Absurdität der Psychiatrie: Medikament 2 wird verwendet, um die Nebenwirkungen von Medikament 1 auszuschalten, Medikament 3 gegen die Nebenwirkungen von Medikament 2.

Diese Zivilisation ist im Arsch

Weniger überzeugend glückt ihm die Kritik an der Gesellschaft, deren Versagen und Misshandlungen an ihm er genüsslich aufzählt, denn man vergisst nie, dass ihm deren Institutionen wohl mehrfach das Leben gerettet haben. Dass seine künstlerischen Aktionen ihn aus den Fängen der Psychiatrie befreit hätten, wie er es posaunend als Botschaft setzen will, erscheint nicht durchgängig glaubhaft. So inszeniert er sich mit dem ins Rückenfleisch geritztem Satz "This zivilisation is fucked" (Diese Zivilisation ist im Arsch) als Opfer, obgleich er sich als dem Durchschnitt dank seiner Kreativität und Klarsicht deutlich überlegen darstellt.

So sehr es Leadbitter schafft, uns in die Ambivalenzen seiner Themenkreise hinein zu ziehen, so ratlos steht man am Ende vor einem tragischen Fall, den man bedauern kann, der aber kaum über sich selbst hinaus weist.

Mental
von The Vacuum Cleaner
Konzept, Performance: The Vacuum Cleaner, Regiemitarbeit: Kim Noble, Design: Sophie Nathan, ursprünglich erarbeitet mit: Tania El Khoury
Mit: James Leadbitter.
Dauer: 1 Stunde, keine Pause

www.thevacuumcleaner.co.uk
www.itstherealthing.ch
www.theater-roxy.ch



Hier geht's zur Festivalübersicht der Basler Dokumentartage 15 "It's the real thing".

Kritikenrundschau

Lea Dettli schreibt in der Tages Woche (16.4.2015), James Leadbitter sei alles andere als ein "exzentrischer Hipster" oder ein "cooler Draufgänger". In seiner autobiographischen One-Man-Show «Mental» teile er seine persönlichsten Erlebnisse mit der Öffentlichkeit. Dabei gehe es ihm um das Vermitteln eines Gefühls. Weil psychische Krankheiten nach wie vor ein Tabu-Thema seien, beeindrucke Leadbitters Ehrlichkeit. Die Performance spiele in Leadbitters eigenem Schlafzimmer, was dem Geschehen zusätzlich Authentizität verleihe. Diese Nähe sei dem Künstler wichtig. Eigentlich ist Leadbitter nicht Schauspieler, sondern Künstler. Von einem seiner früheren Projekte stammt das Pseudonym «The Vacuum Cleaner». Zusammen mit seinem Staubsauger zog er durch die Strassen der Städte, mit dem Ziel, den Kapitalismus aufzusaugen. Das Faszinierende an der künstlerischen Arbeit des «The Vacuum Cleaners» sei, dass er es geschafft habe, sein grösstes Problem zu seinem grössten Erfolg zu machen. Für ihn sei seine Krankheit gleichzeitig "Inspiration und Belastung".

Stephan Reuter schreibt in der Basler Zeitung (18.4.2015), Jack Leadbitter sei ein "Kronzeuge" seiner "eigenen Versehrtheit", "vom und fürs Leben gezeichnet". Seine Erzählung sei "höchst eindrucksvoll und sehenswert", Der "manisch-depressiven Kunstaktivist" stelle sein Schicksal "nicht zur Schau, sondern öffentlich zur Verfügung". Er erzähle den Leidensweg eines Mannes, dem auf seiner Odyssee durch den überforderten National Health Service zwar oft Suizidgefahr und mentale Verwirrung bescheinigt wurde, aber "nie eine Diagnose verraten". Er dokumentiere das mit Polizeiprotokollen. Und mit "stiller, ungeschminkter Verzweiflung. Jack Leadbitter lebt. Er kann sich spielen. Das ist die gute Nachricht."

 

 
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