Unter der Schleppe: die Geister

von Grete Götze

Frankfurt, 17. April 2015. Da macht sich einer,  der von sich sagt, dass er nur Bilder und Bewegung mag, an einen der beliebtesten Shakespeare-Texte, Dave St-Pierre, der kanadische Choreograph, der durch die Inszenierung nackter, sich verausgabender Körper bekannt wurde, zeigt am Schauspiel Frankfurt "Macbeth". Intendant Oliver Reese hat ihn eingeladen, im Rahmen des Projekts "Schauspiel Frankfurt International", wo er laut eigener Auskunft "das Medium bis an die Grenzen ausschreiten", Schauspiel, Tanz, Musik und bildende Kunst miteinander verbinden will. Falk Richters "Zwei Uhr nachts" mit tanzenden Schauspielern und isländischer Live-Musik hat den Anfang gemacht, weitere Inszenierungen wie die des bildenden Künstlers Hans Op de Beeck werden folgen.

Was genau wird hier gespielt

Tja, und was war das für eine Inszenierung? Eine, auf die sich der Kritiker schlecht vorbereiten konnte. Eine Stückfassung gab es nicht, wenig vor Premiere hieß es schon, es seien nur noch fünf Seiten Text übrig. Dann ist es fast während der gesamten zwei Stunden so dunkel, dass keine entzifferbaren Notizen möglich sind. Und wann genau welcher Teil des Dramas über den Königsmörder Macbeth und seine ihn antreibende Lady stattfindet, ist nicht auszumachen. Der Mann scheint etwas anderes vom Zuschauer zu wollen, als kognitiv verstanden zu werden.

Na gut. Wie hat sich der Abend angefühlt? Bedrohlich. Düster. Wortarm. Erschütternd. Metallisch. Lang.
Raumgreifend. Sich verausgabend.
Bilderreich!
St-Pierre lässt ein Schauspielensemble eine Choreographie durchleben, man sieht ihre teils unbeholfenen Körper sich drehen, entblößen - rennen. Er schafft auf einer riesigen Bühne ein großes Bild nach dem anderen. Dafür braucht er viele Tische, kapuzenschwarze Schauspieler, Körper, elektronische Musik, Lichteffekte, ein paar Projektionen, wenig Text.

Macbeth3 560 Birgit Hupfeld uLady im Finstern mit Tischen und Geistern: "Löscht aus, was an mir Frau ist ...". Constanze Becker in "Macbeth" in Frankfurt  © Birgit Hupfeld

Alptraum

Was für Bilder sind zu sehen? Zum Beispiel: Lady Macbeth (Constanze Becker) schreitet von rechts über die Bühne, der Zuschauer sieht sie im Profil. In schwarzem Kleid mit langer Schleppe sagt sie: "Kommt her, ihr Geister, die ihr den Mordgedanken dient, löscht aus, was an mir Frau ist, und füllt mich völlig aus vom Scheitel bis zum Zeh mit Grausamkeit." Und unter ihrer Schleppe kauern sie schon, die Geister, die ihr einflüstern, dass ihr Mann den König von Schottland töten soll, um selbst König zu werden. Ein Bein ragt heraus. Eine Hand. Der Tanz mit Reifrock und verrückt machenden Geistern wird später noch weiter gehen.

Oder das Bild zu Banquo, den es noch zu erledigen gilt. Die kapuzenschwarzen Mörder jagen ihn über die zu einer Tafel zusammen geschobenen Tische. Hin und Her. Vor und zurück. An den Tafelenden Frau und Herr Macbeth. Dann, als er schon tot ist, steigt Kunstnebel auf, und Lukas Rüppel steht als Banquos Geist auf den Tischen, mit nacktem Oberkörper, auf den die Videos von Alex Hout projiziert werden. Muskelgruppen. Hände. Der Wahn von Macbeth. Ein Alptraum.

Gewaltige Bilder, manchmal kitschig

Die Schlussszene: Viktor Tremmel zieht als Macbeth eine ganze Schar an weißen Stoffleichen hinter sich her. Das ist sichtlich schwer, Tremmel stöhnt. Immer wieder richten die Kapuzenschwarzen die Leichen auf, werfen ihn zurück. Er will sie abschütteln. Ist aber an sie gebunden. Ein Blick von Macduff (Linda Pöppel) genügt. Und er wird mit seinen Leichen am Karabiner emporgezogen und in der Höhe aufgehängt.

Lohnt sich das? Ja, das lohnt sich. Hier wird ein Hunderte Male gespieltes Stück in Bildern erzählt. Das ist mutig, weil die Schauspieler fast nur ihre Körper sprechen lassen und das nicht gewohnt sind. Die daraus entstehenden Bilder sind gewaltig und manchmal kitschig. Der Abend ist mit seinen Stroboskoplicht-Einlagen und Tinitustönen auch eine kleine Zumutung, nicht umsonst verlassen einige den Saal. Aber wenn man so in ihn hineintaucht wie das gesamte Ensemble und den Text Text sein lässt, dann fühlt man dieses Stück. Und versteht die Geister, die es umwehen.

 

Macbeth
Ein Bastard von Dave St-Pierre und William Shakespeare
Regie/Choreografie: Dave St-Pierre, Bühne: Jürgen Bäckmann, Video: Alex Huot, Kostüm: Raphaela Rose, Musik: Stefan Boucher, Dramaturgie: Hannah Schwegler.
Mit: Viktor Tremmel, Constanze Becker, Christoph Pütthoff, Lisa Stiegler, Lukas Rüppel, Linda Pöppel, Katharina Bach, Jan Breustedt.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.schauspielfrankfurt.de

 

Kritikenrundschau

"Bilder also hier und dort, nur dass Shakespeare mit Worten, der Regisseur mit Körpern malt, der Text komplex ist, die Bilder schlicht sind", so Tilman Spreckelsen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (20.4.2015). "Wägt man jedenfalls Gewinn und Verlust, dann stehen auf der Habenseite ein paar choreographische Einfälle, die zu plakativen Bildern führen. Beim Soll nur zwei Worte: Shakespeare, 'Macbeth'".

Dave St-Pierre habe "Macbeth" zu "einem zweistündigen, pausenlosen Bilderbogen und Bewegungstheater gemacht", schreibt Sylvia Staude in der Frankfurter Rundschau (20.4.2015). Der Choreograph motiviere seine Schauspieler "zu beeindruckenden Körper-Kunststücken, zum Rutschen und Stürzen in Farblachen zum Beispiel". Dennoch stelle sich "die Frage, ob man nicht besser doch Tänzer engagiert hätte". Wie in der Wiederholung der Schlussszene so "nimmt der Choreograph seinen Einfällen nach einer Weile selbst die Wucht. Da wäre zwischendurch ein bisschen mehr Shakespeare-Text womöglich zupass gekommen."

Die als "Bastard von Dave St-Pierre und William Shakespeare" angekündigte Inszenierung entpuppe sich, genau wie "angekündigt", als "eine unbefriedigende Mischung aus Tanz- und Sprechtheater", berichtet Anke Dürr auf Spiegel Online (20.4.2015). " Die Schauspieler werden wie Tänzer eingesetzt, sie machen das erstaunlich gut, aber es ist natürlich kein Vergleich zu Profi-Tänzern. Mit dem Text kann der Choreograf wenig anfangen; die paar Sätze, die er von Thomas Braschs Übersetzung sprechen lässt, klingen feierlich hohl."

"Was bei Shakespeare im Text subtil an Düsternis angelegt ist, bringt Dave St-Pierre als Geisterbahnfahrt auf die Bühne", findet Alexander Kohlmann im Deutschlandradio Kultur (17.4.2015). "Das Geschehen dämmert dabei die ganze Zeit in einem Halbdunkel, das kaum die Gesichter der Akteure erahnen lässt. Dazu baut St-Pierre gewaltige Bilder, die an Schlichtheit kaum zu überbieten sind." Und Constanze Becker als Lady? "Die wirft ihre lange Mähne zurück und mordet sich als schwarze Witwe durch das illustrative Schauerspiel, das kaum über plakative Illustrationen des Dramas hinauskommt."

„Dies ist ein inoffizieller Shakespeare-Spross, den Kanon-Apologeten niemals anerkennen werden, der sich deshalb aber keineswegs schämt“, schreibt Cornelia Fiedler in der Süddeutschen Zeitung (27.4.2015). Dave St-Pierre begreife das Stück als Steinbruch, er lasse Großes weg, mache Nebenaspekte stark. „Der wichtigste und stärkste ist die Trauer.“ Durch die Arbeit mit Schauspielern statt Tanzprofis hafte den Choreografien, „statt glatte Körperperfektion zu zelebrieren“, stets „etwas Menschliches, Unvollkommenes an“, so Fiedler, „stellenweise auch schlicht etwas Ungelenkes“.

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