"Gott ist tot. Sex lebt"

von Steffen Becker

Stuttgart, 18. April 2015. Achtung: Parental Advisory! Sie wissen schon, dieser Aufkleber auf Tonträgern, wenn in einem Lied das Wort "fucking" vorkommt. Für diesen Text über Sebastian Hartmanns Stuttgarter Inszenierung des Clemens Meyer-Romans "Im Stein" gilt der Hinweis "ungeeignet für Minderjährige" in verschärftem Maße.

"Ich blas ihn dir gut. Ich krieg ihn nämlich ganz tief rein. Ja, ja, du kannst mir deinen Schwanz richtig tief in den Mund schieben, ja, bis zum Anschlag, keine Angst (...) Ich sorg dafür, dass du mich ordentlich anspritzt", sagt eine Prostituierte (Birgit Unterweger) im tonlosen Singsang und darum geht es vier Stunden: um die Industrie der Geilheit, deren Machenschaften, Tod und Körperflüssigkeiten.

Von Huren und Moorleichen

Das Vorspiel beginnt (ästhetisch) noch vergleichsweise zärtlich. Ein Polizist oder, um in der angemessenen Tonlage zu bleiben, ein Bulle (Manuel Harder) gönnt sich eine Auszeit. Sein Gang ins Bordell wird durch Überblendungen von Bildern der Renaissance begleitet. Die Hure (Abak Safaei-Rad) zitiert das Hohelied aus der Bibel – eine Ode an die Schönheit einer Frau. Im Hintergrund beobachtet ein Engel mit dunklen Flügeln die Szenerie. Break. Ein Anruf. Eine Moorleiche. Auf einmal spricht die vorher so lyrische Hure sächsisch und will es richtig besorgt haben. Keine Zeit. Der Bulle wankt durch einen weißen, drehenden Kubus, der für die Zuschauer die meiste Zeit nicht einsehbar ist. Ein vielköpfiges Videoteam projiziert die Szenen auf die Außenhaut.

34118 im stein foto 560 ju ostkreuz u Mit dicker Wumme: Manuel Harder taucht ins Nachtleben ein
© JU Ostkreuz

Der hohe Aufwand, den Regisseur Hartmann damit betreibt, führt einerseits zu einer Distanzierung vom Publikum. Man sieht keine Schauspieler, man schaut einem Livedreh zu. Andererseits ist diese Verfremdung nur konsequent. Wer auf dem Weg zum Schauspiel durchs nahe Rotlichtviertel Stuttgarts schlendert, weiß nicht, welche Schicksale sich wirklich hinter den Türen der Bars verbergen. Man hat nur Projektionen. Die sind bei Hartmann von technisch hoher Qualität. Was man im Fernsehen zu sehen bekommt, wenn im Krimi ein Rausch dargestellt wird, dem steht die Live-Performance im Schauspiel nicht nach – Wischeffekte, Loops, Überbelichtungen, wilde Kameraführung. Dank der starken Besetzung der Videotechnik sind dabei auch Schnitte und rasche Perspektivenwechsel möglich, die Theater sonst nicht leisten kann.

Wie in Gotham City

Man bekommt das Gefühl, Hartmanns "Im Stein" spiele nicht auf den Sachsensumpf in Leipzig an, sondern stelle Gotham City dar. Die High-Speed-Ästhetik und die teils psychedelische Anmutung spiegelt den Aufbau des Werkes. Das Buch und viel mehr noch dessen Inszenierung haben nur in Ansätzen eine Geschichte und festgelegte Rollen. Es gibt Zuhälter, Freier, einen Vater, der seine verschollene Tochter sucht, Polizisten, viele Frauenschicksale. Die Zeitebenen verschränken sich.

Es gibt Tote, die auch als Lebende zu sehen sind, zwischendurch sterben auf der Leinwand alle mal, aber dann irgendwie doch nicht. Die Handlungsfäden des Buches zu entwirren, ist auch nicht entscheidend. Es geht Meyer vielmehr um das Sittengemälde einer Großstadt. Dafür führt er viele Protagonisten ein, die Hartmann auf eine geringere Zahl von Schauspielern verteilt.

Zärtlichkeit im Meer des Getöses

Für diese ist die Mehrfachbelastung eine Herausforderung. Die löst vor allem Manja Kuhl bravourös. Verängstigt sagt sie als "Balaton-Girl" ihre Anpreisung auf und muss sich verprügeln lassen. In einer Bar philosophiert sie abgebrüht und müde über die Zukunft nach dem Sexbusiness, um gleich darauf in einen lesbischen Würgekampf auf der Tanzfläche einzutreten. Später wird sie im glänzenden Kleid und in Umarmung von Abak Safaei-Rad einen Fixpunkt der Zärtlichkeit in einem Meer von Getöse bilden.

Eine ähnliche Wandlungsfähigkeit darf auch Holger Stockhaus zeigen. Als Slapstick-Ermittler im Trenchcoat fahndet er nach Moorleichen (und seinem Schnurrbart). Als Radiomoderator Ecki betreibt er ein zynisches Programm mit Hurentests und den neuesten Trends ("Zungenanal passiv lese ich jetzt öfters in den Anzeigen"). Diese brillant-schmierige Figur bringt die These vom industrialisierten Sex und seiner kriminell-kapitalistischen Grundstruktur am treffendsten auf den Punkt.

Dabei belässt es ein Sebastian Hartmann aber nicht. Er will sein Publikum so richtig rannehmen. Wildes Maschinengewehr-Gehämmer mischt er mit Arienuntermalung, ruckartigen Kamerabewegungen, sehr viel Kunstblut und Geschrei, das jede Akzentuierung der Schauspieler verunmöglicht. Das zehrt an den Nerven und zieht das Stück enorm in die Länge. Vulgär ausgedrückt: Es ist ein bisschen so, wie wenn man im Porno eine Doppelanal-Szene ansehen muss, ohne vorspulen zu können. Man weiß, dass es das gibt und seine Fans hat, aber man selbst rutscht unangenehm berührt auf dem Sitz herum. Oder macht es wie die Hälfte des Publikums in Stuttgart und geht einfach früher.

 

Im Stein
nach dem Roman von Clemens Meyer
Regie und Bühne: Sebastian Hartmann, Kostüme: Adriana Braga Peretzki, Licht und Video: Voxi Bärenklau, Schnitt: Merten Lindorf, Dramaturgie: Katrin Spira.
Mit: Manolo Bertling, Sandra Gerling, Manuel Harder, Horst Kotterba, Janine Kreß, Christian Kuchenbuch, Manja Kuhl, Abak Safaei-Rad, Holger Stockhaus, Birgit Unterweger, Live-Kamera: Jochen Gehrung, Julian Marbach, Matthias Maciej Rolbiecki.
Dauer: 4 Stunden, eine Pause

www.schauspiel-stuttgart.de



Mehr über den Regisseur und ehemaligen Intendanten des Centraltheaters Leipzig Sebastian Hartmann lesen Sie im nachtkritik.de-Lexikon.

 
Kritikenrundschau

Hartmann habe in seinem neuen Stuttgarter Abend "Substanz zu bieten", berichtet Roland Müller für die Stuttgarter Zeitung (20.4.2015). "Seine Inszenierung fühlt sich an wie eine Höllenfahrt, deren Treibstoff psychedelische Drogen sind"; sie siedle "zwischen Porno, Puff und Poesie". Der Realismus der Milieuschilderung erfahre bei Hartmann wie schon bei Meyer eine kühne "Steigerung ins Biblisch-Mythische"; viele Szenen entwickelten einen "unwiderstehlichen Sog". Fazit nach vier Stunden Theater, Buhs und Bravos, denen sich der Rezensent anschließt: "Im Nachtprogramm von Arte jedenfalls würde er bei David-Lynch-Fans großes Entzücken auslösen."

"Der Abend lebt von einer Skandalisierungsgeste, doch die ist hohl und so altbacken wie die Idee, Comicfiguren wie Minnie Maus über die Bühne schleichen zu lassen, die für den Mief und die Prüderie der fünfziger Jahre stehen", schreibt Nicole Golombek in den Stuttgarter Nachrichten (20.4.2015). "So technisch anspruchsvoll, so gedanklich konventionell ist dieser Rückfall in längst vergangene Zeiten des Bürgerschrecktheaters."

Hartmann liefere "kein (Un-)Sittengemälde, das sich realistisch geriert", sondern setze mit dem Videoeinsatz und der Uneinsehbarkeit der Bühne "auf Distanz", schreibt Otto Paul Burkhardt für die Südwestpresse (20.4.2015). Aber für den Kritiker trägt das Konzept, auch mit Blick auf die abwandernden Zuschauer, nur teilweise: "Hartmanns Zugriff wirkt zwiespältig. Es gibt ungeheuer intensive Momente. Doch die heillos überladene Film-Ästhetik beginnt irgendwann zu nerven. Phasenweise ist es eine wilde Reise in die Nacht."

"Ein Herkules muss er sein, dieser Regisseur, der einen solchen Roman in Szene setzen will. Als Sisyphos wird er enden, dem der riesige Stein, den er auf den Bühnengipfel heben will, doch immer wieder entgleitet", so berichtet ein ebenso hin und her gerissener Wolfgang Bager für den Südkurier (20.4.2015). "Dabei geht Sebastian Hartmann in Stuttgart mit verstörender Präzision und gedanklicher Schärfe ans schwierige Werk." Allein, trotz "aller Kunstfertigkeit und technischer Präzision, trotz hervorragender Leistungen der Schauspieler, fällt der Stein dem Regie-Sisyphos auf die Füße. Denn Theater gehorcht anderen Gesetzen als ein Roman."

"Leider ist Sebastian Hartmanns Theater-Umsetzung in JEDER Hinsicht kongenial", sagt Elske Brault auf SWR 2 (20.4.2015). Clemens Meyers "sogenanntem Roman fehlt Figurenzeichnung, Handlung, dramatische Entwicklung. Die Aneinanderreihung von Monologen und Schlaglicht-artigen Milieubeschreibungen ist 400 Seiten zu lang. Und dieser Filmabend im Theater hat binnen einer Stunde alles gezeigt und gesagt. Dann folgen aber noch zweieinhalb."

"Schauspieler und Techniker liefern Höchstleistungen", berichtet Rainer Zerbst für "Fazit" auf Deutschlandradio Kultur (18.4.2015). "Es hätte ein faszinierendes Erlebnis für Auge und Ohr werden können, hätte Hartmann jede dieser Szenen auf ein Drittel gekürzt. So wurde eine fast vier Stunden währende Zumutung daraus."

"Der Abend ist nicht wirklich schlimm, aber trotzdem, ohne dass ich hätte flüchten wollen, habe ich mich lange nicht so unangebracht gefühlt", berichtet Michael Laages im Gespräch für mdr Figaro (20.4.2015). Haupteinwand: Man befinde sich eher im Film als im Theater, und es sei "tödlich langweilig", wenn man die Leute nicht mehr zur Kenntnis nehmen könne.

"Großes Kinotheater" bejubelt Adrienne Braun in der Süddeutschen Zeitung (22.4.2015). Hartmann mache aus Meyers Roman "ein mitreißendes Wechselbad der Emotionen", eine "surreale Reise, die vom Hades zum Olymp führt, vom Safer Sex zur Seelenschau". Fazit: "Nach so vielen gescheiterten Anläufen im Schauspiel Stuttgart endlich ein Aufatmen: Romanadaptionen beweisen häufig nur die Begrenztheit des Theaters, Sebastian Hartmann aber reißt einen fort mit einem furiosen Höllenritt, brutal, direkt und schmerzhaft."

 

 
Kommentar schreiben