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Wenn es zwar dunkel, aber nicht finster wird

von Regine Müller

Bochum, 1. März 2008. Dass im Jammertal des Lebens die holde Kunst erst recht keinen Trost bietet, hat wohl kaum jemand unbarmherziger gezeigt und obsessiver wiederholt als Thomas Bernhard. Im Gegenteil: bei Bernhard scheitern nicht nur alle mit und an der Kunst, zuletzt scheitert die Kunst sogar an sich selbst. Das Publikum versteht's eh' nicht, der Mittelmäßige zerbricht lächerlich am eigenen Unvermögen und das Genie an seinem Ziel, nämlich der Perfektion, die in der Kunst das "Höchste und das Vernichtendste" ist.


Letzteres erkennt resigniert eine namenlose Operndiva, die "Königin der Nacht", als sie die gleichnamige, berühmte Mozart-Partie zum 222. Mal auf die Bühne bringt. Mit dieser, ihrer Paraderolle ist sie zum Kunstgeschöpf geworden, zur sich selbst entfremdeten "Koloraturmaschine", die im internationalen Opernbetrieb ruhelos rotiert. In der Garderobe warten Vater und Verehrer ungeduldig auf ihr Eintreffen zum Auftritt, das die erschöpfte Kolorateuse jeden Abend länger hinauszuzögern sucht.

Scheitern als Heimspiel

Der Verehrer, ein manisch geschwätziger Anatom und der ramponierte Vater, ein halbblinder Säufer, bilden ein seltsames Duo, das vor allem warten muss: auf die Sängerin, auf die Ouvertüre, auf die erste Arie, den Applaus, die Kritiken und so fort. In Bochum, wo Burghart Klaußner das Stück inszenierte, gibt Otto Sander den Vater und muss nicht viel sagen, um seinen Auftritt zum Heimspiel zu machen.

Schon bei der Salzburger Uraufführung 1972 war Sander in erlauchter Runde (u.a. mit Ulrich Wildgruber und Bruno Ganz) mit von der Partie, allerdings in der Nebenrolle des Kellners Winter. Die Produktion schrieb damals Theatergeschichte, denn sie ging nur einmal über die Bühne. Als die von Bernhard und seinem Regisseur Claus Peymann vorgeschriebene totale Verdunkelung in den letzten Minuten des Stücks entgegen der Absprache nicht stattfand und die Notbeleuchtung auf Anordnung der Festspielleitung anblieb, wurden alle weiteren Aufführungen abgesagt.

In Bochum darf es am Schluss ganz dunkel werden, einzig ein schwacher Lichtschein schimmert durch den weißen Vorhang eines hohen Kippfensters, wenn Christine Schönfeld von ihrer totalen Erschöpfung gesprochen und Otto Sander unfreiwillig (?) mit großem Geschepper den üppig gedeckten Tisch im "Zu den drei Husaren" abgeräumt hat.

Sander weiß, dass bei Bernhard weniger mehr ist und forciertes Schauspielern sich geradezu verbietet. So untertreibt er den Vater konsequent, arbeitet mit feinsten Nuancen und lässt Abgründiges nur sparsam aufblitzen. Mit kleinen Alkoholikerschritten trippelt er herein, schnauft ein bisschen, zappelt nervös mit den Fingern und sucht unablässig nach Trinkbarem.

Gediegener Weltekel

Lange dauert es, bis er endlich seine schnarrend rostige Stimme hören lässt und dann immer wieder das Wort "Rücksichtslosigkeit" ausspuckt. Mal betont er jede Silbe einzeln, mal trennt er sie scharf voneinander ab, dann betont das "Rück" – später das "Losigkeit". Wenn er nicht spricht, starrt er autistisch vor sich hin und dünstet in höchster Konzentration den Bernhard'schen Weltekel aus.

Neben Sanders beiläufigem Minimalismus nimmt sich Marc Oliver Schulzes "Doktor" beflissen und gespreizt aus, er bewältigt seine sperrigen Textberge zwar souverän, doch will man ihm unter seiner schauderhaften Perücke die kalte Wut des Leichen sezierenden Anatomen mit dem fatalem Hang zur großen Oper nicht abnehmen.

Christine Schönfeld gibt die "Königin" mit beherrschter, kühler Eleganz und stiller Verzweiflung, Karin Moog ist ein verhuschtes Faktotum "Frau Vargo" und Martin Horn ein lakonisch trauriger "Kellner Winter". Auf Jens Kilians elegant eingerichteter Bühne, die in einem weißen Kasten erst die Theatergarderobe, dann das Restaurant-Separée andeutet, lässt Regisseur Burghart Klaußner keine großen Exaltationen zu.

Das Spiel soll sich ganz nach innen wenden und kann anfangs ob dieser Maßgabe nur schwer Fahrt aufnehmen. Als die Pause kommt, glaubt man, nun sei wohl erst das Vorspiel vorbei. Und doch gelingt es Klaußner, das Schlussdrittel merklich zu verdichten und zuzuspitzen, ohne laute Effekte bemühen zu müssen. Ein im besten Sinne des Wortes gediegener Abend, dem es in der Summe jedoch an Schwärze mangelt.

 

Der Ignorant und der Wahnsinnige
von Thomas Bernhard
Regie: Burghart Klaußner, Bühne: Jens Kilian, Kostüme: Dagmar Morell, Licht: Bernd Felder. Mit: Christiane Schönfeld, Otto Sander, Marc Oliver Schulze, Karin Moog, Martin Horn.

www.schauspielhausbochum.de

 

Hier erfahren Sie mehr über die Uraufführung von Der Ignorant und der Wahnsinnige.

 

Kritikenrundschau

Die Bochumer Inszenierung von Burghart Klaußner nehme Thomas Bernhards Stück "Der Ignorant und der Wahnsinnige" "alles Groteske, holt es in die Normalität und domestiziert es zum Familiendrama", schreibt Andreas Rossmann in der Frankfurter Allgemeinen (3.3.2008). Der Doktor von Marc Oliver Schulte sei "nur ein leicht blasierter Schönling, der sich schlaksig und belanglos durch die Monologsuada doziert", und die "Königin der Nacht" von Christine Schönfeld belasse es "bei einer mondänen Zicke". Allein Otto Sander habe "für seine Figur einen Tick Wahnsinn übrig: Die schwarze Krawatte in die hochgezogene Anzugshose geklemmt, wedelt er mit dem Blindenstock und tapert, halb trauriger Seehund, halb rostiges Reibeisen, erschöpft von Stuhl zu Stuhl. ... Fast ein Beckettscher Clown." Das Stück "müsste extremer und exzentrischer, komischer und künstlicher gespielt werden". So aber werde "vor allem vorgeführt, dass Thomas Bernhard bessere Stücke geschrieben hat."


Regisseur Burghart Klaußner sei ein Mann der feinen Töne, meint Matthias Heine in der Welt (3.3.2008): Er lasse Bernhards Stück "so spielen, wie er es selbst vielleicht gemacht hätte: Mit eher leisen Nuancen." Zugleich müssten sich Klaußners Darsteller auch "an den Protagonisten der Bernhard-Stücke, die in Bochum in den glücklichen Jahren der Peymann-Intendanz uraufgeführt wurden" messen: Marc Oliver Schulze als Doktor wolle sich – "wie Sander als der Blinde und wie Christine Schönfeld als ‚Königin der Nacht’ – von den damals entstandenen Konventionen des Bernhard-Spielens frei machen. Die Neurosen, mit denen die drei Hauptfiguren einen ihnen unerträglich scheinenden Existenzschmerz zu lindern versuchen, werden hier nicht in darstellerische Manierismen übersetzt." Aber: "Etwas heftigere Ausschläge der Skala von Lautstärke, Wut und Leidenschaft hätten jetzt in Bochum den titelgebenden Wahnsinn nicht nur flackern sondern auch mal lodern lassen."

In der Westfälischen Rundschau (3.3.2008) glaubt Arnold Hohmann, dass es bei Thomas Bernhards "strengem Text nicht viele Möglichkeiten der inszenatorischen Interpretation" gebe. "Klaußner, selbst ja ein Schauspieler von nicht geringer Reputation, versucht, die Menschen hinter der Fassade der Worte kenntlich zu machen. Vor allem bei Christine Schönfelds Sängerin kommt das zum Tragen." Auch dass Klaußner dem "pausenlos dozierenden Arzt ... so etwas wie Leidenschaft zugesteht, verleiht Bernhards abstraktem Dialogtheater geradezu menschliche Dimensionen." Otto Sander hingegen, der "mit filigraner Körpersprache und wunderbar rostiger Stimme den Vater gibt", scheine abzutasten, "welche Komik dem Bernhardschen Geplauder innewohnt." Daraus folgt: "Langer, begeisterter Applaus."

Stefan Keim in der Frankfurter Rundschau (4.3.2008) stellt fest, dass Klaußner in seiner inzwischen dritten Regiearbeit genau so inszeniert habe, wie er selber spiele: "Zurückhaltend, detailgenau, authentisch. Ein leises Kammerspiel. Bernhard ohne Wahnsinn." Otto Sander spiele den blinden Vater mit "zarten Andeutungen" und mit "Pokerface", denn "niemand soll mehr sehen als er selbst". Sander, schreibt Keim, "bräuchte starke Mit- und Gegenspieler, doch die hat er in Bochum nicht". Der Inszenierung fehle "die Lust am Irren, an der Auslöschung, die bernhardsche Wut, die sich immer auch ein wenig gegen sich selbst richtet." Beim Applaus hätte das Publikum mehr Energie gezeigt als das Ensemble beim Spiel.