Wer hat mich geschossen?

von Leopold Lippert

Berlin, 25. April 2015. Wenn sich die chilenische Theatertruppe La Re-sentida in "La imaginacíon del futuro" die Zukunft vorstellt, schweift sie erst einmal in die Vergangenheit. Am Schreibtisch im Präsidentenpalast in Santiago nimmt Salvador Allende (Rodolfo Pulgar) gerade seine berühmte letzte Rede auf, kurz vor dem Militärputsch 1973, der ihn das Leben und Chile die Demokratie kostete. Doch die hysterische Ministertruppe, die kreischend um ihn herumscharwenzelt und mit allerlei PR-Tipps aufwartet, wirkt seltsam gegenwärtig: "Relaxen Sie, tragen Sie nicht so dick auf!" rufen sie dem alternden Allende zu. "Bleiben Sie cool cool cool!" Und weil der Señor Presidente noch immer viel zu steif rüberkommt, wird blitzschnell das Szenario ausgetauscht: Der langweilige Nadelstreif und der bürokratisch-bedrohliche Schreibtisch mit dem roten Krisentelefon müssen weg, stattdessen gibt’s Rollrasen! Schulkinder! Parklandschaft! Trainingsanzug! Das kommt gut an, das ist wahre Volksnähe!

imaginacion2 560 CaroRoa uMythenträger: Das Teatro La Re-sentida beschäftigt sich mit Salvador Allende. © Caro Roa

Mit minutiös getaktetem Körpereinsatz und verspielter Freude am Anglizismus versucht La Re-sentida eine Auseinandersetzung mit dem Mythos Salvador Allende, der vor allem im Kontext der jüngeren politischen Unruhen in Chile von einer post-ideologischen Linken vereinnahmt und entpolitisiert wurde. Die Truppe schließt die historische Figur Allende (und das Versprechen einer besseren, sozial gerechteren Zukunft, das mit seinem Sturz jäh enttäuscht wurde) mit der Gegenwart kurz, mit einem unterfinanzierten öffentlichen Bildungssystem etwa, mit sozialen Spannungen, repressiver Polizeigewalt und einer korrupten Politikerkaste. Am Ende kommt dabei eine grotesk-überdrehte Form von performativer Trauerarbeit heraus, die das immer schon Heuchlerische an kalkulierter Affektproduktion und medialer Ikonenbildung auf die Spitze treibt und die in ihrer brachialen Körperlichkeit samt spektakulären Effekten beeindruckt:

Permanente Dekonstruktion

Da gibt es inszenierte Gewaltausbrüche und Raufbolde im schwarzen Anzug, die sich immer haarscharf an den Bühnenscheinwerfern vorbeiprügeln; eine keuchend-verschwitzte "Jump Around"-Tanzeinlage mit neuem Text speziell fürs deutsche Publikum ("Wer jetzt nicht springt, ist ein Rechter, oder eben Christdemokrat!"); und eine kitschig-knallbunte Strandparty mit Musicalchoreographie und Blümchenbikinis. Während zu viel Koks die Ministermuskeln steif und ihre Bewegungen wie ferngesteuert macht, jubeln Menschenmassen enthusiastisch aus dem Off, und melodramatische Musik erdrückt jede noch so tragische Zeitungsnotiz aus dem politischen Tagesgeschehen. Und als Allende sich schließlich spontan (und antiklimaktisch) zur Siesta entschließt, huscht eine personifizierte verirrte Kugel im goldenen Ganzkörperanzug durch den Raum und wundert sich, warum sie immer auftauchen muss bei politischen Demonstrationen, obwohl sie eigentlich niemand gerufen hat.

Schön anzusehen ist das alles, ja. Aber auch zynisch. Denn in der permanenten Dekonstruktion politisch-ideologischer Zeichen sind plötzlich alle Zeichen gleich, die soziale Utopie der Siebziger Jahre genauso wie die oberflächliche Medienwelt der Gegenwart, das poppige Herumgehopse genauso wie die erdrückende Schilderung einer Vergewaltigung. Oder die Bloßstellung eines Zuschauers, der keine zwanzig Euro für den armen Roberto ("Mutter Putzfrau, Vater im Gefängnis") spenden will. Wie zur Strafe wird sein Gesicht in Großaufnahme auf die Bühnenwand projiziert, während sich eine Performerin vor ihm auszieht und ihm einen Blowjob anbietet, damit er endlich Geld locker macht. Eine derart reflexhafte Moralisierung samt Schuldzuweisung an ein konkretes Individuum ist schließlich symptomatisch für eine Inszenierung, die zwar politisch sein will, in ihren Zuschauer*innen dabei aber bloß ein weiteres Zeichen sieht, das es zu dekonstruieren gilt.

La imaginación del futuro
von Teatro La Re-sentida
Regie: Marco Layera, Bühne: Pablo de la Fuente, Video: Karl-Heinz Sateler, Musik: Marcello Martínez, Produktion: Nicolás Herrera, Tonassistenz: Alonso Orrego.
Mit: Diego Acuña, Benjamin Cortés, Carolina de la Maza, Pedro Muñoz, Carolina Palacios, Rodolfo Pulgar, Sebastián Squella, Benjamin Westfall, Rocco Kohlmeyer.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.schaubuehne.de

 

Auch 2014 waren La Re-sentida schon beim F.I.N.D. zu Gast; mit ihrem "Versuch ein Stück zu machen, das die Welt verändert" – mehr im Festivalbericht von Georg Kasch.

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