Mit Zucker gesüßt

von Jens Fischer

Bremen, 25. April 2015. Hallo, winke-winke, da gehe ich ins Theater – und sehe mich! Auf der Bühne. Dank einer vor der Bühne platzierten Spiegelwand. Wieder einmal soll wohl verdeutlicht werden: Guck genau hin, es geht um dich. In diesem Fall wird eine Überschneidung als Art therapeutische Verbindung gesucht zwischen bravem Leben und Nüchternheit auf der einen Seite des Spiegels – sowie Theater und Rausch auf der anderen.

Ein Beleuchtungswechsel macht die Grenze transparent, drei Grazien der Finsternis treten in kokainweißem Lacklederkleid auf und erzählen die Geschichte vom Drogenritter von der traurigen Gestalt. Aber vielleicht sind es auch Krankenschwestern der Psychiatrie, die sich der Held Stephan Braum im verko(r)ksten Hirn ein wenig edelnuttig sexistisch zurechtfantasiert – und nun gern hinschaut, wie sie seine pädagogisch wertlose Geschichte hörspielen.

Verklemmter Typ und die Erben der Neuen Deutschen Welle

Matthieu Svetchine gibt diesen Stephan Braum als personifizierte Verklemmung. Entseelt stierend hockt er vor einer Kamera. Und führt eine zweite Erzählperspektive ein: seine Tagebuchnotizen vom Anfixen und Loskoksen. Jede Äußerung der Figuren wird in porentiefer Auflösung auf Leinwände und Bühnenbildelemente übertragen. Zwischendurch liefert das Popduo "Zucker" Songschnipsel ab. Komisch nur, dass behauptet wird, das Stück spiele irgendwie heute, während die pompös-spröde Musik mit schlurigem 1980er-Jahre-NDW-Charme daherkommt: knarzender Bass, sägezahntigernde Maschinenbeats, klimperklare Schlagermelodien zu irgendwie fidel banalen Textzeilen. Egal, es geht ja auch um nichts. Ach nein: um mich. Um unser aller Spiegelbild Braum?

Der Kerl war in der Jugend nie dabei, wenn es um Kiffen, Komasaufen und Tantrasex ging, hat dann seine spießerkleine Dokufilmerkarriere beim Fernsehen gemacht, ein kleinbürgerliches Privatleben in eheöder Einsamkeit verbracht, ist dabei monströs fett geworden – und vor lauter Unbeweglichkeit jetzt dem Herzkollaps nahe und arbeitsunfähig. Das gehe alle an, dieses Gefühl, "dass das Leben bald zuende gehen könnte, ohne dass man es wirklich gelebt hat", lässt sich Regisseur Pedro Martins Beja zitieren. Auf geht's also: Mit 53 Jahren noch einmal, erstmals 15 Jahre alt sein. Die Jugend nachholen. Den Faust geben – auf der Suche nach dem "Verweile doch"-Gefühl?

Kokain2 560 joerg landsbergWenigstens einmal auf die Pauke hauen: Matthieu Svetchine will als Stephan Braum in Bremen "Endlich Kokain" © Jörg Landsberg

So ähnlich mag Joachim Lottmann seinen lässig dahingewitzelten Erlösungsroman "Endlich Kokain" gemeint haben. Der Hauptfigur lässt er das Tropanalkaloid verschreiben, weil es appetitzügelnd zum Abnehmen taugt und das Selbstbewusstsein zügellos wachsen lässt. Der Karrieristennasen-Espresso ist ja ein akzeptiertes Energyprodukt für jedermanns Überstunden und Partys, soll leistungsstark, wach, konsumgeil, optimistisch, euphorisch und redselig machen. Nichts davon ist auf der Bühne zu erleben. Die Drogenflashs werden nur in Worte, nicht in Spiel übersetzt. Nie gewinnt der Abend den Flow, der sich manchmal beim Lesen der Lottmannschen Prosa einstellt.

Endlich angekommen im Ekeltheater

Betulich und unterkühlt wird die Handlung berichtet, das Berichten gefilmt, das Gefilmte projiziert. Und sogar eine klassische Theaterszene eingebaut. Extra für Lottmann. Da er ja nun dort angekommen ist, wofür er bisher viel Häme übrig hatte. Noch 2006 rechnete der Autor im Spiegel mit dem "Ekeltheater" ab, klagte über den "Verzicht auf Werktreue, auf Kostüme und Bühnenbild". Und lobte auch Jahre später in der taz Daniel Kehlmanns Salzburger Regietheater-Hass-Rede. Nun kommt sein eigenes Werk in Regietheaterhände – Lottmann preist die Textfassung und gibt sich mimetisch amüsiert der Aufführung hin. Aber bleibt dabei ziemlich allein.

Denn die vor einer Lamettagardine dargebotene Parodie des hohen Klassikertons kommt genauso bemüht komisch daher wie die Satiren auf Kunst-, Medien- und sonstige Szenen. Lähmende Ratlosigkeit macht sich breit – angesichts des technischen Aufwands und der darstellerischen Kompetenz im Widerspruch zur regiemeisterlichen Einfallslosigkeit und inhaltlichen Blässe.

Das "Verweile doch"-Gefühl

Svetchine wird einfach der knuddelige Hüpfer, er tanzt, strahlt dauerberauscht und fragt betont kritisch ins Publikum: "Ich bin auf dem richtigen Weg, oder?" Ein "Freund" (Jiri Cerný) hat's gerade übertrieben, tobt zugedröhnt wie Iggy Pop Superstar los, bricht zusammen. Beja sperrt ihn in ein Gefängnis voller drogenäugiger Kuscheltiere, wo er infantilisiert verdämmert. Während Braum in einem Teddykostüm über eine Vernissage mit hoher Promidichte monologisiert, dabei von der schneereinen Schönheit des Kokains nur in Verbindung mit Klischees zu fabulieren weiß: Geld, Glamour und Sex. Da ist es, dieses drogeninduzierte "Verweile doch"-Gefühl.

Natürlich wirkt es politisch putzig unkorrekt, einen Junkie harter Drogen am Ende nicht scheitern, sondern triumphieren zu lassen. Aber so plump wie hier dargeboten, wühlt das nicht nachdenklich auf. Tatsächlich hat beispielsweise Kai Hensels dramatisch etwas biederer Monolog "Welche Droge passt zu mir" mehr und Differenzierteres zum Thema zu sagen. Für "Endlich Kokain" schweben final weiße Friedensballons auf die todschwarze Bühne. Braum kann seine alberne Verkleidung abstreifen und könnte in Ruhe sterben. Die Spiegelwand wird wieder auf Reflexionsmodus gestellt. Winke-winke. Das bin ja ich wieder. Im Publikum und zu keiner Minute auf der Bühne.

 

Endlich Kokain
nach dem Roman von Joachim Lottmann
Uraufführung
Regie: Pedro Martins Beja, Bühne: Katharina Faltner, Kostüm: Geraldine Arnold, Musik: Zucker, Jörg Follert, Dramaturgie: Tarun Kade, Licht: Joachim Grindel.
Mit: Matthieu Svetchine, Gabriele Möller-Lukasz, Karin Enzler, Betty Freudenberg, Jiri Cerný und dem Hamburger Popduo "Zucker" (Christin Elmar Schalko, Pola Lia Schulten).
Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, keine Pause

www.theater-bremen.de

 

Kritikenrundschau

„Das Bremer Schauspiel zieht nahezu unendlichen Spaß aus der literarischen Vorlage“, schreibt Hendrik Werner im Weser Kurier (27.4.2015). Matthieu Svetchine als Stephan Braum glaube man sowohl den Rausch als auch seine „Ernüchterungsschübe“, so Werner. „Leider billigt die Regie dieser beklagenswerten Figur keinen nennenswerten Widerpart zu.“ Das Svetchine zur Seite gestellte Frauentrio mache seine Sache zwar amüsant, „bisweilen sogar eindringlich (Freudenberg)“ – und doch fehle diesem Stephan Braum in der „Stationenfarce“ „ein wirklicher Dialogpartner, um aus der Inszenierung etwas anderes zu machen als ein zugedröhntes Monodrama mit – zugegeben! – reichlich Lametta“.

„Alles, was an Romanadaptionen nerven kann, findet in dieser Produktion seinen Niederschlag“, stöhnt Johannes Bruggaier in der Kreiszeitung (27.4.2015) auf: „Von der Umwandlung einer Prosaerzählung in Bühnengequassel über das mühsam chronologische Abstottern von Handlungsetappen bis zum Versuch, das Ganze dann durch Elektropop-Showeinlagen aufzulockern.“ Nur einen Lichtblick sieht Bruggaier, „und der heißt Matthieu Svetchine.“ So simpel die Erkenntnis auch sei, die seiner Figur zugrunde liege – „dass nämlich hinter allem menschlichen Streben nichts weiter als die Gier nach Ruhm, Sex und Allmacht steckt“ –, so gewitzt bringe Svetchine diese zur Geltung. „Svetchines Jugend-Spätzünder Braum ist ein Mann, der sich nur allzu gerne selbst belügt“, so Bruggaier. „Dümmlich quasselnd, selbstgerecht und suchtanfällig: der perfekte Konsument des Popzeitalters.“

 
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