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Salatschüssel statt Schmelztiegel

von Georg Kasch

28. April 2015. Vor zwei Wochen schwang sich der europäische Zynismus zu neuen Höhen auf, als die Politik beklagte, was sie zuvor doch mit so viel Nachdruck betrieben hatte: das Ertrinken der Flüchtlinge im Mittelmeer. Was blieb, war ein entsetzliches Gefühl der Hilflosigkeit. Und die Fremdscham, dass gerade jene die abendländischen Werte mit Füßen treten, die sich immer wieder auf sie berufen.

Bild einer Blutsgemeinschaft

Dabei könnte man ja – bis man einen Plan hat, wie man die Herkunftsländer stabilisieren kann oder die Welt gerechter macht – erst mal die Türen öffnen. Die Flüchtlinge willkommen heißen. Sie nicht nur mit Notunterkünften, sondern auch mit Nachbarschaftshilfe, Sprachkursen und Kulturangeboten versorgen. Aber damit sind keine Wahlen zu gewinnen. Da könnten ja welche gekommen sein, um zu bleiben. In einem Land, in dem das Wort Volk immer noch das Bild einer Blutsgemeinschaft hervorruft, wird bei Flüchtlingen im Zweifel nicht nach dem Verbindenden, sondern nach dem Fremden gesucht.

Als die Toten im Mittelmeer kurzfristig die Routine der europäischen Politik zu durchbrechen schienen, war ich in Basel auf einem Festival, wo Not Punk, Pololo von Gintersdorfer/Klaßen lief. Die Arbeit lebt wesentlich vom inszenierten Chaos, vom Clash der Stile und Kulturen: ivorische Muskeltypen treffen auf den fragilen Hans Unstern mit Harfe und High Heels, Voguing auf Punk und fette Beats. Nichts passt zusammen, ästhetische Puristen und Perfektions-Anbeter muss das kalte Grausen packen. Aber am Ende wird eine große Party draus. Und das, obwohl die Unterschiede der kolumne georgvielen Protagonisten weiterbestehen: Salatschüssel statt Schmelztiegel.

Wenn das Individuelle bleibt

Alex Cephus, einer der Performer, hatte zwei Tage zuvor einen Voguing-Workshop geleitet. Der Tanzstil stammt aus dem schwulen New Yorker Untergrund und verbindet Laufstegschritte und -posen zu einer rasanten Bilderserie. Man macht auf durchgeknalltes Modell – vor allem in den Battles, wo die Tänzer*innen gegeneinander antreten. Ein Versuch, die eigene Würde zu retten und dabei eine Figur zu erschaffen, die sich lässig über die Realität erhebt. Klar sei Vogue ein bisschen oberflächlich, lässt sich ein Vogue-Spezialist in der taz zitieren. Aber: "Wenn du aber sonst nichts hast, keine Arbeit, kein Geld, und du der Gesellschaft nichts bedeutest – you fake it to make it." 

Auch die anderen Stile des Abends sind ja Außenseiter-Stile und Überlebens-Rituale, Punk und Pololo zum Beispiel. Natürlich reiben sich die Macho-Gesten der ivorischen Tänzer, die fromme "Halleluja"-Weltsicht von Gotta Depri, Hauke Heumanns gesungene und damit per se schon ironisierende Übersetzung und die Modern-Dance-Zitate der anderen aneinander, dass es mitunter schmerzt. Aber wenn das zurückhaltende Basler Publikum nach einiger Animation begeistert "Amen" ruft und schließlich auf die Bühne strömt, dann hat man schon das Gefühl, dass ein Zusammenleben funktionieren kann: Wenn den anderen ihre Würde gelassen wird, ihr Ausdruck, ihre individuelle Geste, auf der Bühne wie im Leben.

Keine Ahnung, ob man aus einem Stück grenzüberschreitenden Tanztheater gleich ein ganzes Gesellschaftsmodell ableiten kann. Aber schön wär's schon.

 

gkportraitGeorg Kasch, Jahrgang 1979, ist Redakteur von nachtkritik.de. Er studierte Neuere deutsche Literatur, Theaterwissenschaft und Kulturjournalismus in Berlin und München. In seiner Kolumne "Queer Royal" versucht er, jenseits heteronormativer Grenzen auf Theater und Welt zu blicken.

 

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