Freiheit, Schönheit, Politik

von Eva Biringer

7. Mai 2015. Kein Mensch geht in Flammen auf, aber ein Brief. Das also passiert, wenn das Publikum sich selbst überlassen ist. "Der Staat / The State" erzählt die Geschichte des bulgarischen Aktivisten Plamen Goranov, der sich aus Unmut über seine Regierung im Februar 2013 öffentlich selbst verbrannte.

Auf der Seitenbühne im Haus der Berliner Festspiele sitzt das Publikum im Stuhlkreis um einen Tisch, darüber ein Mikrofon, daneben ein Mülleimer, darauf ein Stapel Briefumschläge. Keine Schauspieler stören die Ko-Präsenz. Bis der erste Zuschauer zum Tisch geht und den ersten Umschlag öffnet, vergehen einige Minuten. Hintereinander vorgelesen, ergeben die Briefe Goranovs fiktiven Abschiedsbrief, unterbrochen von szenischen Anweisungen wie "Die Vorführung beginnt in acht Stunden" oder "Die Vorführung kann nicht beginnen, weil es keine offizielle Genehmigung gibt".
Das stimmt nicht, an diesem Abend kommt die Genehmigung vom Theatertreffen-Stückemarkt, der "Der Staat / The State" als eine von fünf Arbeiten auswählte.

Ihr Autor, der in Sofia geborene Alexander Manuiloff, begeistert mit einem in alle Richtungen offenen Konzept. Wie unterschiedlich das Publikum mit dieser Offenheit umgeht, beweisen die Videoaufzeichnungen der auf verschiedenen Bühnen parallel stattfindenden deutsch- und englischsprachigen Vorführungen. Während die Frage nach der korrekten Briefentsorgung – Mülleimer? Tisch? Boden? Einstecken? – bei den Deutschen eine gewichtige ist, gipfelt die Partizipation im Raum nebenan im Entzünden eines Briefs. Selten waren reale und narrative Ebene so geglückt verwoben wie in diesem Moment, bei gleichzeitig maximalem Unwohlsein und dezidiert politischer Haltung.

Stueckemarkt2015 Anothergreatyeaforfishing 560 PieroChiussi u"Another great year for fishing": Nelle Hens und Tom Struyf  © Piero Chiussi / Agentur StandArt

Veränderte Bedingungen

Stückemarkt, wie hältst Du's mit der Politik? Aus möglicherweise vorauseilendem Gehorsam stellt sich die Jury diese Gretchenfrage permanent selbst. Ist das nötig in Zeiten, wo politische Zentren die Schönheit im Namen tragen und sich das jüngere Publikum ein Theater ohne dramatische Relevanzprüfung kaum vorstellen kann? Durften Bühnenfiguren mal ungestört in ihrer eigenen Suppe schwimmen? Die Wände ihrer Seifenblase von innen betrachten? Laut über die Qualität ihres Cappuccinos nachdenken? Eine solche "Cappuccino-Dramatik" erklärt Theatertreffenleiterin Yvonne Büdenhölzer für beendet. An deren Stelle trete ein Theater, "dessen Blick nicht an der gegenüberliegenden Hauswand hängen bleibt". Vorsicht ist geboten, wenn selbst ausgewiesene Ästhetik-Aktivisten wie Matthias Lilienthal lieber von einem sozialen Theater sprechen als von einem politischen, und wenn sogar die Nach-68er inzwischen wissen, dass auch das Private politisch ist.

Stueckemarkt2015 Zersplittert 560PieroChiussi uSzenische Lesung in der Kassenhalle: "Zersplittert" von Alexandra Badea  © Piero Chiussi

Dem Leiter der Berliner Festspiele Thomas Oberender zufolge lässt sich das zeitgenössische Theater in fünf Kategorien einteilen: klassisches Literaturtheater, ein "Theater der Kreation", Narrative Spaces, Spielanleitungen mit Publikumsbeteiligung und Tanztheater. Auf diese veränderten Bedingungen hat der Stückemarkt des Theatertreffens wiederholt mit konzeptuellen Neuausrichtungen reagiert. 1978 als Nachwuchsdramatikerschmiede konzipiert, öffnete er sich 2012 auch performativen Arbeiten. Zwei Jahre später kam die Mehrzahl der Beiträge praktisch ohne dramatischen Text aus, ein Umstand, der auf wenig Gegenliebe stieß. Namentlich dem Stuttgarter Unternehmer Heinz Dürr, einem der Mäzene des Stückemarkts, missfielen die postdramatischen Spielereien gewaltig. Auch das im selben Jahr etablierte Patensystem, bei dem jeweils ein Theaterschaffender (Katie Mitchell, Signa Köstler, Chris Thorpe) einen Beitrag auswählte, erregte Kritik. In diesem Jahr trat an seine Stelle wieder eine klassische Jury, bestehend aus Forced Entertainment-Gründer Tim Etchells, Rimini Protokoll-Mitglied Helgard Haug, dem Autor Lutz Hübner, Milo Rau, Spezialist für politisch brisantes Theater, und Yvonne Büdenhölzer.

Verflochtene Großstadtminiaturen

Anders als in den Jahren zuvor räumt der Stückemarkt 2015 dem "klassischen Schreibtischtext" wieder ein Plätzchen auf dem Siegertreppchen frei. Heinz Dürr dürfte damit geholfen sein, nicht jedoch dem neuen Formen gegenüber minimal aufgeschlosseneren Publikum. Wenn sich in der Haltung (politisch! Anti-Cappuccino!) alle einig sind, fällt die Form umso mehr ins Gewicht. Sich als szenische Lesung gegen radikal andere Formate zu behaupten, gelingt nur, wenn der zugrunde liegende Text ein starker ist.

Bei Stefan Wipplingers "Hose Fahrrad Frau" ist das nicht der Fall. Eher handelt es sich bei den verflochtenen Großstadtminiaturen um ein play, das vergeblich versucht, well made zu sein. Die Jury sieht in dem auch beim Heidelberger Stückemarkt vertretenen Stück eine "Ökonomie des Tausches". Wir sehen darin entfernt an Schnitzlers "Reigen" erinnernde Häppchen, mit denen am Ende die Unglaubwürdigkeit durchgeht. Ausgerechnet der im klassischen Sinn dramatischste der fünf Beiträge stagniert in privaten Befindlichkeiten. Jan-Christoph Gockels szenische Einrichtung bannt das Auge immerhin mit schönen Bildern von im Kreis unter einer Discokugel rollschuhlaufenden Mädchen (Huda, Aylin und Amelie von Rollschuh Paradies Berlin e.V.).

Sinnentleerte Signifikanten

Eine der diesjährigen Stückemarkt-Richtlinien besagt, dass in den Beiträgen "das Medium Sprache einen Hauptaspekt der Arbeit darstellen soll". Bei Daniel Cremers als Festival erdachtem "Talking Straight" geschieht dies unter umgekehrten Vorzeichen. Sein Konzept basiert auf einer von allen Beteiligten inklusive ihm selbst benutzten Fantasiesprache. Einige vermeintlich nützliche Wendungen ("One of my friends is white, too") liegen als Handzettel aus, der Rest ist Improvisation. Oder? Trotz regem Austausch konnte diese Frage nicht abschließend geklärt werden; manch ein Zuschauer widerlegte jedoch durch spontane Adaption die ad-hoc-Theorie. Was dem Gender-Sensiblen an diesem Kauderwelsch mit skandinavischem Einschlag gleich auffällt, ist das "männlich" und "weiblich" ersetzende Personalpronomen "herm". Im Schwedischen meint "hen" ein geschlechtliches Neutrum, also genau das, was für Harald Martenstein den Untergang des Abendlandes bedeutet.

Das mehrheitlich junge, ironievertraute Festivalpublikum (Wilmersdorfer Zahnärzte sind nicht unter den Gästen) dürfte anderer Meinung sein, zumal es sich in Kleidung und Auftritt teilweise nicht von den schrill kostümierten Performern unterscheidet. Ensprechend begeistert beklatscht es die verschiedenen Darbietungen, die Sigur-Rós-inspirierte Performance mit Daniel Cremer himself und dem vage bekannten Hans Unstern, die Verleihung goldklumpenförmiger Theaterpreise, die Skype-Diskussionen und verrutscht-erotischen Abschlusspanels.

Sinnentleerte Signifikanten

Selbst ohne das nötige Diskurswerkzeug ist "Talking Straight" ein großer Spaß, und das ist über eine Dauer von sieben Stunden, die anschließende Party nicht mitgerechnet, keine Kleinigkeit. Bei all der Gaudi berührt dieses Festival aber auch hochpolitische Themen: Critical Whiteness, Gender und Race, internationale Codes und globale Sprachlosigkeit. Zugleich nimmt es die Kunstszene mit ihren teilweise ähnlich sinnentleerten Signifikanten auf die Schippe, die Hipster- und Fashionszene und nicht zuletzt den Theaterbetrieb als solchen. Auf eine in Festival-Kauderwelsch vorgetragene Ibsen-Darbietung folgt ein Publikumsgespräch inklusive ins DT abrauschendem Dramaturgen und Diva-Getue (Lina Krüger). Wir haben nicht alles verstanden, aber: "Egsbar hen super Fun!"

Stueckemarkt2015 TalkingstraightFestival 560 PieroChiussi uBeim Talking-Straight-Festival © Piero Chiussi / Agentur StandArt

Zwischen Skypesex, Wellen-Rausch-Videos auf Youtube und Mozart

Mehr Stahlbad als Fun ist das einen Tag später gezeigte "Pulvérisés – Zersplittert". An Tischen sitzend lesen vier Darsteller Alexandra Badeas Text über vier über die Welt verstreute Lohnarbeiter von Laptops ab. Da ist die Fertigungskraft in Shanghai, die Versuchs- und Entwicklungsingenieurin in Bukarest, der Head Of Quality in Lyon und der Kundencenter-Teamleiter in Dakar. Während die erste bei der Fließbandarbeit nicht mal pinkeln darf, überwacht die zweite mit versteckter Kamera das Kindermädchen, und der dritte leidet an Zeitzonen-Amnesie. Allen gemein ist die Entfremdung von ihrer Tätigkeit und von sich selbst. Jeder kämpft auf seine Weise dagegen an, mit der morgendlichen Dusche als Höhepunkt des Tages wie damals bei "American Beauty", mit Skypesex, Wellen-Rausch-Videos auf Youtube oder Mozart.

Dabei genügt, als Beleg des neoliberalistischen Irrsinns einfach mal alle gleichzeitig auf dem Computer geöffneten Programme aufzuzählen (Powerpoint, Excel, Dreamweaver, Team System, Quark Express, Visio, Outlook, Access, Silverlight, Illustrator, Flash, Lotus, Rational Rose, Adobe, Launchpad, Eclipse, Messenger, Dragon Dictate, Merlin, Textexpander, Mediapro). Das Stück der in Rumänien geborenen, mittlerweile in Paris lebenden Autorin hat für diesen Irrsinn keine Lösung zur Hand, außer man versteht die Idee, "den falschen Versace-Anzug auszuziehen und im Meer zu schwimmen" als eine ernstzunehmende. So gerät "Pulvérisés – Zersplittert" zum diffusen Störgeräusch, wie ein Knacken in der Telefonleitung, ebenso schnell vergessen. Am Ende bleibt auch der Fertigungsarbeiterin nichts übrig, als vergessen zu lernen. Die Versuchs- und Entwicklungsingenieurin hingegen bucht ein One-way-Ticket nach Reykjavik.

Stueckemarkt2015 HoseFahrradFrau 560 PieroChiussi uGroßstadtminiaturen-Reigen: "Hose Fahrrad Frau" von Stefan Wipplinger   © Piero Chiussi

Werden Biografien auf diese Weise gegeneinander ausgespielt, entsteht unweigerlich der Eindruck einer Hierarchisierung von Leid. Third gegen first world problems – ganz so einfach ist die Sache nicht. Wie eine direkte Replik auf "Pulvérisés – Zersplittert" wirkt das anschließend gezeigte "Another great year for fishing". Als ausgebildeter Schauspieler steht dessen Autor Tom Struyf selbst auf der abgesehen von einer Videoleinwand leeren Bühne. Die dritte Arbeit des gebürtigen Belgiers funktioniert auf drei Ebenen, einer erzählerischen (der mündliche Erlebnisbericht eines Selbstfindungstrips nach Südafrika), einer Choreografie (mit der Tänzerin Nelle Hens) und auf der Videoleinwand eingespielten Interviews. Zu Wort kommen sechzehn Experten, unter anderem ein Psychiater, eine Anthropologin und ein Spin-Doktor. Es wird philosophiert über das Gottesverständnis der Massai, das Streben nach Glück und die Marionettenhaftigkeit von Politikern.

Das Publikum berühren

Kann man Glück durch Zufriedenheit ersetzen? Ist unsere Realität nur eine Konstruktion oder eine mögliche von vielen? Könnte die Stille klingen wie ein Rasenmäher? Lauter poetische Fäden, die sich nicht zu einem stimmigen Ganzen fügen, was "Another great year for fishing" keinen Abbruch tut. Dass man sich das Herumrätseln sparen kann, wird spätestens im anschließenden Publikumsgespräch klar, als der Dramaturg Willem De Maeseneer erklärt, die Interviews seien konzeptlos "about everything" geführt und die Tänzerin ohne konkrete Funktion engagiert worden. Tom Struyf will keine narrative Stringenz, kein Verkopf-Theater – wie er es eigener Aussage zufolge häufig in Deutschland vorfindet – er will das Publikum berühren. Was für ein Glück für dieses Publikum, dass sich der Stückemarkt derart freien Theaterformen öffnet.

Dass Freiheit, Schönheit und Politik kein Widerspruch sind, zeigt auch der mit der Welt hadernde Protagonist in "Another great year for fishing", der in machen Momenten an den bulgarischen Märtyrer aus "Der Staat / The State" erinnert. Mit dem Unterschied, dass Letzterer seinem Leben auf grausamste Art ein Ende setzt, während Struyfs Alter Ego erst zu Paul Kalkbrenner tanzt und dann wie ein Kater schnurrend Butterbrot mit Nutella isst. Plamen Goranovs Selbstverbrennung bleibt auch nach ihrer szenischen Aufarbeitung eine Ungeheuerlichkeit ohne Aussicht auf Klärung durch Sprache. Sie mit einem Burn-out-motivierten Trip ins Ungewisse zu vergleichen oder mit dem nackt im Meer schwimmenden Kundencenter-Teamleiter in "Zersplittert", mutet mehr als zynisch an. Und doch gibt es eine Schnittmenge: das Glück der Selbstbestimmung, das Recht zu sagen "ich bin da." Nicht das Recht auf Vergessen, sondern das Recht auf politische Teilhabe. Lasst Briefe brennen!

 

Stückemarkt I - V

Hose Fahrrad Frau
von Stefan Wipplinger
Einrichtung: Jan-Christoph Gockel, Musik: Anton Berman, Ausstattung: Julia Kurzweg.
Mit: Elias Arens, Christoph Franken, Lisa Hrdina, Kathleen Morgeneyer, Wolfgang Michael, Aleksandar Radencović, Almut Zilcher, Ernest Allan Hausmann, Felix Römer, Huda, Aylin und Amelie vom Rollschuh Paradies Berlin e.V.

Der Staat / The State
von Alexander Manuiloff
Aus dem Englischen von Hannes Becker
Ausstattung : Eva Veronica Born

TALKING STRAIGHT
von Daniel Cremer
Von und mit: Alicia Agustín, Daniel Cremer, Lisa Heinrici, Anja Herden, Sébastien Jacobi, Romy Kießling, Lina Krüger, Nils Amadeus Lange, René Michaelsen, Tamer Fahri Özgönenc, Antje Prust, Fabian Raabe, Dr. Tucké Royale, Vincent Stefan, Alisa Tretau, Hans Unstern, Anton Weil u.a.

Zersplittert
von Alexandra Badea
Aus dem Französischen von Frank Weigand
Einrichtung: Anne Lenk, Dramaturgie: Andrea Koschwitz, Musi: Camill Jammal, Ausstattung: Eva Veronica Born.
Mit: Hans Löw, Camill Jamall, Kathrin Wichmann, Jenny Schily.

Another great year for fishing
von Tom Struyf
Aus dem Flämischen von Uwe Dethier und Katrin Lohmann
Konzept, Text und Spiel: Tom Struyf, Tanz: Nelle Hens, Dramaturgie: Willem De Maeseneer, Kamera und Montage: Geert De Vleesschauwer.

www.berlinerfestspiele.de

 

Zur Eröffnung des TT-Stückemarkts sprach Thomas Oberender über die Zukunft des Theaterstücks.

Über den Stückemarkt 2014 wanderte André Mumot.

Alles zur Diskussion um den TT-Stückemarkt und um die Neue Dramatik hier.

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