Wir sind noch nicht mit ihm fertig. Wir mögen ihn.

von Frank Schlößer

Schwerin, 7. Mai 2015. Heiner Müller versenkt den Arm im Schlamm der Weltgeschichte. Wenn er ihn wieder rauszieht, hat er ein halbes Dutzend Diktatoren in der Hand, die er nebeneinander, gegeneinander und miteinander ins Rennen schickt. Deren parallele Laufbahnen schneiden sich vielleicht im Unendlichen, irgendwo in fernster Zukunft. In der Gegenwart jedoch sorgen erst einmal  NSA-Skandal und Lokführer-Streik, dass sich beim Publikum die Assoziationen einstellen. So gehört es sich für einen Klassiker. Schwere Hanteln für Regisseure, die mal einen richtig fetten intellektuellen Workout brauchen.

Viel Holz und Plopp-Verschlüsse

Aber: Hat mal einer die Schauspieler gefragt? Am Vorabend des 70. Jahrestages der Bereifung – wie der Gedenktag im DDR-Arbeiterjargon verballhornt wurde – hat es David Czesienski getan: Das Mitglied des Regiekollektives Prinzip Gonzo inszenierte "Germania. Tod in Berlin" – ein wenig gespieltes Stück des Autors. Es besteht aus 13 (!) Episoden, die Heiner Müller zwischen 1956 und 1971 schrieb. Viel Holz für die zwei Schauspielerinnen und drei Schauspieler, die 130 Minuten ohne Pause im kahlen Saal des E-Werks vor dem Publikum stehen, der kleinen, jungen, unangepassten Spielstätte des Staatstheaters Schwerin – außen Neo-Renaissance, innen schön heruntergekommen und sperrig.

Eine Hälfte des Saales für das Publikum, die andere zum Spielen – viel Platz für lange Wege. Sechs rollbare Stellwände mit verschiedenen historisch-hässlichen Tapeten bilden den höchst beweglichen Teil des Bühnenbild, fest installiert ist daneben die deutsche Kneipe mit dem Tresen zum Genesen. Wichtigste Requisite ist ein Kasten Bier mit Plopp-Verschlüssen – genau das Geräusch mit dem sich ein Ritt durch die Geschichte untermalen lässt.

Feuer unterm Kessel, Synapsen bilden sich neu

Und dann geht's rund. Der Einstieg kommt als klarer, starker, gerader Monolog der Szene aus "Wolokolamsker Chaussee", in der ein Offizier den jungen Soldaten erschießen lässt, der für einen Augenblick Feigling war. Aber dann bietet David Czesiensky alles auf, was das Theater zu bieten hat. Es wird grotesk, es wird witzig, es wird skurril und es wird richtig, richtig albern. Das ist vielleicht nicht immer so eindringlich wichtig, wie Heiner-Müller-Fans sich das wünschen würden. Aber es ist immer intensiv – vor allem: immer anders intensiv. Heiner Müller und Spielfreude, Heiner Müller und Faxen, Heiner Müller und ein laut lachendes Publikum – das sind Synapsen, die sich bisher so nicht gebildet hatten.

Germania2 560 SilkeWinkler u Von links: Kai Windhövel, Bernhard Meindl, Brit Claudia Dehler, Özgür Platte, Lucie Teisingerova.
© Silke Winkler

Oft genug wird es auch ernsthaft und tief: In verkraftbaren Dosen kommt Heiner Müllers Text ohne Überdrehung rüber. Aber verflucht noch eins: Solche Figuren wie Hitler und Friedrich Zwo laden doch zur Satire ein. Genauso kann man zum Text über den Kannibalismus unter den im Kessel eingeschlossenen Soldaten eine Bockwurst verputzen – wahlweise mit Senf oder Ketchup. Genauso kann man den Zoff zwischen den deutschen Helden, die Siegfried weiland doch mehr oder weniger gemeinsam ermordeten, als völlig überdrehtes Puppenspiel gestalten.

Ob das jetzt intensiv genug ist?

Die Rollen wechseln und wenn die Zahl der dargestellten Charaktere die Zahl der Schauspieler übersteigt, dann ist es für das Publikum eine Herausforderung, dahinterzusteigen, wer jetzt wen gerade spielt. Doch eine live beschriftete Kreidetafel der derzeit auf der Bühne anwesenden Charaktere hilft, den Überblick zu behalten. Netter Zug. Aber hoffentlich kein Hinweis darauf, wie man in Zukunft Ensembles kleinsparen kann.

Brit Claudia Dehler und Lucie Teisingerova, Bernhard Meindl, Özgür Platte und Kai Windhövel werfen sich in den vielen wechselnden Rollen die Bälle zu, dass es eine Lust ist. Jeder von ihnen bekommt Gelegenheit zu intensiven Minuten. Sie dürfen sich zu Heiner Müller an die Zuschauer ranschmeißen. Diese Gelegenheit kommt nicht oft und die Schauspieler kosten die Möglichkeiten eines Volksstücks (im besten Sinne) weidlich aus.

Reizvoll ist zusätzlich die Reflektion der Schauspieler. Sie treten – scheinbar – immer wieder aus ihrer Rolle heraus und bewerten wie auf einer Probe die Texte, Charaktere und Regieeinfälle:
"Geht das überhaupt so?"
"Kapiert das überhaupt jemand...?"
"Manno, muss das jetzt sein mit dem Blut?"
"Halt die Klappe und mach deinen Text!"
Während also Goebbels mit Hilfe der Hebamme Germania Hitlers Kind zur Welt bringt, sitzen drei Dramaturgen daneben und bewerten und diskutieren und quatschen rein – ob das jetzt intensiv genug ist oder...

Diese Brechungen stellen eine angenehme Distanz her: Wir sind noch lange nicht fertig mit Heiner Müller. Wir mögen ihn. Deshalb wollen wir ihn so machen, dass die Leute ihn mögen. Es schadet Heiner Müller nicht, wenn man ihn vom Sockel holt. Das könnte auch eine Erkenntnis für Brecht-Erben sein.

Dazwischen ein großes Stalin-Bild, für das die Schauspieler immer wieder einen neuen Platz suchen. Nirgendwo passt es hin. Sie könnten es ja wegschmeißen. Aber der Rahmen ist so hübsch und golden...

 

Germania. Tod in Berlin
von Heiner Müller
Regie: David Czesienski von Regiekollektiv Prinzip Gonzo, Bühne und Kostüme: Lucie Hannequin, Dramaturgie: Julia Korrek.
Mit: Brit Claudia Dehler, Lucie Teisingerova, Bernhard Meindl, Özgür Platte und Kai Windhövel. Dauer: 2 Stunden 10 Minuten, keine Pause

www.theater-schwerin.de

 

Mehr dazu: mit seiner Mitspiel-Show Spiel des Lebens gewann Prinzip Gonzo 2015 das virtuelle nachtkritik-Theatertreffen.

Kritikenrundschau

Müllers zwischen hoffender Zustimmung und schroffer Kritik oszillierendes Verhältnis zum sozialistischen Projekt, gegenwartsnah reloaded im E-Werk, schreibt Hermann Hofer in den Lübecker Nachrichten (12.5.2015). Die Schauspieler agieren im Hochleistungsmodus, blitzschnelle Rollenwechsel im mobilen Bühnenbild. Hineißend komisch etwa, wie Claudia Dehler und Lucie Teisingerova in einem kreischenden Clowns-Duett die Gloriole des Alten Fritz zertrümmern. "Die Abgründe hinter all dem sind dennoch stets sichtbar."

In der Schweriner Volkszeitung (9.5.2015) schreibt ein*e ungenannt bleibende*r Autor*in: Das Stück sei eine Polemik gegen das offizielle Geschichtsbild in der DDR gewesen, diese Sprengkraft sei verloren. Der Collage des Autors folge Czesienski mit einer "Collage komödiantischer Mittel, mit Kommentaren, Ausstiegen und Brüchen im Spiel und, ganz im Sinne Müllers, voller kabarettistischer und grotesker Akzente". Nur eingangs, im Gefängnis und zum Berlin-Finale setze er auf den "so schonungslosen wie nachsinnenden Müller-Sound". Ansonsten ließen die Szenen an Marx denken: "Die Geschichte ereignet sich zweimal, einmal als Tragödie und das andere Mal als Farce." Hier werde das andere Mal aufgedreht bis zur Clownerie. Die Darsteller seien "vehement, deftig, ironisch, marionettenhaft, turbulent, lapidar, kantig". Doch sie könnten "meist nur Blitzlichter" zeigen. Damit werde die Dialektik in Müllers bitterer Weltsicht "nicht immer erhellt".

Michael Meyer schreibt in der Rostocker Ostsee-Zeitung (9.5.2015): David Czesienski stelle Müllers "schwarzen Bilderbogen deutscher Schuld und Sühne" von Anfang an "als Versuch" ins E-Werk. Und seine "grandios gelungene Inszenierung" zeige, dass sich der "schwere, blutgetränkte Stoff ohne das übliche Multimedia-Brimborium inszenieren lässt". All das übernehme das fünfköpfige Ensemble, das die über 40 Rollen mit "purer Spielfreude" bewältige. Germania - eine Komödie? Nein, denn dann tue "das Lachen halt auch wieder weh". Eine "Reise durch das deutsche Wintermärchen, das zuweilen Blut spuckt".

 

 

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