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Rauchen, bis die Revolution kommt

von Valeria Heintges

Zürich, 13. Mai 2015. Mit geballter Faust kämpfen die jungen Männer für die Revolution. In drei langen Streifen hängt ihre Fotografie für die Inszenierung von Jean-Paul Sartres "Die schmutzigen Hände" vor dem Eisernen Vorhang des Zürcher Pfauen. Hier wird die Revolution verhandelt, und man könnte denken, bis dahin bliebe den Revolutionären vor allem eins zu tun: rauchen. Gealtert, aber nicht gebeugt, kommt Hugo nach zwei Jahren aus dem Gefängnis. Er saß wegen Mordes, im Auftrag der Partei. Das Opfer: Hoederer, Parteisekretär der Kommunisten. "Auch beim besten Willen ist das, was man tut, nie das, was die Partei einem befiehlt", sagt Hugo. Und: "Von einem bestimmten Moment lassen sie einen allein, die Befehle."

Im schweizerischen Illyrien

Denn geschossen hat er, das ist klar. Aber war es ein politischer Mord? Oder doch einer aus Eifersucht? Und ist er für die Partei noch verwendbar? Um das zu klären, geht Hugo mit Olga – Isabelle Menke kerzengerade als stramme Parteisekretärin mit eisernem Herz und geknoteter Bluse – zurück in die Vergangenheit. Und somit – Regie führt Stefan Pucher – auf die ganz große Leinwand. Zunächst auf die Totale der Bühnendiagonale, dann auf die Rückwand der Bühne, die Barbara Ehnes in vielen Abstufungen und sehr verwinkelt mit Schrägen, Treppen, Schiebetüren und absturzgefährdeten Zimmern gebaut hat. Im Schwarz-Weiß-Film erhält Hugo seinen Auftrag von den Genossen – und mag das Stück auch sehr deutlich in einem Illyrien genannten, von den Deutschen im Zweiten Weltkrieg besetzten Staat spielen, so sind die Bilder, inklusive Graffiti vom Zürcher Fußballclub und teuren englischen Schlitten, sehr heutig.

DieSchmutzigenHaende1 560 Tanja Dorendorf TTFotografie uZeitreise im Großformat: Isabelle Menke, Jirka Zett © Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

Schmutzig bis zum Ellenbogen

Jirka Zett ist wieder jung, die Last der Gefängniszeit mirakulös von seinen Schultern gefallen. Aus dem zermarterten Ex-Häftling wird der Intellektuelle, der Spross aus scheinbar gutem Haus – und ein Mann, der in die Partei geht, um der Lüge der Eltern zu entfliehen. Die Partei macht ihn zum Sekretär des – fast möchte man sagen: arrivierten – Parteibosses Hoederer (Robert Hunger-Bühler), gemeinsam mit seiner Frau Jessica, die Henrike Johanna Jörissen als bauernschlaues, erotisches Vamp gibt, mit gekonnter Nonchalance und sehr selbstbewusst. Sie ist die lebhafteste Figur in diesem Drama der Gedanken, hart konkurrenziert von den beiden Leibwächtern Slick und Georges, die Sartre shakespearehaft als Narren angelegt hat und die Milan Zerzawy und Johannes Sima zwei ihrer sechs Rollen bieten.

Hugos Begeisterung fürs Töten weicht immer mehr der Begeisterung für sein potentielles Opfer und dessen Haltung. In einer langen Diskussion werfen sie sich ihre Argumente an den Kopf: Hugo hält Hoederer den Verrat der Idee entgegen, aber der will Macht, verhandelt mit den Feinden, um das Überleben der Partei zu sichern und nach Kriegsende mitregieren zu können. Hoederer scheut auch vor Lüge und Gewalt nicht zurück: "Reinheit, das ist ein Hirngespinst für Mönche und Fakire", sagt er und gesteht: "Ich habe schmutzige Hände. Bis zum Ellenbogen."

Zu grüblerisch, zu intellektuell, zu weich

Eine sehr philosophische Diskussion führen die beiden Männer da, man könnte im Zürcher Fall auch sagen: Eine sehr papierne. Denn der Bezug zur Realität, den das Stück auch im Jahre 2015 entwickeln könnte, kommt in Puchers Inszenierung unter die Räder. Dorthin bringt sie zum einen die Tatsache, dass man Robert Hunger-Bühler den Rhetoriker abnimmt – aber für den Machtmenschen ist seine Sprechweise zu künstlich, seine Körperhaltung zu grüblerisch, seine Herangehensweise schlicht zu intellektuell. Dadurch wird der Gegensatz zu Jirka Zetts Hugo zu klein: ein Intellektueller mag der sein – aber keiner, der verbohrt für seine Ideen kämpft, ihnen sein und das Leben anderer opfert, dazu ist er zu weich.

Pucher scheint das Manko gespürt zu haben, setzt zwischen das papierne Ideenwerk Videoschnipsel, in denen der Schweizer Soziologe und Globalisierungskritiker Jean Ziegler Sartre attestiert, ein Buch sei ihm für die Revolution so wichtig gewesen wie der Generalstreik. Dazu kommen mehrstimmige Gesänge und häufige Sprünge in den Film und wieder zurück. Doch sie bringen das Bühnengeschehen nicht weiter, erwecken nicht die Diskussionen zu Fleisch und Blut, werden zu nutzlosen Spielereien. Denn wenn die Charaktere per se immer weniger interessieren, kann auch eine Großaufnahme ihrer Gesichter nicht fesseln. Da ist es am Ende auch egal, dass Hugo sich erschiessen lässt. In Großaufnahme, natürlich.

 

Die schmutzigen Hände
von Jean-Paul Sartre
Regie: Stefan Pucher, Bühne: Barbara Ehnes, Kostüme: Marysol del Castillo, Musik: Christopher Uhe, Video: Meika Dresenkamp.
Mit: Robert Hunger-Bühler, Henrike Johanna Jörissen, Isabelle Menke, Johannes Sima, Milian Zerzawy, Jirka Zett.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.schauspielhaus.ch

 


Kritikenrundschau

"Dass da beim Publikum bisweilen die Aufmerksamkeit nachlässt, ist verständlich. Nicht alle, die ins Theater wollten, gehen auch gern in den Zoo", schreibt Alexandra Kedves in der Welt (15.5.2015, ebenso im Tages-Anzeiger und für Der Bund). "Aber man sollte dranbleiben: Denn gerade dadurch, dass Pucher seinen Sartre hübsch im Museum platziert, ermöglicht er ruhiges Nachdenken über Fragen, die – ohne verzweifelte Aktualisierung – auf einmal rasend aktuell erscheinen. Plötzlich erinnert man sich nicht nur an die alten Streitigkeiten zwischen grünen Realos und Fundis oder an den neuen radikal-islamischen Irrsinn, sondern auch an Joachim Gaucks Rede von letztem Jahr: Wer handelt, macht sich schuldig; wer nicht handelt, auch."

"Nichts ist, was es zu sein vorgibt", das sei das postideologische Prinzip dieser Inszenierung, schreibt Andreas Klaeui in der Neuen Zürcher Zeitung (15.5.2015). "Es ist das Verdienst von Stefan Puchers Regie, dass er Sartres dialektisches Wechselspiel ganz genau herausarbeitet, es aus zeitgenössischer Anschauung zu stützen versucht und ihm neugierig folgt, immer mit dem Blick auf Sartres finale These, dass der Mensch nichts ist, als was er aus sich macht; wie er sich entscheidet und wie er dafür die Verantwortung übernimmt." Doch bei all seiner "werkgetreuen Redlichkeit" kann der Abend den Kritiker in letzter Instanz nicht überzeugen: "Es bleibt aseptisch; der Politkampf aus einer fernen Zeit."

In der Inszenierung von Stefan Pucher sei das Stück nur noch Papier und Pose, schreibt Martin Halter in der FAZ (20.5.2015). Für Stefan Pucher seien die von Sartre skizzierten Kämpfe „von vorgestern“. „Hü oder hott, links oder rechts: Hauptsache, es ist ein Generationenkonflikt, verwendbar für einen zünftigen Pop-Remix.“ Pucher spare nicht an Zeitkolorit und schenkt sich bis auf einige revolutionäre Ermunterungen von Ziegler alle Zusätze, aber der Funke springe nicht über. „Die Schauspieler sagen artig und ironiefrei ihren Text auf, aber Sätze wie 'Für eine Intellektuelle spielt Liebe keine große Rolle' oder 'Die Partei verlässt man mit den Füßen nach vorn' sind doch, ähnlich wie Jirka Zetts Thälmann-Lederjacke, eine Nummer zu groß für sie.“