Das macht man einfach nicht

von Christian Rakow

Berlin, 16. Mai 2015. Nein, das macht man nicht. Stellen Sie sich vor, die weltgrößte lebende Dramatikerin, also Yasmina Reza, bietet Ihnen an, ein Stück zu schreiben, exklusiv für Ihr Haus, also die Berliner Schaubühne. Und Sie empfangen das Ergebnis, "Bella Figura" betitelt: Ein Pärchen trifft sich zum Seitensprung. Sie, Andrea, ist alleinerziehende Apotheken-Assistentin mit leichter Tablettensucht und etwas Maßlosigkeit, sobald der Champagner perlt; und er, Boris, müsste eigentlich gegen den nahenden Bankrott seiner Glaser-Firma ankämpfen, aber bitte, ein One-Night-Stand, wenn die Ehefrau verreist ist, darf schon noch drin sein. Leider rasseln die Zwei just bei dem Restaurant, in dem sie sich anwärmen wollen, in die beste Freundin von Boris' Ehefrau (Françoise) samt Mann (Eric) und dessen muttersöhnchenzart verhätschelter Mama (Yvonne).

Blättern, zunehmend panisch

Und ja, denken Sie, das passt, das wird was, Hand drauf, eine echte Reza! Die Ätzbilderbuchmenschen in gehobenen Besitzverhältnissen werden sich aufs Kurioseste ausbremsen, bald lässt Reza die Fetzen fliegen, vielleicht kotzt sogar noch jemand auf Kunstbücher (siehe "Gott des Gemetzels") und zum trauten Stelldichein von Andrea und Boris kommt's garantiert nicht.

Aber dann lesen Sie und blättern, zunehmend panisch, und suchen 89 Seiten lang krampfhaft, wo all die bewährten Zutaten für die Reza-Rezeptur sind: das Pingpong der Frechheiten, die Bonmots im Sekundentakt, die zielsichere Eskalationsdramaturgie mit routinierten Tempowechseln, der hauchzarte Subtext und die Feinunzen an Tiefsinn (na, letztere werden Sie von Reza womöglich nicht ganz so verzweifelt erwartet haben). Aber nun? Werden Sie das Stück zurückgeben und dankend ablehnen? Nein, das macht man nicht.

Bellafigura1 560 Arno Declair uA hundred broken dreams: "Bella Figura", von links: Renato Schuch, Lore Stefanek, Nina Hoss,
Mark Waschke, Stephanie Eidt.   © Arno Declair

Und denken Sie weiter, dass Sie eine Schauspielgarde haben, die auf psychologisches Feintuning geeicht ist, mit der Nahkampfvirtuosin Nina Hoss als Andrea, mit Mark Waschke (Boris), Stephanie Eidt (Françoise), Renato Schuch (Eric) und mit der wunderbar widerständigen Lore Stefanek als leicht dementer, alterskomischer Yvonne. Werden Sie sagen: Leute, mittlere Zimmertemperatur, gedrosselte Geschwindigkeit, ausgekostete Stille, das geht dieses Mal alles nicht. Wir brauchen kiloweise Selbstironie, rasenden Irrwitz, wir brauchen große Zündhölzer! Werden Sie umschwenken und 89 Seiten Papierbürgerspiele in loderndes Feuer verwandeln? Nein, das macht man nicht.

Und werden Sie, wenn in der Generalprobe sich der ganze Abgrund auftut und sich 105 Minuten wie ein Gang durch die Wüste bei schwindendem Wasservorrat anfühlen, werden Sie dann die letzte Reißleine ziehen und sagen: Kommt Leute, lasst uns morgen "Stück Plastik" von Marius von Mayenburg zeigen, weil es erstklassiger Boulevard ist und obendrein im Geiste des Yasmina-Reza-Klassikers "Kunst" (1994)? Nein, das macht man nicht. Das schon gar nicht.

Beim Mückenspray mythisch ums Herz

Vielleicht war es genau so oder ganz anders, und Thomas Ostermeier, Chef der Schaubühne und Regisseur des Abends, ist entweder sehenden Auges oder geblendet vom Glanz des großen Coups in diese Uraufführung geschlittert. Er stellt einen Peugeot-Kleinwagen statt einer zu erwartenden De-Luxe-Karosse auf die Bühne (womöglich um die knallharte Einhegung der Klassen bei Reza zu kontrastieren, wo der gehobene Mittelstand erwartungsgemäß dekadent Meeresfrüchte schlürft und die einkommensschwächste Figur stets die ordinärsten, aber irgendwie aufrichtigsten Auftritte abkriegt). Er spielt Videos mit krabbelnden Insekten ein und lässt Dramaturg Florian Borchmeyer ein Programmheft zusammenstellen, in dem es von bedeutungsvollen Verweisen wimmelt: auf die Frösche in Ovids "Metamorphosen" (alias die lykischen Bauern, die der Göttin das Trinken aus dem See weigerten) und die Mücken, die die Feiglinge in Dantes "Inferno" umschwirren. Drum möchte es einem mythisch ums Herz werden, wenn Andrea & Co., die anscheinend aus existenzieller Feigheit ihr Leben nicht in den Griff kriegen, unentwegt mit Mückenspray hantieren oder das Froschquaken am Teich registrieren.

Aber es hilft alles nichts. Jegliche Verwandlung bleibt aus. Bald schon klingen die Sätze, als seien sie nicht über die Welt der Figuren, sondern über diesen Abend selbst gefällt: "Freunde, ich habe das Gefühl, dass wir uns auf einem Unglückspfad befinden. Und kurz davor sind, uns lächerlich zu machen." Aber Umkehr auf dem Unglückspfad war keine Option. Es galt, eine gute Figur zu machen, eine "Bella Figura". Alles andere macht man einfach nicht.

 

Bella Figura
von Yasmina Reza, aus dem Französischen von Thomas Ostermeier und Florian Borchmeyer
Uraufführung
Regie: Thomas Ostermeier, Bühne: Jan Pappelbaum, Kostüme: Florence von Gerkan, Musik: Malte Beckenbach, Video: Guillaume Cailleau, Benjamin Krieg, Dramaturgie: Florian Borchmeyer, Licht: Marie-Christine Soma.
Mit: Nina Hoss, Mark Waschke, Stephanie Eidt, Renato Schuch, Lore Stefanek.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.schaubuehne.de

 

Kritikenrundschau

André Mumot schreibt auf der Website von Deutschlandradio Kultur (16.5.2015), das Stück biete nur wenig Anlass für "irgendwelche Inszenierungseinfälle". Es sei "haargenau das, was man von der Erfolgsautorin kennt". Ostermeier koche die Szenen als "ausgebremste Boulevardkomödie" auf "grüblerischer Sparflamme", um eine "gewisse Ernsthaftigkeit unterzuschieben". Dabei helfe die "wie immer überaus unterkühlt agierende Nina Hoss". Sie entwickele ein "fein ziseliertes Naturalismus-Spiel, das stets so wirkt, als stünde die Kamera bereit" für die nächste Großaufnahme. Das Ganze sei "exquisites Seidenblusentheater", das sich gegen Ende in "hitzige Momente fleischlicher Verzweiflung" hineinsteigere, dann aber "doch vor der eigenen Bedeutungslosigkeit kapituliert".

Peter von Becker schreibt im Berliner Tagesspiegel (18.5.2015): "Mit nur ein paar Strichen ... eine dramatische Situation zu schaffen", sei Yasmina Rezas Kunst. Nach einer Viertelstunde lägen alle Karten auf dem Tisch. Der Witz sei wie die "Weltkomödienautorin" sie immer wieder neu mischt. Was sich zwischen den Figuren von Nina Hoss und Mark Waschke abspiele, sei ein "mal jäher, mal zäher Clash der männlich-weiblichen Zivilisationen", sei "Beziehungskistenboulevard und Menschheitssdrama in einem". Besonders bemerkenswert findet von Becker den Satz der Andrea: "Ich wäre nie auf die Idee gekommen, Unterwäsche zu tragen, die nicht zu eng ist." von Becker: "Nur ein Satz. Aber wie zugleich würdig und demoliert, wie selbsterkennend und doch fast beiläufig ihn Nina Hoss spricht, erzählt er ein Stück Kultur- und Gendergeschichte." Nina Hoss spiele diesen Abend "– sensationell". Manchmal sei es "nur ein Blick, ein Mundwinkelzucken, eine winzige Senkung der Stimme oder ein spitzer Wortpfeil, manchmal wirkt ihr Gesicht auch wie entleert, aber nicht nur als hübsch verrätselte Projektionsfläche, sondern immer weiter die Figur erzählend: ohne sie bloßzustellen, zu kommentieren oder virtuoseneitel zu überspielen." Eine" im heutigen Theaterbetrieb nur noch selten zu erlebende Präsenz".

Man muss allerdings konstatieren, dass die Kolleginnen das alles nicht so mitbekommen haben. Weder die "selten zu erlebende Präsenz", noch die Sache mit der zu engen Unterwäsche als "Kulturgeschichte". Immerhin, Christine Dössel berichtet in der Süddeutschen Zeitung (18.5.2015) von der "erlesenen" Ausstattung, die Handtaschen seien "echte Must-haves und die Schuhe ein Traum". Allerdings mache das Stück im Vergleich zu Rezas früheren Stücken keine "so gute Figur". Es handele sich in Wirklichlkeit um einen "schwachen Reza-Text". "Die Figuren darin sind müde, aber das ist nicht das Problem, müde sind wir alle." Ihre Sprache sei "matt, biss- und glanzlos", alles auf "gehobenem Mittelschichtsniveau", "entsetzlich normal. Banal." Ostermeier inszeniere "entschieden zu kopfschmerzrealistisch", Lore Stefanek spiele mit "viel Golden-Girl-Charme", Mark Waschke und Nina Hoss blieben "seltsam eindimensional". Er breitbeinig kläglich, sie erzeuge mit dem "fantastisch abgründigen Nina-Hoss-Stier-Blick" schwarze Löcher

Ulrich Seidler schreibt in der Berliner Zeitung (18.5.2015), wer Gefallen an den Rezaschen Dialog-Gefechten und "tiefsinngesprenkelten Konfliktentladungen" in ihren früheren Stücken fand, bleibe angesichts der hier "notdürftig vom Zufall arrangierten" ratlos. Ostermeiers "inszenatorischer Zugriff" sei "so fest, elegant und sicher wie der eines kompetenten Sachbearbeiters zum vorgeschriebenen Stempel". Er drücke ein bisschen auf "die entsprechenden Tuben (Spaß, Ekel, Moral, Senf) und vertraut auf die unkritische Genussbereitschaft seines Publikums". Zwar bereite es durchaus Genuss den SchauspielerInnen zuzuschauen, insbesondere Nina Hoss -"unermesslich ist ihr Reichtum an mimischen Derangiertheiten" – und Lore Stefanek. Allerdings handele es sich um "leere Charaktere in seelenlosen Zusammenhängen". Was sicherlich als Gesellschaftskritik gemeint sei.

Gerhard Stadelmaier, einer der eingeschworensten und unbeirrbarsten Anhänger der Yasmina Reza, glaubt nach wie vor, sie sei die "witzigste Paar-Dramatikerin, die wir haben".  Aber er tut sich schwer. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (18.5.2015) bemüht er ein bemühtes "Schäferstundenglas", das die Liebenden trügen, und "durch das der Sand der Zeit und der Vergänglichkeit ihrer Liebe und ihrer Lust rieselt. Und naturgemäß rieselt der Tod mit." Thomas Ostermeier treibe den Tanz ums Stundenglas "etwas befremdlich ins Monströse", wenn er über eine riesige Videowand im Bühnenhintergrund "allerlei groß gezoomtes Insekten- und Amphibien-Getier" krabbeln lasse, "mit kleinen mitleidlosen Augen und fühllosen Fühlern versehen". Dieser "Symbol-Überwältigungskitsch" würde durch Nina Hoss "triumphierend konterkariert". Eine "Monster-Lady", "kalt bis in die Herzwurzel". Aber "abgrundverzweifelt bis in die Seelenspitzen", mit Mark Waschkes in "cholerisch-wurstiger Gefühlsmühewaltung als Beifahrer auf der Peinlichkeitsachterbahn". Waschke und "die Hoss" brächten es bis zum "absoluten Verzweiflungsclinch": Die Hölle sind wir selbst und alles in einer Sprache "eleganter Beiläufigkeit, die das Wichtige und Tiefe an der Oberfläche unterbringt".

Dirk Pilz schreibt in der Neuen Zürcher Zeitung (18.5.2015): "Bella Figura" kenne bloß "Figuren, die bereits mit dem ersten Satz abgehakt sind." Alle hätten "ihre Sehnsüchte an kurzfristige Glücksversprechen verschleudert". So viel "Aussichtslosigkeit", so wenig "Witz und Garstigkeit" sei bei Reza noch nie gewesen. Ostermeier lasse seine Darsteller "bald flockige Komödie, bald Seelenabsturzdrama" spielen. Sie wirkten, als seien sie "die Angestellten ihrer Figuren". Ein Abend "gänzlich auf Wirkung bedacht". Nina Hoss dabei die Meisterin: "Sie spielt ihre Figur nicht, sie kontrolliert sie, immer darauf bedacht, ... eine gute Figur im falschen Stück zu machen". - "Womöglich soll das die Pointe der Regie sein: Nicht Menschen, sondern biologische Maschinen treten auf. Passend dazu die Insektenvideos auf der Leinwand im Hintergrund."

Tilmann Krause schreibt auf Welt Online (17.5.2015): Diese "unbeträchtliche Bagatelle" gehöre nicht in die Schaubühne, einzig ein beherzter Griff in "die Trickkiste des Boulevardtheaters" hätte das Stück interessant machen können. Nina Hoss in "der Rolle der Verzweifelten", die "den Leuten die bitteren Wahrheiten an den Kopf wirft", mache ihre Sache "eigentlich ganz gut". Eine "gemäßigt zickige Nervensäge mit heimlicher Sehnsucht nach Idylle". Mark Wasche manövriere seine Stimme in Höhenlagen, die der "konfusen Rede seiner Figur etwas zeternd Kindliches" verleihen. Auch Stephanie Eidt als "Moraltrompeterin" und Renato Schuch rissen sich ein Bein aus, "um dem lahmen Stück aufzuhelfen". Der Regisseur versuche es mit "Bedeutungshuberei". Doch wer das "Drama der Durchschnittlichen" gestalten wolle, dürfe das "nicht mit Durchschnittsmitteln tun". Einfach "alles nur so dahindümpeln zu lassen", stelle keine Lösung dar.

Wolfgang Höbel schreibt auf Spiegel Online (18.5.2015): "Es war, als hätte man den Gästen einer heiß erwarteten Party Champagner versprochen und dann lieber doch nur blubberfreies Vichy-Wasser serviert." "Bella Figura" sei "Boulevardhandwerk in Zeiten von Scheidungsrekorden und Alzheimerei". Aber es walze nur eine "einzige Situation" aus. Ostermeier versuche dem "Stillstand mit Slapstick und Bedeutungshuberei beizukommen". Doch mehr und mehr werde der Abend "Solonummer für Nina Hoss", die das Drama der ewigen Geliebten "mit großer Bravour und einiger Tapferkeit auszufüllen versucht". Gegen "die Erkenntnis", dass an diesem Theaterabend "etwas total Unerhebliches verhandelt" werde, sei aber auch "alle Hoss-Virtuosität machtlos".

"Ostermeiers Regie hat etwas beruhigend Tech­nisches, ja Vorhersehbares," schreibt Peter Kümmel in der Wochenzeitung Die Zeit (21.5. 2015). "Der handwerkliche Glanz von Stück und Auf­führung macht indessen beide zu Produkten des großen 'Immer so weiter' – der Abend ist sehr einverstanden mit dem Unglück, das er verhan­delt. Was sah man? Einen Splitter von der Apo­kalypse, eine Parkplatzuniversalkatastrophe. Das funktioniert wunderbar auf der Bühne, es funk­tioniert verräterisch perfekt. Man muss sogar sa­gen: Es flutscht."

 

 
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