Die Melancholie des Unzulänglichen

von Claude Bühler

Basel, 17. Mai 2015. Gerade eben verklang hier Mahlers "Ich bin der Welt abhanden gekommen". In den Spiegel sang die Mezzosopranistin Anne Sofie von Otter Rückerts Zeilen des Rückzugs von der Welt, inmitten ihrer Bartresen, die nun wirken wie eine Burg. An den Hockern, die auf der Drehbühne die Bar endlos umkreisten, lagen und hingen die Hosen, Jacketts, Hemden jener Herren, die eben noch den mondänen Raum bevölkerten, mit ihren Geschichten anfüllten. Leger aber kunstvoll drapiert, wirkten sie wie erstarrt in jener letzten Bewegung, die wir von Menschen in Erinnerung behalten, bevor sie verschwinden.

Wenn nun begeisterter Applaus mit Jubelrufen losbricht, so sicher aus Dankbarkeit für so klug durchdachte Sinnbilder, die hier ihr finales im Begriff "Verschwinden" finden, der die ganzen zwei Stunden durchwehte. Poetische Bilder, bei denen man gern verweilt, ihren Geschmack zu kosten. Hinreißend etwa jenes des Schattens an der Wand, den von Otter wirft, wenn sie auf der Bar wie auf dem Hochseil balanciert und dazu Erich Wolfgang Korngolds Lied "Versuchung" intoniert. Man fühlt sich in einen alten Schwarzweiß-Klassiker versetzt. Glasklar dieses, wenn drei Männer auf ihren Barhockern wie Kandidaten um von Otter kreisen, während sie im heiteren Chanson "Le Tourbillon" von einer On-Off-Liebschaft berichtet. Die Komik des Bildes hätte auch einem Tati oder dem späten Buñuel einfallen können. Ob es der 63-jährige Christoph Marthaler gewollt hat oder nicht, sein Liederabend über das Verschwinden besingt auch das Zu-Ende-Gehen einer romantischen Erotik und Kunstauffassung.

Das Unzulängliche, hier wird's Ereignis

Allein das Interieur: Solche Hotelbars mit hohen, dunklen Kassettendecken, schweren, knarrenden Ledersesseln auf grünem Teppich, mit Klavier, Harmonium und elektrischem Kaminfeuer werden heutzutage hierzulande nicht mehr gebaut. In solch kühler Sphäre prätentiöser Teppich-Gutbürgereleganz wirkt der geschliffene Zank zweier ehemals Verliebter, die sich zufälligerweise – beide in den Flitterwochen – treffen, sehr delikat, weil die benimmgeschulten Leute Form bewahren, auch wenn sie Gift verspritzen. Überschäumend ist die Energie, wenn Graham F. Valentine das Wort "ecstatically" ausspuckt, um sein neues Liebesglück zu beschreiben.isolde1 560 SimonHallstroem uBrunftschreie vor Hotelbar: Graham F. Valentine, Ueli Jäggi, Raphael Clamer, Anne Sofie von Otter.
© Simon Hallström

Verweilen will man nicht nur, weil die Bilder alle so rein schön wären, da hat Marthaler mit seinen üblichen Gags für Brüche gesorgt, aber weil sie immer wieder von Schönheit, sogar Erhabenheit künden. Etwa, wenn Ueli Jäggi das Schubertlied "Dass sie hier gewesen" mit seiner Schauspielerstimme anstimmt: Wir hören nicht die höchste Ausformung, aber wir fühlen was gemeint ist und erleben zugleich die Melancholie des Unzulänglichen. Den Liebestod aus dem "Tristan" wagt das Ensemble noch zu summen, oder es bricht aus ins Hundeheulen vor dem Mond. Noch träumt man vom Traum, aber er ist weit weg gerückt. Isoldes Abendbrot, das sind die Erinnerungen.

Zum Raum wird hier die Zeit

Sie, in der Rolle der Barkellnerin, erinnert sich geformt in Liedern, nimmt die Gäste kaum zur Kenntnis. Seelisch weniger kultiviert sind die Herren, die ihr etwa mit Brunftrufen zur Bar folgen, ihr mit allerlei Verrenkungen nachgucken. Raphael Clamer redet nur vom Geld, das ihn mit Liebe verbindet, Ueli Jäggi tischt ihr den mütterlichen Eintopf auf, der das größte kulinarische Ereignis seines Lebens geblieben sei. Alle sind sie bereit, Isoldes roten Trunk zu kosten, den sie lächelnd in blauen Handschuhen serviert, der hier aber nicht wie in der Wagner-Oper zur Liebe führt sondern den Tod bringt. Der verblüffende Todessturz Clamers ist in Worten kaum wiederzugeben.

Geblieben ist diese Liebe zum Detail, zur Ausformung. Auch wenn Marthaler 28 Lieder in zwei Stunden aneinanderreiht: keine szenische Handlung wird zum bloßen Übergang degradiert. Alles hat Zeit und Raum. Das Ensemble – eine Wohltat – wirkt so souverän, dass es bei aller Präzision in jeder Sekunde spontan wirkt. Die Atmosphäre des Bühnenbilds von Duri Bischoff hält, auch mit Hilfe eines etwas zu weißen Lichts, genau die Waage von nicht heruntergekommen, aber gebraucht.

Lizenz zum Sentiment

Gegenüber den letzten Schauspiel-Produktionen sind die Gags weniger geworden. Natürlich muss beim Öffnen des Zigarrenkastens eine männliche Lautsprecherstimme erklingen, und klar, dass sich das elektrische Kaminfeuer auf Knopfdruck nach hinten schwingen lässt, damit das Harmonium hervorkommen kann. Soviel Markenzeichen muss sein. Aber die Figuren etwa sind weniger Marthaler'sche Spielpuppen, mehr ungebrochenes Sentiment ist erlaubt. Der Meister des skurrilen Humors zeigt sich hier als einer, der die Menschen noch mehr liebt als sein sanft-spöttisches Bild von ihnen.

 

Isoldes Abendbrot
von Christoph Marthaler und Ensemble
Regie: Christoph Marthaler, Bühne: Duri Bischoff, Kostüme: Sara Kittelmann, Licht: Heidvoegelinlights, Dramaturgie: Malte Ubenauf.
Mit: Anne Sofie von Otter, Raphael Clamer, Bendix Dethleffsen, Ueli Jäggi, Graham F. Valentine.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.theater-basel.ch

 

Kritikenrundschau

Marthaler arbeite sich an Wagners Werk ab, "aber nicht so, wie man sich das vielleicht vorgestellt hatte", schreibt Egbert Thol in der Süddeutschen Zeitung (19.5.2015). Was anhebe, "ist vordergründig ein Liederabend, im Kern aber ist es das Weiterdenken einer Figur, die freiwillig in der Fremde lebt, die ihr altes Leben hinter sich gelassen hat". Es sei, als habe Isolde die "Tristan"-Oper überlebt, und arrangiere sich nun, erfüllt von Wehmut, Sehnsucht, aber auch vom Klang der sie nun neu umgebenden Welt, Im Zentrum Anne Sofie von Otter, "mal große Dame, mal Serviermädel, stets umweht von einem alten Glanz (...) Ihr Tun, und da wird es dann ganz privat, ist hier das eines Stars nach dem Ende seiner großer Zeit. Aber mit Stolz und ohne Weh."

"Melancholisch und elegisch, aber selbst für Marthaler-Verhältnisse zu leise und träge", schreibt Martin Halter in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (19.5.2015). Der Abend sei eine "Drehplatte voller Appetithäppchen und Naschereien, aber es macht nicht eben satt". Marthaler brauche die Stücke und Stoffe aus dem Kanon, um ihr bildungsbürgerliches Pathos in die Groteske zu treiben, "aber in Basel jetzt gibt es kaum Widerstand und nicht einmal den Hauch eines erzählerischen Fadens." Die Zahl der Gags und die Qualität der Slapsticknummern sei überschaubar: Die Herren reiben sich gut erzogen an ihren Unzulänglichkeiten, "qualmende Aschenbecher, Klistiere, sprechende Humidore und die raren Zwischentexte tragen auch nicht unbedingt zur Erhellung oder Erheiterung bei."

"Ein wohldurchdachtes Potpourri von E- und U-Musik über existenzielles Verschwinden und Neuanfang. Durchbrochen ist das alles von wohlvertraut marthalerschen Slapstick-Einlagen, damit wir ja nie ins Weihevolle absinken – und doch ins Sinnieren geraten", findet Alfred Schlienger in der NZZ (19.5.2015). Fazit: Das Melancholisch-Schwere bekomme ine seltsame Milde und Leichtigkeit. Und das Leichte ist wohl doch nicht ganz so leicht, wie es scheinen mag.

Liebestod - Abendbrot, "so skurril und aberwitzig wie die Kombination von großen Gefühlen und Alltäglichkeiten sind die unglaublich dichten, schillernden zwei Stunden dieser schnörkellos poetischen Abschiedssinfonie", so Cornelie Ueding in DLF Kultur heute (18.5.2015). Eine tiefgraue, todtraurige Geschichte, wenn das Ganze nicht so virtuos abgedreht, ungelenk arkobatisch wäre, "oszillierend zwischen tiefem Gefühlsausdruck und blökendem Gewieher", "eine Sternstunde des Theatererlebens, hochprofessionell und poetisch zugleich".

In der Welt schreibt Andreas Tobler (20.5.2015): Obwohl die Grundstimmung des Abends "ganz stark auf melancholisch" mache, lege Marthaler ein "humoristisches Veto" ein. Das erreichte "heitere Schweben" habe selbstverständlich mit dem "Talent für Slapstick" im fünfköpfigen Ensemble zu tun. Man werde "reichlich beschenkt mit schönen Theatererfindungen". Ein Abend, an dem man sich ganz dem "radikalen Situationismus des Theaters hingeben" könne. Verloren seien nur jene, die dem Ganzen einen Sinn abringen wollen.

 

 

 
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