Mitlieben, nicht mithassen

von Dorothea Marcus

Recklinghausen, 21. Mai 2015. Es dampft auf der Leinwand, windet aus der Maschine, pfeift kalt vom Band. Die apokalyptische Wüstenlandschaft des Videokünstlers Tal Yarden erstreckt sich vor uns und erinnert eisig daran, dass der Mensch immer nur Bruchteile von der Bestie entfernt und eigentlich unendlich einsam ist. Eine kreisrunde, in die Leinwand geschnittene Riesenöffnung ist eine orange glühende Sonne oder ein kalter Mond – Jan Versweyveld hat da ein grandioses, geradezu atemlos machendes Bühnenbild geschaffen. Die Kunst des niederländischen Starregisseurs und Leiters der Toneelgroep Ivo van Hove ist es, klassische Bühnentexte so zu kondensieren, dass die Grundkonflikte unverstellt aufeinanderstoßen – im Grunde macht er es ähnlich wie Michael Thalheimer, nur auf viel pathetisch-poetisch ungebrochenere Weise. 

Einen wichtigen Beitrag dazu leistet die klare, frische Antigone-Neuübersetzung von Anne Carson, die den Sophokles-Rhythmus wahrt und dennoch in heutige, wuchtig-lässige, konzentriert kurze Sätze bringt, die im Gedächtnis bleiben. "Du hast ein heißes Herz mit eisigen Dingen", sagt die zögernde Ismene (Kirsty Bushell) zu ihrer vor Entschlossenheit zitternden Schwester Antigone. Während die eine langhaarig blond in spießig-lieblichem rotem Rock und Bluse in Konventionen hängt, ist Antigone im schwarzen Unisex-Trauerlook still und durchlässig. Dass Juliette Binoche der große Hollywood-Star des Ensembles ist, fällt kaum auf, so kann sie sich zurücknehmen, zum Beispiel in der verzweifelten Umarmung ihrer Schwester Ismene gleich am Anfang. Sie sind die letzten, die sich geblieben sind, auch wenn sie noch so unterschiedlich sind.

Kreon für die Zivilisation

Nach der Luxemburg-Premiere im Théâtre de la ville im März 2015 wurde geschrieben, dass man der Französin Binoche im britischen Ensemble anmerke, dass sie die Antigone nicht in ihrer Muttersprache spielt – falls das so war, hat es sich bei der Deutschlandpremiere in Recklinghausen erledigt. Die 50-jährige mit dem blass schimmernden Mädchen-Gesicht verwandelt sich überzeugend und in perfektem Englisch zur wild Verzweifelten. Die Herzen fliegen ihr zu, wenn sie die lautlos hochgefahrene Bruder-Leiche zärtlich mit Weihrauch beschaukelt oder sich gekrümmt ihrer elenden Familiengeschichte stellt. Man spürt Binoche die Bauchschmerzen und einsame Wucht einer Schuld an, für die sie nichts kann. Wenn sie sich mit offenen Händen zum Publikum stellt, gibt sie gerade durch ihr Alter den menschlichen Argumenten der griechischen jungen Frau Gewicht und Tiefe: "Mitlieben, nicht mithassen ist mein Teil." Sie spielt das so ungefiltert pathetisch und dennoch natürlich, wie man es auf deutschen Bühnen kaum je sieht.

Antigone 560 JanVersweyveld uSchwesterliche Umarmung: Juliette Binoche und Kirsty Bushell © Jan Versweyveld

Und dann tritt zu dunklen Orgeltönen Kreon auf: Patrick O'Kane spielt die erstarrt vor eisgrauen Sofas und Regalen stehenden Hofmitglieder glatt an die Wand, so unterkühlt bedrohlich, so provokant langsam und lässig unterspannt geht er den Bürokratenkönig an. Kreon ist ja eigentlich unser Mann, der Mensch der demokratischen Moderne. Derjenige, der den dumpfen Götterglauben mit rationaler Gesetzgebung bändigen will. Die Leinwandbilder werden bei seinen Auftritten zu verschwommenen, in Zeitlupe hastenden Alltagsmenschen auf regennassen Straßen – Zivilisations-Tristesse deutet sich an; während hinter Antigone stets die einsamen Wüstenbilder mit dem kalten Himmelsgestirn stehen.

"I just don't know"

Es ist ein Kampf der Konzepte: Smarte Unerbittlichkeit gegen existentielle Verzweiflung des Menschseins auf verlorenem Posten. Ivo van Hove führt sämtliche Schauspieler zu jenem somnambulen Ernst, für den man sonst speziell niederländische Schauspieler bewundert. Auch die Briten im Ensemble beherrschen diese so absolut ironiefreie, ungebrochene Haltung: Obi Abili als aufrechter, lebensliebender Bote. Samuel Edward-Cook als moderater Sohn Haimon, der solidarisch zum Vater ist und sich schließlich, von dem Konflikt zerrissen, umbringt. Finbar Lynch als energischer Seher Teiresias, der den durchgedrehten Diktator zur letzten Umkehr bewegen will. Als es dann gelingt, ist es zu spät: Kreon verliert und krümmt sich nur noch auf dem Sofa.  

Wenn man dem Regisseur etwas zum Vorwurf machen könnte, dann, dass seine Parteinahme für Antigone übereindeutig ist. Die Emotionalen haben hier alle Argumente auf ihrer Seite – Prinzipienreiterei führt in die Krankheit der Moderne. Das Schlussbild ist eine nächtlich verlassene Wolkenkratzer-Stadt, "I just don't know", röhren Velvet Underground.

Antigone
von Sophokles
Übersetzung: Anne Carson
Regie: Ivo van Hove, Bühne und Licht: Jan Versweyveld, Kostüme: An d’Huys, Video: Tal Yarden, Dramaturgie: Peter van Kraaij, Musikalische Komposition: Daniel Freitag.
Mit: Obi Abili, Juliette Binoche, Kirsty Bushell, Samuel Edward-Cook, Finbar Lynch, Patrick O’Kane, Kathryn Pogson.
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, ohne Pause

www.ruhrfestspiele.de

 

Kritikenrundschau

"Sprachlich differenziert und aufs Wort gesetzt, enthält sich die passagenweise statuarische Inszenierung einer dezidierten Lesart: Wofür die Gegensätze, die mit Antigone und Kreon aufeinanderprallen, heute stehen, bleibt gefällig dahingestellt", schreibt Andreas Rossmann in der Frankfurter Allgemeinen (23.5.2015). Juliette Binoche sei als Antigone eine Frau, "souverän und entschieden, die keine Kompromisse macht, aber auch, auf Gegenwartsmaße gebracht, nicht über einen empathischen Gutmenschen hinausreicht." Patrick O'Kane als Kreon wirke da "fast interessanter, ein Manager der Macht, den gerade seine weiche Kontrolliertheit gefährlich wirken" lasse. "Über die Brüche und Zweifel der Figuren" spielten indes "beide hinweg, deren Extreme erfassen sie nicht."

Anne Carson habe "eine neue englische Übersetzung erarbeitet, die Sophokles' Text für die Gegensätze unserer Zeit aufschließt", meint Achim Lettmann im Westfälischen Anzeiger (23.5.2015). "Heute weniger staatstragend als zur Zeit griechischer Stadtstaaten" arbeite "die Inszenierung in Recklinghausen das Widersetzliche als das Wesentliche des Menschen heraus", Ivo van Hove gelinge es, "die Wucht der archaischen Konfliktstruktur als gegenwärtige Gefährdung spürbar zu machen." Juliette Binoche, die sehr "körperlich" spiele, sei dabei "der Fixstern auf der Bühne", und Patrick O'Kane gebe Kreon "jene zynische und selbstherrliche Attitüde, die im Wirtschaftsmanagment und der Finanzwelt zum Umgangston geworden ist."

Wolfgang Platzeck ist zwar auf dem Onlineportal Der Westen (23.5.2015) vom Äußeren Juliette Binoches sehr eingenommen (sie sehe "umwerfend aus"), doch stoße auch diese große Darstellerin, "wie das exzellente Ensemble, an Grenzen, die durch die Regie gesetzt werden." Wenn hier "die Darsteller dem eigenwillig modernen Text folgen müssen (...), erinnert das über weite Strecken an eine erste Leseprobe. Van Hove fährt Emotionen fast gen Null und reduziert damit den Konflikt zwischen obrigkeitlichem Ordnungsanspruch und sittlicher Verpflichtung auf eine Aktennotiz. Bleibt das Glücksgefühl, Juliette Binoche erlebt zu haben."

Juliette Binoche habe "ihre große Szene, wenn sie mit ihrem Schicksal hadert und die Götter anruft", meint Kai-Uwe Brinkmann in den Ruhr-Nachrichten (23.5.2015). Nominell sei sie "der Star der Koproduktion", doch mehr noch als Binoche drücke "Patrick O'Kane dem Stück seinen Stempel auf". O'Kane statte "seinen Kreon mit einer lauernden Bedrohlichkeit aus, die in Rage kippt, wenn er auf Widerspruch stößt." Der Inszenierung attestiert Brinkmann "viele gute Einfälle, stimmig und spannend."

 

 
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