Bring mir den Kopf von Frank Castorf!

von Petra Hallmayer

München, 22. Mai 2015. Es dauert nicht allzu lange, bis in Oliver Frljić' erster Inszenierung in München Schüsse knallen. Dabei führt diese nicht in den Balkankrieg, sondern in den deutschen Theaterbetrieb. Dort wird ein fiktives Alter Ego des Regisseurs (Franz Pätzold) von drei unerträglich arroganten, grässlich oberschlauen Herren (Leonard Hohm, Jörg Lichtenstein, Alfred Kleinheinz) engagiert, ehe die Szene in einem Blutbad explodiert, in eine Folge von Hinrichtungen mündet. Am Ende des einem Verhör gleichenden Vorstellungsgesprächs mäht der Bosnier das Herrentrio, das sich nacheinander Schilder mit den Namen deutscher Dichter und Denker und schließlich der Regiestars Frank Castorf, René Pollesch und Martin Kušej umhängt, nieder.

Mit einem starken Bild beginnt so ein Theaterabend, der wie ein gellender Aufschrei wirkt: Nein, ich will nicht eure Marionette sein! Was muss ich tun, um euch endlich aufzurütteln? Ursprünglich war "Balkan macht frei" als eine Performance zum Thema Migration angekündigt. Stattdessen setzt sich Frljić im Marstall nun mit seiner eigenen Rolle im westlichen Kulturbetrieb auseinander. Der in Kroatien lebende bosnische Regisseur ist es leid, als Vorzeige-Balkanese unseren Konflikt- und Gewalt-Voyeurismus zu bedienen, mag nicht mehr freundlich beklatscht werden. Er begehrt auf gegen die ihn erstickenden Umarmungen und klischeesatten Erwartungen, mit denen er jenseits seiner Heimat empfangen wird. "Das ist es doch, was ihr von einem Balkanregisseur sehen wollt!", schreit sein Bühnen-Ich höhnisch, das nach seinem Amoklauf die blutenden Leichen tätschelt.

"Ihr dreckigen Gaffer!"

Mit seinem Polittheater, das beharrlich an Wunden, verdrängte Kriegsverbrechen und verleugnete Schuld rührt, hat Oliver Frljić in den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens hasstrunkene Proteste und anhaltende Diskussionen ausgelöst. So heftige Reaktionen, solche gesellschaftspolitische Relevanz können Regiearbeiten im saturierten Westen nicht erreichen, dagegen nehmen sich dessen Theaterskandale wie harmlose Kindereien auf.Balkanmachtfrei 560 KonradFersterer uFranz Pätzold als Alter Ego des Regisseurs im Brautkleid © Konrad Fersterer

Frljić jedoch will uns partout aus unserem schlafmützigen Kulturkonsumismus herausreißen. In einer wilden Szenencollage versucht er, die deutsche Wohlfühlkultur zu zertrümmern. Bei Kerzenlicht entwirft eine fröhliche Tafelrunde rassistische Thesen über die Zukunft eines von Scharen von Türken bevölkerten Deutschland, bevor sie mit gefalteten Händen den 3. Artikel des Grundgesetzes nachbetet. In einem "Wutmonolog" klagt der Bosnier unsere selbstzufriedene Toleranz, unsere Fernsehsessel-Ruhe und emotionale Schlaffheit an. Vor den Zuschauerreihen auf- und abtigernd steigert sich sein Alter Ego in eine Brüllorgie, tobt und geifert, beschimpft uns als "verwöhnte Westler" und "dreckige Gaffer".

Die Selbstauslöschung des Regisseurs

Franz Pätzold macht das toll, allein, wenn er bellt, dass die SS-Offiziere wenigstens eine Haltung gehabt hätten und auch einige von uns vergast gehörten, ist das nur peinlich und daneben. Mit immer wüsteren Schmähungen sucht er die Zuschauer aus der Reserve zu locken. Drei von ihnen verlassen enerviert den Saal, der Rest verharrt schweigend auf seinen Plätzen. Dafür kommt es zu entschlossenen Reaktionen bei der sich anschließenden Folterszene, in der der japsend nach Luft ringende Pätzold so lange mit Wasser übergossen wird, bis einige Zuschauerinnen auf die Bühne marschieren und den Eimer und die Schüsseln davontragen.

Wirklich unter die Haut jedoch geht das alles nicht. Immer wieder läuft Frljić' Provokationstheater ins Leere, wirkt bloß traurig hilflos, als würde er mit beiden Fäusten auf watteweiche Wände einschlagen. Dabei versteht man seine verzweifelte Wut, die einen tatsächlich weit mehr berührt als die knalligen verbalen Peitschenhiebe und ätzenden Zynismen. Nach einem eingeflochtenen Gespräch eines Enkels mit seinem im KZ ermordeten Großvater, das völlig deplatziert anmutet, schlüpft Pätzold in ein Brautkleid, beugt sich als besiegte Germania über den Tisch und lässt sich "willenlos, feige" von vorn und hinten durchficken. Im Schlussbild senkt sich eine riesige Deutschlandfahne auf ihn herab, die ihn unter sich begräbt und von der umhüllt er hinausgetragen wird. Als Finale inszeniert Oliver Frljić seine eigene Auslöschung, ein Bekenntnis seiner Ohnmacht. Aus dem Käfig, an dessen Stäben er so zornig rüttelt, das weiß er wohl, gibt es letztlich kein Entrinnen. Am Ende applaudieren alle freundlich.

 

Balkan macht frei
von Oliver Frljić
Regie, Bühne, Musik: Oliver Frljić, Kostüme: Katja Kirn, Licht: Barbara Westernach, Dramaturgie und Übersetzung: Marija Karaklajić, Götz Leineweber.
Mit: Leonard Hohm, Alfred Kleinheinz, Jörg Lichtenstein, Franz Pätzold.
Spieldauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.residenztheater.de

 

Kritikenrundschau

Eine "Zumutung", findet Rosemarie Bölts im Deutschlandfunk (23.5.2015). Und zwar eine produktive: "Das tat richtig weh. Wie angekündigt: mit Gewalt provoziert. Was daran noch Theater ist? Genau das. Politisches Theater."

"Pätzold ist kein Darsteller, er ist das Ereignis einer Uraufführung, die mit einem Einbürgerungstest für den renitent slawischen Theatermacher beginnt", schreibt Jürgen Berger auf Spiegel online (25.5.2015). An Pätzold werde ein reales Waterborading exekutiert. "Die Zuschauer bleiben aber lange regungslos sitzen. Irgendwann stehen einige dann doch auf, greifen ein und entreißen denen da vorne die Folter-Werkzeuge." Man meint zu verstehen, dass der Regisseur des Abends auch deshalb so unbarmherzig sein wolle, weil es ihm ganz nebenbei um einen Kommentar zur unbarmherzigen Haltung des reichen Mitteleuropa angesichts der Flüchtlingstragödie im Mittelmeer gehe. Oliver Frljics Theater könne selbstverliebt tragisch und sentimental kitschig sein, "an diesem Abend hat er vor allem aber richtige Fragen gestellt und sich derart entblößt, wie man es im deutschen Theater selten erlebt".

Einen "wuchtigen und verstörenden Clash mit dem Deutschen an sich" hat Cornelia Fiedler erlebt, wie sie in der Süddeutschen Zeitung (26.5.2015) schreibt. "Was wir sehen ist ein Kampf mit europäischen Traumata made in Germany." Übergangslos gerate Pätzold als Frljićs Traum-Ich in immer neue Rollen, stürze aus einer fiebrigen Realfantasie in die nächste. Immer wieder führe Frljić das Geschehen auf sehr grundlegende, notwendig quälende Fragen zurück. "Zum Beispiel die, wie es möglich sein kann, dass unsere Gesellschaft aus den – großteils ungesühnten – Verbrechen im Nationalsozialismus allen Ernstes eine moralische Überlegenheit für das Heute ableitet. Das verleiht dem nur vordergründig hilflos wirkenden Wüten auf der Bühne eine beeindruckende Schlagkraft."

Im Münchner Merkur (26.5.2015) geht Alexander Altmann auf die vielen Irritationen ein, zum Beispiel auf den vorgespielten Antisemitismus: "Kaum anzunehmen, dass das so gemeint ist, obwohl es so klingt. Natürlich wird hier nur eine Attitüde ausgestellt und bewusst mit dem Tabubruch gezündelt wie mit den Büchern, die in Anlehnung an die Bücherverbrennung auf einem Metalltablett kokeln. Aber ganz sicher ist man sich nicht, und genau auf diese Irritation setzt Frljićs Performance, die dezidiert die Grenzen zwischen Fiktion und Authentizität verwischt." Allerdings gehe der Versuch, die Zuschauer aufzustören, indem man die Realität als Super-Effekt ins Theater hole, "sich selbst auf den Leim: Wenn der Balkanregisseur die saturierten Westler mit der Wirklichkeit erschreckt, bestätigt er die Klischee-Muster, die er eigentlich zertrümmern wollte."

"Trotz aller Unzulänglichkeiten und Ungereimtheiten" sei diese Inszenierung "eines der wichtigen Ereignisse der Theatersaison", urteilt Mathias Hejny in der Münchner Abendzeitung (25.5.2015). Oliver Frljić "treibt das Theater tief in den Grenzbereich des Darstellbaren. In einer grandios wütenden Publikumsbeschimpfung lässt Pätzold die üblichen Stereotypen über die Saturiertheit der Westeuropäer durcheinander purzeln"; auch bediene Frljić das Klischee des "Balkanregisseurs" an diesem Abend "bestens".

 

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