Uiuiui, der traut sich was

von André Mumot

Berlin, 27. Mai 2015. Man hat es ja schon bekanntgegeben. Im Voraus. Damit bloß keiner überrascht ist, wenn's bei Johann Kresniks erster Berliner Anarchosause seit seiner Villa Verdi von 2013 ordentlich zur Sache geht und man womöglich doch mal weggucken muss. "Die Vorstellung ist für Zuschauer unter 18 Jahren nicht geeignet", hat die Volksbühne wissen lassen. Also wundert man sich nicht, fragt sich höchstens nach einer Weile, ob diese Vorstellung überhaupt für Zuschauer geeignet ist und wenn ja, für welche. Für solche, die sich gern ins Fäustchen lachen und "Höhöhö, das ist jetzt aber ganz schön gewagt" sagen vielleicht. Oder für solche, die sich mit Freuden schockieren lassen und anschließend feststellen, dass sie dringend ihr vom "Konsumfaschismus" korrumpiertes Leben über den Haufen werfen und vielleicht lieber was mit Tanz machen sollten.

Als man dann aber den Jesus am Kreuz reinträgt und ihm der falsche Pimmel abgeschnitten wird, als ihm ein bisschen Kunstblut runterrinnt am weißen Lendenschurz und die Folterer sich die Stückchen genüsslich in den Mund schieben, da geht ein erstes kopfschüttelndes Auflachen durch die Reihen. Weil diese Szene nicht im geringsten schockierend, sondern schlicht albern ist und aus dem tiefsten Winkel des allerverstaubtesten Bürgerschrecktheaters rausgekramt wurde. Genauso wie sämtliche Gummidildos, mit denen an diesem Abend gewedelt und vergewaltigt wird. Auch künstlicher Urin schießt aus den biegsamen Dingern, sodass der Abgeordnete, der Richter, der Bankier, der Bischof und der Offizier die arme Sopranistin (Sarah Behrendt) kompetent anpinkeln können, während sie tapfer versucht, ein Lied zu singen.

Hamburger auf nackter Haut

Der alte Haudegen unter den Querulanten-Choreografen hat Pasolinis de-Sade-Bearbeitung der "120 Tage von Sodom" aus dem faschistischen Kriegsitalien in unsere Gegenwart versetzt, in der die Menschheit von den Bösewichtern des Kapitalismus gegängelt wird. Um das zu versinnbildlichen, hat Hyperrealist Gottfried Helnwein seinem langjährigen künstlerischen Weggefährten Kresnik einen Bühnenraum gebaut, der mit Abstand das Beeindruckendste an der ganzen Arbeit ist: eine gigantische Regalrückwand, bestückt mit einem endlosen Vorrat gängiger Produkte, Dosen, Flaschen, Paketen, bunt beschriftet mit Markennamen wie "Prozac", "Ritalin", "Goldman Sachs" oder "Drones".

Vor dieser einschüchternden Kulisse quält sich ein mit Kot und Blut besudeltes Tanzensemble in bisweilen erstaunlich konventionellen Ausdruckschoreografien, würgt und leidet und lässt sich von den dekadenten Libertins befingern, beißen, abknallen, vor allem aber mit jeder Menge Dirty Talk anplärren. Von Kopf bis Fuß schwarz bemalte nackte "Schergen" (ach je!) tragen die Opfer der Orgien rein und raus, und zwischen ihnen stolziert, ohne mit der Wimper zu zucken, eine hoheitsvolle Ilse Ritter und spricht die kapitalismuskritischen Phrasen aus Christoph Klimkes sogenanntem "Libretto" mit bewundernswerter Überzeugtheit. Doch was soll das retten, wenn die wollüstigen Quäler im nächsten Moment eine nackte Frau vor sich aufbahren, die garniert ist mit allerlei Hamburgern, die die Herren dann gierig verschlingen? Was angeblich kritisiert werden soll, wird ungebrochen wiederholt, sodass die ausgestellte Geilheit sich zugleich als Symptom einer notgeilen, geistig erschreckend stumpfen Inszenierung offenbart.

120 Tage 560 Thomas Aurin hIm Hintergrund werden Hamburger von nackter Haut geklaubt, im Vordergrund stricken Inka Löwendorf und Ilse Ritter an US- und Deutschland-Flaggen – im Konsumfaschismus-Bühnenbild von Gottfried Helnwein. © Thomas Aurin

Es wäre in jedem Fall ärgerlich, umso ärgerlicher aber ist diese künstlerische Unartikuliertheit, da sie sich an einem Film orientiert, der bis heute kaum auszuhalten ist in seiner kalten, abstoßenden und zugleich formvollendet disziplinierten Trostlosigkeit. Die Lust am Quälen, die Lust an der Vergewaltigung und am Töten schildert Pasolini 1975 noch in traumatisierender Sachlichkeit als fortdauernden Teil menschlicher Existenz und schlägt auf implizite Weise den Bogen vom biblischen Sodom, übers Ancien Régime bis in den Faschismus und die Gegenwart der 70er Jahre. Doch wo der Filmemacher jede Ablenkungsmöglichkeit, jede dramaturgische Entlastung verwehrt, setzt Kresnik auf willkürliche Pauschal-Randale.

"Heute ist die Politik ein einziger Supermarkt"

Auch bei ihm kann einem bisweilen übel werden, wenn die von den Autoritäten gefangenen Tänzerinnen und Tänzer mit frisch geschissenen (Fake-)Exkrementen gefüttert werden. Doch dann äußern die Sadisten auch schon wieder unsäglich schlichte Plattheiten wie: "Heute ist die Politik ein einziger Supermarkt" oder "So haben wir sie erzogen: Nichts im Kopf außer Geld, fressen, vögeln und Facebook". Oder "Wir Politiker würden gerne Leichen schänden".

Ein kleines, bandagiertes Mädchen (scheinbar direkt einem von Helnweins charakteristischen Kinder-Gemälden entsprungen) singt "Die Gedanken sind frei", Sarah Behrendt trägt zwischendurch auch mal eine Burka, und die Herren schneiden einer Schwangeren eine blutüberströmte Babypuppe aus dem Bauch, die sie erst zerhacken und dann auf einem echten Grill braten und – natürlich – verspeisen. Drittklassige, unfreiwillig komische Splatterelemente, die das genaue Gegenteil bewirken von Pasolinis gnadenlos nüchterner Körperlichkeit: Hier ist alles Peinlichkeit und Popanz, schrilles, pubertäres Rumgezetere, auf das man blickt wie durch einen Zeittunnel. Ja, es gab wohl mal eine Epoche (mehrere Jahrzehnte ist es her), in der solch ein Attitüdentheater tatsächlich angebracht und befreiend war. Heute, wo Blutrünstigkeiten aller Art (reale und fiktive) unentwegt zugänglich, wo Abstumpfung und Reizüberflutung an der Tagesordnung sind, wirkt diese Sex- und Gewalt-Exploitation jedoch auf geradezu erbärmliche Weise hilflos und unangemessen.

Dabei genügt ein Blick auf die Fotos der grinsenden, folternden Soldaten, die in Abu-Ghraib entstanden sind, um festzustellen, dass Pasolinis Fiktionen von der Realität immer wieder perfekt imitiert werden, dass sie bleibender Teil unseres Alltags sind. Bei Kresnik aber verkommen alle Bezüge bloß zur zynischen, gedanklich ungeordneten Effekthascherei. Was eine Verstörung sein könnte, vielleicht sogar eine Tortur, ist am Ende eben doch nicht mehr als ein frech versauter Altherrenwitz. "Uiuiui, der traut sich was", denkt dann wohl der eine oder die andere. Und klatscht. Und jubelt. Und freut sich, dass es ja doch gar nicht so eklig war in Sodom. Und eigentlich ganz lustig.

 

Die 120 Tage von Sodom
nach Marquis de Sade und Pier Paolo Pasolini
Regie: Johann Kresnik, Libretto: Christoph Klimke, Bühne und Kostüm: Gottfried Helnwein, Musik: Ali Helnwein, Choreografie: Ismael Ivo, Johann Kresnik, Licht: Torsten König, Dramaturgie: Sabine Zielke, Christoph Klimke.
Mit: Sarah Behrendt, Hannes Fischer, Inka Löwendorf, Roland Renner, Ilse Ritter, Enrico Spohn, Helmut Zhuber, Juan Corres Benito, Andrew Pan, Ismael Ivo, Valentina Schisa, Sylvana Seddig, Sara Simeoni, Osvaldo Ventriglia, Elisabetta Violante, Yoshiko Waki, Günter Cornett, Helmut Gerlach, Wagner Peixoto Cordeiro, Arnd Raeder, Christian Schlemmer, Leandro Tamos, Katia Fellin, Paula Knüpling, Ruby Mai Obermann, Estefania Rodriguez, Nathalie Seiß, Marlon Weber, David Eger, Lukas Steltner, Lucia Itxaso Kühlmorgen Unzalu, Aldana Ximena Palacin Gonzáles.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.volksbühne-berlin.de

 

Kritikenrundschau

Kresnik verstärke den Aspekt der totalen Kommerzialisierung sämtlicher Lebensbereiche, so Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (29.5.2015). Bald seien die Figuren auf der Bühne eine "dreck- und blutverschmierte Masse aus Entwürdigung und Elend, Schmerz und Schmach". Kresnik arrangiere sie in barbarischen Sequenzen der Auslöschung, in harten Formationen gebrochener Individualität, in sich windenden Knäueln. Aber "das Übermaß an nackten, geschundenen Körpern in immer neuen Höllenkreisen stumpft schließlich mehr ab, als dass es erschüttert". Bei all dem Blut wirke die Inszenierung rasch seltsam blutleer. Fazit: "Die unendliche Wut über die globalen Missverhältnisse ist dennoch beeindruckend. Kresnik fügt sich nicht ins System ein, er will es erledigen. Dass er dabei scheitern muss, weiß er natürlich. Dass Kresnik darüber keineswegs resigniert, verdient trotz der weidlich ausgekosteten Schockästhetik höchsten Respekt."

"Johann Kresnik hat das Erwartete getan und auch wieder nicht. Er hat versucht sich selbst zu überbieten und eine Riesenschweinerei angerichtet", so Michaela Schlagenwerth in der Berliner Zeitung (29.5.2015). "Die unteren Chargen müssen alle weitgehend nackt und blutbeschmiert über die Bühne rutschen, derweil die wichtigeren Darsteller ihre Sachen meistenteils anbehalten dürfen." Nein, man schaue nicht gern zu, auch wenn es teilweise etwas von einem grotesken Splatter habe. "Zum großen Finale wird Katastrophe auf Katastrophe geschichtet. Geschändete Puppenleichen fallen aus dem Schnürboden, Porträts von Karl Marx, Che Guevara, Rosa Luxemburg und Pasolini werden zerhackt", Kresnik mache sein Ding und lasse sich nicht beirren. 

"Ein irrer Tanz der Konsumopfer: Herren in Anzügen, Frauen in Schulmädchenuniformen, jugendliche Punks - einfach jeder scheint von Gangnam Style und berauschendem Warenterror angesteckt", wäre es doch bei diesen ersten fünf Minuten geblieben", so Elisabeth Nehring im DLF Kultur heute (28.5.2015). In denen bringe Regisseur Johann Kresnik sein Thema wirksamer und beeindruckender auf den Punkt, als in den folgenden eineinhalb Stunden. "Johann Kresnik geht es scheinbar wirklich um Gesellschafts- und Zivilisationskritik; doch seine Haudegen-Mentalität kennt weder dramaturgische Entwicklung noch thematische Tiefe oder gar irgendeine Art von Erkenntnisvermittlung und so gehen wir angesichts dieser an unfreiwillige Persiflage grenzenden Verbrechen und Leiden vollkommen ungerührt aus der Vorstellung."

"Kresniks Bühnenorgie wirkt nicht anstößig, sondern nur abgeschmackt", schreibt Sandra Luzina im Tagesspiegel (30.5.2015). "Kresniks Weltsicht ist überaus schlicht: Die Jungen sind verblödet, die Alten sind versaut." Der Regisseur und Choreograph "verrührt auf peinigende Weise abgelutschte Brachial-Ästhetik und altlinke Agitation."

 

mehr nachtkritiken

Kommentare

Kommentare  
#1 120 Tage von Sodom, Berlin: Altherren- und AltdamenwitzePremierenfan 2015-05-28 10:05
Es ist wahr, mehr als Altherrenwitze und leider auch Altdamenwitze war da gestern Abend nicht. Der politische Wille von Kresnik war da, doch leider miserabel umgesetzt. Die Tänzer wie immer "Hochachtung", aber die Schauspieler schlecht und fantasielos. Hätte nicht gedacht, dass solche schauspilerischen Leistungen an so einem Hause gehen. Selbst die sonst grandiose Ilse Ritter wirkt künstlich und fehl am Platz.
#2 120 Tage von Sodom, Berlin: UngemütlichkeitsvermeidungHans Zisch 2015-05-28 10:31
Die Kritikenreaktion ist vorhersehbar und wird einhellig sein:

"Plattheiten"
"Ja, es gab wohl mal eine Epoche ..."
"Heute, wo Blutrünstigkeiten aller Art (reale und fiktive) unentwegt zugänglich, wo Abstumpfung und Reizüberflutung an der Tagesordnung sind, wirkt diese Sex- und Gewalt-Exploitation jedoch auf geradezu erbärmliche Weise hilflos und unangemessen."

Und hier endet der Reflektionsvorgang dann auch schon wieder (und wird es in diesem Forum auch weitgehend tun, prognostiziere ich)!

Dabei wäre es doch interessant zu fragen: Wie gehen wir mit dieser "unentwegten[!!] Verfügbarkeit" um? Warum machen wir es uns so leicht, das als "Gab's schon, alles schon gesehen" und "Weiß ich doch" abzutun? Die Erwartung ans immer Neue ist es. Dass Kresnik hier schlicht und ergreifend innehält und nicht das schon weitreichend internalisierte Nurdasneuekannmichnochbefriedigen bedient (mag es aus Berechnung oder schlicht aus Unbewusstsein sein), ist groß.

Die Reaktionen (hier und anderswo) werden uns viel über den Zustand unserer Reflektionstiefe, Selbstkritikfähigkeit (über ein "ich weiß, ich bin schuldig" hinaus) erzählen. Es ist ja so leicht, den alten Herren ihren Stil vorzuhalten, wenn man sich damit nicht auf einen Austausch einlassen muss, der die eigene Verkommenheit aufspüren könnte. Ungemütlichkeit ist eben doch zu vermeiden. Am besten durch Oberflächenkritik. (Und ob das für Kresnik gilt, das wird der Tenor der Auseinandersetzung sein, nicht unsere eigene.)

Es geht ein Pharisäer um in Europa.
#3 120 Tage von Sodom, Berlin: gewaltig, intensiv, traurigZuschauerin 2015-05-28 10:33
Ja, der Text mag einige Plattitüden bedient haben. Die Gesamtwirkung der Bilder, Bewegungen, Szenen war jedoch im wahrsten Sinne des Wortes "gewaltig". Daneben unglaublich zarte und intime Szenen, die teils neben dem Hauptschauplatz stattfanden. Es scheint der abgestumpfte Theaterkonsument heutzutage ist schwer zu bedienen, weil ja alles schon da war, Attitüde ist und nicht mehr steigerbar scheint.
Genau diese Haltung verhindert ein sich einlassen auf das, was da wirklich stattfindet.
Für mich was das ein intensiver, trauriger, schockierender Abend, der unglaublich viele Assoziationen und Gedanken frei gesetzt hat. Starke Emotionen also - was will Theater mehr?!
#4 120 Tage von Sodom, Berlin: Schock-KonsumInga 2015-05-28 11:42
Genau das ist doch die reine Konsumhaltung! Nur zuschauen und dann von Schock, Trauer und starken Emotionen zu faseln. Manchen geht's eben einfach zu gut. Sie brauchen die Schockwirkung von Bildern, in unserer vorbeirasenden Gegenwart, damit sie überhaupt noch was spüren. Non, merci.
#5 120 Tage von Sodom, Berlin: wir wissen das alles – und tun nichts dagegenelement of crime 2015-05-28 12:28
ich fand den Abend grandios, wer den Film und seine Geschichte kennt, kann bestätigen, daß es eine sehr subtile, sehr intelligente und sehr heutige Umsetzung des Themas des politischen und gesellschaftlichen Mißbrauchs war, es ist eine Tatsache, daß wir alle, ohne es zu merken , schon längst im Zeitalter der brave new world angekommen sind, es war fein überzogen von der Spielweise, es war überhaupt nicht blutrünstig , wenn man die täglichen Nachrichten und die Überflutung mit Grausamkeiten in Politik und Wirtschaft berücksichtigt, der wir permment ohne Unterlaß ausgesetzt sind, - Es war berührend und bewegend und sogar unterhaltend und hat mich sehr zum Nachdenken gebracht. Ich konnte mir schon getern Abend denken, daß die Kritik das alles entweder abgefuckt oder alles schon vorhersehrbar finden wird , aber, und das ist das Traurige an diesem ganzen Thema: wir wissen das alles, Monsanto, Freihandelsabkommen, NSA, Kriegspropaganda, Nestle, Wasser- und Regenwaldausverkauf, Krieg als Wirtschaftsfaktor..etc, aber wir tun nichts dagegen, außer bei facebook zu klicken und weiter zu konsumieren..und genau das hat der Abend angeprangert...ich finde ihn sehr, sehr gut..und die tänzerischen Leistungen, das Bühnenbild, Ilse Ritter...die anderen Schauspieler, grade mit der feinen Überzeichnung, es nicht naturalistisch darzustellen...!...und auch der Umgang mit dem Text waren wunderbar. Hundert Punkte, danke.
#6 120 Tage von Sodom, Berlin: Wie kann ich ins Tun kommen?Zuschauerin 2015-05-28 13:23
Ganz richtig, INGA, wenn es bei einem orgiastischen Konsum bleibt und man sich im Theater mal wieder so richtig dem Spürterror aussetzt, läuft was falsch.
Für mich geht es darüber hinaus um die angesprochene Selbstreflektion, nach dem Theaterabend im Alltag, wo mach ich mich schuldig, was kann ich verändern, Verantwortung übernehmen - ins Tun kommen. Das hat der Abend gestern erreicht.
#7 120 Tage von Sodom, Berlin: Grenzenwolfgangk 2015-05-28 16:11
Wenn ich das lese, und die Platt(e)form "Konsum ist der wahre Faschismus" weglasse, frage ich mich, wo sind eigentlich die Grenzen zwischen Faschismus darstellen, Faschismus spielen und Faschismus sein?
#8 120 Tage von Sodom, Berlin: der falsche WegInga 2015-05-28 20:02
@ Zuschauerin: Schuld abladen verboten! Und was genau verstehen Sie darunter, "wo Sie sich schuldig machen", in Bezug auf die Inszenierung? Könnten Sie ein Beispiel nennen? Und "Konsumfaschismus"? Was für ein abgegessener Begriff. Was verstehen SIE darunter? Auch ich empfinde den Satz "So haben wir sie erzogen: Nichts im Kopf außer Geld, fressen, vögeln und Facebook" als ziemlich platt, könnte ein pubertierender 16jähriger geäussert haben. Ich sehe da keinen Zusammenhang zu Pasolini, dem es ja vor allem um die MACHTausübung in Bezug auf den Sex ging. LIEBE ist da nicht. Ja, genau. Traurig, solche Menschen, besonders die, welche selbst MACHT ausüben, um jemandem etwas klar zu machen, zum Beispiel das "schuldig werden". Das ist sicher der falsche Weg.
#9 120 Tage von Sodom, Berlin: Dreischrittebensozzuschauer 2015-05-28 22:25
@wolfgangk: Rezeption, Reflektion, Erkenntnis
#10 120 Tage von Sodom, Berlin: grottenschlecht, aber subtil und schmerzhaftSchauspieler 2015-05-29 08:31
Der Abend ist auf seine Art schwer auszuhalten, weil da einfach oberflächlich grottenschlechtestes Theater dargeboten wird aber das ist auf seine Art subtil. Wer glaubt denn, dass er mit dem Thema gut unterhalten werden kann? Dass er etwas Gutes vorgesetzt bekommt? Dass es abgrundtief plakativ und platt ist, ist ja eine Auszeichnung. Es ist Anti-Theater und damit zutiefst Theater, eben unecht. Wir glauben ja, wir sind jenseits von Sodom und Faschismus aber Kresnik sagt, wir sind mittendrin. Konsumfaschismus eben. Und damit müssen wir uns 90 Minuten lang auseinandersetzen und zwar so, dass es wehtut. Es tut weh, weil es platt dargestellt wird und damit ist es vielleicht die einzige Art, wie es dargestellt werden kann. Nebenbei ist es Schwerstarbeit für das ganze Ensemble. Eine unglaubliche Leistung, weil man erwarten kann, dass man für diesen Schmerz nicht viel Applaus bekommen wird. Das Böse ist banal, das ist nicht erst seit Hannah Arendt so. Und as muss man erst einmal akzeptieren. Chapeau.
#11 Die 120 Tage von Sodom, Berlin: BitteIngo 2015-05-29 18:11
Liebe Inga,
könnten Sie sich die Stücke bitte auch einmal anschauen, bevor Sie sie beurteilen?
Herzlichst,
Ingo
#12 120 Tage von Sodom, Berlin: Willen zur Rebellion@ Inga 2015-05-29 21:22
stimmt nicht, Salo ist ein Film über den politischen Faschismus anhand des Beispiels Sex und Mißbrauch Unschuldiger. Sie haben das leider etwas falsch verstanden. Kresnik hat den Film sehr wohl und sehr klug auf die heutige Zeit übertragen.die Propaganda und die Fänge des Kosums haben und wie eine Diktatur hinterrücks eingeholt, sodaß wir zum Mitläufer von Rattenfängern geworden sind, wie damals die Menschen während des Faschismus, ohne das wir es bewußt merken..oder wir merken nur die Oberfläche. Wenn wir zum Beispiel Nestleprodukte kaufen oder Produkte, die mit dem Konzern zusammenhängen (von L'Oreal bis Kaba) werdne wir schuldig, ohne es bewußt zu merken: wir holzen indirekt den Regenwald ab, zerstören die Erde, unterstützen indirekt Kriege, töten also Menschen und haben von dem Mißbrauch Unschuldiger, ja, am Ende "gar nichts gewußt", weil sich keiner wirklich aus Angst vor der Wahrheit (wir können nicht mehr so viel und billig konsumieren) genau informiert...genau so funktionierte der Faschismus. Und wenn Sie da nun schreiben, das könnte ein 16jähriger gesagt haben, dann ist das, ehrlich gesagt, ein Kompliment für den schon etwas älteren Jahrgang Kresnik: denn zumindest hat er sich den gesunden Menschenverstand und den Willen zur Rebellion erhalten und wurde bis jetzt zum Glück nicht zu einer anhänglichen Ratte und auch kein müdes Schaf, das der Herde mit den besten Cornflakes nachtrottet, ohne zu wissen ,waa für menschliche Blutlachen und klimatische Katastrophen auf diesem Weg mitunterstützt. Ich würde mal sagen, SIE, liebe Inga, sind leider etwas zu naiv.
#13 120 Tage von Sodom, Berlin: Arbeit für Milliardenwolfgangk 2015-05-30 11:08
@12 Ich möchte Ihnen ja nicht ihre Religion nehmen, aber Nestle (und natürlich alle die anderen Unternehmen, also ihr Gesamtfeindbild) stehen auch für etwas anderes: Arbeit für Milliarden, Menschen raus aus der Armut, technischer Fortschritt, der es überhaupt erst möglich macht eine Chance gegen die Bevölkerungsexplosion zu haben. Um nur ein paar Aspekte der Abteilung "weiss", gegen ihr "schwarz" zu stellen. Für mich bedeutet Leben konsumieren, sorry, ich konsumiere Liebe, Luft, Wasser, Brot, Kleidung, Landschaft, Benzin, Bücher, Theater, Kresnik (übrigens gerne) usw und so fort.
#14 120 Tage von Sodom, Berlin: thematischer BruchInga 2015-05-30 11:55
@ 12: Genau das meinte ich. Pasolini beschreibt in seinem Film das faschistische Italien und den Zusammenhang von Sex und Macht einer zügellosen Oberschicht bzw. Führungselite. Was das nun aber mit dem heutigen Phänomen des Konsumkapitalismus und globalen Konzernen wie Nestlé zu tun hat, das wird mir trotzdem nicht ganz klar. Palmöl ist ein Produkt, das Menschen und ihren Lebenskontext zerstört, soweit so klar, aber was hat das mit dem Thema des politischen Faschismus zu tun? Die Übertragung ins Heute gelingt nur mit einem thematischen Bruch. Die Politik von damals ist der Ökonomismus von Heute.

Und ja, Ingo, ich habe die Inszenierung nicht gesehen, kenne aber den Film und stellte mir Fragen anhand der Kritik von André Mumot.
#15 Die 120 Tage von Sodom, Berlin: konsumfaschistischnestle 2015-05-30 21:13
und was haten Sie von dem Ausspruch: "Wasser ist kein Menschenrecht" von einem der ranghöchsten "Nestleoffiziere"....
wenn Sie dann noch Nestle konsumieren, wird mir schlecht.....
@ Inga: Sorry, sind Sie so schwer von Begriff oder spielen Sie nur??
Früher - politischer Faschismus (der überigens auch aus Futterneid gegen z.B. wohlhabende, jüdische Mitbürger entstand), heute - Diktatur des Konsums, und ohne mit der Wimper zu zucken indigenes, afrikanische, asiatisches Leben zerstört.
Wenn ich alle Menschen in ärmeren Leben fair bezahlen würde, dann wären wir alle nicht so reich. Dann macht Konsum evtl Sinn, wenn er nicht auf dem Rücken der animalischen und pflanzlichen Erdmitbewohner ausgetragen würde, d'accord. Wenn aber Menschen zu schlecht bezahlt werden, dass sie kaum überleben können, - wenn Regenwald und natürlicher Lebensraum und Tiere mißhandelt und zerstört werden, nur damit ein paar wenige, exklusive Menschen in ein paar wenigen Ländern zwei Schnitzel pro Tag essen, achtzig T-Shirts und fünfzehn Hosen im Schrank haben , dann ist das konsumfaschismus. Wenn Konzerne wissentlich Getreide mit Gift vermischen ,hochgiftige Pestizide verwenden, damit sie möglichst billiges Lebensmittel herstellen können, wovon Menschen dick und krank werden, dann ist das Konsumfaschismus. die Krebsrate in den USA ist z.B.um das Dreifache höher als in anderen Ländern. Das liegt bestimmt nicht am Biolebensmittel , das die dortige Industrie humanerweise fast kostenlos an MCDoof verschachert......;-)..
das nennt man Konsumfaschismus: Menschen nehmen den Tod der Mitbürger in Kauf , um sich zu bereichern......alles klar?
Das hat übrigens nichts mit Religion zu tun, auch Religion ist eine faschistoide Gemeinschaft autoritärer Männer...das hat etwas mit gesundem Menschenverstand zu tun...
#16 Die 120 Tage von Sodom, Berlin: BürgerschrecktheaterK.K. 2015-05-31 00:08
“Politische Kritik auf Stammtischniveau!” schimpft ein Zuschauer, bevor er die Tür nach etwas mehr als einer halben Stunde krachend hinter sich zufallen lässt.

Tatsächlich ist die Überdeutlichkeit, mit der uns Johann Kresnik seine Botschaft vom widerwärtigen “Konsumfaschismus” wie mit dem Holzhammer einbläuen will, eine der Schwächen des Abends. Schon das Bühnenbild ist eine einzige Anklage: es strahlt auf den ersten Blick etwas Ehrwürdiges, fast Sakrales aus. Auf den zweiten Blick erkennt man eine Flut von Markenlogos, das Who´s´Who der Global Player und hedonistischen Lifestyle-Marken präsentiert sich in engem Schulterschluss mit dem Konterfei von Angela Merkel und den Bannern von CIA und NSA. Noch bevor die letzten Nachzügler ihren Platz gefunden haben, wird ein Brei aus Radio-Werbe-Jingles eingespielt, die sich gegenseitig in ihrem ebenso marktschreierischen wie nervtötenden Werben um Aufmerksamkeit überbieten.

Das Ensemble strömt von den Seiten auf die Bühne und legt mit einer Gangnam Style-Nummer los, also jenem Chart-Hits aus Südkorea, der vor einigen Jahren die Oberflächlichkeit des gleichnamigen Schicki-Micki-Stadtteils von Seoul aufs Korn nahm. Zwei Tänzer liefern dazu eine beeindruckende Breakdance-Performance ab.

Von da an ging es allerdings bergab: ein Quintett aus Militär, Kirche, Banken, Politik und Justiz hat die Gesellschaft fest im Griff und lässt sich immer neue Demütigungen für die Jugend einfallen, die bewusst ungebildet und als sexuell jederzeit verfügbares Frischfleisch gehalten wird. Ihnen gehen sechs nackte, mit schwarzer Farbe beschmierte Männer zur Hand: Stützen des Systems, die Gegenstände apportieren oder die Masse in Schach halten müssen.

Die nächsten knapp neunzig Minuten lässt die Inszenierung kaum eine Gelegenheit aus, sich als anachronistisches Bürgerschrecktheater lächerlich zu machen: vor einigen Jahrzehnten mag dieser penetrante Einsatz von nackten Körpern, Kunstblut und Splatter-Ästhetik voller aufgeschnittener Bäuche und gegrillter Körperteile vielleicht aufrüttelnd gewirkt haben. Hier wirkt dieses Attitüdentheater, wie es André Mumot in seiner Nachtkritik treffend bezeichnete, nur unfreiwillig komisch.

Wer möchte bestreiten, dass in unserem Wirtschaftssystem einiges schief läuft? Aber mit seinem zur Pose erstarrten Haudrauf-Stil schafft es Kresnik wohl kaum, den notwendigen Diskussionsprozess anzustoßen. Zu leicht kann man diesen Abend und die zu plakativ vorgetragene Kritik abtun. “Johann Kresnik geht es scheinbar wirklich um Gesellschafts- und Zivilisationskritik; doch seine Haudegen-Mentalität kennt weder dramaturgische Entwicklung noch thematische Tiefe oder gar irgendeine Art von Erkenntnisvermittlung und so gehen wir angesichts dieser an unfreiwillige Persiflage grenzenden Verbrechen und Leiden vollkommen ungerührt aus der Vorstellung”, fasst Elisabeth Nehring im Deutschlandfunk das Scheitern dieses Abends zusammen.

kulturblog.e-politik.de/archives/25129-kresniks-120-tage-von-sodom-gangnamstyle-breakdance-und-plakative-kritik-am-konsumfaschismus.html
#17 Die 120 Tage von Sodom, Berlin: Herausforderungwolfgangk 2015-05-31 15:08
@15: Klar kauf' ich weiter meine Nestles. Warum sollte ich ein paar hunderttausend Mitarbeiter dafür abstrafen, was ein "Offizier" gesagt hat, wenn er es überhaupt so gemeint hat, wie sie es hinstellen. Oder am besten gleich mit- ist ja schließlich ein Schweizer Konzern - die Schweizer insgesamt. Oder die Europäer. Hängt doch von der Denke her irgendwie an einem Stück. An dem Stück an dem wir alle kleben, einschließlich Herrn Kresnik. Oder? Ich finde das Stück nur bei Weitem nicht so verwerflich. Landschaft und Natur werden gefressen, weil es zu viele Menschen auf der Erde gibt, das ist meiner Ansicht nach die wirkliche Herausforderung - und nicht der altkommunistische Quatsch von "Konsumfaschismus"!
#18 Die 120 Tage von Sodom, Berlin: mit voller WuchtSusi 2015-05-31 21:28
Endlich mal ein Statement auf dem Theater! Endlich mal jemand, der sich traut eine klare Meinung zur aktuellen Situation in der Welt hinzustellen.
Hier zählt der Inhalt und der trifft mit voller Wucht.
Hier wird uns der Spiegel hingehalten. Wie verhalten wir uns? Welche Werte zählen noch? Das mag jeder für sich bewerten.
Dieser Abend ist relevant und jeder sollte hingehen und ihn sich ansehen!
An einige Kommentatoren zuvor: Wahrheiten hat man von jeher schwer ertragen können.
#19 Die 120 Tage von Sodom, Berlin: Bankrotterklärung?judith 2015-06-01 00:29
"Von Kopf bis Fuß schwarz bemalte nackte 'Schergen' (ach je!)"
ist denn nicht nur an kresnik, sondern auch an allen hier (und mir bekannten rezensionen) die "black-facing"-debatte voll vorbei gegangen oder ist das der neue ton "(ach je)", der sagen soll, dass selbst kritik an scheinbar kritischen theaterstücken nicht mehr macht als diese selbst? dieses stück ist eine bankrotterklärung der volksbühne, die noch vor kurzem die "Afrika-konferenz" abgehalten hat und sich da scheinbar kritisch mit kolonialgeschichte befasst hat.
#20 Die 120 Tage von Sodom, Berlin: Scheuklappenenergienestle 2015-06-01 02:07
ist ein krimineller konzern der ohne schlechtes Gewissen Dinge verkauft, die eigentlich frei sein sollten, der Gift und genveränderte Lebensmittel unterstützt, der das hungern ganzer Bevölkerungsgruppen ohne mit der Wimper zu zucken hinnimmt, der seine Mitarbeiter nach Gusto entläßt..
und wer sich dieser wirtschaftlichen Mafia hingibt und sie durch Konsum sogar unterstützt, macht sich selbst schuldig .Das hat nichts mit Kommunismus zu tun , sondern mit dem Schutz der Natur und unseres zerbrechlichen Lebens auf diesem Planeten, sowie mit Humanität. Nestle ist ein menschenverachtender Konzern. Und wer das nicht begreift, ist entweder naiv meiner Ansicht nach unendlich naiv, oder selbst mit einer egomanischen kriminellen Scheuklappenenergie ausgestattet.

www.youtube.com/watch?v=wzlzV7VaqCs
www.youtube.com/watch?v=GpH3Oph2XbU
#21 Die 120 Tage von Sodom, Berlin:Schwarz ist mehr als eine HautfarbeHans Zisch 2015-06-01 09:40
@19: Wie kommen Sie darauf? Schon gehört, dass es beim Spiel "Schach" weiße und schwarze Figuren gibt? Und dass die Uniformen der SS schwarz waren? Und dass es sogenannte Schwarze Löcher gibt? Und Schwarze Materie? Kennen Sie Malewitschs Schwarzes Quadrat? Und Schneewittchens Haarfarbe? Was ist mit der stockfinsteren Nacht?

Schwarz ist nicht nur eine Hautfarbe.

(Und wie der Hauptdarsteller in Gintersdorf/Klaßens "Warum Gott Afrika verlassen hat" mit Geste auf sein echt schwarzes T-Shirt sagte: "DAS ist schwarz." Und mit Geste auf seinen Bizeps "Ich bin nicht schwarz.")

Absurd, wie verengt hier argumentiert bzw. angeklagt wird.

Absurd!
#22 Die 120 Tage von Sodom, Berlin: kein Blackfacing@ judith 2015-06-01 10:58
auf diesen Post habe ich gewartet. Das war kein blackfacing, das war bodypainting. Es gab Ismael Ivo, und es ging nicht darum, schwarze Menschen zu ersetzen, oder sich lächerlich über sie zu machen. Es ging darum, Machtverhältnisse darzustellen, unabhängig von blackfacing. Die schwarze Farbe hätte auch Militärkleidung symbolisieren können,was sie am Anfang auch tat.Sie war auch mehr dunkelgrün als schwarz. Es ist immmerhin Theater, und da gibt es nun mal Maske udn Kostüm als eigenständige Kunst. ismael ivo ist schwarz. Hätte Kresnik Afrikaner denunzieren wollen, hätte er Ismael ausgeladen.
#23 Die 120 Tage von Sodom, Berlin: zwei Statementswolfgangk 2015-06-01 16:33
@20: Ich muß Ihnen zugestehen, dass der Originalbeitrag des Vorsitzenden von Nestle vor unangenehmer Arroganz nur so stinkt. Dass Nestle aber irgendwem den Zugang zu Wasser entziehen oder gar in den Verdurstungstod stoßen möchte, kann ich daraus auch wieder nicht ablesen. Was den WDR Beitrag angeht, schau ich mir an, wie übrigens auch das Stück von Kresnik selber, bevor ich mir meine Scheuklappen zu Nestle dann wieder aufziehe.
Vielleicht noch zwei Statements, die sie sicher auch ärgern können: Gentechnik ist eine große Chance, um die Welt mit Energie und Nahrung zu versorgen und den Landschaftsverbrauch einzudämmen. Wir leiden hier unter einem Verfolgungswahn diesbezüglich. Und Wasser ist für alle da! Jeder kann den Mund aufmachen und den Regen geniessen, oder Wasser aus Rhein oder Ganges trinken. Will er aber hygienisch sauberes Wasser für Millionen haben, muß jemand vorher in entsprechende Technik viel Geld investieren. Dieses Geld holt sich der Investor - egal ob Staat oder privat - irgendwoher. Wir haben hier im Westen nur das Glück das wir es als Privatleute locker bezahlen können. Will man es zum Nulltarif verteilen, so bedarf es des entsprechenden allgemeinen politischen Willens und nicht der Feindschaft zu einem bestimmten Konzern.
#24 120 Tage von Sodom, Berlin: fadenscheinigjudith 2015-06-01 20:50
@19 ich halte die von ihnen vorgebrachten argumente für ignorant. sicher gibt es auch schwarze tinte, schwarze katzen, schwarze pasta und schwarze fernbedienungen (ich hab keine lust diese liste weiter zu führen). aber es gibt eben auch hautfarbe und einen diskurs um blackfacing. oder nicht?
@22 was ist der unterscheid zu bodypainting in diesem zusammenhang bitte? ich halte diese argumentation zu "maske und kostüm" im theater für fadenscheinige argumentationen von repräsentationstheater, dass sich seiner politischen wirksamkeit null bewusst ist.
#25 120 Tage von Sodom, Berlin: in frischen Quellen badennestle 2015-06-01 21:52
wasser war ursprünglich sauber , und Konzerne wie Nestle und Co haben es verunreinigt.Und tun es immer noch, z.B. Südamerika (www.dasguteleben-film.de/start/), das ist Zynismus pur: fremde Menschen kommen ins Land, verunreinigen die Natur, klauen die Bodenschätze und verlangen dann genau für diese Natur oder das Wasser , das nun, statt sauber aus dem Fluß oder ls Regen auf die Erde kommt, nun von den Menschen, denen man ihre Lebensgrundle gneommen hat, Geld für abgefülltes Plastikwasser oder fastfood.es gibt mehrere Beispiel auh aus Brasilien. Wer da zynisch wegguckt und diesen Konsumfaschismus befürwortet, ist wirklich grausam und blind oder schlecht informiert, was ebenfalls grausam ist , denn man muß sich nur informieren. Auch in Deutschland konnte man vor fünfzig Jahren noch in manchen Gegenden ohne Probleme Regenwasser trinken und in Flüssen schwimmen, wir sind o abgestumpft und dumme Schafe gewaordne , daß wir ohne murren aus Plastikmüll mit Plastikteilchen (krebserregend) tirnken, im chlor statt in frischen Quellen im Wad baden und das alles noch als Fortschritt preisen....-- genaus das beschreibt Kresnik und sein Team. . Erschreckend genau. Mit sehr einfachen Mitteln. - Nein, ich bin nicht gegen Gentecnik. Ich bin sogar für Fortschritt in der Kindererzeugung. wir sollten allen Fortschritt genießen, aber ihn eben zum Wohl der Menschen einsetzen und nicht den Konzernen überlassen, die das nur befürworten,um mehr Kohle zu machen und denen es egal ist, ob jemand krank wird oder nicht. Man könnte das alles in gesunder Weise vorantreiben, wenn man nur wollte. Wenige wären ärmr und könnten sich statt drei Porsches und vier Cartieruhren jeweil nur eine leisten, - aber viele ander wären gesünder, hätten mehr zu essen und das Klima würde uns auch länger am Leben erhalten....
#26 120 Tage von Sodom, Berlin: weiteres Beispielnestle 2015-06-01 21:55
#27 120 Tage von Sodom, Berlin: Selbstherrlichkeitach je 2015-06-02 14:31
Concerning blackfacing: die Tatsache dass ivo selbst zwischen zeitlich ein schwarz bemaltes Gesicht trug zeigt, dass das anspielen auf die laufende Debatte intendiert war. Ihn jetzt allerdings als feigenblatt für eine rassistische Praxis zu verwenden, ist “tokenizing“ : “weil ein Mitglied einer betroffenen Gruppe mitmacht, ist die Praxis ok.“ Problem: in dieser Argumentation wird ein einzelner Mensch (hier: Ivo) mit einer Gruppe identifiziert, und damit letztlich verdinglicht - als könnten schwarze Menschen keine individuellen Entscheidungen ggf. Auch gegen die eigenen Interessen treffen. Und als wäre jemand nur aufgrund seiner Gruppen zugehörigkeit fähig, die mit expertise ausgestattete Arbeit anderer gruppenzugehöriger zu unterminieren (bspw. Historische Studien). Überraschung: auch unter schwarzen Menschen gibt es Meinungsverschiedenheiten (und ggf. Irrtum). Aufgrund dieser Identifikation von Individuum und Gruppe ist die argumentation “es gibt doch ivo“ selbst rassistisch. / im übrigen ist ein anderer Skandal um blackfacing in diesem Falle die totale Ignoranz zeitgenössischen systemkritischen Diskursen gegenüber - wer diese Debatte so kommentiert, hat seine Hausaufgaben nicht gemacht. Für Literatur siehe bühnenwatch.de / apropos Hausaufgaben : die Literaturliste zu Beginn von pasolinis Film hätte vielleicht auch geholfen - grundlegende Überlegungen zur repräsentationalität in de sades Text findet sich schon bei klossowski. Und es ist dieser plumpe Glaube an die einfache Verwendung von Zeichen (“es ist so!“) die das Stück so überflüssig albern und so selbstherrlich falsch machen (“es ist nicht blackfacing, wir haben das anders definiert / man kann es auch anders lesen“ ist nur ein Beispiel für diese selbstherrlichkeit)./ ganz zu schweigen übrigens von dem latenten Antisemitismus im Stück (die spinne im Netz hinter den Banken ist ja auch beliebte Argumentation bei sozialkritischen Nazis, die spinne heißt dann zum Beispiel “rothschild“, das Phänomen “struktureller Antisemitismus“).

P.s.: ich freue mich auf “man darf ja garnichts mehr sagen“ Kommentare. Antwort vorweg: 1. Wenn man keine Ahnung hat: vielleicht lieber nicht. 2. Wenn man glaubt Ahnung zu haben: Meinungsfreiheit ist nicht Freiheit von Kritik.

Danke.
#28 120 Tage von Sodom, Berlin: niemals zugelassen@achje 2015-06-03 02:42
ivo ist der chroeograph, ich wage zu behauoten, daß das "bodypainting" auch seine Idee ist. Also, nix Pseudoschwarzer , sondern. ideegeber: Was ist, wenn farbige Menschen selbst Balckfacing betreiben? ist das auch rassistisch?
Aha: Intellektuelles Hausaufgabengehabe ist also notwendig, um Kunst zu machen? Ich glaube, Sie haben ihre Hauaufgaben in bEzug aus Kunstdiskurs nicht gemacht: Kunst bedeutet manchmal auch bewußte Provokation ,um die Gesellschaft aufzurütteln. Kunst muß nicht immer politisch korrekt ssein, um zu einer Assage zu gelangen. Ein nicht politisch korrektes Mittel , um etwas auszudrücken, kann das Gegenteil bedeuten. Denken sie mal darübr nach.
Ein intelletueller Diskurs ist etwas anderes als Kunst auf einer Bühne und darf und kann nicht mit denselben Brillen gelesen werden.
Sie verbreiten in meinen Augen eine sehr aggressive Ära und ich fürchte,Sie haben die künstlerische Geschichte Hernn Kresniks und Herrn Helnweins nicht studiert und wahrscheinlich auch noch nie etwas von den beiden gesehen.
Wei können sie dann über "Zeichen", (das sind keine Zeichen , sondern Ausdrucksmittel einer Form namens Tanztheater) diskutieren - und Sie wüßten auch, daß die beiden Herren , mit Herrn Ivo zusammen niemals einen rassistisch motivierte Aussage in Ihren Stücken zulassen und behandeln würden.
Sie scheinen arrogant und wähnen sich im Recht.Mein bescheidener Rat: Kehren Sie zuerst vor ihrer eigenen Vorusteilshaustüre, bevor sie dies anderen vorwerfen.
Schöne Grüße.
Merci.Thank you. Gracias.
#29 120 Tage von Sodom, Berlin: dem Haus angemessenMichael 2015-06-03 10:08
Nachdem ich oben ein paar Kommentare gelesen hatte war ich drauf und dran meine Karten zu verschenken. Jetzt bin ich aber froh es nicht gemacht zu haben. Eigentlich doch ein toller dem Haus angemessener Theaterabend. Ja es ist ein Kresnick, die altlinken Wahrheiten vielleicht ein bisschen schlicht. Etwas mehr Selbstironie hätte nicht geschadet. Vielleicht von allem eine Spur zu viel, finde ich. In der ganzen Schmodderei, die gar nicht so willkürlich war hat der Abend genügend beindruckende Momente, auch hochästhetische Tanzszenen. Und langweilig war es nun wirklich nicht. Also liebe Theaterfans gehen Sie da rein, füllen Sie das Haus. Und wenn Sie danach mit ihrer Begleitung nicht einer Meinung sind ist es auch nicht schlimm.
#30 Die 120 Tage von Sodom, Berlin: Nachhaken zum Blackfacingjudith 2015-06-03 23:37
@ #28 zwischenfrage bzgl. Sie haben ja anscheinend den kunstgeschichtlichen Diskurs studiert, was anscheinend dann nötig ist, was sie auch allen raten (besonders in hinblick vorheriger inszenierungen und aufgabenverteilungen), um künstlerische "ausdrucksmittel" als mehr oder weniger rassistisch einzuschätzen? das darf das (fast ausschließlich) weiße volksbühnenpublikum auch als "Gesellschaft" entscheiden, oder wer ist ihre "Gesellschaft" hier und was bedeutet "aufrütteln", wenn Kunst in einen selbstreferentiellem Diskurs verbleibt? und vor allem interessiert mich welches "gegenteil" das ausdrucksmittel blackfacing hier erzeugt?
ich würde kresnik und ivo nicht unterstellen wollen, dass ihre aussage rassistisch motiviert wäre, dennoch gibt es in diesem zusammenhang einige unstimmingkeiten für mich, die sich gerade daraus ergeben (wie bereits geschrieben), dass blackfacing hier nicht mehr thematisiert wird oder nur marginal - wenn es doch (wie Sie hier betonen) eine provokation und noch dazu so kluger schachzug von kresnik / ivo war, die uns aufrütteln wollen? zur erinnerung: die blackfacing debatte spiegelt nicht nur eine rassistische darstellungspraxis, sondern auch ein realität in der (weißen) besetzung von emsembles / theaterinstitutionen wieder.
danke.
#31 120 Tage von Sodom, Berlin: zum Selbst-Denken bringen, darum sollte es gehenInga 2015-06-04 11:50
@ wolfgangk: Ihre Argumente stellen die tatsächlichen Verhältnisse sowas von auf den Kopf, dass mir ganz schwindelig wird. Da hilft dann wirklich nur noch der Blick zurück zu den einfach zu verstehenden Thesen von Marx. Es geht sicher nicht allein um Arbeitsplätze (welche nur weiter den Kapitalinteressen dienen), sondern darum, inwiefern die Arbeit den Menschen von sich selbst und von der Natur entfremdet, welche er ausbeutet, besonders gern in weit entfernten Ländern, wo man die Armut nicht immer wieder selbst mit ansehen und anhören muss. Nur das Sicht- und Hörbare wird aber Veränderungen bewirken. Wenn wir den Menschen, welchen wir beständig ihre Stimme entziehen, sie ihnen zurückgeben und ihnen dabei helfen, stark zu bleiben.

Und Gentechnik ist wirklich das Letzte! Genveränderte Pflanzen werden das gesamte Ökosystem schachmatt setzen, mit seinem Gleichgewicht von sogenannten "Schädlingen" (Schnecken?) und "gesunden" Pflanzen. Diese Ideologie des menschlichen Eingreifens in Ökosysteme (Flora und Fauna) lässt sich auch leicht auf Menschen übertragen. Und dann wird auch mir schlecht. Ich verstehe Kresniks Intention sehr gut. Auch ohne die "Hilfe" von nestle. Menschen über Bildung und Wissen dazu zu bringen, selbst zu denken und danach zu handeln, darum sollte es gehen.
#32 120 Tage von Sodom, Berlin: im Theater darf man Dinge behaupten@judith 2015-06-04 12:09
es geht nicht um weiße oder schwarze Besetzung! Ausgerechnet bei Ismael Ivo, der ja, wie zu sehen, selbst farbig ist (was nie ein Thema war!!) und im Tanztheaterberech, wo schon viel länge als im Sprechtheater (was hauptsächlich an der Sprache liegt) internationale Ensmbles jeglichen Couleurs tanzen... diese Debatte hochzuholen, ist meiner Ansicht nach nicht berechtigt. Und einem Zuschauerpublikum "vorzuwerfen", daß es jetzt zufällig eher hellhäutiger besetzt ist, ist ebenfalls unstimmig. Ein Land indem erst in den letzten Jahren (was natürlich auch miit der Geschichte, Nazizeit, DDR zu tun hatte) erst mehr farbige Menschen ins Straßenbild und in die Gesellschaft, damit meine ich die Gemineschaft aller Menschen in Deutschland, ja, wir sind alle eine Gemeinschaft, die hier leben, waren immer schon ein Einwanderungsland, aber mehrteilig in den letzten Jahren eher mit Hugenotten, Polen, Russen, Südeuropäern, Vietnamesen, Griechen, Türkischstämmigen etc. vermischt, erst jetzt kommen eine viel größere Anzahl dunkelhäutiger Menschen hier an, die gewiß auch in ein paar Jahren die Theaterlandschaft bevölkern, sowohl auf als auch vor der Bühne, was schön ist, aber im Moment gibt es hier eben mehr Menschen im Schnitt, die mit hellerer Haut versehen sind... Ehrlich gesagt, ist das so ein unsinnger und auch rassistischer Vorwuf, daß das Publikum hellhäutig ist und man darum anders auf der Bühne agieren soll.... -- Kresnik hat ja gerade die Unterrdückung des Kapitalismus in Afrika zum Beispiel angekreidet... und genau das wirft man ihm jetzt vor..... ich hätte es auch rassistische gefunden, wenn er jetzt als Tanztruppe nur schwarzhäutige Menschen engagiert hätte, die alle Militär spielen, im Theater darf man Dinge beahaupten, die nicht sind. Ein Mann darf sich als Frau verkleidun und eine Frau als Mann, ein Schwarzer darf weiß sein und ein Weißer schwarz. Das nennt man Theatemittel und das ist das spielerische Wesen der Schauspielkunst, die nichts mit Rassismus zu tun hat.
Man muß nicht Kunstgeschichte studiert haben, sondern man kann aus der langjährigen Theaterpraxis kommen. Wie geschrieben, es geht im Theater um Handwerk und Praxis, allesnfalls um Theaterwissenschaft, Sie verwechseln hier die Genres. Kunstgeschichte handelt von Picasso und Co., Tanztheatergeschichte von Kresnik und Co ;-)... einfach hingehen, gucken, hingehen, gucken.. mit den Menschen, die dort arbeiten, reden, selbst denken, sich informieren, evtl selbst dort arbeiten, wieder gucken.. etc..... nicht Papierstapel wälzen und Theorien verbreiten, und nicht oberflächlich eine These auf alle Stücke übertragen... dann klappt das schon :-) und das alles... .jahrzehntelang....
#33 Die 120 Tage von Sodom, Berlin: nicht ausschließlich weißSpanier 2015-06-04 13:06
@30: So ein Quatsch. Dass das Volksbühnepublikum (innerlich? äußerlich?) (fast ausschließlich) weiß ist, ist schlichtweg falsch. People of Color sind genauso häufig vertreten wie im gesamten Theaterbetrieb der Hauptstadt. Dass das HAU da eine Vorreiterrolle einnimmt, darauf können wir uns einigen.

Aber Ihre Behauptung ist offenkundig irreführend. Denn was ist ihre Referenz? Schwarzafrika?

Die bundesdeutsche Gesellschaft ist auch (fast ausschließlich) weiß. Das hat historische Gründe. Hat auch mit Kolonien zu tun (vgl. Magreb und Frankreich etc.).

Und: Wie selbstreferentiell ist denn bitte die Blackfacing-Debatte??
#34 Die 120 Tage von Sodom, Berlin: Vorstellung von Kunstjudith 2015-06-04 17:25
@#32 es wird immer schlimmer. Vielleicht wenden sie sich mit ihrer Vorstellung von Kunst, Theater und gender mal an Stellen, die sich damit auskennen, gerne auch das Institut für theaterwissenschaft! Spinat viel Spaß noch im theaterzauberland.
#35 Die 120 Tage von Sodom, Berlin: nicht immerjudith 2015-06-04 17:57
@ #33 das klingt mehr als optimistisch. Gerade im Zuge des intendanzwechsels.vlt waren wir beide da nicht immer im selben Haus.
#36 Die 120 Tage von Sodom, Berlin: Tolle Bilder, zuviel Predigtwolfgangk 2015-07-03 13:05
Wau! Was fuer ein Spektakel. Was für tolle einprägsame Bilder! Und das Bühnenbild. Der Besuch hat sich gelohnt. Johann bitte noch ein paar Werke mehr! Glücklicherweise weist die Aufführung damit weit über das Textliche hinaus. Denn dort habe ich nur eine agitatorisch deklamatorische Predigt wahrgenommen, in der jeder einzelne Satz ein "also Moment mal, so einfach ist das nun auch nicht" provoziert. Und Predigten waren noch nie mein Ding.
#37 120 Tage von Sodom, Berlin: hinterher geht noch ein BierStefan 2015-07-03 18:31
Gestern (im Parkett zumindest) ausverkaufte Hütte! Das Publikum ist neugierig, hat den negativen Kritiken getrotzt oder sie nicht beachtet, lässt sich darauf ein (niemand ging früher), Applaus war nicht groß. Die Inszenierung ließ mich trotz der Brutalität und der Tabus relativ kalt, leider ist sie überfrachtet (gewollt?), was dazu führt, dass die Bilder bei mir nicht im Gedächtnis bleiben. Was die Tänzer/-innen leisteten, war grandios und beeindruckend,, Ilse Ritter war entzückend :)

Man kann sich diese Inszenierung gut anschauen und man kann danach (anders, als es mir bspw. nach "Shoppen und Ficken" in der Schaubühne erging) danach gut ein Bier trinken gehen und über das Wetter schwadronieren.

Kommentar schreiben