Entglitscht

von Tilman Strasser

Köln, 29. Mai 2015. Da ist endlich der Nazi: Wenn Miguel Abrantes Ostrowski in der Rolle des Beamten Geissler einmal mehr aufmarschiert, um seine neuesten Pläne für die Kupfergruben kund zu tun, tut er's in Mantel, Mütze, Handschuhen, Stiefeln – nur die Hakenkreuzbinde fehlt noch zur kompletten schwarzen Gestapo-Uniform. Knut Hamsun, Autor der Romanvorlage "Segen der Erde", war ein Bewunderer Hitlers. Könnte ein Grund sein, warum selbst sein Opus magnum nur zögerlich adaptiert wird (Wikipedia weiß von genau einer anderen Bühnenumsetzung, von Sebastian Hartmann), und wenn, muss die schreckliche Verfehlung des Schöpfers mindestens einen Auftritt bekommen.

Heil in der Natur

Es bleibt längst nicht die einzige Referenz auf NS-Kontexte, die Robert Borgmann im "Segen der Erde" findet. Das Buch stammt von 1917 und heimste den Literaturnobelpreis ein, der Regisseur entlockt ihm pflichtschuldig Elemente mittelalterlich-strenger Religiösität wie heutig-flapsiger Sprache. Thematisch allerdings speist es sich aus der Notlage des Ersten Weltkriegs, als Skepsis gegen die entfremdende und todbringende Technik aufzog.

segendererde1 560 Tommy Hetzel uIsak und Inger auf nassem Grund: Marek Harloff und Julia Riedler © Tommy Hetzel

Der Landmann Isak sucht sein Heil in Natur und Selbstversorgung, seine von einer Hasenscharte entstellte Frau Inger teilt das einfache Leben mit ihm. Isaks Land aber birgt Ressourcen (die eingangs erwähnten Kupfergruben), weshalb die Zivilisation (nicht nur in Form Geisslers) die Finger danach streckt. Unheil bringt die Familie allerdings auch selbstständig über sich: Inger ertränkt ihr drittes Kind, weil sie nicht ertragen kann, dass das Mädchen ebenfalls eine Hasenscharte hat. Sie kommt ins Gefängnis und kehrt von der Stadt verdorben zurück – eine Verhängnisspirale in Gang setzend, die die nächste Landluft-Generation gleich mit in den Abgrund reißt.

Mal Moor, mal Meer

Das Luftholen fürs Epos gelingt Borgmann wunderbar: Ein herrlich hilfloser Marek Harloff als Isak tapst zu Beginn durch die von Blitzen erhellte Schwärze. Die Bühne ist eine Wasserfläche, an deren Rändern sich die Zuschauer auf zwei Geraden gegenübersitzen – und staunen, was dieses Wasser im Lauf des Abends alles wird: Mal Urschlamm, mal Fruchtwasser, mal Moor, mal Meer, sogar Kaffee lässt sich bei Einbruch des Bürgertums vom Boden schöpfen. Anfangs ist es hauptsächlich Urschlamm, denn als Isak auf Julia Riedlers rüde Variante der Inger trifft, wird sich erst einmal ausgiebig gepaart. Geboren wird kurz darauf, die Söhne Eleseus (Janis Kuhnt) und Sivert (Justus Maier) entglitschen. Bis hierhin sind vielleicht zehn Worte gefallen, aber ein archaischer Ton etabliert.

Die Kraft aber verliert sich. Es muss schließlich eine Menge erklärt werden: Wem Isaks Land wann eigentlich gehört, was er für wie viel davon kauft und wieder verkauft, und wie nun mit den Kupfervorkommen zu verfahren ist. Da kann schon mal das Tempo stocken. Miguel Abrantes Ostrowskis Geissler, stellvertretend für mehrere Neustartversuche, flüchtet ins Schrille: Er berichtet aus der Stadt in grell überspielten Monologen, die auch live eingespielte Sphärenklänge von Webermichelson nicht atmosphärisch dämmen können.

segendererde2 560 Tommy Hetzel uVom Landleben gezeichnet: Justus Maier als Sivert und Marek Harloff als Isak
© Tommy Hetzel

Dabei reagiert die Inszenierung immer wieder klug auf die Herausforderungen der Vorlage – zum Beispiel, wenn Isak eine herabhängende, na klar: Kupferplatte zum Zeichen vergehender Jahre herumwirbelt, in der sich zuvor noch seine zeitlos verwunderten Kinder gespiegelt haben. Eine Holzplanke wird vom skurrilen Vermessungsinstrument zum tropfenden Dachfirst umfunktioniert, Lena Geyer wandelt sich elegant vom ertränkten Säugling zur auktorialen Erzählerin und gleich weiter zur nächstgeborenen Tochter: Kein Mangel an szenischen Einfällen. Die Crux ist, dass Borgmann die eigenen Ideen erschlägt, indem er unbedingt den ganzen Roman und sein üppiges Personal mitschleppen will. Der Ehrgeiz zwingt zum Auserzählen, wo Aussparungen wirkmächtiger wären.

Konsumgier und Libido

Gespart wird stattdessen an der Figurenentwicklung: Isak ist schon überfordert, bevor er den ersten Satz sagen muss, Inger schon bösartig, ehe sie ihre Tochter ersäuft. Womöglich dem Originaltext geschuldet – aus dem sich die Bearbeitung indes hartnäckig Passagen pickt, in denen erklärt wird, was die Darsteller ohnehin gerade zeigen. Als ob die Botschaft schwer zu verstehen wäre: Die Nachkommen, mit Henriette Nagel als aufreizende Barbro und dem nunmehr erwachsenen Eleseus, wiederholen stumpf die Verfehlungen ihrer Eltern. Kontakt mit dem Städterleben ist nur der Auslöser für in den Charakteren angelegte Liederlichkeit, sofort gehen Konsumgier und Libido eine (übrigens fragwürdige) Symbiose ein, und am Ende wird wieder ein Kind ertränkt. Die Stunden dazwischen wälzt, suhlt und vögelt sich das Ensemble tropfnass in der Wasserschicht, kann aber die dramaturgischen Trippelschritte nicht überspülen.

Es bleiben starke Bilder: Ein zum Sarg umfunktioniertes, über Nebelfäden trudelndes Boot, ein Erzähler, der, während er den Untergang beschwört, vor künstlichen Rauchschwaden überquillt. Es bleibt der Eindruck von hochengagierten Darstellern – und der schale Erkenntnisgeschmack, dass weniger (Plotballast, Textballast, Schreikrampf) mehr Erlebnis gewesen wäre.

 

Segen der Erde
nach dem Roman von Knut Hamsun
Regie: Robert Borgmann, Bühne: Rocco Peuker, Kostüme: Robert Borgmann und Birgit Bungum, Musik: Webermichelson, Licht: Michael Frank, Dramaturgie: Nina Rühmeier.
Mit: Marek Harloff, Julia Riedler, Janis Kuhnt, Justus Maier, Lena Geyer, Lou Strenger, Jakob Leo Stark, Seán McDonagh, Henriette Nagel, Miguel Abrantes Ostrowski.
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.schauspielkoeln.de



Mit seiner Uraufführung von Ewald Palmetshofers die unverheiratete gastierte Regisseur Robert Borgmann in diesem Jahr auf dem Berliner Theatertreffen und bei den Mülheimer Theatertagen. Mehr über die Arbeit von Robert Borgmann finden Sie im nachtkritik.de-Lexikon.

 

Kritikenrundschau

Robert Borgmanns Dramatisierung von Hamsuns "Segen der Erde" sei "viel mehr als bloße Illustration, hat Wucht und herbe Schönheit", schreibt Christian Bos im Kölner Stadt-Anzeiger (1.6.2015). Mit der ersten Szene etabliere Borgmann "einen archaischen, fiebrigen Ton, den Regisseur und Ensemble über weite Strecken des langen Abends aufrechterhalten." Zwar gebe es auch Auftritte, die "allzu offensichtlich dem Stadttheater-Baukasten" entstammten: "Hysterische Selbstgespräche, Fascho-Uniformen, Nebelmaschinen." Doch "trotz kleiner Durchhänger" sei das Ganze "ein zwingender, dichter, empfehlenswerter Abend".

Robert Borgmann habe Hamsuns "markant monolithisches Werk in eigener Fassung mit großer Bildkraft" inszeniert, meint Hartmut Wilmes in der Kölnischen Rundschau (1.6.2014). Und der Regisseur lese "das Werk nicht naiv als Einfachheitsevangelium. Gekämpft und gelitten wird hier wie dort: in der Plackerei des eintönigen Landlebens wie in der neuen Fortschrittswelt." Auf der Marathondistanz von vier Stunden warteten aber laut Wilmes auch "erhebliche Durststrecken. Schon vor der späten Pause flüchtet Borgmann vor dem drohenden Spannungsabfall ins halbstarke Wälz- und Schreitheater, das Intensität vortäuscht statt erzeugt." So würden "irgendwann selbst die magischen Bilder" verblassen.

 
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