Die Neue Deutsche Welle

von Georg Kasch

2. Juni 2015. Armes Deutschland! Wir haben es doch auch so schon schwer genug: Wirtschaftsmotor Europas, Großbeitragszahler der EU, G7-Supergastgeber, Weltkonflikt-Superratgeber, NSA-Superdatengeber, und dann noch Fußball-, Friseur- und Exportweltmeister, weltgrößte Safttrinker, die Größe, die Größe, ach!

Der Neuköllner Latte macchiato bleibt deutsch, bitteschön!

Ja, aber kaum hat sich all das rumgesprochen, kommen sie zu uns: Die arbeitslosen EU-Jugendlichen, die uns in Neukölln den Latte macchiato wegschlürfen, die ganzen Ostler, der Balkan, die Israelis, die Araber, die Afrikaner, die Wölfe und bald wohl auch die sibirischen Bären. Alle wollen sie einen Teil von unserer Größe abhaben. Dabei haben wir doch selber nichts, aber was wir haben, haben wir uns hart erarbeitet. Oder hart ererbt, was aufs Gleiche herauskommt.

kolumne georgAber jetzt kommt's noch schlimmer. Jetzt entern sie auch noch unsere großdeutsche Kultur! "So wie jetzt in Wien, wo ein junger Spielvogthallodri (dessen Namen nichts zur Sache tut) mit australischem Migrationshintergrund, dem sie gerade die deutschsprachigen Subventionsasyltöpfe hinterhertragen (gestern Oberhausen, heute Wien, morgen Basel), die Tragödie 'John Gabriel Borkman' umgejuxt hat", wie ein Journalist (dessen Name nichts zur Sache tut) in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung berichtet. Und dann schneit es da in Wien auch noch unentwegt: "Dauerschneegestöber"!!! Ja sind wir denn hier in Norwegen???

Und wie hat der Hallodri die Töpfe angezapft? Mit "eigenem Text, der naturgemäß noch einmal Tantiemen einfährt und einer Studententheater-Comedy zur mittelmäßigen Ehre gereichen würde." Diese raffgierigen Australier! Das würde ein guter deutscher Künstler nie machen, da gehen die Tantiemen an so renommierte Übersetzer wie Florian Borchmeyer und Thomas Ostermeier.

Schließt die Grenzen! Elmau für alle!

Schiebt diesem Missbrauch einen Riegel vor! Schließt die Grenzen! Elmau für alle! Wir brauchen ein neues Kulturfördergesetz: Deutsche Euro für deutsche Künstler! Für "Schutz, Erhalt und respektvollen Umgang mit unserer Kultur und Sprache"! Die Ausländer können ja zurück an die Maschinen, das hat doch schon mal so gut geklappt, damals in den 1960ern. Shakespeare und Ibsen werden ehrengermanisiert, auch dafür gibt's noch die guten Argumente irgendwo in den Archiven. Und Großkritiker an der Rentengrenze dürfen nicht in den Ruhestand gehen. Sie werden gebraucht: Damit endlich wieder jemand sagt, was und wer auf die heilige großdeutsche Bühne darf.

 

gkportraitGeorg Kasch, Jahrgang 1979, ist Redakteur von nachtkritik.de. Er studierte Neuere deutsche Literatur, Theaterwissenschaft und Kulturjournalismus in Berlin und München. In seiner Kolumne "Queer Royal" versucht er, jenseits heteronormativer Grenzen auf Theater und Welt zu blicken.


In der letzten Kolumne "Queer Royal" ging es um Tanztheater als Gesellschaftsmodell.

 

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