Atemlos durch die Schlacht

von Kai Krösche

Wien, 5. Juni 2015. Drei Herrscher, drei Kriegskönige im England der frühen Renaissance, drei zentrale Protagonisten der Rosenkriege zeichnete William Shakespeare in seinen Königsdramen Henry V., Henry VI. und Richard III.: Da liegt es nicht fern, einen Mammut-Abend, der alle drei Geschichten miteinander chronologisch verknüpft, auf die Bühne zu bringen. Der niederländische Regisseur Ivo van Hove, der bereits mit seinen 2008 bei den Wiener Festwochen zu sehenden Römischen Tragödien mehrere Werke Shakespeares zu einem sechsstündigen Theatermarathon zusammenfügte, widmet sich mit "Kings of War" diesmal den Kriegen um die englische Krone im 15. Jahrhundert – und verdichtet die Vorlagen Shakespeares zu einem fünfstündigen, dreigeteilten Politthriller.

Der Abend beginnt mit Henry V., erzählt mit der Atemlosigkeit amerikanischer Actionserien im Stil von "24". Gleich zu Beginn erfolgt die Kriegserklärung Englands gegenüber der französischen Übermacht, den Krieg erleben wir live aus den Bunkern beider Seiten, die Außenwelt (und selbst diese nur in umfunktionierten weißen Gängen hinter der Bühne) dringt lediglich über Bildschirme per Live-Übertragung in den abgeschlossenen Raum mit seinen Kontrollmonitoren, einem Bett, Sitzmöbeln aus vergangenen Jahrzehnten und Landkarten mit kriegsstrategischen Zeichnungen.

Dröhnende Königskrönungen

Ramsey Nasr legt seinen Henry V. als besonnenen, entschlossenen Herrscher an: Auf der einen Seite wünscht er sich Frieden und die Vermeidung des Krieges, auf der anderen Seite beharrt er auf dem in seinen Augen gottgegebenen Recht auf das französische Staatsgebiet. Drohgebärden und die Bereitschaft zur Barbarei sind bei ihm nur gespieltes Mittel zum Zwecke der Einschüchterung des Feindes. Seine wahre Schwäche entblößt er erst nach dem gewonnenen Krieg, im Angesicht seiner künftigen Ehefrau, der französischen Prinzessin Katharina: Beim improvisierten Romantikdinner zwischen Tür und Angel bewirbt er in unbeholfenen Worten die Vorzüge einer länderübergreifenden Ehe – ein Stück Absurdität inmitten der politischen Wirren des Krieges.

Kingofwars 560 JanVersweyveld uKönig qua Familienthronfolge: Henry VI. V.l.n.r.: Aus Greidanus jr., Fred Goessens, Eelco Smits, Robert de Hoog, Janni Goslinga © Jan Versweyveld

Ungebremst und spannend wie ein Politthriller treibt die Regie van Hoves diese Kriegsgeschichte von Szene zu Szene, untermalt von einem treibenden Elektrosoundtrack, der sich immer wieder mit Live-Posaunentönen abwechselt und die Musik der Renaissance – teils freitonal – reflektiert und bricht. Durch das wenigstens scheinbar "besonnene" Handeln dieser Kriegsprotagonisten inklusive vermittelnder Diplomatinnen und Diplomaten und Vertragsverhandlungen funktioniert der ästhetische Transfer in eine alternative Gegenwart der grauen Anzüge und Krawatten. Ein nicht besonders innovativer, aber zumindest im ersten Teil des Abends legitimer Kunstgriff, der aber bereits im zweiten Teil des Abends an seine Grenzen stößt.

Auf Eckpfeiler gestützt

Gekrönt zum neuen König qua Familienthronfolge, besteigt nach dem Tod seines Vaters Henry VI. den englischen Thron – entpuppt sich jedoch als weinerlicher Zögerer. Mit verheulten, wild unter der Brille hervorglotzenden Augen und sich vor Unsicherheit überschlagender Stimme zeichnet Eelco Smits das Bild eines jungen, überforderten Herrschers, der weder über politisches Gespür noch die ausreichende Menschenkenntnis verfügt, um im Spiel um Macht und Krone zu bestehen. Er lässt sich von seinen Beratern ausspielen, verliert das besetzte Frankreich aufgrund taktischer Fehler und sieht hilf- und ratlos zu, wie seine einzigen Verbündeten in den Tod getrieben werden. H

Hier gleitet der Politthriller des ersten Teils über ins Chaos der Intrigen. Auch das funktioniert noch in der unveränderten Gegenwartsästhetik, beißt sich jedoch mit den zunehmend skizzenhaften, miteinander ringenden Gegenpolen im politischen Machtgefüge. Die Kürzungen, die den Shakespearestoff auf knappe 75 Minuten eindampfen, lassen dabei nur noch die wichtigsten Eckpfeiler der Story übrig, wodurch Intrigen, Morde und der schlussendliche Königssturz gefühlt im Zeitraffer über die Bühne gehen – auch die historische Genauigkeit vortäuschenden Fakten-Einblendungen wirken angesichts der künstlichen Überhöhung der Geschichte(n) irritierend fehl am Platze.

Macht und Machterhalt

Was bleibt, ist vor allem ein eindrückliches Schlussbild: Kaum feierlich unter schwellenden Posaunen gekrönt zum neuen König, reißt sich Edward IV. die Krone vom Kopf, um gemeinsam mit seinen Angehörigen den Sohn Henry des VI. zu Boden zu drücken und die tödliche Giftspritze in die Venen zu rammen. Das wirkt in seiner perfiden Logik und Brutalität bedrückend und vermittelt ein auch in unserer Gegenwart gespiegeltes Bild von Macht und Machterhalt, das auf die rücksichtslose Vernichtung möglicher Kritiker oder Gegner anstelle von Versöhnung und demokratische Grundsätze baut.

Kingofwars 560a JanVersweyveld u"King of Wars" © Jan Versweyveld

Auch Edward IV. Herrschaft währt nur kurz: Im letzten und mit fast zweieinhalb Stunden längsten Teil des Abends wird er schon bald vom missgestalteten Richard III. durch Mord und Intrige als König Englands abgelöst. Spätestens hier verheddert sich der Abend in seiner eigenen, zuvor selbst auferlegten Ästhetik. Das düstere Königsdrama über den menschenhassenden, innerlich wie äußerlich missgestalteten Richard birgt eine zu breite Fülle an verschiedenen Aspekten, um sich in das Korsett eines reinen Politthrillers pressen zu lassen.

Allein im Bunker

"Richard III." ist nicht minder eine Geschichte über Hybris, gekränkte Eitelkeit, Liebe, Verrat, Sehnsucht nach Anerkennung, Tod und letztlich sogar die große Fragen nach dem Sinn des Lebens – das lässt sich nicht durch eine reine Entschleunigung der Erzählweise automatisch auf die Bühne holen.

Dabei gerät dieser Richard III. unter der Verkörperung Hans Kestings zur beeindruckend vielschichtigen Figur: x-beinig im grauen Anzug über die Bühne hinkend, mit gesichtsfüllendem Muttermal und gequältem Lächeln sehen wir hier einen Getriebenen, der in seiner scheinbaren Harmlosigkeit an den zahmen Blick scharfgemachter Kampfhunde erinnert, die im nächsten Augenblick unversehens zubeißen. Seine wahren Beweggründe bleiben undurchsichtig; mit fast kindlichem Eifer blüht dieser Richard inmitten des blutigen Netzes seiner Intrigen auf, ohne zu begreifen, dass niemand seine zerstörerischen "Leistungen" mit Anerkennung belohnen wird. Er wird zum Schluss alleine im entkernten und abgeschotteten Bunker vor seinem eigenen überlebensgroßen Videobild sitzen, als Silhouette ewig in die Länge gedehnt vor rotem Gegenlicht seine Aufforderung zur Schlacht brüllen, bis die Sätze endgültig in sich zerfallen.

Dauersprint

Das ist zwar ein starkes Finale, fügt sich jedoch durch den auf halber Strecke haltmachenden Ästhetikwechsel nicht richtig an das vorher Gesehene, zumal die Zuschauer davor durch ewige, ungekürzte und in ihrer Relation zu lang geratene Dialog- und Monologszenen bereits ermüdet wurden. So erinnert die Dramaturgie von "Kings of War" an einen Langstreckenläufer, der sich auf den ersten Kilometern im Dauersprint auspowert, um sich am Ende schleichend und auf allen Vieren durchs Ziel zu schleppen. Hier wäre mehr möglich gewesen. Insbesondere in der ästhetischen Umsetzung des steigenden (Größen-)Wahns Richards driftet die Inszenierung ins statische, psychologisierende Sprechtheater, das trotz der überzeugenden Schauspieler nicht in die (Un-)Tiefen der Shakespearschen Vorlage vordringt.

 

Kings of War
Uraufführung
Text von Ivo van Hove
nach den Königsdramen Henry V., Henry VI. und Richard III. von William Shakespeare
Regie: Ivo van Hove, Bühne und Licht: Jan Versweyveld, Komposition: Eric, Sleichim, Video: Tal Yarden, Kostüme: An D'Huys.
Mit: Ramsey Nasr, Eelco Smits, Hans Kesting, Hugo Koolschijn, Aus Greidanus jr., Alwin Pulinckx, Bart Slegers, Chris Nietvelt, Fred Goessens, Harm Duco Schut, Hélène Devos, Kitty Courbois, Robert de Hoog, Janni Goslinga. Countertenor: Steve Dugardin, Musiker: BL!NDMAN (brass), Konstantin Koev, Charlotte van Passen, Daniel Quiles Cascant, Daniel Ruibal Ortigueira, Alain Pire.
Dauer: 5 Stunden, eine Pause.

www.festwochen.at

 

Mehr zu Ivo van Hove im nachtkritik-Lexikon.


Kritikenrundschau

Trotz "aller technischen Raffinesse scheint es fast so, als übertrüge sich die eher spießige Bunkeraura der Bühnenszenerie unmerklich auch auf die theatrale Atmosphäre des Abends", berichtet Sven Ricklefs für den Deutschlandfunk (6.6.2015). Nach dem temporeichen "Henry V." zehre "Henry VI." schon "mehr am Geduldsfaden, da man rasch verstanden hat, welcher Prototyp von Machthaber einem hier im Schnelldurchlauf vor Augen geführt werden soll". Beim finalen "Richard III." könnten sich die "von Shakespeare in diesen Charakter hineingeschriebenen Subtilitäten aufgrund der notwendigen Kürzungen nicht wirklich entfalten". So "bleibt der Eindruck, dass der sonst szenisch so zupackende Ivo van Hove diesmal mit seinem vielleicht allzu politisch korrekten Anliegen im eher moralinen Zeigefingertheater gelandet ist."

Die Schauspieler der Toneelgroep Amsterdam treten "im modernen Business-Look auf. Sie sprechen gewöhnungsbedürftiges Niederländisch statt des herrlichen Englisch der Shakespeare-Ära. Wenn sie laut werden, vermutet man eine Laryngitis. Und die Übertitel auf Deutsch sind nur karge, unbeholfene Fragmente. Ein Genie, wer all diese Zeichen erfasst." So berichtet Norbert Mayer für die Presse (online 6.6.2015). "Dieses so vielfältig gebrochene Experiment ist faszinierend in seiner Kühnheit, zugleich aber eine Zumutung und eine Überforderung, die schließlich bei allem Ideenreichtum der Regie und den Stärken der mehr als ein Dutzend Darsteller ermüdet."

"Gespielt wird mehr als nur untadelig", gibt Ronald Pohl im Standard (online 6.6.2015) zu Protokoll. Doch die die Schauspieler begleitende Kamera "bricht" die Figuren "nur leider häufig auf das Normalmaß von Serienhelden aus dem Bezahlfernsehen herunter. Verloren geht in Rob Klinkenbergs (holländischem) Dramen-Digest die Faszination der Fremdheit, der befremdliche Kitzel durch die Frage nach der Heiligkeit des Amtes."

Im Vergleich zu Frank Castorfs "Brüder Karamasow"-Inszenierung biete Ivo van Hove "weniger lautstarke und mehr auf Schauspiel als auf Klamauk und Parolengekreische ausgerichtete Unterhaltung, ganz ohne Planschbecken." So berichtet Martin Lhotzky in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (8.6.2015). Im Ganzen nimmt der Kritiker diesen Dramen-Schnelldurchlauf als Appetizer auf: "Von Shakespeares Worten bleibt wenig an diesem Abend, aber doch ein substantieller Rest, um neugierig zu machen. Neugierig etwa auf die Dutzenden Handlungsstränge und Charaktere, die hier ersatzlos weggestrichen worden sind. Neugierig auch auf die Dramenkönige, auf die man einen nur kurzen Blick werfen konnte. Das ist für so ein Unterfangen gar nicht wenig, und es ist immerhin ein Anfang."

Weniger glücklich ist Karin Cerny auf Spiegel Online (8.6.2015) mit dem Abend: "Allzu brav wird der Stücktext rezitiert, anstatt sich auch sprachlich frei zu spielen, sich den Stoff tatsächlich zeitgemäß anzueignen. Ein Dilemma: Um differenzierte Figuren zu entwerfen, ist der Text wiederum zu stark eingedampft." Hartes Fazit: "In den späten Neunziger- und frühen Nullerjahren hat man diese Art von Theater cool gefunden (Shakespeare in Anzügen!), diese lässige holländische Art, nicht tief in die Figuren einzutauchen, sie eher über eine Körperlichkeit zu knacken. Mittlerweile hat man sich an dieser routinierten Oberflächlichkeit satt gesehen, zumindest, wenn sie so geistlos daherkommt wie in dieser Inszenierung, die weit nach Mitternacht noch immer kein Ende finden wollte."

 

 

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