Weltreiche, in Münchner Hotelzimmern zerfetzt

von Tim Slagman

München, 12. Juni 2015. Im Hotel begibt man sich in ein Zwischenreich, weder hier noch richtig dort, ein Nicht-Ort für den Transit. Im Hotel steht die Zeit still. Im Hotel hat immer irgendwer Sex. Thomas Dannemann beginnt die Geschichte dieser großen, reicheverzehrenden Leidenschaft zwischen Antonius und Cleopatra mit einer Bettszene im Hotel.

Starker Effekt

Es stöhnt von ferne in das leere, beige in beige getönte Zimmer, eines von vieren, die Stefan Hageneier auf die Drehbühne gesetzt hat. Und schon schiebt sich ein geradezu identischer Raum ins Blickfeld, in dem Manfred Zapatka und Hanna Scheibe sich umeinander wälzen und bald, im Gang nebenan, der die Zimmer trennt, spottet Thomas Loibl als Enobarbus über den "schielenden Gehorsam", den der einst so große Feldherr nun einer "dunklen Stirn" entgegen bringe.

Man mag diese Dopplung plakativ finden oder intensiv, in jedem Falle sorgt dieser Auftakt für einen der wenigen starken Effekte in einer eher bildschwachen Inszenierung und für einen der wenigen absolut präzise gesetzten Momente in einem allzu heterogenen Durcheinander von Motiven, Ideen und halbherzigen Modernisierungsansätzen. Immerhin, diese Hotelzimmer, die sich um ein auffällig leeres Zentrum drehen: eine treffliche Umgebung für Menschen, die immer woanders sind als bei sich selbst, die es zueinander hin und voneinander weg zieht, fern die Pflicht oder gar die Ehr', im festen Griff gleich da die Lust – ein Konflikt, der uns heute einigermaßen angestaubt vorkommen sollte.

In die Kostüme, Römer!

An das Heute gemahnen die Kostüme von Regine Standfuss, jede Bande ist hier eindeutig markiert, bevor es sie fast alle in den Schlachtenwahn und in die militärischen Tarnanzüge drängt: die Ägypterinnen in leichtem, bunten Seidenstoff und Leopardenleggings, Octavians Gefolge in Angeberanzügen, violett, silbergrau, strassbesetzt. Und Jeff Willbusch als Sextus Pompejus steckt in einer gestreiften Polyestertrainingsjacke und hat sich einen stattlichen Bart angeklebt. Balkankrieg, Nahostkonflikt, Tschetschenien, der Warlord als Dandy, diese Referenzen fliegen flach um die Szenen herum, ohne dass sich Thomas Dannemanns inszenatorischer Zugriff so richtig auf irgendetwas konzentrieren wollte.

Bei Shakespeare jedenfalls vertut Antonius seine Machtzeit als einer von drei Triumvirn bei Cleopatra, während Kollege Octavian die Fäden spinnt, der Hauptrivale Pompeius besiegt und der dritte Triumvir Lepidus entmachtet wird und alles immerzu rund ums Mittelmeer heftig durcheinandergeht. Am Ende dieses Kuddelmuddels wird der Pax Romana von Octavian, dem späterne Augustus, mit List und Grausamkeit erzwungen und das Liebespaar im Freitod aus dem Leben geschieden sein.

Antonius3 560 MatthiasHorn uDie Kriegsherren versammeln sich bei Cleopatras ums Sofa: Manfred Zapatka, Steffen Lehmitz, Hanna Scheibe, Dominik Jedryas, Thomas Loibl  © Matthias Horn

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Krawall und Stille oder Wie harmlos ist das Mündungsfeuer

Bis dahin aber flackern im München Videoprojektionen, Spiegelungen, Gegenperspektiven über die Wände der Hotelzimmer, die es alsbald in einer gewaltigen Scheinversöhnungsparty zwischen den Konfliktparteien und später dann im Krieg erst recht ziemlich rock'n'rollig zerlegt. Wie es wohl klänge, hätten Rammstein eine Ode auf Bacchus komponiert? Darauf gibt es immerhin eine wuchtige, launige Antwort.

Weitaus eindrucksvoller aber geraten die Momente der Stille, die es hier offenbar braucht, damit sich die strukturelle Gewalt der dargestellten Epoche herausschälen kann. Da liegt Friederike Ott schlafend auf dem Bett, während die Männer über Octavias Schicksal entscheiden, sie, Octavians Schwester, als Pfand des brüchigen Friedens an Antonius verscherbeln wollen, und während die Männer dies besprechen, rücken sie im Kreis wie eine Schlinge um die Schlafstatt der Ahnungs- wie Handlungslosen.

Hanna Scheibe hingegen stakst durch ihre Szenen wie ein ver- und unvollständig entwöhntes Wohlstandskindsmonster, lässt ihre Stimme wie die einer Teenagerin leiern und kippen und fordern und wirft sich schließlich dennoch vor dem siegreichen Eroberer in den Staub. Manfred Zapatka dagegen verlässt sich auf die Präsenz einer geradezu väterlichen Würde, er vermisst die Bühne wie einer, der es gewohnt ist zu schreiten und dem doch die Liebe seinen strammen Rücken beugen kann. Das Feuer der Liebe aber ist nach der ersten Szene schnell erloschen in Dannemanns Inszenierung, und die Mündungsfeuer aus den Spielzeugmaschinenpistolen reichen bei weitem nicht aus, um so von Krieg und der brutalen Politik zu sprechen, wie es heutige Verhältnisse verlangen würden.

 

Antonius und Cleopatra
von William Shakespeare
deutsche Übersetzung von Frank-Patrick Steckel
Regie: Thomas Dannemann, Bühne: Stefan Hageneier, Kostüme: Regine Standfuss, Musik: Konrad Hempel, Licht: Philipp Wiechert, Video: Claudia Lehmann, Dramaturgie: Götz Leineweber.
Mit: Manfred Zapatka, Hanna Scheibe, Thomas Loibl, Steffen Lehmitz, Michele Cuciuffo, Simon Werdelis, Friederike Ott, Bijan Zamani, René Dumont, Gerhard Peilstein, Jeff Wilbusch, Götz Argus, Andrea Wenzl, Valerie Pachner, Konrad Hempel, Dominik Jedryas, Daron Yates.
Dauer: 3 Stunden 40 Minuten, eine Pause

www.residenztheater.de

 

Kritikenrundschau

Egbert Tholl schreibt auf SZ.de, dem Internet-Portal der Süddeutschen Zeitung (14.6.2015), Hanna Scheibe spiele die Cleopatra "mit einer berückenden Wahrhaftigkeit des Gefühls". Doch so wenig Scheibe "die Politikerin spielt, so wenig spielt Manfred Zapatka den Antonius als Liebenden". Nach der ersten Bettszene lasse Dannemann "Antonius grummelnd an der Politik zweifeln". Erstaunlicherweise verrutschten dem ehemaligen Schauspieler Dannemann einige Figuren zu "reinen Figurinen im Gesamttableau". Knapp zwei Stunden seien "furios", viel "grimmiger Aberwitz", "viel Krieg und Knallerei". Dann jedoch sauge der Gitarrist Konrad Hempel, die "Energie aus dem Geschehen", und den "langen Zerfall" schildere Dannemann als "Zerfall aller Bühnenmittel". Das "quält ein wenig, weil die kluge Wut, die hier lange herrschte, einfach so verpufft".

Mathias Hejny schreibt auf der Website der Abendzeitung (15.6.2015), Der Anfang mit der Bettszene sei "stark". Dannemann inszeniere den überwiegenden Teil des Stücks "unentschlossen, zu oft unfreiwillig komisch". Das komplizierte Stück werde auch trotz Dannemanns "mutiger Entschleunigung" nicht übersichtlicher. Die Figuren blieben "durchweg unscharf". Wirklich interessant seien die Titelhelden: Manfred Zapatka  durchschreite "Schlafzimmer wie Schlachtfelder mit großväterlicher Grandezza". "Langbeinig und wie ein schlecht erzogener Teenie" durchstöckele Hanna Scheibe mit "ständig überkippender Stimme" den Machtpoker.

Michael Schleicher schreibt auf Merkur.de, der Online-Präsenz des Münchner Merkur (14.6.2015): Am "Paktieren, an den Intrigen und am Töten" habe sich seit der Zeit der Triumvirn kaum etwas geändert. Der Regisseur verstehe das Drama als "Blaupause menschlicher Auseinandersetzungen". Ein "spannender Ansatz", doch überstrapaziert. Die Assoziationen, die mit den Kostümen geschaffen würden, liefen ins Leere. Nach "starkem, bildmächtigem Beginn" verschleppe die Inszenierung im Mittelteil das Tempo. Manfred Zapatkas Antonius sei "viril in der Schlacht und im Bett – aber hilflos vor der eigenen Begierde". Hanna Scheibe als Cleopatra ist "high auf Heels, aus Begehren, Liebe, Sehnsucht und was noch alles". Sie sei "Geilheit und Göre, verführerisch, verrucht, verdammt sexy". Doch zeige sie nur diese Seite der Ägypterin. Das sei "eindimensional, bedauerlich – und symptomatisch" für die Inszenierung.

Einer "der gewaltgeladensten Theaterabende dieser Münchner Spielzeit“ ist dies für Teresa Grenzmann von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (16.2.2015). "Der Zuschauer wird überfordert vom Overkill an Bildern und Bildhaftem." Die nonchalante Übersetzung federe die "Wucht der Szenen" mitunter ab. "Aber sobald der Krieg beginnt, verliert man den Überblick", und "hinter dem stundenlangen Abbild des Krieges fehlt kritische Reflexion."

 

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