Im Fleischnebel

von Nikolaus Stenitzer

Berlin, 13. Juni 2015. Das "Vertrauen in die Bedeutung des Autors für das Theater" wollen die Autorentheatertage am Deutschen Theater Berlin mit ihrer Neuausrichtung zum Ausdruck bringen: Statt der bisher üblichen Werkstattinszenierungen zeigt das Festival vollwertige Uraufführungen ausgewählter Stücke, die anschließend auch in das Repertoire der an den Produktionen beteiligten Häuser – neben dem Deutschen Theater das Wiener Burgtheater und das Schauspielhaus Zürich – übernommen werden.

Neu ist auch das Auswahlverfahren: Anstelle eines Alleinjuroren oder einer Alleinjurorin gab es dieses Mal eine Jury, die aus 207 Einsendungen drei Texte auswählte. Und eine Überraschung: Auch aus der engeren Wahl der rund zehn besten Texte wird zum Ende des Festivals ein Stück inszeiert, "Der Neue Himmel" vom Autorenduo Nolte Decar.

Bühne aus Metall und Licht

Zuerst wurde allerdings eröffnet, und zwar mit "dosenfleisch", dem neuen Stück des österreichischen Autors Ferdinand Schmalz in einer Koproduktion mit dem Wiener Burgtheater. Schmalz, Sprachartist mit Lebensmittelschwerpunkt (sein preisgekrönter Erstling am beispiel der butter ist ebenfalls bei dem Autorentheatertagen zu sehen) versammelt sein dramatisches Personal in einer Raststätte: Vier Personen treffen dort zum Showdown zwischen subversivem Krimi und poetischem Splatter aufeinander. Dosenfleisch meint dabei nicht nur den Konserveninhalt, sondern auch das weiche Innere in den Blechkarossen, die sich in Reihe in der Todeskurve in Schrotthaufen verwandeln. Der Spielraum in Carina Riedls Inszenierung besteht  fast nur aus Metall und Licht (Bühne: Fatima Sonntag, Licht: Norbert Gottwald). Das reicht aber aus, ja,  erweist sich als idealer Boden für Schmalz' wunderbares Sprachbeben.

 Dosenfleisch3 560 Reinhard Werner h.jpgIn der Raststätte: Tino Hillebrand, Frida-Lovisa Hamann © Reinhard Werner

Der Rhythmus, ein bestimmendes Thema des Abends, steht zuerst für sich: Die Percussionistin Katharina Ernst beginnt in am Schlagzeug. Sie wird die Inszenierung auch weiterhin begleiten, was sich mit der Struktur und Sprache des Textes ganz ausgezeichnet verträgt.

Schmalz staffiert seine Figuren prächtig mit allerhand Sprachschöpfungen und –bildern aus. Daniel Jesch als Fernfahrer etwa entwickelt im Eingangsmonolog, in dem das schöne Wort "Fleischnebel" auftaucht, eine Poetik des Insektenkadavers auf der Windschutzscheibe. Sein Spiel mit der Sprache treibt der Autor weit, wagt sich auch gelegentlich an Plattitüden – die er dann regelmäßig platzen lässt. Dabei bleibt genügend Raum für die Entwicklung der eigenwilligen Charaktere, sogar für eine kleine Krimihandlung.

Männerklischee ohne Brechung

Was ebenso für Kurzweil sorgt wie das Spiel des Ensembles. Den Schauspielerinnen und Schauspielern gelingt sämtlich eine beeindruckende Umsetzung vor allem jener Teile des Stückes, in denen sich die widerspenstige Sprache an der Wirklichkeit zu schaffen macht – mit der Monotonie der Raststätte als grausiger Metapher für die stumpfe "Normalität" und dem Unfall als dem Bruch mit ihr. Man muss die archaisch-utopischen Konsequenzen, die Schmalz seine Figuren aus diesen Betrachtungen ziehen lässt, nicht teilen, um Stück, Spiel und Inszenierung beeindruckend zu finden.

Instrumentalsolistisch beginnt auch die zweite Uraufführung: "Szenen der Freiheit", ein Stück des erst 23-jährigen Autors Jan Friedrich, aufgeführt als Kooperation des Deutschen Theaters mit der UdK Berlin. Auf einer E-Gitarre musiziert da ein junger Mann: Ein wenig angejazzt, verspielt, leicht neben der Spur, schier endlos. Ein klassisches Männerklischee, das nach ironischer Brechung zu schreien schien. Allein, sie kommt nicht, die Brechung – weder an dieser noch an anderen Stellen.

Die Werte unserer Kindheit

Denn die fünf Mittzwanziger, die Jan Friedrich und Regisseur Fabian Gerhardt da aufmarschieren lassen, haben sich mit arg schubladisierten Charakteren herumzuschlagen: Da ist der gutmütige Tollpatsch, der sein Leben nicht in den Griff bekommt (Alexander Küsters). Hier seine Freundin mit dem Helfersyndrom (Adrienne von Mangoldt). Dort ein gestresster Jungangestellter (Meik van Severen), der von seinem übersexualisierten und etwas zwielichtigen Geliebten (Owen Peter Read) dominiert wird. Und schließlich eine junge Frau, die noch etwas erleben will (Solvejg Schomers) und sich dabei permanent auf ein "früher" zu beziehen hat, in dem noch alles besser gewesen sei, die Leute lockerer und die Abenteuer "echter".

Szenen der Freiheit1 560 Arno Declair hMittzwanziger unter sich: Alexander Küsters (Bastian), Adrienne von Mangoldt (Anni), Owen Peter Read (Pascal), Meik van Severen (Josch) © Arno Declair

Leute um die Zwanzig, die sich in die Zeit ihrer Jugend zurücksehnen, deren vergangene Authentizität sie vermissen; Kinder von Wohlstand und Freiheit, die fernsehfilmesk "Ich-kann-es-nicht-mehr" schluchzen: Die gibt es natürlich. Mit der bloßen Abbildung dieser Abziehbilder ist aber wenig geschafft; vor allem, wenn es in einer Sprache geschieht, die diese Klischees nicht zum Thema macht, sondern offensiv verwendet. Wenn da angesichts des Zustands der Welt und des eigenen Lebens ohne mit der Wimper zu zucken von den verlorenen "Werten unserer Kindheit" schwadroniert wird, kann einem schon einmal bange werden um die jungen Leute von heute.

Ein paar gut gebaute und einige komische Szenen hat Jan Friedrich in seinem Stück untergebracht; dass sie aufgehen, ist nicht zuletzt den ambitionierten Darstellerinnen und Darstellern geschuldet, unter denen Owen Peter Read und Alexander Küsters besonders auffallen.

 

Dosenfleisch (UA)
von Ferdinand Schmalz
Regie: Carina Riedl, Bühne: Fatima Sonntag, Kostüme: Dagmar Bald, Musik: Arthur Fussy, Licht: Norbert Gottwald, Dramaturgie: Amely Joana Haag.
Mit: Daniel Jesch, Dorothee Hartinger, Frida-Lovisa Hamann, Katharina Ernst , Tino Hillebrand.
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten.

Szenen der Freiheit (UA)
von Jan Friedrich
Regie: Fabian Gerhardt, Bühne und Kostüme: Susanne Hiller, Musik: Marc Eisenschink, Dramaturgie: Hannes Oppermann, John von Düffel.
Mit: Adrienne von Mangoldt, Alexander Küsters, Meik van Severen, Owen Peter Read, Solvejg Schomers.
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten.

www.deutschestheater.de

 

Mehr zu den Autorentheatertagen 2015 am Deutschen Theater Berlin? In der Festivalübersicht finden Sie alle eingeladenen Inszenierungen. Außerdem hielt Jury-Sprecher und Kritiker Peter Michalzik zum Auftakt eine Rede, in der er 17 Thesen zur Gegenwartsdramatik formulierte.

 

Kritikenrundschau

"dosenfleisch" sei "an der Oberfläche ein unterhaltsamer Theater-Thriller mit übermütig-albernen Kalauern und deftig-derben Splatter-Motiven. Und unter dieser Oberfläche: Philosophie", schreibt Tobias Becker auf Spiegel Online (15.6.2015). Carina Riedl liefere "eine sehr solide Regiearbeit ab und bringt das Stück heil ins Ziel, so richtig auf Touren bringt sie es unterwegs aber leider nicht".

Es palmetshofere sehr, findet Bernhard Doppler im Standard (15.6.2015). Was die Personen miteinander verbinde, werde hingegen kaum deutlich. "Vielleicht hätte man 'dosenfleisch' als skurriles Volksstück etwas mehr erden können, aber Regisseurin Carina Riedl stellt vor allem die sprachlichen Posen der Untoten aus."

Patrick Wildermann berichtet im Tagesspiegel (14.6.2015) vom Jury-Dramolett zwischen Peter Michalzik und Ulrich Matthes, um sich dann den beiden am Eröffnungsabend gezeigten Stücken zu widmen: Sie ließen auf ihre jeweils eigene Art eine Erzählkraft leuchten, die in den Bann schlage.  Friedrich etwa lege "ein erkennbar persönliches Stück vor, durch das der Geist des britischen In-yer-Face-Theaters" wehe. "Hier traut sich einer, ungeschützt vom Wunsch nach Nähe zu erzählen. Auch das gehört zum Schreiben für die Gegenwart: sich angreifbar zu machen."

Ganz anders Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (15.6.2015): Bei Jan Friedrich werde das Miteinander "so explizit wie sauertöpfisch auf sexueller Ebene ausgehandelt". Und die fünf UdK-Schauspielstudenten seien "naiv genug", "um zu glauben, solche Klischees mit ihrer Schauspielstudentenpersönlichkeit beglaubigen zu müssen". Schmalz hingegen erzähle mit "lustvoller Metaphern- und Kalauersuhlerei und mit großer Freude an der Selbstüberlistung". Und Riedls Umsetzung  "wuppt."

Beide Stücke der Autorentheatertage-Eröffnung seien "schöne Beispiele für eine neue Lust am Erzählen", schreibt Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (19.6.2015). "Bei aller formalen Raffinesse, mit der etwa Ferdinand Schmalz mit der Sprache spielt, scheint die figuren- und handlungsfreie Textflächen-Plage abzuflauen." Denn nachdem "alle Theaterkonventionen abgeräumt" seien, könnten "die neuen Autoren ohne den Zwang, unbedingt Avantgarde sein zu müssen, mit dem gesamten Spektrum aller Stilmittel und Erzählweisen spielen. Das hat bei den Berliner Uraufführungen von Schmalz und Jan Friedrich durchaus heiter-fröhliche Rampensau-Qualitäten." Diese Autoren schrieben "für ein Publikum, nicht für Insider-Fördergremien, sie haben wieder etwas zu erzählen, und sie haben dafür eine eigene Sprache."

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