Fafafafa

von Grete Götze

Frankfurt am Main, 13. Juni 2015. Die arme Frau Dröse wird es schwer haben, nach dem mutigen Macbeth von Dave St.Pierre und einem überregional beachteten Danton von Ulrich Rasche die große Bühne des Schauspiel Frankfurt zu bespielen, denkt sich im Vorfeld die besorgte Kritikerin. Und dann auch noch mit "Was Ihr wollt", einer der meistgespielten Komödien von Shakespeare. Aber - - Pustekuchen! Jorinde Dröse stellt mit ihrem furiosen Ensemble eine Inszenierung hin, nach deren Ablauf man sich verwundert die Augen reibt. Eine Inszenierung, die das schafft, wofür die meisten überhaupt ins Theater gehen: Sie macht ein Ereignis aus dem Stück. Sie bringt die Zuschauer zum Lachen. Und ist dabei nicht mal blöd.

Ziggy Stardust

Nach der Sturmszene, in der Viola schiffbrüchig von ihrem Zwillingsbruder getrennt wird, beginnt es so schrill, dass man schon Schlimmstes befürchtet. Orsino, der Herzog der Insel Illyrien, der vergeblich die reiche Gräfin Olivia liebt, betritt als David Bowie die Bühne, mit gelber Kunst-Tolle, roten Lackschuhen und jenem gestreiften Ganzkörper-Anzug, den er während der Alladin-Sane-Tour 1973 trug. Eine Anspielung auf seine Kunstfigur Ziggy Stardust und die Glam-Bewegung, in der nach den politischen Sechziger Jahren das Artifizielle die Vorherrschaft gewann und Geschlechterrollen komplett infrage gestellt wurden.
Was ihr wollt1 560 BirgitHupfeld uKatharina Bach, Torben Kessler  © Birgit Hupfeld

Geschlecht und Rolle sind auch bei Shakespeare mehr als fraglich, bei dem die gestrandete Viola sich als Mann ausgibt, um dem Herzog dienen zu können. Der bittet sie, die jetzt ein er ist und Cesario heißt, Gräfin Olivia seine Liebe zu übermitteln, woraufhin sich die Gräfin naturgemäß in den Boten verknallt. Der natürlich den Herzog liebt.

Gänsehaut

Herzog Orsino (Torben Kessler) liebt allerdings in Wirklichkeit erst einmal sich selbst. Auf einer sich drehenden Bühne, die ein einfacher Bretterverschlag mit Treppen ist. Auch die Gräfin (Claude de Demo), eine in schwarz Gekleidete, nervös um ihren Vater und Bruder Trauernde, könnte künstlicher ihre Trauerposen kaum einnehmen, mit aufgemalten schwarzen Tränenflüssen, ihre Diener nicht manirierter verscheuchen als mit ihrer wegfingernden Handbewegung und dem "fafafafa" dazu. Doch spätestens als Katharina Bachs Viola / Cesario mit rauer, aber glasklarer Stimme Bob Dylans Make you feel my love von der Mauer herab für sie singt, ist Olivia verzaubert. Und der Zuschauer mit ihr. Ein Gänsehaut-Moment.

Den die hereinbrechenden Rüpel und Narren aufmischen. Eine Freude: Wolfgang Michael als Narr, der, wie üblich nuschelnd und trocken Lebensweisheiten kundtut. Oder Junker Bleichenwang, gespielt von Nico Holonics in Jeans-Hotpants und mit Glitzerrollschuhen, und sein Compagnon Tobias von Rülp, den Michael Benthin mit bauchfreiem Top, Glitzerweste und, ähm, ja, lauten Rülpsern mimt.

Was ihr wollt2 560 BirgitHupfeld uClaude De Demo, Sascha Nathan, Wolfgang Michael  © Birgit Hupfeld

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Ich lieb Dich so, Ich lieb Dich so

Den eitlen Gockel Malvolio lässt Sascha Nathan dann noch grotesker und komischer auf uns Zuschauer los, als wir es uns hätten träumen lassen. Erst im Anzug den angeblichen Brief der Gräfin so in jeder Silbe auskostend und schließlich mit einer kleinen Arie versehend, dass er einen Zwischenapplaus erringt. Dann mit gelber Strumpfhose und Dauergrinsen aufs Lächerlich-Graziöseste um die Gräfin herumtänzelnd, die ihrerseits völlig deppert dem Diener verfallen ist. Und die vor lauter Liebe ans Klavier stürzt, den Klavierspieler verscheucht und die unterschiedlichsten Lieder anstimmt: Ich lieb Dich so. Ich lieb Dich so. Ich lieb Dich so. Die Liebe, so toll wie sie da auf der Bühne wütet, ist wirklich ein Irrsinn, der die Menschen ihres Verstandes beraubt.

Jorinde Dröses Inszenierung will Figuren nicht behutsam entwickeln. Hier wird aufgebohrter Groteskenseligkeit gefrönt. "Be clammerous!" fordert Orsino seinen Diener auf. "Glamourous?" fragt der zurück. Die Schauspieler schrauben mit Frank Günthers keine Witze scheuender Übersetzung die ohnehin kunstvoll verschraubte Sprache Shakespeares noch eine Umdrehung weiter. Sie werfen sich so selbstvergessen und inbrünstig in ihre Rollen, dass man ihnen spätestens nach zwanzig Minuten so verfallen ist wie Viola ihrem Herzog. Die Schauspieler trauen sich, kitschig zu sein und peinlich und alle vermeintlichen Geschlechtergrenzen ins Weltall zu sprengen. Katharina Bach ist als Cesario der schönste Mann des Abends. Bleichenwang die süßeste Rollschuhfahrerin. Und alles dreht sich, und jeder liebt doch eigentlich die falsche Vorstellung der geliebten Person. Aber vielleicht, so legt das Ende nahe, an dem Viola statt wie bei Shakespeare Happy End zu feiern, wieder wie am Anfang schiffbrüchig nach ihrem Bruder schreit, vielleicht war das alles nur ein Traum.

 

Was Ihr wollt
von William Shakespeare
Deutsch von Frank Günther
Regie: Jorinde Dröse, Bühne: Susanne Schuboth, Kostüme: Tine Becker, Musik: Torsten Kindermann, Video: Stefan Bischoff, Dramaturgie: Claudia Lowin.
Mit: Torben Kessler, Katharina Bach, Michael Benthin, Nico Holonics, Claude De Demo, Linda Pöppel, Sascha Nathan Wolfgang Michael, Timo Fakhravar, Jan Breustedt und Torsten Kindermann, Tim Roth, Martin Standke (Musiker).
Dauer: zwei Stunden, keine Pause

www.schauspielfrankfurt.de

 

Kritikenrundschau

Nicht immer würden sie "so weit getrieben, die Lächerlichkeit, das Lachen, die Schönheit, wie in Jorinde Dröses Version von 'Was ihr wollt'", schreibt Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (15.6.2015). "Unter Auflösung der Sphären von oben und unten und unter weitgehender Nichtbeachtung der diversen dargebotenen Liebesniveaus – mancher Liebender kalkuliert – wird selbst dem abgebrühten Shakespeare-Konsumenten in außerordentlicher Schärfe nahegebracht, dass Liebe toll ist, was ihren Unterhaltungswert und ihre Pathologie betrifft." Und es sei "ein ungewöhnlicher Clou am Ende, dass ausgerechnet diese federleichte, sommerheitere, lebenslustige Lesart ganz anders endet, als geschrieben und gewohnt. Aber nicht bitter, zynisch, dämpfend, heikel, was auch alles schon zu sehen war, sondern tragisch. Köstlich ist die Liebe, aber nur ein Traum."

Susanne Schuboths Bühnenbild werde von Jorinde Dröse "am liebsten als Resterampe eitler Einsamkeiten bespielt", meint hingegen Hubert Spiegel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (15.6.2015). An diesem Abend drehe "sich alles um Gags, Songs, Klänge und Klamauk. In der zweiten Hälfte des Abends ist das dank der guten Ensembleleistung stellenweise sogar sehr komisch. Wer 'Was ihr wollt' vor dieser Inszenierung noch nicht kannte, hat es also gut: Er muss nicht darüber nachdenken, was für ein schönes und intelligentes Stück da gerade gnadenlos abgeschlachtet wird." Diese Inszenierung wolle nichts "außer der nächsten Pointe".

Die Künstlichkeit einer radikal artifiziellen Welt strahle "bis ins maßlose Vergnügen der (...) Regisseurin Jorinde Dröse am Bombast aus. Theatermaschinen hatte Shakespeare zwar kaum zur Hand, Bühnenbildnerin Susanne Schuboth aber lässt die Drehbühne wirbeln wie einen verrückten Weihnachtskreisel", schreibt Marcus Hladek in der Frankfurter Neuen Presse. "Um so vergnüglich und wirksam sein zu können wie das Original vor vierhundert Jahren, tauchen Dröse, Torsten Kindermann (Live-Musik mit Tim Roth und Martin Standke) und die Schauspieler das Geschehen in Songs und Klänge von heute." Das Ganze sei eine "leichte, aber nie seichte Inszenierung, der man nicht auch noch Abgründigkeiten abverlangen wird".

 

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Kommentare

Kommentare  
#1 Was ihr wollt, Frankfurt: Musiker vermisstfrankfurter 2015-06-14 13:05
In der Kritik habe ich allerdings die hervorragende und sehr professionelle Begleitung der außergewöhnlichen sowie tollen Musiker vermisst! !!!
#2 Was ihr wollt, Frankfurt: drei tolle MusikerEin Taunusfrdund 2015-06-14 14:46
Genau richtig!!!
Das Stück wird doch insgesamt auch durch die einfühlsame und treffende Musikbegleitung der drei tollen Musiker sehr positiv mitgetragen und beeinflusst.
#3 Was ihr wollt, Frankfurt: unsäglichJS-NI 2015-06-14 21:39
(...) So eine unsägliche Aufführung, in der wirklich keine platte Idee ausgelassen wird. Habe gegreint und mich gewunden. Vor allem über die Peinlichkeit, Schauspieler in so unsägliche Rollenklischees zu kasernieren. (...) Dröse, die sich nicht entblödete, alles Unsägliche von Abba über schwules Gehabe und Rollschuhglitter, Showtreppe und Gerenne auszustaffieren. Wer mal die Burgtheater-Aufführung von Hartmann gesehen hat, wendet sich mit verkniffenem Gesicht. Greuslich auch das zum Amüsieren angereiste Frankfurter Ist-doch-alles-wunderbar-Shakespeare-ist-geil-Premierenpublikum. Kann Stadelmaier immer mehr verstehen, der sich comedysiertes Publikum und Dilettantenaufführungen nicht mehr antun will und kann. Ist aber ein Problem: Rückzug in zivilisierte Wildnis macht einsam. Aber: siehe Besprechung oben - man muss sich den Mond nur von der anderen Seite ansehen, ist doch eigentlich alles Pustekuchen!
#4 Was ihr wollt, Frankfurt: moderne RollenklischeesMainzer Theatergast 2015-06-16 09:23
Eine junge Regisseurin packt -wenn auch manchmal etwas klamaukig- in dieser Aufführung endlich einmal nicht nur althergebrachte , sondern moderne und in die heutige Zeit passende "Rollenklischees" an. Auch die hervorragende musikalische Begleitung, sprich der ausgefeilte und aussergewöhnliche Soundtrack, geben dem Stück bzw. der Regie erst den notwendigen und erfreulichen Kick und insbesondere Rückhalt dieser modernen "Was Ihr wollt"-Fassung. Diese Stück wird mit Sicherheit ihr dankbares Publikum in der nächsten Zeit finden!
#5 Was ihr wollt, Frankfurt: VerzauberungHans Schröder 2015-06-16 21:45
Malvolios gibt es auch unter den Kritikern, aber was nützen denn ihre Profilierungen Erinnerungen an Aufführungen vor 20.Jahren. Diese Shakespeare-Aufführung ist übergreifend über Jahrhunderte, sie fesselt den heutigen Besucher wie den im Globe-Theater vor 500 Jahren. Endlich wird hier einmal Theater auch nicht im geringsten Maß der Realität und seiner Bedrohung angepaßt, sondern schafft dem Zuschauer 2 Stunden Freiraum , den er hoffentlich etwas länger in sein Leben mit hinausnimmt. Verzauberung, Befreiung aus dem kleinlichen Alltagsleben, was kann Theater schöneres sein und geben? Hans

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