Unter der Gefälligkeitstünche

von Jan Fischer

Hannover, 13. Juni 2015. Ein Mensch tritt auf die Bühne. Der Mensch sagt: "Ich bin..." Und dann wird es kompliziert.

Rollen wir es von hinten auf.

Man muss sich da eine Lücke vorstellen. Eine Lücke irgendwo zwischen Tanztheater, Geschichtenerzählern und 70er-Jahre-Prog-Rock-Konzeptalbum. Das ist die Lücke, in der Jan Lauwers & Needcompany sich mit "The Blind Poet" eingerichtet haben. Man kann und sollte den Abend so betrachten: Nicht als Inszenierung, die in einem geschlossenen Raum stattfindet und sich selbst genügt. Sondern eine, in der sich persönliche Geschichten aus dem Theaterraum heraus auffalten, wo sie plötzlich und unvermittelt immer größer werden, von Mensch zu Stammbaum zu historischer Wahrheit. Menschen, die Kunst machen, die sich in die Welt, in die Politik hineinfrisst. Geschichten von Menschen also, die das Produkt eines Systems sind, dass sie nur verstehen, aber nicht mehr beeinflussen können.

Wie im Zirkus

Diese Menschen treten auf die Bühne und sagen: "Ich bin..." Für "The Blind Poet" haben sich die Mitglieder der Needcompany mit ihren Stammbäumen beschäftigt. Sieben der Mitglieder erzählen einzeln von sich – mal chorisch, mal als Tanzeinlage, mal als ruhige Erzählung, mal als Country-, mal als Rocksong. Dabei ist allen Geschichten vor allem gemein, dass sie die Schauspieler im historischen Kontext verorten, irgendwo zwischen den Wikingern, Troja, Sumatra, den Kreuzzügen oder dem Boxeraufstand. "The Blind Poet" beschreibt das persönliche als politisch, die Geschichte als Kaleidoskop aus Geschichten und den Menschen als Produkt der Geschichte. Dabei steht zwar der Text, die mündliche Erzählung oft im Vordergrund – "The Blind Poet" ist aber auch ein unheimlich körperliches Stück, dass starke Anleihen am Tanztheater nimmt und den Schauspielern viel an Bewegung und Anstregung abverlangt.

BlindPoet1 560 Els De Nil uDas tote Pferd – und Maarten Seghers © Els de Nil

Dass das alles nicht auseinanderfällt, liegt hauptsächlich daran, dass "The Blind Poet" sein Heil in der Übertreibung sucht: Kanariengelbe Kostüme und Clownsschminke lassen die Inszenierung stellenweise wie eine Zirkusaufführung wirken, überdrehte Klischees erzeugen Komik, manchmal taucht ein traumsymbolhaftes Bühnenbild wie aus einem David-Lynch-Film auf, ein totes Pferd auf einer Waage, beispielsweise, zwei science-fiction-roboteratige Gerätschaften, die sich in einem Lanzenkampf bekriegen. Das Finale wird von einem schwarzen, aufblasbaren Wesen dominiert, das aussieht wie eine überdimensionierte Bakterie.

Kein Mensch ist eine Insel

"The Blind Poet" ist eine der großen Koproduktionen in Elisabeth Schweeger letzter Saison als künstlerische Leiterin der Herrenhäuser Festspiele in Hannover. Die einstige Frankfurter Intendantin liebt Inszenierungen, die widerständig, eigenartig, schwer verständlich sind. In diesem Jahr gab es Musik von Harry Partch, einem Komponisten, der der Meinung war, in eine Oktave passen nicht nur die üblichen 8, sondern 32 Töne. Es gab eine 16-stündige Inszenierung vom "Ring der Nibelungen", von Georg Nussbaumer durch x-tausend transformative Filter gejagt.

Für ihre letzten Tage bei den Herrenhäuser Festspielen könnte sich Schweeger kein besseres Stück wünschen. Zum einen, weil es noch einmal Kunst – und damit die Herrenhäuser Festspiele – als Teil eines größeren, politischen Systems thematisiert. Zum anderen, weil es einigen der dort gezeigten Inszenierungen, Installationen und Konzerte zwar nicht unbedingt die Tiefe voraus hat – aber die Gefälligkeit. Es zeigt noch einmal, wie große Themen ohne aufgesetzte Verkunstung aufgefaltet und verhandelt werden können.

Denn so verrätselt, so schwer fassbar das Stück in seiner Symbolik ist, so gefällig ist es. Die Needcompany übertüncht das Rätsel mit reichlich eingängiger Musik, dreht so sehr am Übertreibungs-Knopf, dass selbst die Geschichte von väterlichen Alkoholismus und häuslicher Gewalt hochlustig wird und Krebs mit einer Pointe weggewischt werden kann. Hauptsächlich aber liegt unter all dieser Gefälligkeits-Tünche und alle dem Augenzwinkern die simple und gleichzeitig schwere Erkenntnis, dass kein Mensch eine Insel ist. Alles ist miteinander verbunden und individuelle Geschichten sind die Wurzeln dessen, was wir Geschichte nennen. Das ist es, was Jan Lauwers und die Needcompany in bester Schelmen-Tradition eklektisch auf die Bühne bringen. So intensiv, dass man es nicht vergisst, so beiläufig, dass man es fast nicht merkt.

 

The Blind Poet
von Jan Lauwers & Needcompany
Text, Bühne, Licht, Regie: Jan Lauwers, Musik: Maarten Seghers, Choreographie: Grace Ellen Barkey, Kostüme: Lot Lemm.
Mit: Grace Ellen Barkey, Jules Beckman, Anna Sophia Bonnema, Hans Petter Melø Dahl, Benoît Gob, Maarten Seghers, Mohamed Toukabri.
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

kunstfestspiele.hannover.de

 


Kritikenrundschau

"Für Kenner und Liebhaber des bewährten Experimentaltheaters“ sei diese Performance etwas gewesen, berichtet Henning Queren kurz und knapp in der Neuen Presse (15.6.2015). "Die bekannte Botschaft: Wir sind alle Migranten, irgendwie, tragen eine biografische Last. Und Geschichte ist eine Aneinanderreihung von blutigen Erfindungen.“ Der Abend habe "Längen" gehabt, die aber "den Fans nur wenig Probleme bereiteten.“ Das "Wunder“ der 2013er Kunstfestspiele-Produktion der Needcompany "The House of our Fathers“ habe sich hier "nicht wiederholt“.

"Probleme im Kunstbegriff" von Elisabeth Schweeger hätte dieses Festival gezeigt, schreibt
Jutta Rinas rückblickend in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (15.6.2015). "Zu viele Produktionen bezogen sich zu eindeutig auf die Anfänge der Fluxus- und Happeningbewegung, auf Kunstströmungen der Sechziger-, Siebzigerjahre – und gingen nicht darüber hinaus." Für diese Tendenz stehe auch "Blind Poet“. Das Stück sei reich an "verstörenden Momenten“ gewesen. Allerdings: "Das Problem ist nicht nur, dass die Masse an über die Jahrhunderte und den gesamten Globus verteilten Elendsgeschichten sich selbst die Wirkung nahm. Das Problem ist auch, dass man solche Stücke schon zu oft gesehen hat."

Die Needcompany fordere mit diesem Stück "schon ein großes Maß an Hingabe“, berichtet Ralf Döring für die Neue Osnabrücker Zeitung (14.6.2015). "The Blind Poet“ erzähle "von den multikulturellen Biografien der Needcompany-Künstler“ mit tragischen Brüchen, mit "einer furiosen Mischung aus Schauspiel, Tanz und Aktionskunst" und mit wenigen, aber effektvollen Requisiten. "Bei allem Witz spielt der Abend aber auch mit dem Durchhaltevermögen seiner Zuschauer, was wiederum zu Elisabeth Schweeger passt. Bequem war die nämlich nicht – aber genau das macht den Erfolg der Kunstfestspiele Herrenhausen aus."

 

 
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