Die DNA des Schweizer Wohlstands

von Kaa Linder

Zürich, 18. Juni 2015. Eine koloniale Schweiz hat es nie gegeben, jedenfalls nicht in den Geschichtsbüchern. Nun tritt das Theaterkollektiv MASS & FIEBER, angelehnt an Shakespeares "Sturm" den Nachweis an, dass eidgenössische Unternehmerclans einen beachtlichen Anteil an kolonialen Geschäften hatten. Das geschieht an einem singulären Ort, der nicht bloß tolle Kulisse, sondern Hauptakteur in der Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit schlechthin ist.

Die Villa Patumbah, im schicken Zürcher Seefeld gelegen, thront als realer Großbürgertraum mitten in einem verschwenderisch schönen Landschaftspark. Feigenbäume, Zebragras und Rosensträucher säumen asymmetrisch angelegte Kieswege, ein Springbrunnen plätschert vor sich hin. Alles viel zu schön, um von heute zu sein, und alles noch viel schöner, würde es nicht den ganzen Abend lang Bindfäden regnen! Schon der Name der Villa Patumbah strotzt vor Extravaganz und zeugt von ihrer ambivalenten Vergangenheit. Ihr Bauherr war ein "Überseer", der sich nach seiner Heimkehr aus Sumatra 1885 damit unsterblich gemacht hat.

Arche gegen die Fluten des Mittelmeers

Das Theaterkollektiv um Niklaus und Brigitte Helbling schickt einen zwanzigköpfigen Trupp auf Belebungstour durch diese grandiose Kulisse. Auf dem Rundgang, welchen das Publikum in fünf Gruppen mit unterschiedlicher Geschichtenabfolge absolviert, treten die Protagonisten der Firma "Prospero Trading" (deren Logo auch die bereitgestellten Regenschirme ziert) in Erscheinung. Die Firma ist das Produkt eines 400-jährigen Familienunternehmens, ihr Eigentümer ist Prospero himself (Patrick Frey). Im Morgenrock lässt er kindisch Papierflieger vom Balkon segeln. Aus Angst, das Mittelmeer könnte das Schweizer Mittelland doch noch fluten, hat er sich die Arche in den Park gebaut. Seine rabiate Tochter Miranda (Fabienne Hadorn) entdeckt in den Sklavengedichten ihrer Urgroßtante den kurzen Reflex der Wiedergutmachung. Sie hält den Laden in Schach und macht kein Geheimnis daraus, dass ihr Vater einst Sklaven hielt.
Sturm in Patumbah2 560 Raphael Hadad uDie Insel der Wohlständigen: Patrick Frey und Fabienne Hadorn als Prospero und Miranda (im Hintergrund: Markus Schönholzer) in "Sturm in Patumbah" © Raphael Hadad
Sekundiert wird Miranda von Gatte Ferdinand (Philippe Graber), der als Juniorchef das Erfolgsrezept des Familienunternehmens ("DNA! DNA!") längst internalisiert hat. Das neurotische Gefüge wäre halbwegs stabil, würden sich nicht überall in der Villa Calibans und Ariels tummeln – Prosperos Zuarbeiter des Wohlstands und des Glücks – die dummerweise von der Insel mitgekommen sind und die mächtig am Familienlack kratzen. Im Kellergeschoss verstecken sich "Tänzerinnen" mit Eselsköpfen, welche sich auf ein Casting vorbereiten, sich jedoch bei genauerer Befragung durch den Hausgeist Gonzalo (Sebastian Krähenbühl) als Opfer organisierten Frauenhandels entpuppen.

In Prosperos Herbarium tummeln sich mit Kartonkalaschnikows bewaffnete Monster in farbigen Strickkostümen und diskutieren die Existenz der Hydra. Im Gartenpavillon klimpert Chérie-Ariel (Natali Péshou), das mexikanische Gift, artig auf dem Spinett und lässt verlauten, dass Prospero die Rosen einzig für sie gepflanzt habe. Die Exotik ist auch die Macht der Erotik, und Störungen sind in diesem Haus Programm. Sie sorgen für ein sportliches Tempo auf dem Rundgang. Für den Blick auf die opulenten Wände, Ornamente und Fresken der Villa Patumbah bleibt da wenig Zeit.
Sturm in Patumbah1 560 Raphael Hadad uSarabande mit Ariel und Caliban (Natalí Peshou, Kay Kysela, Nadja Rui, Julian Schneider) in "Sturm in Patumbah" © Raphael Hadad
MASS & FIEBER stecken die Swissness ("Effizienz, Integrität, Anpassungsfähigkeit!") in den von ihnen errichteten intellektuell-spielerischen Fleischwolf und schauen, selbst staunend, was hinten rauskommt. Ein hinreißend ironisches Firmenvideo von "Prospero Trading" etwa, ein rhetorisch brillanter Ehekrach von Miranda und Ferdinand über das humane Frachtgut, das zwischen Glarner Textil und Kaffeebohne verschifft wurde. Gekonnt-subtil und bohrend-konstant werden ethische Fragen in die prunkvollen Räume gestellt, scheinbar nebenbei, ohne der Unterhaltsamkeit dieser Geisterschau Abbruch zu tun.

Höhepunkt ist ein finalfulminantes Galeerenballett rund um den Springbrunnen. Prospero zaubert sich endgültig weg, und das letzte Wort gehört Shakespeare. Gekonnt segelt "Sturm in Patumbah" auf Kurs zwischen Lehrstück, Trash und kolonialer Komödie. Was Regisseur Niklaus Helbling und Brigitte Helbling (Text) zusammen mit dem hochmotivierten (und regentauglichen) Ensemble präsentieren, ist eine logistische und dramaturgische Meisterleistung. Im Hintergrund koordinieren "Bedienstete" in züchtiger Schürze den ausgeklügelten Parcours. Die Calibans und Ariels flüstern diskret in winzige Funkgeräte. Sie sind die durch und durch lebendigen Geister einer dunklen Vergangenheit, deren Geschichte die Gegenwart hier reflektiert.

 

Sturm in Patumbah – Eine Geisterschau des Schweizer Kolonialismus in 12 Räumen und einem Park
von Mass & Fieber
in Zusammenarbeit mit dem Heimatschutzzentrum in der Villa Patumbah
Regie: Niklaus Helbling, Text: Brigitte Helbling, Ausstattung, Video: Elke Auer, Musik: Markus Schönholzer, Kostüm: Judith Steinmann, Benjamin Burgunder, Wissenschaftliche Mitarbeit: Andreas Zangger.
Mit: Fabienne Hadorn, Patrick Frey, Philippe Graber, Sebastian Krähenbühl, Markus Schönholzer, Johanna Dähler, Tom Kramer, Kay Kysela Natali Péshou, Hanna Röhrich, Max Roenneberg, Nadja Rui, Julian Schneider.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.festspiele-zuerich.ch

 

 
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