Nickymaus wohnt hier nicht mehr

von Michael Bartsch

Chemnitz, 18. Juni 2015. Der sprichwörtliche Vorführeffekt steht in Technik oder Handel für die Macht des Zufalls, des Unwägbaren. Nicht anders im Zwischenmenschlichen. Angeblich entscheiden die ersten Sekunden der Begegnung mit einem Unbekannten über Sympathie, Akzeptanz oder bleibende Distanz. Selbstvorführungen etwa bei Vorstellungsgesprächen haben das so an sich, um wie viel mehr die Präsentation der neuen Flamme vor Freunden oder gar der großen Liebe vor der elterlichen Prüfungskommission.

Mit gebügeltem Hemd zu den Schwiegereltern

Ob nun in der gutbürgerlich-klassischen Form des Antrittsbesuchs mit Blumenstrauß und gebügeltem Hemd oder nicht – um die Situation kommt ab einer bestimmten Intensität keine Liebesbeziehung herum. Diesem meist mit einem Generationenkonflikt verbundenen ersten Institutionalisierungsversuch sind das Berliner Theater an der Parkaue (das Staatstheater für Kinder und Jugendliche) und das Schauspiel Chemnitz gemeinsam nachgegangen. Die beiden Theaterleiter Kay Wuschek und Carsten Knödler baten sechs Autoren, ihre Variation zum Thema jeweils in ein Kurzdrama zu fassen.

Vom Ende der Kindheit 2 560 Dieter Wuschanski uSelfie mit Schwiegertochter. "Vom Ende der Kindheit" in Chemnitz und Berlin © Dieter Wuschanski

Herausgekommen ist ein ebenso vergnüglicher wie hintersinniger Premierenabend auf der kleinen Chemnitzer Ostflügel-Bühne. Das Spektrum reicht vom überschnappenden Spiel mit gängigen Klischees bei Nis-Momme Stockmann bis zur artifiziellen Postdramatik bei Gesine Danckwart. Frappierend, wie die sechs Handschriften dieser "kopernikanischen Wende" im Leben beider Generationen, wie Kay Wuschek sie nennt, auch die unterschiedlichsten Facetten abgewinnen: Es geht für die einen um nichts weniger als die vollendete Abnabelung vom Elternhaus, für die anderen um die vielleicht letzte Chance der Ausübung von Macht und Einfluss, denn immerhin ist ihr Urteil gefragt.

Entlarvende "Antrittsbesuche" bei Nis-Momme Stockmann und Lutz Hübner

Wie für ein Exposé treibt Stockmann gleich im ersten Stück "In Transit" die Optionen von Annahme und Ablehnung, die Kollision von Vitalität mit erstarrten Erwartungen auf die Spitze. Dass hier verschiedene geschichtliche Epochen (von 1964 über 1989 bis zur Gegenwart) durchgespielt werden, erfährt der Zuschauer erst aus dem Programmheftkontext. Wohl aber bemerkt er in den immer rasender wechselnden Kurzszenen, wie austauschbar die Verhaltensmuster sind. Förmlichkeit und Steifheit müssen nicht nur den Alten anhaften, deren Ehe nur noch in einer nebelhaften Erinnerung an frühere Liebesfreuden besteht.

Dieser "Antrittsbesuch" des Liebespaares bei Eltern oder potenziellen Schwiegereltern hat auch immer etwas gefährlich Entlarvendes. In allen Texten war etwas davon zu spüren, wie die heikle Situation latente Konflikte der Eltern aufbrechen lässt oder auch die Belastbarkeit der jungen Liebe testet. Lutz Hübner beispielsweise arbeitet ohnehin an einem neuen Stück mit vergleichbarer Thematik und kann gar nicht anders, als den beiderseitigen Versuch einer harmonisch inszenierten ersten Begegnung zu brechen. Nichts mit Mustersöhnchen "Nickymaus", Verlogenheiten, ja, subtile Gewalt brechen durch.

Jenseits der Drecksromantik mit Oliver Bukowski

Noch drastischer, und das war zu erwarten, geht es in "Taliban" von Oliver Bukowski zu. Er kann kaum anders als die Nachwendegesellschaft Ost in den Familienbeziehungen zu spiegeln. Den resignierten und angepassten ehemaligen Revolutionspapa von 1989 projiziert Bukowski auf Schwiegersohn in spe "Tali". Ein Taliban aus der Karikaturenkiste mit dickem Sprengstoffgürtel, mit dem das aufsässige Töchterchen den leblosen Laden ein bisschen aufmischen will. Skurril, ätzend und ein bisschen aufgesetzt mit typischen Bukowski-Sätzen wie: "Die dritte Generation Ost kann sich eure Drecksromantik nicht mehr leisten!"

Vom Ende der Kindheit 3 560 Dieter Wuschanski uRaus aus der Puppenstube, rein ins Leben: "Vom Ende der Kindheit" in Chemnitz
© Dieter Wuschanski

So erscheint der Ausflug von Thilo Reffert ins Puppenspiel schon beinahe liebenswürdig und wortwitzig. Tobi, der letzte Videotheker, erträumt sich das Happy End mit seiner Lisa, die nach Mallorca gehen will. Zum Finale montiert Gesine Danckwart sprachverliebt, abstrahierend und nicht immer decodierbar Formeln und Konstellationen "vom Ende der Kindheit". Der anspruchsvollste Beitrag des langen Abends, auch szenisch im Spiel mit bunten Stühlen, voll schwieriger polyphoner Sprechchöre. Sprachlich nicht minder originell, von skurrilen Einfällen ausgehend, aber nicht unmittelbar themenbezogen wirkten hingegen die zwischen die Stücke gesetzten Monologe des Deutschkoreaners Bonn Park.

Herzerfrischend

Umbaupausen braucht es nicht, Sofa oder Stühle sind mit einigen Handgriffen platziert. Denn Pia Wessels hat ein multi-kompatibles Zimmer mit einer durch schiefe Wände noch überhöhten Da-Vinci-Perspektive geschaffen. Assoziative Gitterwände, die auf die zentrale Tür hinlaufen, hinter der der Besuch mit weichen Knien wartet, die aber ebenso gut das Tor des Ausbruchs darstellt.

In Berlin und Chemnitz sind je drei Stücke mit sechs verschiedenen Regisseuren geprobt und erst wenige Tage vor der Premiere zusammengefügt worden. Im Chemnitzer "Ostflügel" ist man den 16 Spielern nicht nur räumlich nah. Die haben spürbar nicht nur eine Rolle erlernt, sondern ebenso wie die Zuschauer manches davon selbst erlebt. Wenn man unter den herzerfrischenden Akteuren jeden Alters überhaupt jemanden herausheben darf, dann die Chemnitzer Susanne Stein und Ulrich Lenk. Wie sie in "In Transit" und "Taliban" erschöpfte, in Ritualen festgefahrene und doch noch nicht sehnsuchtstote Elternpaare spielen, beschäftigt auf der Heimfahrt noch lange. Der sehenswerte Sechsstückeabend wird in Chemnitz noch bis Sonntag en suite gespielt und kommt im September nach Berlin.

 

Vom Ende der Kindheit
Sechs Uraufführungen, sechs Autoren, sechs Regisseure, 16 Spieler – ein Thema
Kurzdramen von Bonn Park, Nis-Momme Stockmann, Lutz Hübner, Thilo Reffert, Oliver Bukowski, Gesine Danckwart

In Transit
von Nis-Momme Stockmann
Regie: Silke Johanna Fischer, Bühne: Pia Wessels, Kostüme: Pia Wessels, Vanessa Maria Sgarra und Anna-Maria Dworaczyk.
Mit: Susanne Stein, Ulrich Lenk, Wolfgang Adam, Magda Decker, Louis Schopf.

Einfach nur Hallo
von Lutz Hübner
Regie: Kay Wuschek, Bühne: Pia Wessels, Kostüme: Pia Wessels, Vanessa Maria Sgarra und Anna-Maria Dworaczyk.
Mit: Birgit Berthold, Konstantin Bez, Denis Pöpping, Kinga Schmidt.

Taliban
von Oliver Bukowski
Regie: Kathrin Brune, Bühne: Pia Wessels, Kostüme: Pia Wessels, Vanessa Maria Sgarra und Anna-Maria Dworaczyk.
Mit: Susanne Stein, Ulrich Lenk, Stella Goritzki, Arne van Dorsten.

Die letzte Videothek
von Thilo Reffert
Regie: Carsten Knödler, Bühne: Pia Wessels, Kostüme: Pia Wessels, Vanessa Maria Sgarra und Anna-Maria Dworaczyk.
Mit: Martin Valdeig, Arne van Dorsten, Sophie Bartels, Kotti Yun.

Vom Ende der Kindheit
von Gesine Danckwart
Regie: Kalma Streun, Bühne: Pia Wessels, Kostüme: Pia Wessels, Vanessa Maria Sgarra und Anna-Maria Dworaczyk.
Mit: Birgit Berthold, Konstantin Bez, Franziska Krol, Jonas Lauenstein, Denis Pöpping, Kinga Schmidt.

Hütchenspiel – In Toleranz
von Bonn Park
Regie: Katrin Hentschel, Bühne: Pia Wessels, Kostüme: Pia Wessels, Vanessa Maria Sgarra und Anna-Maria Dworaczyk.
Mit: Birgit Berthold, Konstantin Bez, Franziska Krol, Jonas Lauenstein, Denis Pöpping, Kinga Schmidt.
Dauer: 3 Stunden, zwei Pausen

Koproduktion des Theaters an der Parkaue – Junges Staatstheater Berlin mit dem Theater Chemnitz

www.parkaue.de.parkaue.de
www.theater-chemnitz.de

 

Kritikenrundschau

"Ein Abend, der keine Sekunde langweilig wird", schreibt Matthias Zwarg in der Chemnitzer Freien Presse (20.6.2015). "Wie ein Wirbelsturm fallen sechs verschiedene Konstellationen, sechs Szenarien über das am Ende begeisterte Publikum her." Man werde nicht mit jedem der sechs kurzen Stücke klüger, einige bestechen den Kritiker vor allem "mit guten, detailreichen Beobachtungen", bei anderen scheine hinter der Ironie die tiefere Bedeutung auf. "In jedem Fall wird das Publikum bestens unterhalten."

 

 
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