Das glückhaft Unsinnige

von Wolfgang Behrens

20. Juni 2015. In der Deutschen Bühne outet sich Milo Rau als Konservativer, in Theater der Zeit fragen sich u.a. Jürgen Kuttner und Annemie Vanackere, was Chris Dercons Berufung zum Volksbühnen-Intendanten wohl bedeuten könnte, und in Theater heute weiß Carl Hegemann, worum es im Theater (nicht) geht.

ddb6 15Die deutsche Bühne

Die Juni-Ausgabe der Deutschen Bühne widmet sich den Schnittstellen und auch den Abstoßungspunkten von Theater und digitaler Welt. Ganz konkret heißt die Frage des Schwerpunkts: "Geht Theater auch digital?" Im einleitenden Essay misst Chefredakteur Detlef Brandenburg die Spanne aus, die sich als Reaktion auf die Begegnung des Theaters mit den digitalen Medien abzeichnet: Letztere hätten "unabsehbare Potenziale. (...) Es wäre borniert und kunstfeindlich, diese Potenziale aus Angst vor den Risiken nicht zu nutzen." Im Moment aber spreche "manches dafür, dass das Theater Grund hat, seinen essenziellen Kern des unmittelbaren menschlichen Miteinanders ein Stück weit vor den unbegrenzten Möglichkeiten des weltweiten Netzes zu schützen."

Schützenhilfe für die zweite These erhält Brandenburg vom Schweizer Regisseur und Performancekünstler Milo Rau, der von Detlev Baur interviewt wurde. Rau, der ja selbst gemeinhin in die Ecke des Dokumentartheaters geschoben wird, verwehrt sich gegen den Begriff desselben. Die Postmoderne sei der Versuch gewesen, "das Theater für etwas fit zu machen, das es nicht sein kann, nämlich ein Informationsmedium. Das ist es nicht. Deswegen ist auch der Begriff des dokumentarischen Theaters absurd, ein Widerspruch in sich. Theater kann nicht Informationen oder Dokumente weitergeben." Insofern plädiert Rau für eine strenge Trennung der Ebenen, die Weitergabe der eigentlichen Informationen etwa bei seinem "Kongo Tribunal" sei einer Multimedia-Plattform anvertraut. Das Theater dagegen "kann realer sein als die Realität. Es kann und soll aber nicht die Realität in Informationen verwandeln – und darin liegt für mich die Tragik des postmodernen und des dokumentarischen Theaters." Man habe in den 60er Jahren versucht, "sich vom Theater zu befreien und in die Performance zu kommen", nun aber sollte die Performance "wieder zum Theater werden, das politische Stück wieder zu einem antiken, tragischen Stück, die dokumentarische Zeugenerzählung wieder zu einer Figurensprache." Wer hätte das gedacht? Milo Rau ist der große Konservative unter den aktuellen Theatermachern!

Ansonsten geht es im Schwerpunkt viel um die digitale Verbreitung des Theaters, ob über Twitter-Kritik oder WhatsApp-Livedialog – letzteren versuchten drei Kritiker in Oberhausen, den Kollegen Stefan Keim traf dabei "ein Programmheft am Hinterkopf" (ich persönlich finde: verdientermaßen). Und der Musiktheater- und Richard-Wagner-Fachmann Axel Brüggemann sieht eine Art Netflix der Oper (oder auch des Theaters) als Zukunftsmodell: "Das wäre ein Modell, in dem auch die deutschen Stadttheater wieder ins Spiel kämen, die derzeit verzweifelt ihre Presse-Etats ins Marketing umlenken, um Trailer ihrer Produktionen in Auftrag zu geben, die weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit auf Social-Media-Plattformen kursieren."

Noch eine kleine Anmerkung zu einem Artikel außerhalb des Schwerpunkts: Der Intendant des Konstanzer Theaters beschreibt darin eine Reise, die er mit anderen Künstlern als Begleitung des deutschen Außenministers Frank-Walter Steinmeier nach Afrika unternommen hat. Zu den dort geführten Gesprächen schreibt Nix: "Dosierte Kritik, diplomatisch bleiben, nicht überheblich und post-kolonialistisch agieren. Es liegt an uns, Dialoge und Projekte zu entwickeln und keine leeren Versprechungen zu betreiben." Seltsam! Ich lese schon aus diesem Satz eine gewisse Überheblichkeit: Wieso liegt es an "uns", nämlich an den Deutschen? Warum nicht an beiden Seiten? Ist das die sogenannte Augenhöhe? Bezeichnend, wenn auch sicher nicht von Nix verantwortet, ist das Bild, mit dem der Artikel illustriert ist: Im Zentrum ein Handschlag von Nix und Steinmeier. Um die beiden geht es, klarer Fall, am Bildrand darf ein unbenannter Afrikaner immerhin zusehen ...

tdz6 15Theater der Zeit

Theater der Zeit beschäftigt sich im Juni-Heft ausführlich mit der Weichenstellung an der Berliner Volksbühne, an der bekanntlich Frank Castorf 2017 seinen Intendantensessel räumen wird, um für Chris Dercon Platz zu machen. Der Regisseur und Videoschnipsel-Künstler Jürgen Kuttner tritt in einem Gespräch des Schwerpunkts der These entgegen, mit Castorf solle ein Symbol des Ostens geschleift werden. Mit Ostalgie habe Castorfs Volksbühne nichts zu tun, sie sei vielmehr "von Anfang an der Versuch, Geschichte in ihrem Widerspruch zu zeigen, ein Unbehagen zu artikulieren ...", und sein Gesprächspartner Gunnar Decker ergänzt: "... am angeblichen 'Ende der Geschichte'." Kuttner glaubt auch nicht, dass Dercon alles kaputt machen wolle, er hält sogar eine Neuerfindung der Volksbühne für möglich, "aber der Wärmestrom der Geschichte, um mit Ernst Bloch zu sprechen, an den das Haus bislang angeschlossen war, ist dann weg. Man schöpft nicht mehr aus der gemeinsamen Erfahrung, es wird, selbst wenn es um die gleichen Themen gehen sollte, sehr viel distanzierter werden, eher archäologisch. Da geht etwas völlig unnötigerweise verloren."

In einem weiteren Interview des Schwerpunkts spricht Dorte Lena Eilers mit HAU-Chefin Annemie Vanackere und HAU-Kuratorin Aenne Quiñones. Die beiden blicken auf die Neubesetzung der Volksbühnen-Intendanz ohne jede Sentimentalität. Zwar fragt auch Quiñones nach der Notwendigkeit der Maßnahme ("warum wird gerade dieses Theater umstrukturiert?"), Vanackere meint indes: "Man könnte die Entscheidung für Chris Dercon als Nachfolger Castorfs auch in diesem Sinne werten: Dass die Berliner Kulturpolitik ein Stadttheater den performativen und projektbezogenen Formaten öffnen will, verdeutlicht doch den Erfolg unserer Arbeit." Und Quiñones streut auch Zweifel an der Tragfähigkeit des strikten Antagonismus Ensembletheater versus freie Gruppe, der in der Debatte um die künftige Ausrichtung der Volksbühne eine wichtige Rolle spielte: "Ich würde mal behaupten, dass das was Castorf mit seinem Ensemble aufgebaut hat, seinerzeit auch eine freie Gruppe war. Es war seine Kompanie. (...) Und dann gibt es andere Regisseure, die wie Marthaler ihre eigene Familie mitbringen. (...) Aber alle diese Regisseure sind angewiesen auf eine bestimmte Art von Schauspiel, das man normalerweise im deutschen Stadttheaterbetrieb nur vereinzelt findet. Daher ist die Frage: Wer verbrüdert sich hier jetzt plötzlich mit wem? Und über welche Form von Theater reden wir?"

th6 15Theater heute

Die Volksbühnen-Debatte spielt in der Juni-Ausgabe von Theater heute keine Rolle. Oder vielleicht doch? Berlins Kulturstaatssekretär Tim Renner, der Chris Dercon an die Volksbühne berufen hat, ist ja in den Ruch gekommen, der neoliberalen Denke nahezustehen. Dieser Verdacht ist auch nicht ganz von der Hand zu weisen, wenn man in Renners an Künstler*innen und Kulturschaffende gerichtetem "Call for ideas" liest, die eingereichten Ideen sollten "einen unmittelbaren Mehrwert haben, die Arbeit von Kulturschaffenden und Kultureinrichtungen vereinfachen, als Best Practice für andere Einrichtungen dienen und übertragbar sein" – Dirk Pilz hat das in seiner Kolumne auf nachtkritik.de trefflich aufgespießt.

Als eine subkutane Antwort auf Tim Renner (und somit wohl auch als Antwort auf die Abberufung Castorfs) liest sich ein Essay, mit dem das Juni-Heft von Theater heute eröffnet und der von Carl Hegemann stammt, einem "Urgestein der denkenden deutschen Dramaturgie" (so stellt ihn die Redaktion der Zeitschrift vor). Hegemann konstatiert, "dass das Theater zunehmend als ganz gewöhnliches Wirtschaftsunternehmen verstanden wird, das sich wie jedes andere Unternehmen unter Nutzensgesichtspunkten respektive nach ökonomischen Erfolgskriterien legitimieren muss."

Hegemann hält gegen dieses mithilfe der Spieltheorie zur Perfektion gebrachte Effizienzmodell Sätze von Dostojewski: "Menschen können nur beweisen, dass sie keine Drehorgelstifte sind, wenn sie nicht tun, was man von ihnen erwartet, sondern etwas Unsinniges. Darin besteht ihre ganze Kraft (...)." Was bei Dostojewski gefordert werde, sei "der Sache nach die Aufgabe der Kunst. (...) Das scheinbar Unsinnige, das sich jedem vertrauten Zweckdenken entzieht, ist eine Bedingung jeder Kunstpraxis." Im Wirtschaftssystem hingegen sei das Unsinnige, Pleite und Scheitern etwa, nicht vorgesehen, dabei scheitere doch "jeder, ausschließlich jeder, solange der Tod nicht abgeschafft ist. (...) Die Tragödie unserer unvermeidlichen Sterblichkeit durch Kunst in ein glückhaftes Erleben zu transformieren, könnte insofern die entscheidende Aufgabe des Theaters sein." Und dieses glückhaft Unsinnige – so dürfen wir folgern, ohne dass Hegemann es hinschreibt – schafft Castorfs Volksbühne allemal besser als ein "Call for ideas".

Zum Schluss noch eine sehr schöne Sentenz aus einem Porträt, das Falk Schreiber über die Schauspielerin Karin Enzler geschrieben hat. Enzler wird darin als produktive "Oberflächenstörung", als "Laute", "Unzufriedene" im Ensemble des Theaters Bremen beschrieben, das ansonsten "unter den Vorzeichen des Pop" agieren würde. Der schöne Satz also lautet: "Eine misslungene Produktion ist keine, bei der die Aufgabe nicht bewältigt wird, eine misslungene Produktion ist eine, bei der die Aufgabe zu leicht ist." Klingt ja fast ein bisschen nach Carl Hegemann ...

 

Alle Magazinrundschauen der vergangenen Monate gibt es hier.

Alle wichtigen Meldungen, Interviews und Pressestimmen zur Diskussion um die Berliner Kulturpolitik, die Zukunft der Berliner Volksbühne, die Nachfolge Frank Castorfs und die Personalie Chris Dercon finden sich auch in unserer Chronik zum Berliner Theaterstreit.

 
Kommentar schreiben