Myon tanzt heute nicht

von Christian Rakow

Berlin, 21. Juni 2015. Darf man das über einen Schauspieler schreiben, zumal über einen Debütanten? Er stand schier unbeirrt und stocksteif auf den Brettern, verpasste praktisch jeden Einsatz, starrte, ja glotzte stets dorthin, wo die Musik gerade nicht spielte, und döste alles in allem grenzdebil und deplatziert durch die gut drei Stunden dieser Aufführung. Falls unser Newcomer Myon auch nur mit einem Funken Talent gesegnet sein sollte, so wusste er das an diesem Premierenabend trefflich zu kaschieren.

Herzlos das! Schließlich ist Myon ein knapp hüfthoher Roboter und hat vor nicht allzu langer Zeit das Licht der Welt erblickt. Gleichsam in Kinderschuhen tapst er daher (in solchen aus Kunststoff und Titan), gestützt von seinen Erzeugern: vom Neurorobotic-Forscherteam um Professor Manfred Hild von der Beuth Hochschule für Technik. Myon grüßt mit Statusmeldungen: "Festhalten – Laufen – Stehen stabil". Kein Wunder, dass ihm die Bühnenwelt der Komischen Oper Berlin noch mindestens zwei Kragenweiten zu groß ist.

My Square Lady1 560 Iko Freese Drama Berlin de u15 Sekunden Ruhm: das Neuromännchen Myon  © Iko Freese / Drama Berlin

Stumm im Kraftwerk der Gefühle

Hierher verfrachtet hat den ungelenken Junior das Künstlerkollektiv Gob Squad, das per Doppelpass-Förderung der Kulturstiftung des Bundes an die Komische Oper geraten ist (eigentlich ist die deutsch-englische Truppe ja seit Jahr und Tag an der Volksbühne und am HAU beheimatet). Und alles scheint so einleuchtend: "My Square Lady" nennen sie den Abend in Anspielung auf das Musical "My Fair Lady", in dem das bildungsferne Blumenmädchen Eliza Doolittle vom Linguistik-Professor Higgins etwas Hochsprache und Allgemeinwissen eingeimpft bekommt, um hernach vor den nobleren Kreisen der Gesellschaft bestehen zu können. In Berlin wird aus dem Blumenmädchen das Neuromännchen, und also: "Myon, das ist dein Abend! Die Welt erwartet einen singenden tanzenden Roboter als Eliza Doolittle", pushen Gob Squad ihren Protagonisten. Aber Myon tanzt halt nicht.

Genau genommen ist Myon der idealtypische Held des Theaters von Gob Squad, ein Held, in dem sich höchste Erwartungen mit geringstem Handlungsspielraum verknüpfen. Ein schelmischer Held, der in seinem klaglosen Scheitern die Menschen um ihn herum zum Strahlen bringt. Wie können wir Myon die Oper erklären, dieses "Kraftwerk der Gefühle", lautet die Leitfrage des Abends. Und in ihrer Beantwortung erfährt man wenig über Myon, aber unheimlich viel über alle Beteiligten: über das Programmierteam der Hochschule und die Gewerke der Oper, die teils live auftreten, teils von Myon im Vorfeld abgefilmt wurden, und natürlich über die Sängerinnen des Opernensembles, die im Angesichte Myons sehr einfach und erhellend über ihren Beruf sprechen können ("Wie fühlt es sich an, öffentlich zu singen?") und die in Arien den kleinen Roboter sanft umgarnen.

My Square Lady2 560 Iko Freese Drama Berlin de uSänger*innen und Performer*innen sitzen regelmäßig wie an da Vincis Abendmahltafel zusammen: mit Robo-Jesus Myon in der Mitte © Iko Freese / Drama Berlin

Munter hereingerauscht

Ähnlich wie ihr Geschwisterkollektiv She She Pop unlängst am Schauspiel in Stuttgart nutzen Gob Squad ihr Doppelpassprojekt also zur weidlichen Erkundung der Institution Oper mit all ihren Funktionsstellen vom Pförtner bis zur Inspizientin. Vor der Pause ist das alles eine launige Saisonabschlussproduktion: mit einem "Best of" aus dem Repertoire des Hauses als Potpourri vor munter hereinrauschenden Requisiten und Bühnenbildversatzstücken, mit Höhepunkten wie der stillen Mondandacht aus Dvořáks "Rusalka", von Sopranistin Mirka Wagner mit Myon auf dem Schoße in den Raum gezaubert, alles in konzentrierter Lässigkeit von Arno Waschk arrangiert und dirigiert.

Nur "My Fair Lady" fehlt, und fehlt nicht wirklich. Von Schuberts "Der Wanderer" bis Mozarts "Zauberflöte" mit der Anbetung des "holden Jünglings sanft und schön" windet sich die Musik suggestiv um die Figur des künstlich Lernbereiten Myon. Rechtzeitig zum Pausentee zeigt der Robo-Primus erstmals, was er kann, und dirigiert, leidlich den Takt haltend, die Arme steif auf und ab, das Chorwerk "Brindisi" aus "La Traviata". Der Clou: Es ist ein auf den Proben erworbenes Verhalten Myons, kein automatisiertes Programm.

Pathos mit Neurorobotik

Die zweite Hälfte dringt tiefer in die Gefühlswelten ein, wird persönlicher, intensiver, pathetischer. Wie in ihrer längst legendären Lebensbefragung Before Your Very Eyes suchen Gob Squad auch mit "My Square Lady" das unvergleichlich menschliche Moment, die Vergänglichkeit, das manchmal eingelöste, zu oft aber uneingelöste Versprechen des Daseins. Christiane Oertel, das "Urgestein" der Komischen Oper (O-Ton!), erfüllt sich ihren Lebenstraum und singt die Carmen-Arie "Umsonst mühst du dich ab", überblendet von Aufnahmen der alten Harry-Kupfer-Inszenierung an selber Stelle. Für welche Augenblicke leben wir? Was speichern wir ab? Inwiefern ist Erinnerung mehr als bloße Datensammlung? "Wir haben dich gebaut, um uns selbst besser zu verstehen", bekennen die Forscher des Neurorobotics-Teams ihrem Myon ins Kameraantlitz, ehe alle Performer zur Purcell-Arie "When I Am Laid In Earth" ihre große Sterbeszene spielen.

Nur Myon bleibt zurück, allein auf der Bühne stehend, als Träger von Erinnerungen. Als Träger von Zukunft. Die überlebensfähige Menschmaschine. Ein Wicht und ein Wunderding. Und plötzlich ist er da, Myons Moment, ein zaghafter Blick nach Utopia. Leise erhebt der Robo-Tenor seine verzerrte Stimme, quietscht: "I sing the body electric / I celebrate the me yet to come / I toast to my own reunion / When I become one with the sun”. Ein Finale mit Fame, dem Musical, Myons 15 Sekunden Ruhm. Bald springen alle Performer hinzu, und die Sängerinnen und Sänger und die Kinder- und Erwachsenenchöre der Komischen Oper. Und sie werden eins mit der Sonne.

 

My Square Lady
Von Menschen und Maschinen. Eine Opernerkundung
von Gob Squad
Konzept, Regie und Kostüme: Gob Squad, (Johanna Freiburg, Sean Patten, Sharon Smith, Berit Stumpf, Sarah Thom, Bastian Trost, Simon Will); Musikalische Leitung und Arrangement: Arno Waschk; Bühnenbild: Gob Squad, Romy Kießling; Entwicklung und Betreuung Roboter: Manfred Hild, Dramaturgie: Ulrich Lenz, Christina Runge; Chöre: Andrew Crooks, Kinderchor: Dagmar Fiebach, Licht: Diego Leetz, Video: Kathrin Krottenthaler, Videomitarbeit: Miles Chalcraft, Kostümbildmitarbeit: Susanne Weiske, Mitarbeit und Betreuung Roboter: Torsten Siedel, Stefan Bethge, Christian Thiele, Marcus Janz, Peter Hirschfeld, Jörg Meier, Mario Weidner, Projektleitung: Rainer Simon, Christina Runge.
Mit: Manfred Hild, Johanna Freiburg, Sean Patten, Bastian Trost, Katarina Morfa, Christiane Oertel, Caren van Oijen, Mirka Wagner, Bernhard Hansky, Carsten Sabrowski, Christoph Späth, Chorsolisten der Komischen Oper Berlin, Kinderchor der Komischen Oper Berlin, Myon.
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.komische-oper.de
www.gobsquad.com

 

Mehr zur Inszenierung: den zweiminütigen Video-Vorbericht des Guardian aus London sehen Sie hier.  


Kritikenrundschau

Über ein "teuflisch raffinertes Experiment mit dem Publikum" begeistert sich Niklaus Hablützel in der taz (23.6.2015). Das Experiment mit dem wissbegierigen Myon sei "hinreißend". "Myon ist ein echter Superstar, weil er so überhaupt gar nichts kann von alldem, was man im Theater erwartet." Die dieses Abends, der vielleicht ein paar Liednummern zu viel aufbiete: "Wir sind die Automaten, nicht Myon. Wenn er in Zukunft tatsächlich auch Gefühle haben sollte, wird es ihm nicht besser gehen. Jetzt wendet er nur den Kopf mal dahin, mal dorthin. Großartig, man muss ihn einfach lieben."

Die "profundeste Äußerung" von Myon ist an diesem Abend "sitzen aktiv“, berichtet Ulrich Amling im Tagesspiegel (23.6.2015). An "zutiefst menschlichen Pathosreizen" spare die Inszenierung nicht. "Doch Myons Schädel ruckt nur ein bisschen, während der zumindest anfangs noch ganz nette Plauderton, mit dem Gob Squad Opernleute nach ihrer Arbeit ausfragt, in zielloses Geplätscher ausufert." Konklusion: "Eigentlich ist er seiner Rolle alles schuldig geblieben: Aber wer kann ausschließen, dass Myon nicht doch etwas von dem aufgenommen hat, was ihm in der Oper aufgetischt wurde. Auch, wenn es noch lange dauern mag, bis er daraus kopfwackelnd seine Schlüsse zieht: Was wird er nur von uns denken?"

Der Experimentelle "entwirft, verwirft, prüft, analysiert, verfremdet, verwandelt, stößt sich ab, prescht vor, solange bis sich Material und Gedanken kristallisieren, so neu wie das eben geborene Kind." So räsoniert Stefan Amzoll im Neuen Deutschland (26.6.2015). "Das Staunen verlernt der Experimentelle nie. Die hartnäckige, Zeitgrenzen negierende Suche ist ihm zweite Natur. Eine Suche oft ungestüm, voller Elan, voller Begierde. Und er findet. Er findet jenes Originäre, noch Ungehörte, noch nicht Erschaute, das seine Mitwelt überrascht und erstaunt." Wär diese experimentelle Inszenierung dem "Fiber solcher Leidenschaften stärker gefolgt, die Veranstaltung wäre der Hit des Jahres geworden".

Als "bewusste Entzauberung von Technik" und "unterhaltende Vorführung des Forschungsstandes" nimmt Elena Philipp den Abend in der Berliner Morgenpost (22.6.2015) wahr. "Hollywoods Fantasien von künstlicher Intelligenz liegen noch in ferner Zukunft, das wird offenbar." Myons wackliger Bühnenauftritt und sein Design bedienten das "Kleinkindschema". Die Kritikerin hebt augenzwinkernd den finalen Liedbeitrag des Protagonisten hervor: "Weit heruntergeschraubt wurden die Erwartungen an den Roboter in etlichen Frage- und Antwortrunden – aber nun kann Myon doch ein Kunststückchen vorführen. Bravo!"

Als "abschreckendes Beispiel" für die Education-Projekte im Klassikbereich erwähnt Kai Luehrs-Kaiser diese Inszenierung für die Welt (22.6.2015). Gob Squad hätten "dem dickfelligen Apparat" Myon "kaum Tricks beigebracht". Der "Witz des Experiments" erschöpfe sich "in derselben Pointe wie bei Loriots Sketch mit dem sprechenden Hund – Sie erinnern sich: 'Otto Kohl fühlt sich wohl bei der Oberpostdirektion.' Auch hier möchte man antworten: 'Der Hund kann ja gar nicht sprechen.' Nur ist das im Fall von Loriot kurz und spaßig. An der Komischen Oper braucht man drei Stunden dafür."

"Selbstironie stand im Mittelpunkt der lebhaft und lose gefügten Performance“, schreibt Wolfgang Schreiber in der Süddeutschen Zeitung (25.6.2015). "Antonín Dvořáks 'Lied an den Mond' war der poetische Höhepunkt eines Stücks, bei dem ein Roboter und seine Erzeuger nur demonstrieren konnten, dass es mit technikgenerierten Gefühlsreflexen noch nicht so weit ist wie vielleicht erhofft."

"An diesem Abend spielt jeder auf der Bühne sich selbst. Die Anmutung einer Reality-Show entsteht," schreibt Clemens Haustein in der Berliner Zeitung (25.6.2015). Seltsam wirkt auf den Kritiker, dass die Produktion im Verlauf der Vorstellung immer mehr zur Talkrunde wird und "die Darsteller aufgereiht an einem Tisch, der Roboter wie Christus beim Abendmahl in der Mitte" dokusoapmäßig die Hosen runter lassen. Auch der Blick hinter die Kulissen sei Bestandteil der Produktion. "Jeder Anschein von Illusion soll vermieden werden. Diese Selbstironie rettet über die drei Stunden."

 

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