Ritus im Regen

von Tilman Strasser

Köln, 21.06.2015. Springt aus vollem Lauf auf einen Felsen neben der Freiluftbühne, rutscht weg, fängt sich gerade noch  und fordert unverdrossen Applaus: Der Mann im Anzug, Spielleiter, Showmaster (Lamine Diarra) ist nicht von seinen Animateurskünsten abzubringen, schon gar nicht durch das widrige Gelände. Applaus für die Darsteller! Applaus für die Musik! Und immer wieder: Applaus für die Sponsoren, diese geheimnisvollen Gestalten, deren Gesicht niemand kennt, die aber alles, was er in seine raumgreifenden Gesten einschließt, erst möglich gemacht haben. Alles: Das sind die mit grünen Zweigen ausgelegten Podeste, die Schauspieler, angereist aus Westafrika, sind die aus Altmetall gefertigten Kunstwerke auf dem Gelände des Odonien. Das Publikum applaudiert. Die Schauspieler singen.

Gesungen wird traditionell viel auf dem africologneFESTIVAL, getanzt sowieso. Die Szene des Kontinents mischt gern westliche Darstellungsformen mit Anleihen ritueller Choreographien. Zum dritten Mal findet das größte deutsche Festival des afrikanischen Theaters in der Domstadt statt, im Zwei-Jahres-Turnus lädt das Theater am Bauturm ausgewählte Stücke ein und fertigt Koproduktionen. Diesmal mit dem Schwerpunkt Westafrika. Prompt gerieten die mitteleuropäischen Initiatioren im November 2014 während der Endprobenphase in ein historisches Ereignis: Den ersten friedlichen Volksaufstand, den die Region je sah. Burkina Faso fegte seinen despotischen Präsidenten nach 27 Jahren korrupter Herrschaft mit fröhlichen Massendemos aus dem Amt  und der (hierzulande erschreckend wenig gewürdigte) Umsturz von Ougadouou impfte den Bewohnern eines der zehn ärmsten Ländern der Welt eine Euphorie ein, die auch in Köln-Nippes noch Funken versprüht.

Apple, Samsung & Co

Gewonnen indes ist längst noch nichts. Gleich in der ersten Szene von "Musika" streitet die titelgebende Hauptrolle (Pasco Losanganya) mit ihrem Geliebten Simba (David-Minor Illunga): Er will so schnell wie möglich das Dorf verlassen, sie ihrer sterbenden Großmutter die Hand halten. Musika bleibt  und fällt prompt skrupellosen Rohstoffjägern in die Hände. Einmal mehr unterbricht der Showmaster die Szene, verspricht gutgelaunt Magie und Illusionen. Und nennt endlich die geheimnisvollen Sponsoren beim Namen, die hinter all dem stehen: Apple, Samsung, Sony  was eben Rang und Namen hat in der Tech-, speziell der Mobiltech-Branche. Nur noch wenige klatschen verstört. Als hätte er dramaturgisches Gespür, ergießt sich in diesem Moment kühler Nieselregen über die Zuschauer.

Musika1 560 Theater uFrauen auf dem Rachezug:  Pasco Losanganya (Musika) mit Starlette Mathata (Wamba, sitzend)
© Kerstin Ortmeier

"Coltan-Projekt" lautet der Oberbegriff der beiden Koproduktionen (außer "Musika" noch das am selben Abend gezeigte "Coltan-Fieber"). Benannt nach dem Rohstoff, der in Herzschrittmachern und Interkontinentalraketen, vor allem aber in Handys, Laptops, Kameras verbaut wird  und der dem Kontinent, auf dem er beheimatet ist, eine humanitäre Katastrophe beschert. Um das begehrte Roherz zu gewinnen, wird geplündert und gemordet, vor allem im Osten des Kongo, aus dem drei der Akteure stammen. "Hört Ihr die Schreie der Frauen und Kinder in euren Telefonen? In euren Spielekonsolen?", fragt der Showmaster. Der Regen hält an.

Selbstzerstörerischer Rachedurst

Aristide Tarnagda, Autor und Regisseur des Stücks, arbeitet auch in seiner Prosa, die er am Sonntagmorgen im Literaturhaus Köln präsentierte, mit repetitiven Momenten, Versatzstücken, die seine Texte wie Mantras durchziehen. "Je ne veux pas, je ne peux pas" ("ich will nicht, ich kann nicht") erklärt seine Musika auf allen Stationen ihres Leidensweges, um dann doch weiterzumachen. Subtil ist das nicht  aber angesichts der Dringlichkeit seiner Botschaft verbietet sich ihre artifizielle Verschleierung auch. Die Rohstoffjäger nehmen die Titelheldin in Gefangenschaft, vergewaltigen sie mehrere Male, und als sie entkommen kann, fällt sie dem personifizierten und defomierten Rachedurst in die Hände: Wamba (Starlette Mathata), einer Kongolesin, die das Leid ihres Landes nicht länger ertragen will. Sie ist entschlossen, keine Kindsgeburten mehr zuzulassen, denn Kinder werden geraubt und zu Kindersoldaten ausgebildet, um andere Kinder und deren Erzeuger zu töten. Mit dieser von entsetzlichen Umständen geformten Logik will sie auch Musika zur Abtreibung zwingen. Überzeugt, das Kind des inzwischen verschwundenen Simba in sich zu tragen, wehrt sich Musika. Zumindest eine Zeit lang.

Musika2 560 Theater uDas Ensemble von "Musika" kommt aus Burkina Faso, aus dem Kongo und aus Mali nach Köln
© Kerstin Ortmeier

Erzählwucht

Die Drastik dieser Ereignisse fängt Tarnagda auf durch  nun: Tanzen und Singen. Die Inszenierung kommt, abgesehen von den Zweigen, gänzlich ohne Requisiten aus, ereignet sich in statischen Szenen mit viel (Deutsch untertiteltem) Text und sparsam dosierten Bewegungen. Umso kraftvoller die von einem Barden (David Malgoubri) und seiner Gitarre angeleiteten Hymnen und zeremoniellen Choreographien: diese Intermezzi unterteilen die Erzählung. In ungewohnt strenger Form steuert sie auf ihr tragisches Ende zu. Einmal losgelöst von den Narrationsmustern einer fein verästelten, europäischen Kultur, überträgt sich auf die Zuschauer eine bemerkenswerte Erzählwucht: Die sechs Darsteller und ihr Regisseur berichten von einer Lebenswirklichkeit, die sich ästhetische Diskurse nicht leisten kann. Umso wuchtiger die Wucht, da rings umher auf dem Gelände ausgeschlachtete Computermonitore zu Objekten geronnen sind, da im Hintergrund beständig die S-Bahnen in Richtung Zentrum verkehren und die Darsteller zum kurzen Innehalten zwingen. Hier kommt jeder noch nachhause, zuhause ist es sicher. Niemand aber fragt jetzt sein Smartphone nach dem schnellsten Heimweg.

Ein wenig mehr Tempo, eine etwas straffere Szenenführung hätte "Musika" gutgetan. Die Magie, die der Spielleiter verspricht, verliert sich zuweilen in allzu ausgewalzten Monologen, ihr Funkeln wird durch die rhythmische Struktur der Inszenierung strapaziert. Der Darstellerpräsenz tut das allerdings keinen Abbruch: Alle Akteure verkörpern spürbar unmittelbar Gestalten aus ihrem Umfeld (wenn auch nicht aus dem direkten  die angereisten Künstler haben sämtlich eine Hochschule oder vergleichbares besucht). Und einen Bruch in der formalen Strenge kennt der Abend dann doch noch: Zu Musikas Untergang hört der Regen unvermittelt auf  und der Showmaster kehrt nicht noch einmal zurück.

 

Musika
von Aristide Tarnagda
Regie, Bühne, Kostüme: Aristide Tarnagda, Musik: David Malgoubri, Licht: Mohamed Kaboré.
Mit: David Malgoubri (Burkina Faso), Lamine Diarra (Frankreich/Mali), David-Minor Ilunga, Pasco Losanganya, Starlette Mathata, Christiana Tabaro (DR Kongo).
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause

www.theater-im-bauturm.de

 
Mehr zum Thema Coltan: Jan-Christoph Gockel reiste im April 2015 am Theater Bonn mit Joseph Conrad ins Herz der Finsternis.

 

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