Ein Mann für alle Räume

von Sabine Leucht

München, 13. Juli 2015. So viele vergangene Welten! Via Bildschirm sieht man Helmut Griem als Faust und die großen Sprechtheater-Dioskuren Thomas Holtzmann und Rolf Boysen als Gloucester und Lear wundersam verjüngt von den Toten auferstehen. Aus der bis aufs letzte Knöpfchen präzisen Handwerklichkeit der Kostüme spricht eine Sorgfalt, die immer schon ihresgleichen suchte. Und aus den Zeichnungen und Gemälden, die Jürgen Rose als Vor-Studien für seine unzähligen Kostüm- und Bühnenbilder entworfen hat, springt einen ein gutes Jahrhundert Kunstgeschichte an. Mal zart aquarelliert, mal schroff und holzschnittartig hingeworfen, dann wieder wie eine Klimt- oder Degas-Kopie, in ihrer Bildkomposition aber stets gleichermaßen perfekt: Selbst der lockerste Strich immer und exakt an der richtigen Stelle.

Ausstellung Juergen Rose2 Muenchen 2015 Wilfried HoeslJürgen Rose beim Aufbau der Ausstellung mit Kostümen aus "Rheingold", Staatsoper Hamburg 1980 © Wilfried Hösl

Dass der Mann, der gerade ein volles Jahr lang eine Ausstellung seines eigenen Werkes vorbereitet und mit aufgebaut hat, ein Meister aller Stile und Techniken ist, davon künden auch ganze 28 Bühnenbild-Modelle für Oper, Ballett und Schauspiel, die – mal kleinteilig naturalistisch, sehr oft aber auch ganz abstrakt, archaisch karg oder luftig offen – immer vor allem Spielräume für die Akteure waren: Kein Ziel an sich, sondern Möglichkeiten-Eröffner. So wie im Grunde auch Meister Rose selbst.

 Ausstellung Juergen Rose3 Muenchen 2015 560 Wilfried HoeslBühne "König Lear", Münchner Kammerspiele 1992, Foto: Deutsches Theatermuseum München
© Oda Sternberg
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Arbeitssymbiose

Aus den letzten Münchner Jahren seiner bereits vier Jahrzehnte dauernden Arbeitssymbiose mit dem Regisseur Dieter Dorn kennt man vor allem die bis auf die weiß getünchte Brandmauer aufgerissenen und mit den berühmten abgenutzten schwarzen Podestplatten ausgerüsteten Bühnen, zunächst an den Münchner Kammerspielen, von 2001 an am Residenztheater, wo das Duo 2011 mit Kleists Käthchen von Heilbronn seinen Abschied gab. Und so steht, wer seinen Rose vor allem von daher kennt, ungläubig staunend vor dem überbordenden Kitsch im Bühnenmodell des "Rosenkavalier" (Regie: Otto Schenk, Bayerische Staatsoper 1972) – und fast noch erstaunter vor einem sehr großen Modell aus den späten Sechzigern: Hans Lietzau inszenierte 1968 Heiner Müllers "Philoktet", und da war schon fast alles da, was den späten Rose auszeichnete: der leere Raum, stilvoll-puristisch mit grobem Leinen verhangen. Und darin eine Bretteransammlung wie ein Floß kurz vor dem Auseinanderbrechen.

Ausstellung Juergen Rose4 Muenchen 2015 560 Wilfried HoeslBühnenraum "Le Nozze di Figaro", Bayerische Staatsoper 1997  © Wilfried Hoesl

Entwicklungsphasen, auch nachträglich auszumachende, scheint es bei ihm nicht zu geben. "Es war immer alles zusammen", sagt Rose, "kein Stil, einfach ein Leben" – das sich jeder neuen Arbeit wie dem einzig Wichtigen zuneigt. "Nichts ist so lebensfüllend wie das Theater", heißen nun folgerichtig sowohl die Werkschau als auch das Buch, das sie begleitet.

Die Götter stehen Spalier

Und ebenso folgerichtig ist das, was es zu sehen gibt, einigermaßen unsortiert und ebenso beeindruckend wie erschlagend. Rose, der im August seinen 78. Geburtstag feiert, hat aus 55 Schaffensjahren und gut 300 Aufführungen zwischen Mailand, Bayreuth, Moskau und New York allerhand zutage befördert. Ausstellung Juergen Rose7 Muenchen 2015 280 Lioba Schoeneck Kostüme aus "Götterdämmerung", Grand Théâtre
Genf 2014  © Lioba Schöneck
Und neben diesen Arbeiten für Schauspiel und Oper gab es ja auch noch die "Ballettwunder"-Jahre in Stuttgart (ab 1962) und Hamburg (ab 1972) mit John Cranko und John Neumeier. Und natürlich seine Theaterstadt München, wo Rose in der Oper auch selbst Regie führte. Die phantasievollen Tierkostüme des von Rose selbstverständlich auch ausgestatteten "Schlauen Füchsleins" sind ebensolche Hingucker wie die schweren Gewänder aus Dorns legendärem "König Lear".

Das Deutsche Theatermuseum in den Hofgarten-Arkaden, wo gleich im Eingangsbereich die im Mai 2014 in Genf zur Premiere gekommenen Götter von Richard Wagners "Götterdämmerung" Spalier stehen und per Video-Endlosschleife die Wände herabpurzeln, war Rose als Fenster in sein Œuvre nicht groß genug. So machte er in der benachbarten Bayerischen Akademie der Schönen Künste gleich noch ein zweites auf. Und die imposanten Klenzesäle der Residenz quellen geradezu über von rund 150 Schaufensterpuppen und Schneiderbüsten. Letztere tragen die leichten, bewegungsfreundlicheren und teils handbemalten Ballettkostüme. Erstere die oft mehrlagigen und ethno-opulenten Gewänder aus dem Opern- und Schauspielrepertoire. In der Masse und aus der Nähe wirkt manches zu groß und wuchtig wie das Kostüm der Klytämnestra aus Otto Schenks "Elektra"-Inszenierung von 1992, oder wie ein "Fetzen", wie Rose selbst das rote Kleid der Hekabe nennt, das man eben "wie eine Königin" tragen müsse. Also so wie Gisela Stein, ein weiteres von Dorns "Wundertieren", die nicht mehr am Leben sind.

Ausstellung Juergen Rose5 Muenchen 2015 560 Lioba SchoeneckKostüme von Jürgen Rose © Lioba Schöneck

Kostüme treten selbstbewusst auf

Die Erinnerung derer, die sie live gesehen haben, erahnt die Personen hinter den Figuren. Doch fast widerwillig offenbart die Ausstellung auch – was den Perfektionisten in Rose schmerzen, dem Theaterbesessenen aber leise Genugtuung verschaffen muss – dass die Lebendigkeit der Bühne nicht simulierbar ist. Dafür kann man sich erstmals davon überzeugen, welche Vielfalt von Texturen Roses Kostüm-Universum kennt, und dass, was in späteren Dorn-Inszenierungen manchmal gewollt repräsentativ wirkte, in Wahrheit einem weltoffenen, gänzlich unhierarchischen Eklektizismus entspringt, in dem Mieder aus dem 19. Jahrhundert, Ringe, Hüte, Fächer und Schuhe vom Flohmarkt, indische Originalgewänder, schweres Sattler-Zeug und ausgesuchte Seidenstoffe sich problemlos miteinander vertragen. Und – da ist man wieder pingelig deutsch – wirklich keine Naht geklebt, keine Knopfreihe durch einen unsichtbaren Reißverschluss gesichert ist. Jedenfalls verbitten sich die enorm selbstbewusst auftretenden Kostüme jeglichen Verdacht in diese Richtung. Und zeigen wie nebenbei, was an ihnen für den Zuschauer in der Regel unsichtbar, aber dennoch wichtig ist: So wie die kleine Uhr am barocken Kostüm der die Zeit besingenden Marschallin aus Richard Strauss' an der Bayerischen Staatsoper noch immer gespieltem "Rosenkavalier". Wer kann ermessen, was diese Unbedingtheit im Kleinen mit dem großen Ganzen macht?

 Ausstellung Juergen Rose6 Muenchen 2015 560 Oda SternbergDieter Dorn und Jürgen Rose auf der Probe 1996, Foto: Deutsches Theatermuseum München
© Oda Sternberg

Seismograph und Nervensäge

Der 1937 in Bernburg an der Saale geborene Rose hat Schauspiel studiert, wollte auch mal in Mode machen und ist dann doch der Seismograph dessen geworden, was Regisseure und Choreographen wollen und Schauspieler, Tänzer und Sänger brauchen. Er sei "lediglich Dienender", sagt Rose. Und doch wittert man hinter der ostentativen Bescheidenheit dieses sympathischen, weißhaarigen Herren auch die Nervensäge. Denn Rose ist einer, der der Produktion, die er ausstattet, nicht von der Pelle rückt, der Stücktexte und Partituren liest und als permanenter Beobachter der Proben oft auch beim Einkleiden mit Hand anlegt. Eine Aufmerksamkeit und ein Einmischen bis auf den Schnürsenkel (oder das "Schuhbändel") genau, wie sowohl Stefan Hunstein als auch Sibylle Canonica in ihren Texten im Buch zur Ausstellung bestätigen.

Das kann toll sein und muss dennoch erst mal von allen ausgehalten werden. Dieter Dorn jedenfalls, der bei der Pressebegehung der Ausstellung anwesend war, hat noch nicht genug von dem Mann, ohne den es sein Theater so nicht gäbe: "Wir müssen unbedingt wieder eine Arbeit zusammen machen", so Dorn. "Denn es ist das Einzige, was gegen so viel geballte Erinnerung hilft." Und deren Last ist überall spürbar in dieser Werkschau, die so gar nichts Zukunfsweisendes hat, dafür aber bezeugt, dass man der Bühne mit einer Ernsthaftigkeit verfallen kann, die keine Ausflüchte und keinen doppelten Boden erlaubt. Und die viel, viel Arbeit bedeutet. Auch noch in der Nachbereitung. Um die wieder und wieder umgefärbten Stoffe und Originalkleider für seine Theaterfiguren zu finden, hat Rose die ganze Welt bereist. Und dito, um die letzten schwarzen Podestplatten zusammenzusuchen oder die schlichten Biedermeierstühle, die nun auch in der Ausstellung stehen, wofür die dezidiert unmodernen Schaufensterpuppen – auch sie selbstredend das Ergebnis einer Odyssee – zuletzt noch mit Pack- und Seidenpapier kaschiert wurden. Eine pikante Fußnote! Denn auch des Kaschieren ist eine ausgestorbene Sache, mit der früher manch einer einen Teil seines Lebens füllte.

 

Jürgen Rose: Nichts ist so lebensfüllend wie das Theater
Ausstellung im Deutschen Theatermuseum, Galeriestraße 4a, und in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, Max-Joseph-Platz 3, 80539 München. Eintritt: 8 Euro (Kombiticket). 
Jürgen Rose selbst bietet Führungen durch die Ausstellung an, die noch bis 18. Oktober 2015 zu sehen ist, jeweils Dienstag bis Sonntag von 10 bis 16 Uhr, während der Opernfestspiele am 24. und 30. Juli bis 18 Uhr.
Der gleichnamige Bildband ist im Henschel-Verlag erschienen und kostet 29,95 Euro 

http://www.deutschestheatermuseum.de

 

 
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