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Romeo und Julia im Wasserturm

von Willibald Spatz

Augsburg, 3. Juli 2015. Wenn es im Leben darum geht, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, dann ist es vielleicht am Schlauesten an einem Ort solange sitzen zu bleiben, bis die richtige Zeit gekommen ist. Der Ort heißt Augsburg und die Zeit für das, was Leonie Pichler und die Gruppe "Bluespots Productions" aufziehen, war 2011 gekommen. Damals habe es in Augsburg kein Off-Theater gegeben, sagt Leonie Pichler. Seitdem gibt es sie.

Das Markenzeichen der Gruppe ist es, an besonderen Orten zu spielen und diese Orte eine große Rolle spielen zu lassen: Es gab ein Stück in Zimmern des Hotelturms, eines weithin sichtbaren Augsburger Wahrzeichens, und eine "Baal"-Inszenierung im Alten Stadtbad. Am konsequentesten wurde die theatrale Stadterkundung in der Adventszeit 2014 bei der "Winterreise" durchgeführt: An jedem Abend anderswo wurde ein Schubertlied aus dem Liederzyklus eingerichtet. Es ging vom Zentralklinikum über den Westfriedhof bis zum Eishockeystadion.

Manche dieser Aufführungen können aufgrund der Räumlichkeiten nur von einer begrenzten Zuschauerzahl gesehen werden, dennoch wurde das Schaffen von Bluespots Productions schnell wohlwollend wahrgenommen, weil es eben so besonders war (nicht nur) für das mit freier Szene nicht übermäßig gesegnete Augsburg. Die Baal im Bad-Inszenierung war die erste von einer Reihe von Stücken, die für das jährlich im Februar stattfindende Brechtfestival produziert wurden. Wer da mitmachen darf, wird in der Regel auch überregional wahrgenommen.

Freie Szene-Monopolisten

Dazu entstehen nun auch weitere Auftrags-Arbeiten. Neulich bestellte ein Möbelhaus eine öffentliche Aufführung, die gut ankam und Optionen für weitere Kooperationen bot. Hier saß das mengenmäßig immer noch relativ kleine Publikum auf nagelneuen Ausstellungsmöbeln und wurde Zeuge unangenehmer, unter die Haut fahrender Beziehungsszenen. Die Nähe zu den Spielern und der Kontrast zwischen Inhalt und Raum funktionierten sofort und nachhaltig.

An sich sind das traumhafte Bedingungen für freie Theatermacher, dass ihnen die Menschen hinterherrennen und ihre Räume aufsperren. Leonie Pichler besteht dann noch darauf, dass ihnen in künstlerischen Belangen keiner reinredet. Kommenden Herbst kooperieren die Bluespots Productions mit dem Stadttheater. Recherchiert wurde im Gefängnis, gespielt wird im Justizpalast.

LiebeMachtTod2 560 MarcoMerten uMit Hilfe der Stadtvermarkter bekommt man den Shakespeare, der hier aussieht wie Hitchcock, auch in normalerweise geschlossene Wassertürme. © Marco Merten/scissabob.de

"Liebe Macht Tod" nun, das aktuelle Stück, wird gefördert durch die Stadt Augsburg und die Regio Augsburg Tourismus GmbH – im Rahmen einer Bewerbung zum Welterbe: Augsburg rühmt sich, mehr Brücken und Kanäle als Venedig zu besitzen. Zu dieser Wasserkultur gehören auch zwei Wassertürme, die bei der Wasserversorgung der Stadt einmal eine Rolle gespielt haben. Normalerweise kommt man nicht rein wegen des Denkmalschutzes. Die Bluespots Productions dürfen nun da Theater spielen, mit der Auflage, dass nur jeweils sieben Personen gleichzeitig unterwegs sein dürfen, damit nichts kaputt geht.

Hoffnung auf neues Publikum

"Liebe Macht Tod" ist eine Shakespeare-Übersetzung von Thomas Brasch. In kleinen Räumen werden einzelne Szenen gespielt: manchmal ganz konventionell wie das Aufeinandertreffen der verfeindeten Jungs oder die Balkonszene, dann aber auch mal als wilder Tanz wie der Mord an Tybalt unmittelbar unter dem Dach. Immer ist der Raum kongenial eingebunden. Der Balkon ist ein Gang, der unerreichbar hoch über den Köpfen Romeos und der Zuschauer die zwei Türme verbindet.

LiebeMachtTod1 560 MarcoMerten uEine Bild-Anmutung wie Hollywood und ist doch eine freie Truppe in Augsburg, Donnerwetter!
© Marco Merten/scissabob.de

Manche Szenen sind schauspielerfrei wie die Klage um Rosalinde. Man steht mitten im Gebäude auf einem Steg über reißendem Wasser, in dem Flaschen mit Leuchtröhren schwimmen. Dazu hört man die wunderschöne Musik der Band Misuk, ebenfalls fester Bestandteil des Brechtfestivals mit ihren Brechttextvertonungen. Diesmal vertonen sie Brasch. Eine zweites Mal hört man einen ihrer Songs beim "Lerchenduett", in dem Kim Ranalter als Julia einen irren, suizidalen Tanz mit einem Brautschleier abliefert. Insgesamt sind knapp 50 Personen beteiligt, neben den Musikern wurden auch das Anglisten-Theater der Universität und Schüler eines Gymnasiums integriert, in der Hoffnung neue und junge Publikumsschichten anzulocken.

Während man auf den Einlass wartet, spielt im Innenhof zwischen den Türmen und dem Handwerkermuseum, einem der wahrscheinlich schönsten Orte in der Stadt, die Band "Wunderwelt", danach legt ein DJ auf, ein Maskenfest wird gefeiert, man will nicht weg aus dem Theater.

Liebe Macht Tod
von Thomas Brasch nach William Shakespeare
Regie: Leonie Pichler und Martin de Crignis, Konzept und Projektmanagement: Lisa Bühler, Sabrina Micheler, Eva Haas, Ines Smailovic, Leonie Pichler, Martin de Crignis, Kostüm: Rebecca Gebbler, Martin de Crignis, Sabrina Micheler, Eva Haas.
Mit: das Ensemble von Bluespots Productions
Dauer: 1 Stunde, keine Pause

www.bluespotsproductions.com



Kritikenrundschau

"Liebe Macht Tod" ist "eine verlockende theatrale Party und ein wichtiger Baustein zur Unesco-Bewerbung" der Stadt Augsburg, schreibt Claudia Knieß für die Augsburger Allgemeine (6.7.2015). Grundthema der Inszenierung sei "Liebe als Symptom". Dabei schafften "vor allem starke Schauspieler wie Max Kretschmann, David Czudnochowski oder die Capulets und Montagues in der 'Gangs'-Szene die Quadratur des Gender-Kreises: Mit weißen Tüll-Halskrausen über Sixpack-Bodys changieren sie zwischen Macho und Tunte."