Presseschau vom 8. Juli 2015 – Die FAZ sorgt sich berechtigterweise um das Publikum für neue Musik

Das wegsickernde Stammpublikum

Das wegsickernde Stammpublikum

8. Juli 2015. Stephan Speicher fragt sich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (7.7.2015) was etwa aus der neuen Musik (jenseits der Richard Strauss-Schwelle) werden soll, wenn das von der Dramaturgie inhaltlich gelenkte Abonnement und die ebenso pädagogisch gezielten Angebote der Publikumsorganisationen aus der Mode kommen.

Neues geht nicht

Speicher beginnt mit der Beobachtung, dass in der Berliner Staatsoper Becketts "Footfalls" und Morton Feldmans "Neither" vor einem allenfalls zu 30 Prozent gefüllten Zuschaurraum gegeben werden. Trotz Einführungsvorträgen und einem "instruktiven" Programmheft. Der Zuspruch sei schlicht enttäuschend, der Befund typisch. Selbst Helmut Lachenmanns sehr erwartete Oper "Mädchen mit den Schwefelhölzern" zog ab der fünften Vorstellung "nur noch enttäuschend wenige Besucher an, obwohl die Staatsoper die Preise bereits gesenkt hatte".

Die "Anwälte der modernen Musik" sähen das Problem beim Publikum. Dem fehle es heute an musikalischer Bildung, "es sei zerstreut, wo es früher konzentriert war", es gebe außerdem zu wenig Zweit- oder dritt-Inszneierungen neuer Opern. Eine belastbare Erklärung sei dies allerdings nicht. Beweisbar sei indes ein "Wegsickern des Abonnentenpublikums".

Der Abonnennt macht sich rar, die Abonnentin auch

Es liege auf der Hand, "dass das Publikum sich an neue Töne gewöhnen muss". Früher sei im Abonnement "idealerweise das gesamte Programm der Spielzeit" enthalten gewesen. "Der Abonnent ging am Leitseil der Dramaturgie ins Theater, um zu sehen, was diese für wichtig hielt." So habe sich ein Kanon gebildet. Diese "Lenkung des Publikums durch die Theater" sei auf dem Rückzug. Um die Hälfte weniger Zuschauer kamen 2012 im Vergleich zu 1992 mit Abonnement oder den Besucherorganisationen in die Theater. Was bedeutet: Die Abonnenten betrachtet als "Leute, die sich für Theater oder Musiktheater in ihrer Breite interessieren und nicht nur für die Reißer des Repertoires" werden rar. Abonennten bilden ein Stammpublikum, dass es den Häusern auch ermöglicht, beim Publikum "riskante Produktionen" anzusetzen. Außer in notorischen Kulturbürger-Städten wie Stuttgart oder München, wo die Menschen stolz sind auf die eigene Theater-Tradition gehen die Abonnements zurück.

Mündigkeit in der Gestalt von Konservatismus

Stattdessen nähmen Wahlabos und ähnliche Angebote zu. Der "kritische Verbraucher, der weiß, was er will, ist auch ein Problem in den Künsten". Denn, so Speicher, er werde sich für die "geprüfte Qualität" entscheiden, "also nicht für das Neue". Wie die Geschichte der Volksbühnen-Bewegung zeige, bedürfe es "einer gewissen Lenkung zu Höhe und Erhebung", um so das Neue und Ungewohnte durch allmähliche Gewöhnung attraktiv zu machen.

Bemerkenswerterweise wachse in Berlin die Besucherorganisation Freie Volksbühne derzeit. "Aber auch hier wird mehr mit den Preisvorteilen gearbeitet als eine kulturpolitische Linie verfolgt, man sieht es an der Vielzahl individualisierter Angebote. Eine direktive Kompetenz nimmt die Freie Volksbühne nicht in Anspruch."

Agenten gesucht

Auch im "Gemeinschaftstheater Krefeld / Mönchengladbach" gebe es noch einen "vergleichsweise festen Abonnentenstamm, der auch Experimente" erlaube. So konnte dort "Detlev Glanert mit mehreren seiner Werke" gezeigt werden. Die Musikbegeisterten in den kleinen niederrheinischen Orten bildeten Gruppen, um gemeinsam nach Krefeld zu fahren. Aber dafür brauche es Organisatoren, die wiederum das Theater ansprechen könne. Offenbar bedürfe es also "traditioneller sozialer Formen zu bedürfen, ein Publikum mit dem Neuen, ästhetisch Anspruchsvollen zu konfrontieren – und anspruchsvoll ist das Neue, auch wenn es dem Urteil späterer Generationen nicht standhalten sollte".

(jnm)

Kommentare

Kommentar schreiben