Was ist das Wert?

von Sascha Westphal

Bochum, 8. Juli 2015. Nach der Vorstellung, wenn alle die kleine Halle unter den S-Bahn-Schienen verlassen, steht ein grüner Schuhkarton auf einem Holzschemel neben dem Ausgang. Nun kann jeder selbst entscheiden, wie viel er der Bochumer Theatergruppe "Freie Radikale" für diesen Abend spenden möchte. Der Eintritt zu Beginn war frei. Dafür kommt dann am Ende für jeden im Publikum ein ganz privater Moment der Wahrheit. Dabei geht es nicht nur um den Betrag, den sie oder er schließlich in den Karton wie in eine Spardose gleiten lässt. Ebenso bedeutend ist in diesem Augenblick die Reflexion über den Wert von Kunst im Kapitalismus. Mit einmal ist etwas offen, verhandelbar. Das Verhältnis zwischen dem Zuschauer und den Künstlern verändert sich. Plötzlich scheint eine andere Ökonomie auf, in der es vor allem um Solidarität geht statt nur um Produktion und Konsum.

In einer Stadt wie Bochum, die im Juni ein Loch von 31 Millionen Euro im Haushalt bekanntgegeben hat und nun sparen muss, auch bei ihren Zuwendungen für die freie Kulturszene, hat eine solche Spenden-Aktion natürlich eine symbolische Dimension. Ohne das Engagement der Theater- und Kunstliebhaber wird es sehr eng. Das System funktioniert einfach nicht mehr. Gerade im Bereich der Kultur produziert es eigentlich einen steten Geldmangel, dem trotz allem noch ein Überschuss von Kreativität gegenübersteht. Davon erzählt nebenbei auch Günfer Çölgeçens Stück:

Für die Tiere im Winter

Schaf 280 FR x© Freie Radikale:
Volker Beushausen/David Gruber
Wenn alles zum Gelde drängt und am Gelde hängt, darf man nicht zimperlich sein. Also versuchen es die von Barbara Feldbrugge, Christiane Athmer und Şermin Kayık gespielten namenlosen Frauen zunächst einmal mit einem Überfall. Doch dann werden sie selbst wieder bestohlen. Also machen sie sich bei der nächsten Gelegenheit auf den Weg in die Stadt, um Spenden "für die Tiere im Winter" zu sammeln. Natürlich geht es dabei nur um sie selbst. Als es zu einem wortreichen und lautstarken Disput zwischen 1 und 3, Barbara Feldbrugge und Şermin Kayık, kommt, verlangen sie schließlich von den imaginären Passanten, die stehenbleiben und zuhören, Geld. Schließlich liefern sie ihnen gerade eine prächtige Show.

Natürlich ist es ein Märchen des Kapitalismus, dass Armut kreativ macht. Aber auf der anderen Seite gibt es keinen Zweifel daran, dass dem Armen gar nichts anderes bleibt, als kreativ zu sein. Das gilt für die drei Frauen genauso wie für eine freie Theatergruppe, besonders wenn sie sich wie die "Freien Radikalen" als "hybrides Theater für die Gegenwart" versteht. Wie in der "Spenden für die Tiere im Winter"-Szene fließen in "Schaf. Biene. Pferd." Spiel und Reflektion, Fiktion und Wirklichkeit immer wieder ineinander. Barbara Feldbrugge, Christiane Athmer und Şermin Kayık sind nicht nur 1, 2 und 3. Sie stehen auch für alle freien Künstler, die es noch nicht geschafft haben, sich auf einem der Spitzenplätze am Markt zu etablieren.

Arte Povera

Dazu passt der extrem helle, weiße Raum der Kunsthallen ROTTSTR5, der direkt neben der off-Bühne Rottstr. 5 Theater! liegt. Günfer Çölgeçen erobert sich mit ihrer hybriden Inszenierung, einer Wort- und Bewegungschoreographie für drei Schauspielerinnen und einen Scheinwerfer, diesen Ausstellungsraum und eröffnet so noch eine weitere Reflexionsebene: Alleine auf dem Kunstmarkt gehen die Kunst und der Kapitalismus Hand in Hand. Doch diese sich in Millionenbeträgen für einzelne Werke ausdrückende Harmonie ist eine einzige Absurdität. Ihr stellt Günfer Çölgeçen die Leere entgegen, mit der Barbara Feldbrugge, Christiane Athmer und Şermin Kayık unentwegt ringen müssen.

Die drei haben nur sich selbst und den Scheinwerfer, der mal die Sonne, mal einfach ein Scheinwerfer ist. Weitere Requisiten gibt es nicht. Die Bilder von Gläsern und Flaschen, Spendenbüchsen und Schwertern entstehen alleine aus dem pantomimischen Spiel von Barbara Feldbrugge, Christiane Athmer und Şermin Kayık. Es ist die große Kunst aus praktisch nichts alles zu machen, die sie betreiben.

Zu Beginn nehmen die drei erst einmal den Zuschauerreihen gegenüber Platz und beschwören eine Gesellschaft herauf, die zutiefst erschöpft ist. Wieder und wieder versinken sie in einer Art Sekundenschlaf, aus dem sie umgehend hochschrecken. Dann kommt die Unruhe und Nervosität vor dem Überfall. Ein nicht endendes Zucken und Zappeln, das eben auch aus der Angst vor der Zukunft geboren ist. Die Jagd nach Geld macht krank. Doch wie soll man aus ihr aussteigen? Vielleicht mit Hilfe eines grünen Schuhkartons.

Schaf. Biene. Pferd.
von Günfer Çölgeçen
Künstlerische Leitung: Günfer Çölgeçen, Dramaturgie: Michael Schmidt, Kostüme: Ana Ignatieva, Licht: Michael Pattmann.
Mit: Christiane Athmer, Barbara Feldbrugge, Şermin Kayık.
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause

www.freieradikale.eu
www.rottstr5.de

 
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