Mein Ja-Wort in Rio

von Georg Kasch

Monsenhor Tabosa, 14. Juli 2015. Schöne Grüße aus dem Urlaub! Ist allerdings auch ein bisschen langweilig hier. Wenn man bei bleierner Hitze am Ende der Welt sitzt und nichts entfernter sein könnte als Theater und queeres Leben, fängt man an beides zu vermissen. Hier in Monsenhor Tabosa im Nordosten Brasiliens ist das nächste Theater jedenfalls sechs Autostunden entfernt, und der Wochenend-Höhepunkt der Menschen vor dem Kinderkriegen besteht im Mopedfahren, Rumhängen, billigen Forró hören und saufen. Nichts gegen Forró und einen frischen Caipi, und, ja, ich genieße meine Sommerpause. Aber Falk Schreiber hat schon recht: Gerade Kleinstädte brauchen das Stadttheater, um ein Fenster in Gegenwelten zu öffnen.

kolumne georgIch zum Beispiel habe als Mecklenburger Dorfjunge (wo sich die Jugendbeschäftigung nicht grundsätzlich von der in der brasilianischen Kleinstadt unterscheidet) dank meines Schweriner Theaterabonnements zwischen 1989 und 1999 den ersten nackten Mann auf einer Bühne gesehen (am Ende einer "Don Juan"-Inszenierung). Die ersten Fotos nackter Schwänze (im Programmheft zu Michael Jurgons "Othello" 1993, tolle Mapplethorpe-Abzüge). Den ersten schwulen Kuss (ziemlich verdruckst zwar in Brechts "Mann ist Mann", aber etliche schönere sollten folgen). So was gibt's hier, am gefühlten Ende der Welt, nur in Telenovelas. Jeder weiß, dass das halbe Kollegium der Schule schwul ist. Es redet nur niemand drüber. Alle anderen sind auf und davon. Dennoch wird auch hier Theater gespielt, Quadrilhas am Johannestag: Da stellen Kinder eine Hochzeit nach, die kurz vor dem Ja-Wort platzt, weil plötzlich die schwangere Geliebte des Bräutigams aufkreuzt. Der Rest ist Tanzen.

Apropos Hochzeit: Merkels Bauchgefühl zum Trotz habe ich gerade geheiratet, den wunderbarsten Mann der Welt – in Brasilien geht das, dem nationalen Justizrat sei Dank (zur Realität gehört allerdings auch, dass alle 27 Stunden ein queerer Mensch umgebracht wird). Das Heiraten hat ja selbst eine Menge Ähnlichkeiten mit dem Theater, zwei bürgerliche Institutionen, die Sicherheit geben sollen, aber gerade ein wenig zu kriseln scheinen. Und dann die Inszenierung: in Kostüm, vor Publikum, oft genug mit kathartischen Momenten, wobei die Grenzen zwischen bewusst erzeugter und spontan hervorgerufener Rührung hier wie da fließend sind.

Bei uns war die Kulisse mit Rio de Janeiro prominent besetzt, die Kostüme fielen schlicht aus, das Publikum blieb überschaubar, erwies sich aber als emotional äußerst bei der Sache. Natürlich hatte ich schreckliches Lampenfieber und entsetzliche Angst, aus der Rolle zu fallen. Der Richter als strenger, aber gütiger Vater erwies sich als begnadeter Rhetor mit ausladender Gestik und dramatischem Ton. Als Liebende waren wir erwartungsgemäß typbesetzt und entsprechend überzeugend. Zum Schlusskuss gab's herzlichen Jubel, die Premierenparty in Santa Teresa zog sich hin.

Mein Mann hat übrigens jahrelang als Bräutigam bei den Kinder-Quadrilhas in Monsenhor Tabosa geübt. Bei der Premiere in Rio tauchte allerdings keine Geliebte mit Bauch auf. Manchmal hat es wirklich Vorteile, schwul zu sein.

 

gkportraitGeorg Kasch, Jahrgang 1979, ist Redakteur von nachtkritik.de. Er studierte Neuere deutsche Literatur, Theaterwissenschaft und Kulturjournalismus in Berlin und München. In seiner Kolumne "Queer Royal" versucht er, jenseits heteronormativer Grenzen auf Theater und Welt zu blicken.


In der letzten Kolumne "Queer Royal" ging es um Spielvogthallodris ohne germanische Arbeitserlaubnis.

 

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