Venedig in schwarz-weiß

von Harald Raab

Klingenberg, 16. Juli 2015. "Eben jetzt bezwingt ein alter weißer Schafbock euer schwarzes Lämmchen." So verhöhnt der abgefeimte Jago den venezianischen Senator Brabantio, den Vater von Desdemona. In der Clingenburg über Klingenberg sind beide Schauspieler in dieser Szene schwarz. Und in der gesamten "Othello"-Inszenierung von Marcel Krohn wird nur "der Mohr von Venedig", Othello, von einem weißen Schauspieler dargestellt.  Womit er das fremde, verstörende Element ist (und bleibt).

Othellos Gefühlsanarchie

Aber Shakespeares "Othello" ist schließlich kein Ethnodrama. Es geht um menschliche Verirrungen, die an der Hautfarbe nicht festzumachen sind.  Auch wenn also Selam Tatese, gebürtig aus Eritrea, den Jago als eine Art Gangsta Rapper abliefert, er fasziniert vielmehr als Bösewicht schlechthin, als Genie  des perversen Spiels. Er knüpft die Fäden zum Netz des Verderbens für all die anderen. Er ist der Machtmensch, der aus Lust und verletzter Eitelkeit sein Talent missbraucht, um Unheil zu stiften. Der von ihm vergötterte Feldherr Othello hat ihn bei der Beförderung übergangen. Jetzt zieht er die Fäden der Handlung, ist Teufel und Gott eines bösen Schicksals, spielt alle gegen alle aus, säht Misstrauen und  Zwietracht, mordet und stiftet zum Mord an. Ein Exzess der Destruktivität.

Othello2 560 Clingenburg Festspiele uv.l.: Kumari Helbling, Jonathan Aikins, Mathias Kopetzki, Selam Tadese, Jane Chirwa, Eddie Jordan
© appeal

Die Rechnung kann aber nur aufgehen, wenn er auch auf Naivität und romantische Weltsicht trifft. Ersteres bei Othello und letzeres bei Desdemona. Dem messerscharfen Intellekt Jagos hat der Aufsteiger und brave Soldat Othello nichts Wirksames entgegenzusetzen. Mathias Kopetzki, Träger des renommierten Nestroy-Preises, realisiert in der Titelrolle den gefallenen Helden in gefährdeter Größe. Er ist der verletzliche Mann, der in dieser Situation auch bis zum Äußersten verletzen kann. Im Strudel seiner Gefühle stürzt er ins Bodenlose, zerstört, was ihm Halt gegeben hat. Das Stereotyp Eifersucht greift zu kurz. Es geht um Existenzielles, um Sein oder Nichtsein. Hier wird nicht der animalisch rasende Wilde vorgeführt. Gefühlsanarchie überschwemmt denjenigen, dessen Liebe sich (unter den giftigen Einflüsterungen Jagos) in blinde Raserei, ja in Todessehnsucht verwandelt hat.

Drama des Menschseins

Jane Chirwa als Desdemona und Kumati Helbling als Emilia sind die liebenden und missbrauchten Frauen im Strudel einer Macho-Welt, die Opfer des Ränkespiels um Ehre und die Leidtragenden sonstiger ausagierter Männerfantasien. Tragödien allenthalben. Ob schwarz oder weiß, das Drama des Menschseins ist schlimm genug und nur schwer auszuhalten.

Othello3 560 Clingenburg Festspiele uJane Chirwa und Mathias Kopetzki als Desdemona und Othello in Clingenburg © appeal

Marcel Krohns Regiekonzept lässt reichlich Raum für Action-Spektakel, was in einer Freilichtaufführung nun einmal unerlässlich ist, mit mehr oder weniger gelungenen Gags. Die entscheidenden Szenen lässt er jedoch sensibel mit innerer Ruhe trotz höchster Anspannung zu eindrucksvollen Bildern werden. Othellos zu späte Einsicht in sein verblendetes Handeln im Schlussmonolog vor der Selbsttötung hat sich dem Premierenpublikum wohl eingeprägt: "Wenn ihr von diesem Übel Kunde gebt, / Sprecht von mir, wie ich bin: verkleinert nichts, / Doch ohne Bosheit. Dann müsst ihr berichten / von einem der nicht klug, doch zu sehr liebte / Nicht leicht argwöhnte, doch einmal erregt / Unendlich raste . . ." 

Othello
von William Shakespeare
Regie und Bühne: Marcel Krohn, Kostüme: Ulla Birkelbach, Licht: Markus Friele.
Mit:  Jonathan Aikins, Jane Chriwa, Kumari Helbling, Eddie  Jordan, Mathias Kopetzki, Aciel Martinez  Pol, Selam Tadese, Sunga Weineck.
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.clingenburg-festspiele.de
 

 

Kritikenrundschau

Reinhard Glaab schreibt auf mainpost.de (17.7.2015), der Internetpräsenz der Mainpost aus Würzburg: Regisseur Marcel Krohn siedele Othello als "einzigen Hellhäutigen unter lauter Farbigen an". Der Kunstgriff verdeutliche die "Kernaussage" des 1604 uraufgeführten Stückes: "Hier steht ein Mensch in der Mitte der Macht und am Rande der Gesellschaft!" Die "fulminanten Akteure" spielten "ihre tiefen Emotionen und vernichtenden Leidenschaften bis an die Grenzen" aus. Oberschenkelholster für die Stich- und Schusswaffen seien der einzige, "legitime" Einbruch der Moderne ins "spätmittelalterliche Szenario". - "Den Mittelpunkt beherrscht die klare, wuchtige, herbe, aber auch inbrünstige Sprache des klassischen Autors." - "Stehender Applaus für sehenswertes Freilufttheater!"

Stefan Reis schreibt im Main Echo aus Aschaffenburg (18.7.2015): Je länger das Spiel dauere, desto drängender die Frage "Warum eigentlich hat es über 400 Jahre gedauert, bis ein Regisseur auf den Kunstkniff kam, in einem Theaterstück mit dem Untertitel 'Der Mohr von Venedig' die Hautfarben der Rollen zu vertauschen?" Es sei alles zu hinterfragen, was sich auf der Bühne abspielt. Selbst Jago (Selam Tadese) erscheine nicht nur als "gnadenloser Intrigant: Wer so viel Leben zu zerstören gedenkt, der muss selbst ein verheerendes Leben erleiden". Dieser "Othello" spiele im "Hier und Jetzt", und der Handlungsort Zypern sei lediglich ein "Sinnbild für Kobane, Palmyra, Tikrit, Homs, Aleppo oder Mossul". Von der Inszenierung enttäuscht werde also jeder, der eine "brave Nacherzählung des überlieferten Stoffs und schöne Bühnenbilder erwartet". Die "wahre Kunst" sei es für den Zuschauer, "die elende Wirklichkeit zu akzeptieren (oder gegen sie zu rebellieren), die auch diese Inszenierung ja nur plakativ abbilden kann". Eine Inszenierung, "die Respekt und Beifall verdient".

Heutzutage sei es angesichts der "Blackfacing Debatte" eine schwierige Sache "Shakespeares Gruppenbild mit Schwarzem" zu zeigen, schreibt Stefan Benz im Darmstädter Echo (online 18.7.2015). In Klingenberg glücke nicht nur der "Perspektivwechsel", spätestens nach der Pause überwinde die Inszenierung die Frage nach der Hautfarbe und entwickele eine "mörderische Dynamik", die "Othello" als "Tragödie von Machtgier und Eifersucht jenseits von Herkunft und Rasse beglaubigt". Der Besetzungscoup geht auf den Terrassen der baumbestandenen Ruinenbühne mit einer "starken Ensembleleistung stimmig auf". Das sei nichts, "was man bei Freilichtspielen im Sommer gemeinhin" geboten bekomme und zeige "packend und spannend", wie sich das Festival unter Marcel Krohns Leitung in den vergangenen Jahren "mit Ambition professionalisiert hat".

 

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