Das Schweigen der Sheriffs

von Cornelia Fiedler

München, 23. Juli 2015. Zwei Jahren läuft der NSU-Prozess in München. Wenn nicht Beate Zschäpe und ihr Anwälte-Trio (mit dem bühnenreifen Namen Sturm, Stahl und Heer) gerade wieder im Klinsch liegen, schafft es die rassistische Mordserie nur noch sporadisch in die Schlagzeilen. Die Theater bleiben erstaunlich hartnäckig am Thema – mit unterschiedlichem Ausgang: Lothar Kittstein hat jüngst für das Schauspiel Frankfurt ein fahrlässiges Einzeltäter-Gothic-Märchen, Der weiße Wolf, verfasst, Christine Umpfenbach dagegen konzentrierte sich in ihrem intensiven dokumentarischen Stück Urteile am Residenztheater vor allem auf die Perspektive der Angehörigen der Opfer. Ähnlich Nuran David Calis, der in Die Lücke Kölner Bewohnerinnen der Keupstraße auf die Bühne holte, während Johan Simons an den Kammerspielen Elfriede Jelineks Text Das schweigendem Mädchen jede politische Schärfe austreibt – und das ist nur eine kleine Auswahl.

Münchner Schauplätze

Jetzt kontert die Regisseurin und Schauspielerin Christiane Mudra für das freie Theater i-camp mit einem "heimattreuen Western", der direkt an den Schauplätzen des rechten Terrors in München spielt: "Wir waren nie weg. Die Blaupause" setzt genau da an, wo andere Projekte es bei Andeutungen und Kopfschütteln belassen: bei den engen Verstrickungen zwischen der rechten Szene und den Sicherheitsbehörden.

"Hau ab!", brüllt der jugendliche Held (Andrim Emini) in orangefarbenem Hemd, Weste und dunkel glänzenden Reiterstiefeln in die Luft zwischen der Ampel, dem Fahrradweg und der Häuserzeile im Münchner Westend. Eben hat er noch wortlos Blumen niedergelegt, hier, wo am 15. Juni 2005 Theodoros Boulgarides, Inhaber eines Schlüsseldienstes, ermordet wurde. Jetzt schreit er panisch, "schauen Sie ihn bloß nicht an, den gibt es nämlich gar nicht!", und schlägt wild in die Luft.

Reale Phantome

Eine seltsame Form der Paranoia. Wir sollen jemanden nicht ansehen, den es nicht gibt, weil es ihn ja nicht gibt? Dieses paradoxe Etwas entpuppt sich als Täter-Typus: einer, der zu einem verzweigten rechten Terror-Netzwerk gehört. So etwas gibt es nicht, zumindest nicht aus Sicht der Ermittlungsbehörden. Also beginnt die Jagd nach diesem vorgeblichen Phantom. Sie führt quer durch die Stadt und durch die Jahrzehnte: Zur ehemaligen Neonazi-WG, nur 100 Meter vom Tatort im Westend entfernt; zum Ort des Oktoberfest-Attentats von 1980, das nur durch gezieltes Vertuschen sämtlicher Spuren, die in die rechtsradikale Szene führten, zur Tat eines Einzelnen werden konnte. Zu einem langjährigen Nazitreffpunkt nahe der Münchner Innenstadt.

Wirwarennieweg2 560 Edward Beierle uShowdown im Western-Setting mit der schwarzbemantelten Kopfgeldjägerin (Berivan Kaya)
© Edward Beierle

Ermittelt wird in schnellen, flüchtigen Szenen: Plötzlich taucht eine selbsterklärte Kopfgeldjägerin mit langem schwarzen Mantel, schwarzem Schlapphut und Fluppe zwischen den Lippen auf. Berivan Kaya gibt – gegen Geld, versteht sich – Informationshäppchen aus ihrem Job als "Quelle" in der Neonaziszene preis. Ja, sie kannte sie alle, das untergetauchte NSU-Trio wollte sogar einmal bei ihr übernachten. Das habe sie ihrem "Sheriff" gemeldet. Der riet ihr, abzulehnen, und tat ansonsten: nichts.

Fakten auf Papier

Immer wieder kommt es zur Konfrontation zwischen den Akteuren. Wer wie die junge Zeugin, gespielt von Christina Baumer, zu viel über deutsche Polizisten erzählt, die dem Ku-Klux-Klan angehören, wird ohne viel Aufhebens hingerichtet. Wer mit Ermittlungs-Akten davonrennt, den jagt ein irrer, wiehernder Sheriff auf dem Fahrrad quer durch das abendsonnige Steppengras der Theresienwiese zu Tode. Immer neue Beweise für die Existenz eines stabilen Netzwerks rund um den NSU werden in Wort und Bild präsentiert, darunter die berühmte CD mit der Aufschrift NSU/NSDAP, die seit 2005 unbeachtet beim "Sheriff" des V-Manns "Corelli" im Regal stand. Murali Perumal zitiert als Proto-Faschist diverse Schriften, darunter die "Turner-Tagebücher", einen Nazi-Kultroman, der offenbar als Blaupause für die Morde des NSU diente.

Vieles, was einem im Laufe des fast dreistündigen Stadt-Spaziergangs mit Klezmer-Begleitung an Fakten um die Ohren fliegt, hat man hier und da gehört oder gelesen. Mudra und ihrem Team gelingt es aber, gerade durch die Einbettung in das skurrile Krimi-Western-Setting, die ohnehin schon erschütternden einzelnen Tatsachen zusammenzudenken. Fakten, die den Ermittlungsbehörden vorlagen, bevor man anfing, einen lügenden oder schweigenden Neonazi nach dem anderen in den Gerichtsstand zu rufen. Fakten, die gründlich geschreddert wurden, und zwar allen Ernstes am 11.11.2011 in Köln, Alaaf.

Lohnendes Projekt

Und, auch das formuliert "Wir waren nie weg" deutlich, Fakten für die es Zeugen gab, die allerdings unter unwahrscheinlichen Umständen zu Tode kamen – etwa Florian H., der sich selbst in seinem Auto verbrannt haben soll. Immer klarer wird in all dem überzeichneten, pulverdampfenden Cowboy-Chaos auch die Mitschuld des Verfassungsschutzes: Sebastian Gerasch wechselt als Sheriff je nach Tatort die Dialekte, nie aber die Haltung.

Der Showdown im i-camp verlässt schließlich den Western-Rahmen. Hier wird noch einmal in Büroatmosphäre vorgeführt, wie Vertuschung auf hohem Macht-Niveau funktioniert, vielleicht einmal zu oft, nach dem Fakten-Flash der letzten Stunden. Insgesamt bleibt es aber ein absolut lohnendes, mutiges Projekt, das den politischen Skandal nicht zur eigenen Profilierung nutzt, sondern das ganz einfach und zunehmend verzweifelt um die Wahrheit kämpft.

Wir waren nie weg. Die Blaupause
Ein heimattreuer Western
Regie, Konzept, Text: Christiane Mudra, Produktion: Anna Donderer, Rat & Tat Kulturbüro, Ausstattung: Julia Kopa, Video- und Audioinstallation: Peer Quednau, Regieassistenz: Sarah Schuchardt.
Mit: Christina Baumer, Andrim Emini, Sebastian Gerasch, Berivan Kaya, Murali Perumal, Musik: Michail Winnizkij, Leonid Khenkin, Boris Kupin
Dauer: 2 Stunden 50 Minuten, keine Pause

www.i-camp-muenchen.de

 

Kritikenrundschau

In der Süddeutschen Zeitung Lokalausgabe (24.7.2015) schreibt Sabine Fischer: Das Stück decke, als Western verkleidet, eine ganze Reihe von Ungereimtheiten im Umgang der deutschen Behörden mit rechtsextremen Gewalttaten auf. "Klingt nach gewagtem Spagat, doch der funktioniert." Subtil stelle Mudra auch die Strukturen gegenüber: "das von durchsichtigen Regeln geprägte System des wilden Westens auf der einen, und das verstohlen korrupte Behördenlabyrinth Deutschlands auf der anderen Seite." Fazit: "Am Ende verstärkt das vor allem ein Gefühl der Verwirrung - und das ist der eigentliche Coup dieses erhellenden Theaterexperiments."

Das Verdienst des Stücks sei es, Zeitgeschichte an realen Orten zum Leben zu erwecken und den Zuschauer so tiefer zu berühren, als es ein Medienbericht oder ein Buch können, schreibt Annette Walter in der taz (25.7.2015). Mudra habe für den Text aufwändig recherchiert. "Das Ergebnis ist eine Collage aus Zitaten aus dem NSU-Prozess und Untersuchungsausschüssen, Veröffentlichungen von Staats- und Verfassungsschützern und Auszügen aus rechtsextremen Propagandaschriften und Fanzines."

 

 

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