Sympathy for Humbert Humbert

von Sascha Westphal

Köln, 23. Juli 2015. Wenn Hendrik Vogts Humbert Humbert sich selbst als naiv und unwissend beschreibt, wenn er seinen verbotenen Neigungen gar einen Anstrich von Unschuld verleihen will, fällt es zunächst gar nicht schwer, ihm zu glauben. Mit seiner viel zu großen, nicht sonderlich modischen Brille, dem beigen Cord-Jackett und dem weißen Hemd wirkt er wie der klassische Intellektuelle, ein wenig weltfremd und auch ein bisschen verschroben, aber keineswegs wie ein Monster, auch wenn er sich später selbst als solches beschreiben wird. Nur Humberts perfekt sitzende Frisur weist auf seine Eitelkeit und sein Geschick hin, sich in jeder Situation bestmöglich in Szene zu setzen.

Zynisch-romantische Obsessionen

Oliver Reeses 2003 am Deutschen Theater in Berlin uraufgeführte Adaption von Vladimir Nabokovs Roman ist vor allem eine Verschärfung. In diesem Monolog, der allein von Humberts verbotener Lust befeuert wird, verschleiert nichts mehr dessen zerstörerische Triebe. Während sich der ungeheuer zynische und dann wieder verblüffend romantische Literaturwissenschaftler im Roman bei aller Offenheit doch fortwährend darum bemüht, Entschuldigungen für seine Obsessionen zu liefern, breitet Reeses Humbert einfach seine verabscheuungswürdigen Begierden aus. So elegant seine Formulierungen auch sein mögen, sie konfrontieren einen stets mit der unumgänglichen Wahrheit: Dieser Mann ist ein Kinderschänder und ein Mörder.

Das Entsetzen, das in Nabokovs kunstvoller, nie den direkten Weg wählender Erzählung in jedem Satz mitschwingt, aber nur ganz gelegentlich an die Oberfläche drängt, ist in dieser Bühnenbearbeitung allgegenwärtig. Schon wenn Humbert zum ersten Mal von seinem Hang zu "Nymphchen" spricht und damit neun- bis vierzehnjährige Mädchen meint, die in seinen Augen keine Menschen- sondern "Dämonenkinder" sind, ist bei Reese das Urteil über ihn gesprochen.

Mit Schlafmitteln gepusht

Doch so einfach macht es sich Thomas Ulrich, der Kopf des Kölner Performance Netzwerks Acting Accomplices, in seiner sehr zurückhaltenden, mit einem einzigen Holzstuhl und wenigen Requisiten auskommenden Inszenierung nicht. Zusammen mit Julius Richter, dessen eindrucksvolles Sound-Design einen mal mit einschmeichelnden Melodien, mal mit fast schon bedrohlichen Geräuschen umfängt, hält er die Atmosphäre des Abends konsequent in der Schwebe.

Die Fakten sind eindeutig. Humbert zieht nur in ein Zimmer im Haus der Witwe Charlotte Haze, um deren zwölfjähriger Tochter Dolores so nah wie nur eben möglich zu kommen. Und später, nach dem Unfalltod ihrer Mutter, wird er ohne jegliche Skrupel das Mädchen erst mit einem Schlafmittel betäuben und dann vergewaltigen. Aber Hendrik Vogt bewahrt sich trotz allem eben jene Ambivalenz, die auch Nabokovs Roman prägt. Wenn er von "Lo-li-ta" schwärmt und dabei diese drei Silben wie feinste Trüffel auf der Zunge zergehen lässt, erfasst einen ein eisiger Schauer. Blickt er dann nur wenig später wieder einmal mit einer geradezu entwaffnenden Offenheit ins Publikum, fällt sofort alles Monströse von ihm ab.

Großer Manipulator

Immer wieder sucht Hendrik Vogt den direkten Kontakt zu den Zuschauern und verwandelt das Theater damit in einen Gerichtssaal. Jeder im Publikum wird für die Dauer der Aufführung zum "Geschworenen", der über Humbert Humbert zu Gericht sitzt. Berechtigte Zweifel gibt es dabei nicht. Dennoch fällt es einem weitaus schwerer, ein klares Urteil zu fällen, als man erwarten würde. Nabokovs unzuverlässiger Erzähler erweist sich bei Hendrik Vogt als genialer Manipulator. Er versteht es, einen selbst in den abgründigsten Passagen seiner Beichte wenigstens für kurze Augenblicke auf seine Seite zu ziehen.

Natürlich wählt er seine Bewegungen und Blicke mit der gleichen Bedachtheit wie seine Worte, und natürlich ist das alles eine große Show. Trotzdem bewahrt sich Vogts Humbert tatsächlich immer auch einen Rest Naivität und damit verknüpft einen beinahe schon jungenhaften Charme. Er wirkt verloren auf der leeren schwarzen Bühne. Ein Gefangener seiner eigenen Begierden, die zweifellos verderblich, aber eben auch menschlich sind. Ihn zum Monster zu erklären, das wäre viel zu einfach und letzten Endes auch eine große Lüge.

Lolita
von Vladimir Nabokov in einer dramatischen Version von Oliver Reese
Regie: Thomas Ulrich, Sounds: Julius Richter.
Mit: Hendrik Vogt
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, eine Pause

www.new.bauturm-theater.de
www.actingaccomplices.de

 

mehr nachtkritiken

Kommentare

Kommentar schreiben