Wir

von Teresa Präauer

Erwähnungen des Wortes wir auf nachtkritik.de bisher: "Ein oder mehrere häufig vorkommende Wörter wurden bei der Suche ignoriert!"

4. August 2015. Als ich jetzt, am zweiten August, diesen Eintrag schreibe, jährt sich Christoph Schlingensiefs "Baden im Wolfgangsee" auf den Tag genau zum 17. Mal. Wir erinnern uns: Die Einladung zum gemeinsamen Baden im österreichischen St. Gilgen am Wolfgangsee erging an sechs Millionen deutsche Arbeitslose. Erklärtes Ziel war es, gemeinsam den Wasserstand des Sees zu heben, um Helmut Kohls Ferienhaus am Ufer zu fluten. – Elfriede Jelinek betreibt ja seit einigen Jahren ihre Homepage, auf der sie laufend Texte und Kommentare veröffentlicht. Auch das Foto von Christoph Schlingensief mit "Chance2000"-Käppchen aus 1998 findet sich in dieser Sammlung auf elfriedejelinek.com.

kolumne teresa2Die Menge im Theater, das sind oft wir, das Publikum, die vielen, die den wenigen zusehen, wie sie, an unserer statt, sich im Handeln üben. Das "Wir" eines Textes benutzt auch Elfriede Jelinek häufig: es ist ein Sprecher-Ich, das sich als Menge (im Folgenden beispielsweise von sogenannten "Schuldnern", dabei zu "Schuldigen" gemacht) zeigt: "Es ist eine Katastrophe: Wir bekommen nichts mehr für uns, und dazu müssen wir nicht einmal Griechen sein! Wir sind es gewohnt, daß Abmachungen über unsere Köpfe hinweg getroffen werden, doch die sind, wie die Körper, die dranhängen, nichts mehr wert. Mit uns kann nichts besichert werden. Schulden werden beglichen, aber niemand kommt mehr auf gleich, und er wüßte auch nicht, womit oder mit wem." (So zu lesen auf ihrer Website im jüngst dort publizierten Text "AUF GLEICH".)

Handlung im Chor

Wenn "wir" sprechen im Theater, dann tun wir das hier, scheint mir, als Chor, der eine Handlung gleichsam erklärt oder begleitet, als Repräsentanz des Volkes, als "Gefangenenchor". Das "Wir" am Wolfgangsee waren "die Arbeitslosen" und die, die sich mit ihnen solidarisch zeigten: die baden gingen, um das Fass zum Überlaufen zu bringen. (Es kamen weniger als hundert: es war ein Anfang.)

Wenn "wir" sprechen in journalistischen Kommentaren, dann tun wir das auch, um einer Meinung, trickreich, Überzeugungskraft zu verleihen oder ihr Mehrheitsfähigkeit zu attestieren. Manches "Wir" liest sich dann auch so, als wolle der Autor, wie schon seit Jahrzehnten, schwadronierend anheben: "Meine Gattin und ich, wir ...".

Ein kurzer harmloser Clip schrummt aktuell durch die sozialen Netzwerke: Tausend Musiker spielen "Learn to fly" von den Foo Fighters. Jeder einzelne, den die Kamera dabei in Nahaufnahme zeigt, lebt vielleicht seinen ganz persönlichen rockigen Traum vom Fliegenlernen. "Ihr seid doch alle Individuen", hätte Brian an dieser Stelle zu sagen. "Ja, wir sind alle Individuen." – "Und ihr seid alle völlig verschieden." – "Ja, wir sind alle völlig verschieden."

An den Badesee

Nun, mancher hat vielleicht eine, sagen wir: historisch bedingte Scheu vor gruppenhaftem Auftreten, ein anderer möchte vielleicht, ganz individualpsychologisch gesprochen, eh dazugehören und kriegt es nicht auf die Reihe. Ich jedenfalls tu mir schwer mit dem Einverständnis voraussetzenden "Wir" als Sprechhaltung, aber das Ich ist ja, in Summe, auch nicht viel besser.

Wie komme ich, nach dem Fliegenlernen, zurück zum Baden? Man kann sich ja auf den Weg machen: Es ist Sommer, es gibt Badeseen, und es gibt urlaubende Politikerinnen und Politiker. Die Körper, die an unsren Köpfen hängen, wiegen doch was! "Run and tell all of the angels, this could take all night. Think I need a devil to help me get things right. Hook me up a new revolution 'cause this one is a lie ...".

 

teresa praeauerTeresa Präauer ist Autorin und Zeichnerin in Wien. Sie erhielt 2012 für den Roman "Für den Herrscher aus Übersee" den aspekte-Literaturpreis für das beste deutschsprachige Prosadebüt. Aktuell macht sie sich, mit ihrem Roman "Johnny und Jean" im Gepäck, auf den Weg nach Iowa. In ihrer Kolumne Zeug & Stücke spürt sie den Einzelteilen nach, aus denen Theater sich zusammensetzt.

 

Zuletzt schrieb Teresa Präauer in ihrer Kolumne "Zeug & Stücke" über Masken und Smartphone-Fotografie auf der Bühne, über Aussprache, Schauspieler-Memoiren, Cosplayers auf der Leipziger Buchmesse und funkelnden Glitzer-Staub im Theater.

 

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