Las Vegas zieht auch Puppen an

von Hartmut Krug

Hamburg, 14. August 2015. Dieses Bauchrednertreffen beginnt gleich mit tieferer Bedeutung. Vor einer gestreiften Showgardine schwenken sich 34 Stühle über die offene leere Bühne, und dazwischen stehen acht der neun Spieler im Halbdunkel in Wartestimmung beieinander. Sie reden leise miteinander, sie rauchen oder hantieren mit ihren Puppen. Die meist als Material irgendwo abgelegt oder ausgestellt sind. Nur ein Puppenspieler hantiert mit seiner Puppe, belebt sie, übt mit ihr, spielt mit ihr, beherrscht sie. Wir erkennen gleich in dieser wie beiläufig wirkenden ersten Szene, dass es um die schwierige Beziehung zwischen den Subjekten, den Spielern, und ihren Objekten gehen wird. Also um das, was seit alters her von Spielern, Dichtern und Denkern in der Beziehung zwischen Puppenspieler und Puppen gesucht wird: Die psychologischen Abgründe, die Persönlichkeitsverschiebungen, um das bewusste wie unbewusste Spiel mit ihnen.

Sog ins Tiefenpsychologische

Erst einmal aber poltert ein Verspäteter mit seinem Rollkoffer in die Runde und bekommt begeisterten Applaus: Ein scheinbar Erfolgreicher, der von seiner Show in Las Vegas erzählt und mit seinen abgeschmackten und sexistischen Witzen das schlimme Zerrbild eines Puppen-Entertainers auf die Bühne knallt. Der Erfolgreiche stellt seine acht Kollegen und deren Puppen vor, worauf diese im weiteren Spiel gegen die Festschreibungen dieser Vorstellungen anspielen müssen.
Soweit, so gut, wenn auch dramaturgisch ein wenig einfach.

Aber jetzt wird tief gegründelt, wie immer bei der Regisseurin Gisèle Vienne und ihrem Texter Dennis Cooper. Denn wo, wenn nicht bei der Puppe, kann man so schön tiefgründig sein. Denn die musste schon oft herhalten als das zweite, abgespaltene Ich Ihres Spielers, der ihr nicht nur alle Bewegungen, sondern auch die Stimme gibt. Viennes bisherige Inszenierungen wirkten meist wie Wachträume, die sich mit mehr oder weniger Erfolg an tiefenpsychologischen Erkundungen versuchten. Dies tut auch ihr "Bauchrednertreffen", behauptet jedenfalls das Programmheft wortreich.

Abgespaltene Persönlichkeit

Doch diesmal hat sich die ausgebildete Puppenspielerin Vienne mit den Spielern des Hallenser Puppentheaters zusammengetan. Was ein Problem ist. Denn das tolle Hallenser Puppentheater hat eine ganz eigene Spielform entwickelt, bei der Schauspieler und Puppenspieler gemeinsam auf der Bühne stehen und dabei genau das bleiben, was sie jeweils sind: Schauspieler und Puppenspieler. So erscheint in den Inszenierungen des Puppentheaters Halle, indem zwei unterschiedliche Fertigkeiten und Darstellungsweisen aufeinander treffen, selbst ein Shakespeare in ganz neuem Licht.

Gisèle Vienne aber will, dass ihre Puppenspieler auch schauspielern. Was ihnen nun wirklich nicht so überzeugend gelingt. Sie tragen mit Engagement und Bedeutung vor. Wobei die Regisseurin leider weder ein gutes Tempo für den Abend, noch ein Timing für die einzelnen Geschichten findet. Und die stecken leider auch nur voller Klischees für ihre Puppenspieler. So ziehen sich die Szenen arg müde dahin und ein stetiger Publikumsabfluss begleitet den Abend. An dem einer nach dem anderen seine Puppe vorstellt.

Bauchrednertreffen1 560 Estelle Hanania uDer erfolgreiche Anzugträger im "Bauchrednertreffen" © Estelle Hanania

Wunderbar eine Puppe, die eigentlich nur aus einem Kissen besteht. Dann gibt es u.a. eine Sprühdose, einen riesigen Grashüpfer, der mit einer normalen Puppe Sex und einen Nachkommen hat, und eine Puppe wie aus der Muppetschau. Sie alle konkurrieren mit ihren Spielern, wollen selber entscheiden, wichtiger sein, zum Star gemacht werden, sind abgespaltener oder verschobener Teil der Spielerpersönlichkeit. Doch was könnte, ja müsste man alles aus den so enorm unterschiedlichen Erscheinungsweisen der Puppen machen, - mit charakterisierenden Spielweisen. Erstaunlich, wie viel Sinnlichkeit Vienne da verschenkt.

Puppen haben auch ihre Probleme

Auch die Spieler haben so ihre direkten Probleme. Nicht nur mit ihren Puppen. Da erzählt einer, dass er mit seiner Puppe Kurt (die wie Kurt Cobain ausschaut), bei einem Rockfestival vor mehr als 50.000 Menschen aufgetreten sei, – worauf eine andere Puppe einwirft, er sei dabei doch nur der Pausenclown gewesen. Frankie, Puppensohn eines berühmten Vaters, hat nach seiner Generalüberholung auch so seine Wünsche, – er will ein Star sein. Und die Klappmaulpuppe gerät in einen blutigen Kampf mit ihrem Puppenführer, dem von Lars Frank immerhin auch schauspielerisch Profil gegeben wird.

Wenn zum Schluss die Puppenspielerin, die in einem Krankenhaus mit ihrer Puppe für sterbende Kinder spielt, darum bittet, dass alle Puppen jetzt mal sterben sollten, "das würde mir helfen", dann sterben manch Spieler und manche Puppe so "uninspiriert", dass die lange Szene völlig in sich zusammen fällt. Und wenn zum Schluss eine Vater/Mutter-Figur sich an seine Kindheit erinnert, in der er als schwuler Junge allein mit sich war, dann rutscht die Szene ganz langsam, aber um so sicherer und peinlicher, auf ihrem Gefühlsschmalz aus.

Fazit: Insgesamt war es ein enttäuschender Abend. Die Premiere in Halle musste wegen Krankheit ausfallen. So kam das Sommerfestival von Kampnagel zur Uraufführung einer wenig überzeugenden Inszenierung, die, da mit vielen Partnern koproduziert, noch über viele Festival- und Theaterbühnen wandern wird.

Das Bauchrednertreffen
Uraufführung
von Gisèle Vienne, Dennis Cooper und dem Puppentheater Halle
Deutsche Übersetzung: Händl Klaus & Thomas Raab, Musik: KTL (Stephen 0'Malley & Peter Rehberg)
Konzept, Regie und Bühnenbild: Gisèle Vienne.
Mit: Jonathan Capdevielle oder Christian Sengewald, Kerstin Daley-Baradel, Nils Dreschke, Uta Gebert, Vencent Göhre, Sebastian Fortak, Lars Frank, Ines Heinrich-Frank & Katharina Kummer. Dauer: 2 Stunden 10 Minuten, keine Pause

www.kampnagel.de

 

Kritikenrundschau

Gruselig sei "Das Bauchrednertreffen", schreibt ein Autor mit dem Kürzel msch im Hamburger Abendblatt (17.8.2015). "Teils gewollt, teils leider nicht." Die Arbeit habe ihre "skurrilen Momente", sei aber "vor allem viel zu lang, zu bedeutungsschwanger, zu vorhersehbar, zu langweilig, zu ausgewalzt, zu gewollt".

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