Boulevard der Verdämmerung

von Andreas Wilink

Düsseldorf, 29. August 2015. Den Augenblick wird Thomas Mann in seinem Tagebuch so resümieren: "Es war da, auch ich hatte es, ich werde es mir sagen können, wenn ich sterbe." "Es" ist die Liebe. Der Geliebte für einen wirklich kurzen Augenblick und für die gefühlte Ewigkeit heißt Klaus Heuser. Den "Herzensschatz" hatte der Schriftsteller 1927 auf Sylt kennengelernt.

Ein Kapitel deutscher Kultur- und Mentalitätsgeschichte

Hans Pleschinskis Roman "Königsallee" – als Zeitporträt ein wenig so klischeehaft wie die Straße, nahe der die Geschichte statt hat – bezieht sein Raffinement aus der literarisierend-psychologischen Sicht auf die Figuren seiner Thomas-Mann-Fantasie und aus der ironisch-pikanten, mild nachsichtigen Ausformung der Charaktere und Gefühlshaushalte. Der 1933 ins Exil getriebene Nobelpreisträger kommt 1954 in Begleitung von Frau Katia, Tochter Erika und Sohn Golo nach Düsseldorf und bezieht ein paar Zimmer im Hotel Breidenbacher Hof. Das ist verbürgt. Parallel nimmt Heuser, als Kaufmann nach Shanghai und Hongkong ausgewandert, mit seinem Lebensgefährten Anwar Quartier im Hotel an der Kö. Der Dichter des "Tod in Venedig" hatte einst Gefallen an dem Sohn von Mira und Werner Heuser, dem Düsseldorfer Akademie-Präsidenten, gefunden. So war der Jüngling ins Werk getreten: verwandelt in den biblischen Götter-Liebling Joseph und anteilig in den Rheinländer Felix Krull. Das späte Zusammentreffen in Düsseldorf ist Fiktion. So viel Wahrheit. So viel Dichtung.

Pleschinski reichert Historisches und Recherchiertes um eigene Zutaten an, überführt Wirklichkeit ins Poetische sowie umgekehrt. Ein Kapitel deutscher Kultur- und Mentalitätsgeschichte. Die Idee, den Bestseller von 2013 zu bearbeiten und zu einem knappen Dialog-Stück der schnellen Schnitte zu montieren, hatte Ilja Richter. Seine Ur-Version kommt freilich so nun nicht im Düsseldorfer Schauspielhaus zur Uraufführung. Das Team um Wolfgang Engel legt eine so genannte "Düsseldorfer Fassung" vor, die vor allem einen Conférencier beschäftigt.

Volkes Stimme als Conférencier

Wenn Düsseldorf als geistige Lebensform eine Rolle spielt, dann keine schmeichelhafte. Leider gilt an diesem Abend Gleiches für das Theater selbst auch. Das Wirtschaftswunder in Gestalt des Schauspielers Martin Reik walzt von Anfang bis Ende jede Subtilität platt. Abgeschmackt. Und grobianisch. Ein aufgeknöpfter, krachiger Buffo-DJ und Killepitsch-Clown mit roter Nase, der als Volkes Stimme politische Unkorrektheiten stammelt, der intime, süffisante, diskrete Momente mit einer blöden Schlagerparade außer Takt bringt, den Suffkopf mimt, als Capri-Fischer abschmiert und den "Schönen Gigolo" besingt, wo es eine ganze andere wehe Zärtlichkeit forderte.

Koenigsalle2 560 Sebastian Hoppe uDie Vergangenheit wirft ihre Schatten... © Sebastian Hoppe

Unbegreiflich, was Wolfgang Engel, der 2009 am selben Ort sichere Hand bei Thomas Manns Joseph und seine Brüder bewies, mit "Königsallee" anrichtet und wie er den Stoff vermurkst. Futsch ist der Humor als dichterische Einbildungskraft. Als seien die Szenen, deren Struktur sich an Thomas Manns Goethe-Roman "Lotte in Weimar" mit dem Defilee der Besucher bei der Heldin Charlotte Buff-Kestner orientiert, durch Erika Manns "Pfeffermühle" gedreht worden.

Aus dem Brunnen der Vergangenheit

Auf diesem trivialen Fundament hat das große Format (auch das kleine Satyrspiel) keinen Halt: nicht der große Hass, die große Liebe, die große Politik, die große Abrechnung. Dabei könnte Olaf Altmanns Bühne mit ihren beweglichen Stelen und Schneisen für den leeren bunkergrauen Boulevard der Dämmerung jedem Gedöns und Getue den Riegel vorschieben. Wenn das Spiel nur so frei geräumt wäre wie der Raum! Erika Mann fehlen Kälte, Härte, Schärfe. Claudia Hübbecker, ganz die saloppe Garconne, begnügt sich mit der Soubrette. Katia (Tanja von Oertzen) bleibt, höchst chic, in dienender Funktion. Der rechts gewendete Professor Ernst Bertram, Tiefenforscher des Bluts, des Rauschs und des Abgrunds (Artus-Maria Matthiessen), und der unselige, ungeliebte, verkürzte Golo (Jakob Schneider), der erst nach dem Tod des Vaters literarisch leben kann, sind chargenhaft vergröbert. Klaus Heuser (Harald Schwaiger) und sein Anwar Sumayputra (Yung Ngo) machen kaum was her.

Und Er, der letzte Bürger, der Repräsentant und Märtyrer? Reinhart Firchow taucht auf wie aus dem Brunnen der Vergangenheit, wenn er als primelhafter Thomas Mann Bilanz zieht und das "Peinliche" und das Ineinander von "Qual und Glanz" seiner diffizilen Existenz betrachtet. Man ist dankbar für einen Moment der besonnenen Ruhe und des Halbdunkels. Denn jederlei Bewegung auf der Bühne lässt das nächste Desaster befürchten – und es tritt ein. Demonstrativ und penetrant. Das Saallicht wird abgeknipst und der rote Vorhang geschlossen für TM's Appell ans Publikum, an "Gesittung, Menschenwürde und Mitgefühl", an ein zu "entgiftendes" und an ein "europäisches Deutschland". Der Aufruf mag gerade wieder wichtig sein, wichtiger womöglich als der wehmütig erschütternde Abschied von der einstigen Liebe Klaus Heuser. Aber nicht so! Auch das "Beharren auf Kunst" fordert Thomas Mann in seiner Rede ein. Vergebliches Hoffen.

Königsallee
von Hans Pleschinski
Düsseldorfer Fassung nach der Roman-Dramatisierung von Ilja Richter
Regie: Wolfgang Engel, Bühne: Olaf Altmann, Kostüme: Zwinki Jeannée, Musik: Thomas Hertel / Martin Reik, Dramaturgie: Oliver Held.
Mit: Reinhart Firchow, Claudia Hübbecker, Artus-Maria Matthiessen, Yung Ngo, Karin Pfammatter, Martin Reik, Jakob Schneider, Harald Schwaiger, Tanja von Oertzen.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.duesseldorfer-schauspielhaus.de

 

Kritikenrundschau

Jens Dirksen schreibt auf derwesten.de, dem Internet-Portal der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (30.8.2015), die Uraufführung sei wie "ein Sekt aus dem Hause des Schaumweinfabrikanten Engelbert Krull" geraten: "Großartiges Etikett, aber im Abgang mit einem deutlichen Nachgeschmack von 'Fusel' ". Wolfgang Engel müsse wohl die Burleske gefürchtet haben, dafür spräche schon das Bühnenbild irgendwo zwischen "Hochhausklötzen und Holocaust-Mahnmal". Der grandios Schlager singende und "schmierende" Hoteldirektor-Conferencier Martin Reik sorge für Reizüberflutung, die übrigen Schauspieler glänzten. Am Ende aber bleibe die "große Frage", was Wolfgang Engel bezweckt haben möge – "außer möglichst viel Düsseldorf in einem Abend unterzubringen".

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (31.8.2015) schreibt Andreas Rossmann: Um den Roman von Hans Pleschinski "szenisch aufzubereiten", werde er zur "Kleinkunst-Revue" gestutzt. Als "vielbeschäftigter Conférencier" erschlage Martin Reik mit "zeitkoloristischen" Schlagern den Roman. Den anderen Darstellern blieben kaum mehr als "nummernhafte Auftritte" – "Karikaturen statt Charaktere". Allein Reinhart Firchow als Thomas Mann sichere seiner Figur eine "kühle Würde". Einen Auftritt an den nächsten "stoppelnd", stolpere die Inszenierung durch den Stoff. "Zwischentöne und Nuancen" der Vorlage gingen verloren.

Auf Spiegel Online schreibt Wolfgang Höbel (31.8.2015) über die "Feierstunde für einen äußerst vornehmen älteren Herrn", es sei der politisch aktuellste Moment , wenn der Schauspieler des Thomas Mann vor dem Vorhang das "braune Pack" "Verhunzer der ererbten Werte" nenne. Aus der "verklemmten, aber doch auch herzerwärmenden Liebesgeschichte" des Romans mache Engel "eine statuarische Kabarettnummer". Engel lasse "Königsallee" in einer Fassung spielen, als handle es sich um ein Literaturdrama aus dem 19. Jahrhundert. Das sei "ehrbar und sehr altmodisch". Die Bühne sehe aus, als spaziere Thomas Mann zwei Stunden lang an "einem Nachbau des Berliner Holocaust-Mahnmals entlang". Ein bisschen mehr "Esprit" hätte man dem Team schon gewünscht. Ein "brutal netter, aber auch entschieden biederer Theaterabend". Eine "kreuzbrave, durch ein paar krawallige Musikeinlagen aufgemotzte Thomas-Mann-Revue".

Enttäuscht ist auch Martin Krumbolz in der Süddeutschen Zeitung (2.9.2015). Die Misere beginne mit der Bühnenbildidee von Olaf Altmann: "Trister geht es nicht", und dass sich diese "Kulisse eines Beerdigungsinstituts" drehe,  "bringt mangels weiterer Perspektiven nichts ein". Überhaupt: "relativ kleines Ensemble, kein Kulissenzauber, nichts, was nach Effekt aussehen könnte". Das eigentliche Thema des Romas sei, wie alte Verkrustungen, halbherzige oder auch aufrechte Entgiftungsbemühungen in der Nachkriegszeit und der "empfindliche" Geist des Weltliteraten letztlich unvereinbar aufeinanderprallten. "Davon ist auf der Bühne wenig zu sehen."

 

 
Kommentar schreiben