Wer kichert da im Lehm?

von Wolfgang Behrens

Berlin, 30. August 2015. Ach, Nathan! Leicht hast Du's ja eben nicht. Immer wenn das Theatervolk das Weltgewissen drückt, dann holt es Dich aus der Mottenkiste. Nach den New Yorker Anschlägen von 2001 etwa hatte Claus Peymann – ein Beispiel nur – nichts Eiligeres zu tun, als Dich schnellstmöglich in den Spielplan des Berliner Ensembles zu heben. Das aufgeklärte Publikum indes zuckt meist müde mit den Schultern und nickt Dich bildungsbeflissen ab. Und das alles, obwohl schon früh ein furchtbarer Verdacht im Raum stand. Denn schon Dein Schöpfer schrieb: "Es kann wohl sein, dass mein 'Nathan' im Ganzen wenig Wirkung tun würde, wenn er auf das Theater käme."

Giacomettis Lehmgeborene

Ja, auch jetzt wirkt die Zeit wieder reif für den "Nathan": Im Irak und Syrien mordet eine Terrormiliz alles, was anderen Glaubens ist als sie, und vor unserer eigenen Haustüre brennen die Flüchtlingsheime. Fast logisch also, dass das Deutsche Theater zur Saisoneröffnung den "Nathan" ansetzt. Regisseur Andreas Kriegenburg aber scheint sich um einen Zeitkommentar nicht groß zu scheren, lieber tritt er den Beweis an, dass Lessing mit seiner Befürchtung mangelnder Bühnenwirksamkeit Recht hatte. Und so gibt er erst gar nicht vor, sich für die mühsam geklöppelte und im Stück umständlich zu entdeckende Intrige – ein jüdisches Mädchen und ein christlicher junger Tempelherr lieben einander, sind aber Geschwister; der Sultan ist der Onkel; und der weise Nathan erzog ein Waisenkind – zu interessieren, sondern gibt sie von Beginn an dem Gelächter preis. Kann man machen, wenn's denn nur wenigstens zum Lachen wäre ...

Nathan1 560 ArnoDeclair hWas ist da los? "Anatevka"? "Trrrrink Briederlein, trrrrrink ..."? "Ich lass mir mein Theater weiß bepinseln, weiß bepinseln ..."? Nina Gummich, Bernd Moss, Julia Nachtmann, Natali Selig, Elias Arnes und Jörg Pose in Andreas Kriegenburgs Inszenierung von "Nathan der Weise".
© Arno Declair

So aber tippeln, kichern und watscheln ein paar über und über mit Lehm bedeckte Figuren um einen großen, aufklappbaren Würfel – eine Kaaba? – aus schön anzuschauenden Holzlatten herum, dessen Inneres von Fall zu Fall auch als eine Art ärmliche, zweigeschossige Bauernstube dienen kann. Zu klimpernder Musik, wie man sie von den Stummfilmvätern der Klamotte im Ohr haben mag, verwandeln sich diese Erdgeborenen (die seltsamerweise an einige Porträts von Alberto Giacometti erinnern) nach und nach in die Personen des Stücks. Und weil sie sich die Kostümierung selbst anreichen und der omnipräsente Lehm ja ohnehin schon Brechung genug ist, kann man auch dem Sultan einen Turban aufsetzen und dem gebückten Juden Nathan die Schläfenlocken ankleben. Theaterklischees sind doch lustig!

Was haben wir gelacht

Wie tolerant man am Theater ist, kann man zeigen, indem man ein paar alberne Religions-Gags einbaut – wir sind ja alle Charlie! "Mein Kreuz!", jammert der Tempelherr von Elias Arens, und flugs werden ihm zwei Holzlatten aufgebürdet und ein INRI-Schild hereingetragen. Das Schachspiel des Sultans wird per arabisch kauderwelschender "Al Dschasira Sports"-Reportage kommentiert: "Salam aleikum. Saladin, mach-ma-hinne!" Den Patriarchen schließlich gibt Natali Seelig, im hypermonströsen Fatsuit auf dem Klo sitzend, in die Scheiße greifend und das kotverschmutzte Kreuz hernach mit dem Taschentuch reinigend. Wahrlich, das ist aufschließender Humor!

Die Segnungen der Selbstironie kennt die Aufführung auch. Lessings Blankverse werden oft in irrwitzigem Tempo, als gelte es eine Louis-de-Funès-Komödie zu übertreffen, und mit durchaus virtuosen, manchmal sogar komischen Registerwechseln heruntergerattert, was Bernd Moss einmal zu der lakonischen Bemerkung veranlasst: "Ich hab' bei diesem Tempo nichts verstanden." Und wenn die sogenannte Werktreue ganz arg in Gefahr gerät, dann wimmern die Figuren flehentlich: "Lessing, biiiiitte!"

Aufgemerkt

Immerhin, bei der Ringparabel nach anderthalb Stunden horcht man – das erste Mal! – tatsächlich auf. Weil Jörg Pose sie, auf dem Würfel sitzend, wie ein treuherziger Märchenonkel, der sich naiver gibt, als er ist, in schönem Singsang erzählt. Für ein paar Minuten ist da nur konzentrierte Sprache – und vielleicht war das ja sogar Kriegenburgs Absicht? Die Parabel im komödiantischen Plunder leuchten zu lassen?

Ansonsten jedenfalls witzelt und quirlt das im Lehm so vor sich hin, ohne dass einen die Lachlust allzu sehr packte. Die Pointe, dass man die knirschende "Nathan"-Dramaturgie auch als schlechte Komödie auffassen kann, trägt halt nicht über drei Stunden.

 

Nathan der Weise
von Gotthold Ephraim Lessing
Regie: Andreas Kriegenburg, Bühne: Harald Thor, Kostüme: Andrea Schraad, Cornelia Gloth, Ton: Wolfgang Ritter, Martin Person, Dramaturgie: Juliane Koepp.
Mit: Elias Arens, Nina Gummich, Bernd Moss, Julia Nachtmann, Jörg Pose, Natali Seelig.
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.deutschestheater.de

 

Kritikenrundschau

Eine solche "Nathan"-Aufführung werde es wohl noch nie gegeben haben, sagte Michael Laages auf Deutschlandradio Kultur nach der Premiere. Eine "archaische Komik", eine extrem absichtsvoll komische Aufführung, die trotzdem die "ganze Schwere des Gedankendramas" beinhalte. Deutlich sei die Spielweise beeinflusst von dem von Kriegenburg hoch verehrten Stummfilm-Komiker Harold Lloyd. Sechs Personen suchten quasi Lessing und versuchten wie Figuren aus der Vorzeit den Holzblock zu erkunden. Wie seinerzeit die Affen in "Odyssee im Weltraum". Die Figuren erfänden sich jeweils immer wieder neu für den Moment. Eine sehr intelligente Betonung des Märchenhaften.

Kriegenburg entpolitisiere das Stück konsequent. "Verhandelt Lessing harte Konflikte mit größter Raffinesse als Märchen der Versöhnung mit betont irrealem Happy End, so entsorgt Kriegenburg den Stoff in die Regression", schreibt Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (1.9.2015). "Wohlmeinend könnte man sagen, Kriegenburgs Regie führe vor, dass er gerne an Lessings Versöhnungsmärchen glauben wolle, dass dies aber nur um den Preis einer penetranten Naivität: dieses infantilen Ausblendens einer komplizierteren Wirklichkeit möglich sei."

Klug halte sich Kriegenburg "aus der Politik heraus und verkneift sich zumeist Anspielungen auf derzeitige Konflikte oder Kriege", findet Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (1.9.2015). Seine Lehm-Typen "nehmen den Autor beim Wort, ohne an jeder Silbe zu hängen. Lehmverkrustet folgen sie seinen Gedanken, ziehen sie aber nicht in ihren Dreck, sondern erfreuen sich mit Slapstick, Artistik und Überschwang an deren Humor und Eleganz. Unter den Klumpen ist offenbar gut lumpen, und die Maskierung animiert das Ensemble, die Schwerkraft der Ideologien locker-vergnügt zu überwinden."

"Theoretisch soll Humor ja zu den wirkungsvollsten Konfliktlösungsmitteln gehören; das weiß man nicht nur aus der höheren (Lebens-)Philosophie, sondern beispielsweise auch aus den Theaterabenden der israelischen Regisseurin Yael Ronen", meint Christine Wahl im Tagesspiegel (1.9.2015). "Insofern könnte ein 'Nathan'-Comic ja durchaus eine ergiebige Lesart darstellen. Nur müsste der Humor dann eben bühnenpraktisch entsprechend zwingend, klug und scharfkantig sein." Dass "Nathan der Weise" eine "Feier der menschlichen Vernunftbegabung", ein "Plädoyer für den (...) diskursiven Dialog" sei, erschließe sich bei Kriegenburg nur in sehr wenigen Szenen, "etwa in der kalauerfrei erzählten Ringparabel".

Eine "Inszenierung im Niemandsland zwischen Klamauk und Karikatur" hat Dirk Pilz gesehen und schreibt in der Berliner Zeitung (1.9.2015): Andreas Kriegenburg nehme "Nathan" von der komischen Seite. Bei Lessing liege das Satirische darin, "dass er einen Dialog der Religionen als Ideenwettkampf scheitern lässt – und ein Märchen von gelingender Begegnung Einzelner erzählt". Bei Kriegenburg hingegen steckten die Gläubigen "alle im selben Schlamm". Die Mühen des Differenzierens halte Kriegenburg in Sachen Religion für überflüssig, "entsprechend klischeevoll die Zeichnung des einzelnen Glaubens". "Mit solch’ herablassender Haltung sollte man von 'Nathan' vielleicht lieber die Finger lassen", so Pilz: "Die Satire rutscht so ins bloß Lächerliche und mit ihr alles Utopische."

 

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