Wurst kommt von Wurstfabrik

von Theresa Luise Gindlstrasser

Wien, 5. September 2015. Das ist aufregend! Das ist ja nicht nur eine Spielzeiteröffnung, sondern auch eine Intendanzeröffnung und eine Volkstheater-mit-neuer-Zusehenden-Tribüne-Eröffnung. Auf diese Tribüne wird ausgiebig hingewiesen, hingespielt, wenn die Rede auf die Renovierungen kommt, die im Städtchen, in welches Felix Golub nach zwölf Jahren zurückkehrt, vorgenommen worden sind. Unfern von Graz muss dieses Städtchen liegen, und auch darauf wird ausgiebig hingewiesen, hingespielt, denn auch das ist ein potenzieller Gag: Nach neun Jahren am Schauspielhaus Graz ist Anna Badora nun Intendantin am Volkstheater Wien und hat für diesen Eröffnungsabend, an dem die Erwartungen übertribünengroß und die neue Tribüne übermenschenvoll waren, den 1967 veröffentlichten Roman "Fasching" von Gerhard Fritsch in einer gemeinsam mit dem Dramaturgen Roland Koberg erarbeiteten Bühnenfassung inszeniert.

Drei Erzählebenen: Präsens, Erinnerung, Reflektion

Der Text funktioniert als Dialogverlauf mit dazwischen arrangierten, von den Stadtbewohnenden gesprochenen, erzählerischen Versatzstücken. Auf drei Ebenen wird fabuliert: 1957, es ist Fasching, kommt besagter Felix Golub in besagtes Städtchen zurück. 1945 war er von der Wehrmacht desertiert und von der Baronin Vittoria in Frauenkleider gesteckt, zu Charlotte Weber gemacht worden. Die Stadt vergeht sich an ihm, der Krieg endet, Felix verhindert die Zerstörung der Stadt durch die abziehenden NS-Einheiten. Es folgen Verleumdung und Kriegsgefangenschaft. All das wird auf der Ebene der Erinnerung erzählt. Der einstige Verlierer kommt also dann zwölf Jahre später mit Braut und dem Vorsatz das Fotografen Handwerk zu übernehmen wieder. Weil sich aber nix geändert hat, die Nazis von damals jetzt Wurstfabrikanten und Fachlehrerinnen geworden sind (gekleidet immer, ewig in Braun) und jeder Verrat an der Ordnung der Dinge durch die darunter wuchernde Unordnung abgestraft wird (Fasching!), folgen für Felix auch 1957 Verleumdung und Missbrauch.

Fasching1 560 Lupi spuma uDie gefährliche Masse vor dem weißen Bühnenungetüm: Christian Dolezal, Christoph
Rothenbuchner, Katharina Klar, Nils Rovira-Muñoz, Elena Schmidt, Stefanie Reinsperger,
Thomas Frank © Lupi Spuma

Felix selbst bezeichnet seine Rückkehr als Experiment. Der in dieser Rolle so schüchtern, hilflos agierende Nils Rovira-Muñoz scheint eigentlich eher von den Ereignissen mitgenommen, bleibt aber doch mit seltsam sturer Bewegungslosigkeit beim Vorsatz der Nachkriegsnormalität. Fürs Reflektieren und Zweifeln ist jemand anderes da: Der Puppenspieler Nikolaus Habjan als zweiter Felix. Es ist dies Erzähl-Ebene drei und gleichzeitig die größte Setzung des Abends. Felix als "Figur unter Figuren": Da kommt Surrealismus auf. Adele Neuhauser als Baronin drängt Felix (Nils Rovira-Muñoz) zum Sex. Das weiße Bühnenungetüm fährt nach hinten weg, und vorne bleibt im Dunkel Habjan mit Puppe liegen. Er schildert seinen gleichzeitigen Willen und Widerwillen zur sexuellen Unterdrückung durch seine Beschützerin und lässt es durch Verrenkungen so wirken, als gebe es Sex zwischen ihm und der Puppe.

Ironischer Naturalismus

Fasching3 280 Lupi spuma uFelix zwei: Nikolaus Habjan mit Puppe
© Lupi Spuma
Diese in ästhetischer Hinsicht an die Tiger Lillies oder Robert Wilson erinnernde Sequenz sitzt inmitten von höflich aufeinander folgenden Sätzen, die von den Figuren recht bezuglos ausgesprochen werden. Vielleicht könnte es ironisierender Naturalismus genannt werden, wenn beispielsweise die Stadtbewohnenden die Erzählung vorantreiben und zwischendrin in ein Gekicher ausbrechen, das sowohl als sinnstiftendes Element zu verstehen ist (die Masse ist immer gefährlich) als auch der Verständigung dient (die Masse, das Publikum, weiß es eh schon). Jedenfalls zeigt am Ende vor allem eine Figur echtes Gefühl, Stefanie Reinsperger als die Braut von Felix. Wenn ihr das Familienherz bricht, weil aus der Familie nichts werden wird, dann kaufe ich ihr das ab.

Was dem Abend nicht abgekauft werden kann, ist eine Haltung, die mehr wäre als pädagogisches Geschichtenerzählen. In einem Begleitbrief zum Romanmanuskript schrieb Fritsch, dass es ihm "um die Darstellung eines exemplarischen Falles von der Vernichtung eines Außenseiters durch die freundliche, durchaus nicht böswillige, kompakte Mehrheit" gehe. Der Horror, den dieses Konzept enthält, ist von Anfang an da. Wenn die Fröhlichkeit der Faschingsgesellschaft auf kalkulierte Weise übergeht in Bedrohlichkeit, dann stellt sich weder Schrecken noch Betroffenheit ein: Horror ohne suspense.

Fasching (ÖE)
von Gerhard Fritsch, Bühnenfassung von Anna Badora und Roland Koberg
Regie: Anna Badora, Bühne: Michael Simon, Kostüme: Denise Heschl, Puppen/Masken: Nikolaus Habjan, Musik: Klaus von Heydenaber/Gábor Keresztes, Licht: Tamás Banyai, Dramaturgie: Roland Koberg.
Mit: Nikolaus Habjan, Nils Rovira-Muñoz, Adele Neuhauser, Stefan Suske, Stefanie Reinsperger, Christoph Rothenbuchner, Elena Schmidt, Thomas Frank, Christian Dolezal, Katharina Klar.
Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, eine Pause

www.volkstheater.at

 

Kritikenrundschau

Anna Badora habe schon vor der ersten Aufführung ihrer Spielzeit am Volkstheater einige Marken gesetzt, so Uwe Mattheiss in der taz (10.9.2015). Sie habe den roten Stern vom Dach des Hauses geholt, eine neue Tribüne durchgesetzt, die im Zuschauerraum nutzbare Sichtverhältnisse schaffe und eine kluge Ensemblepolitik begonnen. Badoras Eröffnungsinszenierung versuche sich an der Aufarbeitung der defizitären Aufarbeitung des Nationalsozialismus in Österreich. Aber "die Aufführung des Volkstheaters weiß ihrer Vorlage keine weitere Erkenntnis hinzuzufügen". Fazit: "Gleich zweimal (so wie der 'Revisor' am Burgtheater) hintereinander hat Theater es verfehlt, seiner Gegenwart als künstlerische Praxis und nicht nur als Transporteur von Inhalten etwas zu sagen."

"Es ist ein fabelhafter Schachzug von Intendantin Anna Badora, mit diesem fast vergessenen Werk den Neuanfang am Wiener Volkstheater zu bestreiten", schreibt im Standard (7.9.2015). Wachgeküsst sei er damit aber nicht. Die Inszenierung bleibe betulich, "mechanisches Getöse dort, wo keine Ideen vorhanden waren: Bekritzelte Vorhänge werden auf- und zugezogen, hereingeschobene Strichzeichnungen illustrieren Schauplätze". Von der unheimlichen Stimmung in dem aus atemlosen, gebrechenden Sätzen gebauten Roman sei auf der Volkstheaterbühne wenig zu spüren, "zu viel bleibt hohle Staffage".

"Den enormen Erwartungen, die der neuen Direktorin entgegengebracht werden, wurde die Eröffnungspremiere nicht gerecht", so Wolfgang Kralicek in der Süddeutschen Zeitung (7.9.2015). Der Schauspieler Felix Golub trete doppelt in Erscheinung: "in Gestalt des jungen Schauspielers Nils-Rovira Muñoz und als lebensgroße, vom großartigen Puppenspieler Nikolaus Habjan geführte Puppe, deren Auftritte zu den Höhepunkten der Aufführung gehören." Zu deren Schwächen zähle hingegen, dass die Doppelbesetzung nicht recht zwingend erscheint. Schwerer wiegt, dass TV-Star Adele Neuhauser in der zentralen Rolle der Vittoria viel zu harmlos ist für diese gefährliche, monströse Frau, diese Miedertracht in Person. Fazit: "Statt zu versuchen, den Charakter des Buchs auf die Bühne zu übersetzen, wird hier nur brav die Handlung nachbuchstabiert."

Auf der Seite des Deutschlandfunks (7.9.2015) schreibt Hartmut Krug: Badora erzähle "geschickt auf drei Darstellungsebenen": der Puppenspieler, der Schauspieler auf der Bühne, die "aus dem Publikum auf die Bühne steigenden anderen Schauspieler". Im Gegensatz zu Fritschs Roman, der "Hoffnungslosigkeit atmet", sei Badoras Inszenierung "bunt" und fahre "allzu viele szenische Erklärungsmittel auf". Das Spiel wirke trotzdem "recht didaktisch" und für den Zuschauer entstünde kein "Raum zwischen dem Vorspiel und dessen Bedeutung". Die Inszenierung zwinge den Zuschauer mit "spielerischem Erklärungsfuror" zwar "zum Einverständnis". Doch indem sie "lauter Figurenklischees" zeige, bleibe von dem "verstörenden Schrecken des Romans" nichts übrig.

Martin Lhotzky schreibt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (29.10.2015) wie wenig gelungen er die Inszenierung von Anna Badora doch findet. Schon die Bühnenfassung des Romans trage "eher dazu bei, dass man zum Roman greifen möchte". Die dunkle, fast leere Szene mit "plumpem, hellgrauem Rahmen" gefällt Lhotzky nicht, die Schauspieler mit den "grotesken Gesichtsmasken" erscheinen ihm "weder gefährlich noch bedrohlich, sondern bloß lächerlich" und die "zwei Klappmaulpuppen" von Nikolaus Habjan sagen ihm auch nicht zu. Resümee: "Schade, aber viel mehr ist Anna Badora nicht eingefallen."

 

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