Im Sperrbezirk

von Michael Laages

Dresden, 11. September 2015. Der Abschied von Dresden hat also begonnen. Und niemand wird manchem und mancher im Schauspielhaus-Ensemble im Ernst verdenken können, dass dieser Abschied womöglich etwas leichter fällt als sonst üblich nach so viel Zeit an einem so schönen, großen Haus. Das neu-germanische Bandenwesen, in Sachsen stärker entwickelt als sonstwo, von Pegidas Pöbel-Paranoia bis zur Vorhölle des offenen Terrors mit Nachbarschaftsbeifall in Heidenau, hat mächtig gezerrt an den Nerven weltoffener, liberaler Menschen in Dresden; auch und gerade im Theater. Sicher auch darum beginnt Tilmann Köhlers Shakespeare-Inszenierung zur letzten Saison-Eröffnung des Teams um Wilfried Schulz ganz tief in diesem schwarzbraunen Sumpf – "Maß für Maß", an sich schon die finsterste (und letzte) der Shakespeare-Komödien, bekommt ganz viel sächsisch-deutsche Wirklichkeit mit auf den Weg.

Pegidische Parolen

Vom Tod spricht Shakespeares Herzog zu Beginn; und davon, wie und warum sich der Mensch vernünftigerweise rechtzeitig auf ihn vorbereiten sollte, ohne falsche Rücksicht auf's eigene Haben und Sein. Die kalte Endzeit-Vision wird erst später den Sinn im Stück bekommen – zunächst fällt dem finstren Herzog während dieser morbiden Beschwörung Rolle um Rolle sächsisch-schwarzgelbes Absperrband aus den Händen. Das übrige Ensemble verwandelt damit die schwarze Schlucht der Bühne von Karoly Risz zum Mega-Sperrbezirk; und als noch mehr schwarzgelbes Band herein geschafft wird, wächst plötzlich gar ein Verhau hinter dem Herrscher; dahinter schreit's die früh-pegidischen Parolen: gegen die "Lügenpresse", gegen das Versagen der Politik, wie sie ist.

Massfuer2 560 MatthiasHorn uVerstrickt im sächsischen Schwarzgelb: Philipp Lux als Herzog © Matthias Horn

Gut, scheint der Herzog darauf zu sagen, soll doch einer der Schreier die Macht übernehmen, auf Zeit und mit einem bewährten Funktionär an der Seite. So hat nun plötzlich Angelo, der Fundamentalist, das Sagen; die Gesetze, die bis dahin in Winterschlaf gelegen hatten, will er nun knallhart durchsetzen. Als erstes soll ein liederlicher Lüstling dran glauben, der ohne Trauschein ein Mädchen schwängerte.

Ganz konsequent jedoch gerät Köhler und der Dramaturgin Julia Weinreich diese an sich ja starke Eröffnung nicht – denn plötzlich bekommt der neue Machthaber auch Sigmar Gabriels Heidenauer Rede vom "Pack" in den Mund gelegt, genauso wie Angela Merkel beschwichtigendes Gesäusel an gleicher Stelle. Wo steht er denn nun, der Neue mit der harten Hand? Ist er Teil der alten Macht-Elite oder aus anderem, härteren Holze gesägt? Die Frage darf wohl offen bleiben – denn von nun an funktioniert die Shakespeare-Fabel ziemlich gut.

Auch fremder Leuts Wahnsinn tut weh

Angelo will sein Opfer haben; muss aber feststellen, wie empfänglich er selber ist für voreheliche Reize. Ausgerechnet Isabella verfällt er, der Kloster-Novizin und Schwester des zum Tode verurteilten Claudio. Die kämpft um den Bruder – und scheint kurzzeitig selbst die eigene Jungfernschaft aufopfern zu wollen, wenn der gierige Fundamentalist nur den Bruder leben ließe. Angelo, jenseits von Gut und Böse und nur noch Trieb, fordert von ihr genau das. Das Maß, das er von anderen bei Strafe des Todes fordert, erfüllt er selber nicht.

Alle aber sind nur Marionetten im Spiel des Herzogs, der sich – als Mönch vermummt – immer wieder einmischt und die Strippen zieht. Bis schließlich er selber bei der Wiederkehr in Amt und Würden die junge Isabella als Trophäe für sich fordern kann. Gerade in diesen herzöglichen Rankünen entwickelt das Stück ein überaus kompliziertes, schwer durchschaubares Handlungsgeflecht. Diese Figur bleibt ein Rätsel – sie verhindert und stiftet das Schlimmste.

Mit ihm rückt auch Köhlers binnen-dresdner Grund-Idee in immer weitere Ferne; deshalb muss das Ensemble nach der Pause auch minutenlang all den hirn- und haltlosen Schrott herunterbrüllen, der sich in jüngerer Zeit auf der Müllhalde sächsischer Demo-Parolen angesammelt hat. Das ist zum Würgen, selbst wenn jeder und jede ja weiß, dass hier Schauspielerinnen und Schauspieler das "Pack" verkörpern (und karikieren), wie es sich viel zu oft in Dresden und/oder Heidenau getummelt hat. Auch fremder Leuts Wahnsinn tut halt weh. Und in der Inszenierung ist die Pöbel-Orgie ja nur eine schmale Erinnerung ans sächsisch gefärbte Grundmotiv des Abends – dann rattert Shakespeares extrem ausgeklügelte Komödien-Maschine weiter und folgt allen perfiden Finten im herzöglichen Plan.

Massfuer1 560 MatthiasHorn uIna Piontek als Isabella und Matthias Reichwald als Macht- und Triebmensch Angelo. Um sie herum (von links nach rechts): Jonas Friedrich Leonardi, Holger Hübner, Matthias Luckey, Benjamin Pauquet
© Matthias Horn

Das andere Dresden

Köhler inszeniert schmerzhaft klar und sachlich. Nur einmal, wenn der Herzog als Mönch dem todgeweiht-zitternden Claudio ganz viele Tode vorspielt, berührt die Inszenierung das Reich von Alptraum und Traum. Philipp Lux spielt diesen Herzog zwischen Eleganz und Schärfe; ganz oben an der Spitze der Dreiecksschlucht zelebriert er zum Schluss die Enttarnung zum wahren Ich. Matthias Reichwald ist kein Asket, eher ein sehr körperlicher Angelo, der merklich Mühe hat, die eigene Verführbarkeit im Zaum zu halten. Ina Pionteks Isabella bleibt konsequent bei sich in weißer Novizinnen-Tracht. Mit Antje Trautmann und Holger Hübner, Matthias Luckey und Jonas Friedrich Leonhardi, Benjamin Pauquet und Christian Clauß zwingt die Dresdner Fassung viele Figuren in das schmale, kompakte Ensemble. Sicher können sie alle sein, dass sie nichts unversucht gelassen haben, um der Welt das andere Dresden zu zeigen.

 

Maß für Maß
von William Shakespeare
Deutsch von Thomas Brasch
Regie: Tilmann Köhler, Bühne: Karoly Risz, Kostüme: Susanne Uhl, Musik: Jörg-Martin Wagner, Licht: Michael Gööck, Dramaturgie: Julia Weinreich.
Mit: Christian Clauß, Holger Hübner, Jonas Friedrich Leonhardi, Matthias Luckey, Benjamin Pauquet, Ina Piontek, Matthias Reichwald, Antje Trautmann, Mojib Majidi (Musiker).
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.staatsschauspiel-dresden.de

 


Kritikenrundschau

Über "unerträgliche Gleichsetzungen zwischen dem Geist von Mittelalter und behaupteter Moderne" und "teilweise absurd windschiefen Verbindungen und Vergleichen" berichtet Tomas Petzold in den Dresdner Neuesten Nachrichten (14.9.2015). Mut, starke Bilder und eindrückliche Szenen konzediert der Kritiker, aber inhaltlich ist er überhaupt nicht überzeugt, sieht das Publikum gar einer "Gehirnwäsche" ausgesetzt: "Fremd im finalen Jubel, bin ich durchaus überzeugt, dass eine gehörig distanzierte und analytische Betrachtung dieser Inszenierung sehr erhellend sein kann. Mit Stadttheater im früher vereinbarten Sinn hat das freilich wenig zu tun."

"Bei dieser raffinierten Vorlage braucht man nicht viel Fantasie, um sie auf unsere Tage zu beziehen", sagt Rafael Barth in der Sächsischen Zeitung (14.9.2015). Köhler vertraue allerdings nicht auf die für den Kritiker offen zutage liegenden Parallelen (Bürger ohne Anstand, achselzuckende Politiker, zur Macht strebende Heilsbringer, Überwachung als Normalzustand), sondern winke allzu deutlich mit dem "Zaunpfahl". An dem Anspruch des Staatsschauspiels, sich in die Stadtgesellschaft einzumischen scheitere der Abend "mit erhobenem Haupt"; genauer: Er scheitere, weil "er dem, was die meisten Zuschauer ohnehin denken nichts Neues hinzufügt".

Der Applaus für eine "parodistische Pegida-Party zum Mitlachen" vom "pflichtbewussten Publikum" sei "billig erkauft", schreibt Simon Strauss in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (15.9.2015). "Das Joch eines platten Willens zur Aktualität, unter dem das Geschehen auf der V-ausschnittartigen Bühne mit den hohen schwarzen Wänden von nun an steht, drückt vieles nieder." Als "Kürsprünge" lässt der Kritiker einige Schauspielerleistungen gelten, wenn Akteure wie Matthias Reichwald sich für kurze Zeit "vom Bezug aufs Aktuelle" freimachen.

Komplett überflüssig findet Peter von Becker vom Tagesspiegel (17.9.2015) die Aktualisierungen von Tilmann Köhler. Während er die Bilderkraft des Regisseurs auch in dieser Inszenierung schätzt, watscht er die politischen Einlassungen zur Pegida-Problematik in der ersten Szene nach der Pause ab: Das wirkt "gratismütig, dünn und rangeschmissen (aber: woran?). Man will die Bösen und Dummen als Spießer ausstellen und stellt sich nur selber, sächselnd und nachäffend, bloß. Nicht die Welt, nicht einmal Dresden, nur das Theater ist bei dieser Plumpheit aus den Fugen."

 

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