Realitätscheck Willkommenskultur

von Harald Raab

Mannheim, 17. September 2015. Deutschland 2015, ein Spätsommermärchen: Großes Theater wird nicht mehr nur in Schauspielhäusern geboten. Reality-Show auf Bahnhöfen und in Erstaufnahmelagern. Die Deutschen überbieten sich im Helfen, misten ihre überquellenden Kleiderschränke aus, entrümpeln die mit Spielzeug vollgestopften Kinderzimmer, entsorgen Lebensmittel, deren Haltbarkeitsdatum abläuft. Alles schleppen sie zu den armen Flüchtlingen, die ins Land strömen. Man zeigt dem übrigen, ach so kalten Europa, dass die Welt am deutschen Wesen eigentlich genesen müsste.

Wie es weitergeht, wenn die Fernsehkameras abgeschaltet sind, zeigt das neue Stück von Lutz Hübner und Sarah Nemitz am Nationaltheater Mannheim: trister, beschissener Alltagskampf um ein kleines, bescheidenes Plätzchen unter der deutschen Wohlstandssonne. Mit "Phantom (Ein Spiel)" ist der Stoff getitelt und bringt uns das Schicksal der 19-jährigen Blanca aus Bulgarien näher, einer taffen Romni. Das kann doch nicht alles gewesen sein, dieses Existieren in bitterer Armut und Perspektivlosigkeit in Bulgarien. So dachte Blancas Familie und schickte sie als Vorhut und Platzhalterin ins gelobte Land, nach Deutschland. Alles kommt ganz anders, aber der Anfang ist gemacht, inklusive der Hoffnung auf ein besseres Leben – wenigstens für die Kinder und Enkel – soweit der Plan.

Fünf Schauspieler*innen lösen einen Kriminalfall

Die Bühne: schlichte, schwarze Aushänge mit Neonröhrenreihen konturiert, sieben Plastikstühle, drei Matratzen, eine rollbare Kleiderstange mit Kostümen, ein Tisch und allerhand Requisiten-Krimskrams, von Plastiktüten bis zu einem Umschnall-Babybauch. Spielszenen wechseln sich mit erzählten Passagen ab. Dazwischen wummert fetzige Dschinghis-Khan-Musik. Regisseur Tim Egloff lässt die drei Schauspielerinnen und zwei Schauspieler im fliegenden Wechsel die Rollen tauschen. Immer wieder fallen sie zurück in ihre tatsächliche Funktion als Bühnenangestellte, die den Plot ihres Stücks und die Charaktere ihrer Figuren suchen. Ausgangslage: In einem Burger-King-Restaurant wird ein Baby gefunden. Was hat es damit auf sich?

Phantom1 560 HansJoergMichel hJulius Forster, Boris Koneczny, Carmen Witt, Sabine Fürst, Almut Henkel @Hans Jörg Michel

Nur nicht Illusionen aufkommen lassen: Hier wird nur Theater gespielt. Denken und Gefühle, dafür ist das Publikum zuständig. Geboten werden auf zwei Ebenen: Szenen eines Ankommens im Paradies, das sich als Mix aus Fegefeuer und Hölle, aber auch als Chance erweist, und dazu eine Bebilderung all der Vorurteile, die wir von Zuwanderung haben, speziell einer, die von tiefsitzendem Misstrauen gegenüber Roma begleitet ist.

Blancas Apotheose

Die Figuren bieten Projektionsflächen für unsere einschlägigen Klischees: der betrügerische Cousin, der ausbeutende Zimmervermieter, der Landwirt, der die billigen Arbeitskräfte ohne Papiere und natürlich auch ohne Sozialversicherung beim Spargelstechen schuften lässt, die Hure im Glitzerhöschen, die zum leichten Geldverdienen auf dem Strich lockt. Und da ist noch Annika, die schwangere deutsche "Hartz-IV-Schlampe" mit ihrem großmäuligen Macho-Typen Marco, Abziehbilder des Prekariats, das noch nie einen Cent selbst erarbeitet hat, faul, verfressen und wehleidig, mit jeder Menge massiver Fremdenfeindlichkeit gepanzert.

Mit Witz und reichlich ironisierend turnen sich die Schauspielerinnen und Schauspieler durch diesen sumpfig schmatzenden Parcours der Widrigkeiten. Alles endet in einer Apotheose: Die Romni-Frau als Sankta Blanca, starke Ahnfrau eines starken Geschlechts, das in Deutschland mit Pioniergeist, Zielstrebigkeit und Arbeitswillen zu Ansehen und Wohlstand kommen kann. Es ist zu schön, um wahr zu sein. Aber träumen ist ja nicht verboten.

Auf jeden Fall war das Mannheimer Publikum Zeuge der Uraufführung eines intelligent gebauten, phantasievoll inszenierten und mit Verve gespielten Stücks. Man muss nicht Prophet sein, um sagen zu können: "Phantom" bleibt keine Eintagsfliege mit dem Schicksal der meisten neuen deutschen Stücke – ehrenvolle Beerdigung, gleich nachdem es das Bühnenlicht der Theaterwelt erblickt hat. Das "Phantom" wird noch durch viele deutsche Bühnen spuken. Hoffentlich so lustvoll in Szene gesetzt und gespielt, wie es Tim Egloff mit seiner Truppe gelungen ist.

Phantom (Ein Spiel)
von Lutz Hübner und Sarah Nemitz
Uraufführung
Regie: Tim Egloff, Bühne und Kostüme: Thea Hofmann-Axthelm, Licht: Damian Chemielarz, Dramaturgie: Tilman Neuffer.
Mit: Sabine Fürst, Almut Henkel, Carmen Witt, Julius Forster und Boris Koneczny.
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.nationaltheater-mannheim.de

 

Kritikenrundschau

Christian Jung  schreibt in der Rhein-Neckar-Zeitung (19.9.2015): Die Inszenierung entlarve "schonungslos und knallhart" die "Vorbehalte" gegenüber osteuropäischen Einwanderern und Flüchtlingen, sie liefere eine "aktuelle Zustandsbeschreibung" der deutschen Gesellschaft. Von "manchen Deutschen" würden die hart arbeitenden, gelegentlich in die Kriminaöität abrutschenden Migranten als Konkurrenz empfunden. Das führe zu neuen Problemen und mache den Aktualitätsbezug des Theaterstücks aus. "Gemeinsam haben diese Menschen mangelnde Bildung, die den gesellschaftlichen Aufstieg erschwert, ja fast unmöglich macht - und dadurch auch die Integrationsdebatte indirekt in Frage stellt."

Näher auf die Inszenierung ein geht Martin Vögele auf dem Morgenweb des Mannheimer Morgen (19.9.2015): Lutz Hübner, Sarah Nemitz und Tim Egloff zeigten zusammen mit einem "formidabel aufspielenden Ensemble" zweierlei: "erstens, dass unsere selbstgefällige Prophetie in Sachen Welt- und Kulturverständnis manchmal gerade mal für den Ausguss taugt. Zweitens, dass es eine der vornehmsten Aufgaben des Theaters ist, sein Publikum vor den Kopf zu stoßen". Die Figuren agierten als "Projektionsfläche" für eine Vielzahl von "Vorurteilen, Stereotypen, Ressentiments und Erwartungen". Herausragend verkörpere Sabine Faust die Hartz-IV-Bezieherin Annika als "wandelndes Klischee zwischen derber Unverfrorenheit und völliger Hilflosigkeit", Julius Forster als ihr "großmäuliger Freund" lasse kalte Wut im Zuschauer aufsteigen. Egloff inszeniere fabelhaft "mit reichlich Witz, praller Verve und Farce-artigen Überzeichnungen samt Exkursen auf die theatrale Metaebene".

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (24.9.2015) nutzt Martin Halter seine Besprechung für ein Lob für das "problembewusste Kinder- und Jugendtheater für Erwachsene" des Lutz Hübner, denn es "kennt sich niemand in den Sozialwohnungen, Jugendknästen und Lehrerzimmern des Landes besser aus, und nur wenige Theaterautoren können so unaufgeregt und ideologiefrei davon erzählen." An der Mannheimer Inszenierung wird gelobt, dass sie nicht "Shabbyshabby-Aktionskunst für privilegierte Zaungäste" oder "Dokumentartheater mit echten Flüchtlingen" biete, sondern: Die "Schauspieler keinen Zweifel daran, dass sie eine Performance für ein bürgerliches Publikum machen"; sie teilen sich die Blanca-Rolle: "Die Bühnenrealität ist fiktiv, der 'Phantom'-Schmerz real."

 

 
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