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Kein schlimmer Land

von Dirk Pilz

Berlin, 18. April 2007. So kann man das natürlich auch machen. Wenn einem zum Thema nichts einfallen will und man keine eigene Haltung zum verhandelten Stoff hat, lässt man den Schauspielern einfach freie Hand und sie allerlei Albernheiten treiben. Kann man machen. Nur Regie braucht man dies nicht zu heißen, jedenfalls dann nicht, wenn Regie bedeuten soll, einem Stoff Kontur und Dringlichkeit zu verleihen. Wenn Theater also mehr sein möchte als Zuschauerbespaßung und wenigstens ein Fünkchen Ernsthaftigkeit zum Glühen bringen will.

Muss Regie das? Hängt vom Gegenstand der Inszenierung ab, möchte man meinen. Schorsch Kamerun hat an der Volksbühne "Der kleine Muck ganz unten. Die Welt zu Gast beim Feudeln" inszeniert. Der Abend hat am Rande auch mit dem kleinen Muck zu tun. Im Wesentlichen beschäftigt er sich aber mit Fremden. Vor allem mit den Fremden in Berlin, daneben auch jenen in der Schweiz, in der DDR, auf der Welt. Und irgendwie auch mit dem Fremdsein an und für sich. Irgendwie. Denn Genaueres ist hier nicht zu erfahren. Dafür sind allerlei Drolligkeiten zu erleben.

We are Monsters

Es ist eine Revue, die hundert Minuten lang in jeder Szene laut und unmissverständlich sagt: Hallo, ich bin eine Revue! Das nervt. Hat aber seinen Grund. Der Abend will sich – wir zitieren die Vorankündigung – "ganz unten" in der schlimmen Realität "ungefiltert mal so richtig umsehen". Das sieht dann so aus: Hungh Manh Le stellt sich an die Rampe und berichtet von den Schwierigkeiten mit der Aussprache des Deutschen. "Total schwer" sagt er und macht uns Beispiele vor. Lustig. Oder so: Carolin Mylord sitzt auf einem Dreirad und nimmt die Perspektive einer Mosambikanerin in der DDR ein. Sie erzählt von der Arbeit am Fließband, der Familie in Maputo und dem Rassismus in einer Berliner Straßenbahn. Nächste Szene: Josef Ostendorf tritt auf und singt "We are monsters." Aha.

Das inszenatorische Prinzip dieser Veranstaltung hat man schnell raus: Sie folgt der Logik wirrer Assoziationen. Was sind hierzulande die gängigen Stichworte zu Fremdenfeindlichkeit? Genau: Türken in Kreuzberg, Nazis in Rostock, verdächtige Araber im Bus. Und zu Deutschland? Goethe, Bockwurst und Mauerfall. Noch Fragen?

Eine Art Geschichte hat der Abend übrigens auch: Naima, die "preußeneuphorische Orientalistin" (Astrid Meyerfeldt), träumt von einer Reise ins Abendland, die ihr von einem "hohen Gericht" auch gewährt wird. Im Video sieht man sie auf dem Teppich fliegen und auf der mit Orientzitaten und einer Straßenschlucht zugestellten Drehbühne von Constanze Kümmel dann landen – um sich ungefiltert umzuschauen. Sie findet: lauter Wunderlichkeiten, die lose aneinander geheftet sind.

Fontane, Heine und Rudi Völler

Paul Peter, der "positive Patriot" (Jacques Palminger), leitet sie als Conferencier durch das Dickicht der Eindrücke. Am Ende wird sie heulen, zwischendurch Fontane, Heine und Rudi Völler als deutsche Kulturvertreter beschwören. War sonst noch was? Links sitzt das musizierende "Lotus-Ensemble", oben hängt eine Discokugel und per untertitelter Filmeinspielung darf sich eine Schweizerin über Deutsche in der Schweiz erregen. Schorsch Kamerun erprobt den unvoreingenommenen Blick auf Phänomene von Fremdheit. "Feudeln" als Verfahren zur Aufdeckung der Wahrheit "ganz unten". Kamerun will provozieren, indem er tut, als gäbe es ein ungefiltertes Wahrnehmen, als müsste die Wahrheit nur aufgedeckt werden, um wahr zu sein. Tatsächlich aber hat er schlicht die Klischeeschleuder angeworfen und alles mit allem verwirbelt. Fazit: Irgendwie ist Fremdsein ein Problem. Wer hätte das gedacht.

 

Der kleine Muck
von Schorsch Kamerun
Regie: Schorsch Kamerun, Co-Autor: Andreas Fanizadeh, Bühne: Constanze Kümmel, Kostüme: Tabea Braun, Dramaturgie: Stefanie Carp, Video: Heta Multanen.
Mit: Jacques Palminger, Astrid Meyerfeldt, Joey Bozat, Josef Ostendorf, Carolin Mylord, Mira Partecke, Jens Rachut, Fatma Genç, Ayhan Sönmez, Lotus Ensemble.

www.volksbuehne-berlin.de

 

 

Kritikenrundschau

Die neueste Theaterarbeit des Sängers und Texters der Goldenen Zitronen war nicht gerade Topthema der Feuilletons ringsum. Die taz (20.4.2007) jedoch war zuverlässig vor Ort: "Die Welt zu Gast beim Feudeln". "Feudeln" heißt in Norddeutschland "aufwischen", erklärt Christiane Kühl zu Beginn ihrer Kritik. Und in der "Überprüfungsrevue" von Schorsch Kamerun (der an der schleswig-holsteinischen Ostseeküste aufwuchs) geht es darum, wer in Europa eigentlich den Aufwasch machen muss: "Verschlossene Grenzen, Vorurteile und der seit der WM viel gelobte ´positive Patriotismus´ sind ihre Themen." Kamerun, der freundliche Punk, geht ganz naiv an das Thema heran, und zu Beginn findet Christiane Kühl das auch noch "äußerst amüsant": "Per fliegendem Teppich geht´s in die Hauptstadt. Ab und zu schwebt ein Zeppelin, eine Bratwurst oder ein Ströbele vorbei." Mehr als lustige Häppchen habe die dokumentarmontierte Geschichte von der Orientalin Naima, die in Berlin Rudi Völler sucht und statt dessen Fremdenhass findet, jedoch nicht zu bieten, und provoziere letztlich "keinen einzigen Gedanken". "So ist es die Krux des Abends, dass das Öffnen aller Grenzen gepredigt wird, ohne ästhetisch eine einzige relevante zu überschreiten."