Der Minister und seine Gedankenspielkameraden

von Frauke Adrians

24. September 2015. Anfang Juli 2006 lud der Thüringer Kultusminister Jens Goebel (CDU) die Presse ins Erfurter Restaurant "Museumskeller". Auf den Tisch des Hauses kam ein Blatt Papier mit der Überschrift "Modellrechnung“. Tabellarisch war darauf zusammengefasst, wie viel Geld die Thüringer Theater und Orchester seinerzeit vom Land bekamen und wie viel weniger die CDU-Landesregierung ihnen in der nächsten Finanzierungsperiode zugestehen wollte. Einsparungsziel: 10 Millionen Euro.

Die "Modellrechnung" hätte das Aus für drei Theaterhäuser und vier, fünf Orchester bedeuten können. Aber sobald sich die Journalisten – denn sie und nicht etwa die Betroffenen waren die Ersten, die Goebel von den Sparplänen unterrichtete – ans Telefon hängten und den Intendanten die schlechte Nachricht überbrachten, formierte sich der erste Protest. Am Ende musste die Regierung ihr Einsparungsziel still beerdigen. Alle Thüringer Theaterhäuser existieren bis heute, das Landestheater Eisenach allerdings ist nur noch eine bessere Dependance des Meininger Theaters.

Geschichte wiederholt sich: das Erfurter Spar-Kaffeekränzchen

Am 10. August 2015 lud der Thüringer Kulturminister Benjamin-Immanuel Hoff (Linke) die Presse ins Erfurter Café "Kaffeeland". Auf den Tisch des Hauses kam ein langer Solovortrag des Ministers, angereichert mit Präzisierungen durch seine Staatssekretärin Babette Winter. Hoff stellte in einem "Hintergrundgespräch", aus dem laut Vereinbarung nichts an die Öffentlichkeit dringen sollte, einen "Plan künftiger Theater- und Orchesterstrukturen" vor, der sich in vertrauensvollen Gesprächen mit den Intendanten, der Orchesterkonferenz, kommunalen Trägern und anderen Beteiligten entwickelt habe. Ein Einsparungsziel gebe es nicht, betonte der Minister, im Gegenteil, man werde mehr für die Theater und Orchester ausgeben müssen.

DNT Weimar 560 Thomas Mueller uTraditionsreiches Weimar: "Zeigen Sie mir mal den Ort in Thüringen, wo Goethe, Schiller, Bach, Luther oder Telemann nie waren!" (Minister Hoff) © Thomas Müller

2006 waren die Fronten klar. Gegen die Landesregierung und ihren Sparbeschluss gingen, mit sehr wenigen Ausnahmen, alle auf die Barrikaden: die Theaterhäuser und Orchester vom Intendanten bis zum Bühnenarbeiter, das Publikum, die Kulturverbände, die Gewerkschaften. Die kommunalen Träger der Theater und Orchester, also Städte und Landkreise, die sich zum Teil sogar bereit erklärten, mehr als bisher in ihre Kultureinrichtungen zu investieren und sie auf diese Weise zu retten. Und die Oppositionsparteien, SPD, Linke, Grüne, die die Kulturkahlschlag-Politik der CDU einhellig verdammten.

2015 bilden diese drei Parteien die neue Thüringer Landesregierung und haben längst festgestellt, dass die Ausgaben für Theater und Orchester steigen, selbst wenn man sie nur auf dem gleichen Level erhalten will. Im gemeinsamen Regierungsprogramm steht denn auch kein flammendes Bekenntnis zur unbedingten Erhaltung aller Kultureinrichtungen; stattdessen heißt es dort vorsichtig, die Landesregierung strebe den Erhalt aller Thüringer Theater und Orchester "in ihrer bestehenden Form, Struktur und Bandbreite" an. Das klingt nach gutem Willen, aber nicht um jeden Preis. Bei den kommunalen Trägern scheint eine ähnliche Stimmung zu herrschen. Dem Vernehmen nach wollen fast alle ihre Kultureinrichtungen behalten und sind bereit, sie weiter zu fördern. Aber mehr für sie ausgeben, das können oder wollen die meisten Träger nicht.

Die klaren Frontlinien sind passé

Eine klare Linie – hier die Kulturabwickler, dort die Verteidiger des Status quo – gibt es 2015 nicht. Stattdessen gibt es Pläne für eine Umstrukturierung, vorgestellt von einem Minister, der die Betroffenen in ihre Entstehung einbezogen hat: Hinterher soll keiner sagen, er sei überrascht und überrollt worden. Vorteile der angestrebten Neustrukturierung seien "mehr Planungssicherheit, die Schließung der Gerechtigkeitslücke, größere tarifvertragliche Sicherheit" für die Häuser und ihre Mitarbeiter, so Hoff. Die Nachteile sind: Stellenabbau, weniger Orchester, wahrscheinlich auch weniger Theatervielfalt. Die erste rot-rot-grüne Landesregierung in Deutschland will keinesfalls Kündigungen von Theaterpersonal und Orchestermusikern zu verantworten haben, aber sie will den Bestand an Stellen über die nächsten zehn Jahre abschmelzen. Frei werdende Stellen sollen unbesetzt bleiben. Die Verbleibenden aber sollen, so der Plan, endlich nach Flächentarif bezahlt werden.

Das wäre vor allem für die Musiker der Landeskapelle Eisenach ein Gewinn, die seit Jahren ganz ohne Tarifvertrag arbeiten. Nur wird es die Landeskapelle nach Hoffs Plänen ab 2017 nicht mehr geben. Die letzten 24 Musiker des über die Jahre bis zur Unkenntlichkeit verkleinerten westthüringischen Restorchesters werden dann auf die Orchester im südostthüringischen Rudolstadt und im nordthüringischen Nordhausen verteilt. Einen großen Teil ihrer Dienstzeit werden sie künftig also für die Fahrten zu ihren künftigen Einsatzorten aufwenden müssen – falls die kämpferische Musikergewerkschaft DOV bei Hoffs Musikerverteilungsplänen mitspielt. Nach Berichten der Thüringischen Landeszeitung (TLZ) ist sie dazu wenig geneigt.

theater erfurt 560 c Theater erfurt xDer Neubau des Erfurter Opernhauses wurde 2003 eröffnet © Theater Erfurt

Die TLZ war es auch, die zehn Tage nach dem "Hintergrundgespräch" erstmals über die Strukturpläne berichtete. Hoff und seine Mitarbeiter hatten zu der Geheimrunde zwar nicht weniger als acht Thüringer Print-, Agentur- und Rundfunkjournalisten eingeladen, die TLZ aber blieb außen vor – und damit ausgerechnet diejenige Zeitung, die beim Reizthema Theaterstruktur traditionell am lautesten aufschreit. Hoffs Empörung über ein "TLZ-Leak" kann sich also eigentlich nur gegen ihn selbst richten, denn er hat das Leck selbst verursacht. Sobald die TLZ Wind von den Plänen bekam, konnte sie in aller Ruhe berichten, denn sie brauchte sich an keinerlei Verschwiegenheits-Absprachen gebunden zu fühlen. Die Veröffentlichung kam so zwangsläufig, dass man auf die Idee kommen könnte, der Minister habe das Ganze genau so geplant.

Geplant oder nicht: Nun sahen sich auch die Intendanten gedrängt, Stellung zu nehmen. Ein beredtes "kein Kommentar" aus den Theatern in Weimar und Erfurt verriet, dass die Intendanten Hasko Weber und Guy Montavon nicht nur in die Entstehung des Theaterstruktur-Entwurfs eingebunden waren, sondern auch gern so weiterverhandelt hätten, ganz im Geheimen. Weber befand sich in einer besonders ungemütlichen Lage, denn Hoffs Pläne sehen die Schließung der Weimarer Musiktheatersparte vor. Erfurt dagegen, das in Vorbereitung auf eine Theaterfusion beider Städte schon 2002 sein Schauspiel abgewickelt hat, soll keine weiteren Einbußen erleiden. Vorgesehen ist eine klare Aufgabenteilung: Das Staatstheater Weimar produziert Schauspiel, die künftige Staatsoper Erfurt Musiktheater; die Produktionen werden untereinander ausgetauscht. Erste Schritte auf dem Weg dorthin haben die beiden Intendanten bereits gemacht, beispielsweise war die jüngste Weimarer "Faust"-Inszenierung auch in Erfurt zu sehen.

Protest gegen den Abbau der Musiktheatersparte in Weimar

Schauspielmann Hasko Weber, der in Weimar erstmals ein Haus mit Opernsparte und einem – noch dazu höchst eigenständigen und selbstbewussten – Orchester übernommen hat, könnte den Verlust der Weimarer Musiktheatersparte persönlich wohl verschmerzen. Unter dem Druck der Ereignisse, des aufgeschreckten Publikums und seiner Mitarbeiter jedoch musste er sich von der eigenen Distanz zu dieser Sparte distanzieren. Hatte er sich zunächst nur über die Indiskretion der Presse geärgert und laut Thüringer Allgemeine (TA) beklagt, "separate Aspekte" seien "falsch, im Sinne realer Fakten, in die öffentliche Debatte überführt worden", duldete er wenige Tage später betont wohlwollend eine Unterschriftensammlung der DNT-Mitarbeiter für die Erhaltung der Opernsparte. Beim Weimarer Theaterfest am ersten Septemberwochenende rief er nach Angaben der TA dreimal aus: "Unsere Oper bleibt!" und ließ dieses Motto als Transparent am Balkon des DNT aufziehen. Minister Hoff stimmte via Twitter ein: "Stimmt. Sie bleibt."

Etwas anderes als Zurückrudern bleibt ihm wohl gar nicht übrig, wenn er die Theaterdebatte in halbwegs ruhigen Bahnen weiterführen will. "Unterschriftensammlungen vor der Staatskanzlei" wie zu Goebels Zeiten will er nach eigenem Bekunden unbedingt vermeiden. Folgerichtig werden die Strukturpläne jetzt als mehr oder minder unfertige Entwürfe, Gedankenspiele oder bloße Möglichkeiten unter vielen anderen hingestellt. Aber das ergibt wenig Sinn. Wenn sich der Minister und seine Gedankenspielkameraden noch im Stadium der Ideensammlung befänden, warum sollte Hoff dann überhaupt die Presse informieren? Warum sollte er den Journalisten dann nur diese eine Variante als Ergebnis präsentieren, ohne Hinweis auf die Varianten B, C und D?

Lohengrin 560 karl bernd karwaszWagners "Lohengrin" am Ort seiner Uraufführung  1850 durch Franz Liszt  in Weimar, wo es demnächst kein eigenes Musiktheater geben soll. Hier ein Foto aus der Weimarer
Inszenierung 2013 (Regie Tobias Kratzer, Dirigat: Stefan Solyom) © Karl-Bernd Karwasz

Auf jeden Fall hat der Minister nun die Wasser zwischen den Theaterhäusern Erfurt und Weimar getestet und feststellen müssen, dass sie schwer schiffbar sind; das hätte er allerdings schon vorher wissen können. An Plänen für eine Kooperation oder Fusion der Theater Erfurt-Weimar sind schon gefühlte Generationen von Kultusministern gescheitert. Im Weg steht nicht zuletzt die historisch gewachsene Abneigung zwischen den beiden nur 25 Kilometer voneinander entfernt liegenden Städten, dort stehen aber auch ganz praktische Hindernisse. So ist es, das weiß auch Hoff, vollkommen unmöglich, die Staatskapelle Weimar, Thüringens einziges und allseits hochgelobtes A-Orchester, mit dem Philharmonischen Orchester Erfurt – oder überhaupt mit einem anderen Klangkörper – zu fusionieren.

Die Variante mit der Orchesterfusion Erfurt-Gotha

Da aber Hoff wie die meisten seiner Amtsvorgänger offenbar von der Annahme ausgeht, in Thüringen gebe es immer noch zu viele Orchester – obwohl die Orchesterlandschaft des Landes seit der Wende nahezu halbiert wurde –, kommt eine andere Orchesterfusion auf den Strukturplan: Erfurt und Gotha. Beide Städte haben B-Orchester mit etwas über 50 Musikern; für große Sinfoniekonzerte und Opernproduktionen leiht sich Erfurt regelmäßig Streicher aus Gotha aus. Zudem trennen auch diese beiden Städte bloß etwa 25 Kilometer. Ein neues, über 100 Mann starkes Fusionsorchester Erfurt-Gotha soll, so der Plan, die Erfurter Opernproduktionen spielen, wenn die Aufführungen in Erfurt stattfinden.

Gesetzt den Fall, die Weimarer Oper bleibt NICHT, würde bei den Weimarer Vorstellungen (mit Bühnenbild und Sängern aus Erfurt) wohl die Staatskapelle im Graben sitzen, die sonst nur noch Konzerte spielen würde. Zwei benachbarte Orchester müssten also zeitgleich ein und dieselbe Produktion einstudieren: eine unsinnige Doppelarbeit. Ein Nachfolger Hoffs wird unschwer befinden, dass da noch immer ein Orchester zu viel sei, und eines der beiden abschaffen – und das wird nicht die Staatskapelle sein.

Das Orchester Erfurt-Gotha wird, zumindest vorübergehend, allein aufgrund seiner Größe nach A-Kategorie bezahlt werden müssen: eine teure Angelegenheit. Hinzu kommt, dass die Stadt Gotha, die sich auf eine rund 400-jährige Orchestertradition berufen kann, ihre Philharmonie nicht kampflos aufgeben wird. Zumindest müsse das Fusionsorchester in Gotha beheimatet bleiben, fordert Gothas Oberbürgermeister Knut Kreuch. Dann gäbe es in Thüringens Mitte nicht nur ein Staatsschauspiel mit A-Orchester, sondern auch eine Staatsoper ohne Orchester.

"Es ist schwer, Strukturentscheidungen auf Traditionen zu gründen" (Minister Hoff)

"Zeigen Sie mir mal den Ort in Thüringen, wo Goethe, Schiller, Bach, Luther oder Telemann nie waren", sagte Minister Hoff im Hintergrundgespräch: "Es ist schwer, Strukturentscheidungen auf Traditionen zu gründen." Aber kulturpolitische Entscheidungen zu treffen, ohne Tradition und Geschichte im Blick zu haben, ist in Thüringen ein Unding. Vielleicht unterschätzt Hoff die Wirkungsmacht dieser Faktoren – und den Stolz sehr vieler Thüringer auf ihre Theater und Orchester. Den entwickeln selbst diejenigen, die selten oder nie hingehen.

Vielleicht wird Hoff mit vielen seiner Pläne trotz allem durchkommen. Vieles geht er sehr viel geschickter an als weiland Goebel: Er bezieht die Betroffenen früh in seine Überlegungen ein – und zwar nicht immer alle gemeinsam, sondern nach dem Prinzip "Teile und herrsche" auch getrennt voneinander. Den meisten konnte er offensichtlich das Gefühl vermitteln, mitreden zu dürfen und gehört zu werden. Hier kommt kein Sparbeschluss von oben, hier wird – zumindest scheinbar – um eine "vernünftige", "machbare" (sprich: finanzierbare) Lösung gerungen. Und wenn diese Lösung beinhaltet, dass zwei, auf längere Sicht drei Thüringer Orchester abgewickelt werden und das Theater Eisenach auf Ballett, Kinder- und Jugendtheater reduziert wird, scheint das kaum noch jemanden wirklich zu schrecken – schon gar nicht jene, die, wie das Theater Rudolstadt, ganz ohne Blessuren davonkommen könnten.

Die Kämpfer haben resigniert über die Jahre, wohl auch unter dem Druck der finanziellen Zwänge in Land und Kommunen. Goebel hat ihnen allen die Instrumente ja schon vor neun Jahren gezeigt. Wenn dieselben Instrumente jetzt in milder Form angewendet werden, tut es kaum noch weh.

 

adrians kleinFrauke Adrians, geboren 1971 in Mülheim an der Ruhr, studierte Journalistik und Geschichte in Dortmund, war 15 Jahre lang Redakteurin bei der Thüringer Allgemeinen, schreibt heute für mehrere Regionalzeitungen und ist Nachtkritikerin in Thüringen.

 

 

 
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