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Schuld, die sich einschreibt

von Steffen Becker

Mannheim, 25. September 2015. Mein Opa wurde in vergleichsweise hohem Alter Vater meiner Mutter. Der Krieg kam dazwischen. Ostfront, also Hardcore. Genaues weiß man nicht. Er hat über Erlebnisse nicht gesprochen. In Erinnerung bleibt er als stattlicher Mann, der auf Fotos in Uniform sehr gut aussieht.

Die Protagonistinnen in "Die Unverheiratete" von Ewald Palmetshofer haben es weniger bequem. "Die Alte" wurde in hohem Alter Mutter der "Mittleren", weil sie nach dem Krieg im Gefängnis saß. In den letzten Kriegstagen hatte sie einen desertierenden Soldaten ans Messer geliefert bzw. vors Erschießungskommando gebracht. Sie scheint es gut verkraftet zu haben. Als ihre Enkelin – die Junge – sie nach einem Sturz im Krankenhaus besucht, trifft diese auf eine für ungebrochene Persönlichkeit.

Reminiszenz an Leni Riefenstahl

Wer einen Eindruck vom famosen Spiel von Elke Twiesselmann in der Rolle der "Alten" in Mannheim bekommen möchte, sehe sich auf youtube ein Interview mit der uralten Leni Riefenstahl an: Rüstigkeit, Witz und eine "ich habs bald hinter mir"-Lakonie erzeugt eine auf den ersten Blick unantastbare Aura der Würde. Warum die Alte dies auf den letzten Metern gefährdet, indem sie der Jungen ihre Aufzeichnungen über die Tat und die Haft anvertraut, lassen Autor Palmetshofer und Regisseur Florian Fischer allerdings im Dunkeln. Von ihr gibt es keine Erklärung und keine Reue. Vom Ende her (und oberflächlich) gedacht, sagt das Stück aus, dass man die Leiche des Soldaten lieber im Keller hätte ruhen lassen mögen. Schon der Titel "Die Unverheiratete" verrät allerdings, dass es um die Junge geht.

unverheiratete2 560 hDrei Generationen im Halbwissen vereint: Ragna Pitoll als "Mittlere", Elke Twiesselmann als "Alte" und Hannah Müller als "Junge" in "die unverheiratete" am Nationaltheater Mannheim
© NT Mannheim

Die Alte fragt nach einem Mann in ihrem Leben. Wunder Punkt, die Junge hat zwar jede Menge Handyaufnahmen von Gliedmaßen nackter Bekanntschaften, aber "in die Zukunft mag ich mich nicht denken". Zukunft scheint dabei ein Synonym für Bindung zu sein. Also stürzt sie sich in die Vergangenheit und in Betrachtungen über den Wahrheitsbegriff. Für beides finden Text und Inszenierung klare Bilder.

Der Chor der hundsmäuligen Schwestern

Autor Palmetshofer erweitert das Drei-Frauen-Stück um einen Chor aus vier "hundsmäuligen Schwestern" (in Mannheim mit Seniorinnen besetzt). Sie rezitieren sowohl aus den Gerichtsakten als auch aus dem Heft der Alten und wechseln dabei die Kostüme so oft wie das Bild, das von dieser entsteht. Die Junge durchwühlt dazu die staubigen braun-grauen Deckenknäuel, mit denen die Bühne ausgelegt ist. Sie schlüpft dabei teilweise selbst halb in die Rolle der Erzählerin und der jungen Alten. Hannah Müller meistert diesen Balance-Akt bravourös. In ihr kristallisiert sich wie im Brennglas die Kluft der Generationen. Wenn sie über ihre oberflächlichen Männergeschichten spricht, zeigt sie die Sehnsucht und zugleich die Angst vor existentiellen Erfahrungen.

Letztere erspürt sie in der Geschichte der Großmutter. Weil sie nicht weiß, wer sie selbst ist, will sie umso hartnäckiger wissen, wer "die Alte" ist. Müller spielt das als Kraftbündel, das seine Energie von sich selbst weglenkt. In diesem Zusammenhang droht "die Mittlere" zunächst unterzugehen. Ragna Pitoll überzeugt dafür mit den subtilen Gesten – der Verächtlichkeit, mit der sie mit der Mutter umgeht. Die unsichere Annäherung an die Tochter – was beides mit Zurückweisung endet. Ihre Wutphantasie als Elektra-Wiedergängerin mit Axt gehört dagegen in die Kategorie der aufgesetzten Übertreibungen. Mit Blick auf die, nun ja, etwas eigentümliche Schlussperformance der Jungen ist es nicht die einzige der Inszenierung.

Beunruhigend – und zutiefst menschlich

Wie stark die Tat sich prägend durch die Generationen zieht, macht Regisseur Fischer dafür durch klug gewählte Beiläufigkeiten deutlich. Stand im Hintergrund anfangs eine schlichte Pritsche, verwandelt diese sich durch einen roten Stoffüberwurf in eine Art Thron, auf dem die Alte sich niederlässt. Ihr zur Seite Tochter und Enkelin, die sich in der Kleidung den weißen Spitzen der Alten angenähert haben. Das fällt einem erst auf, wenn das Bild vollendet ist – es wirkt dadurch umso stärker.

Die Wahrheit über den Verrat bleibt dagegen bewusst im Nebel. "Die Unverheiratete" hat Autor Palmetshofer im Versmaß geschrieben. Das verstärkt den distanzierenden Effekt genauso wie die indirekte Rede des Schwestern-Chors. Die ist in der Gestalt des Prozessaktenmaterials begründet, die Verfahren paraphrasieren, aber keinen O-Ton wiedergeben.

Die eigentliche Frage richtet die Inszenierung ohnehin an die Zuschauer. Will man es überhaupt noch so genau wissen? Regisseur Fischer hält die Konfrontation mit der Tat bewusst kurz und schafft ein Setting, dass man der Jungen zurufen will: Warum quälst du die alte Frau, warum muss sie sich wegkauern vor deinen Fragen, welch unwürdigen, mitleiderregenden Anblick zwingst du uns auf? Das ist beunruhigend – und zutiefst menschlich.

 

Die Unverheiratete
von Ewald Palmetshofer
Regie: Florian Fischer, Bühne und Kostüme: Susanne Scheerer.
Mit: Hannah Müller, Ragna Pitoli, Elke Twiesselmann und den hundsmäuligen Schwestern Monika Altnöder, Brigitte Guthörl, Gabriele Köstinger und Eva Kunert.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.nationaltheater-mannheim.de

 

Mehr über die unverheiratete, mit der Ewald Palmetshofer in diesem Jahr erstmals den Mülheimer Dramatikerpreis gewann: Die Uraufführung am Burgtheater Wien inszenierte Robert Borgmann. Diese Produktion wurde nach Mülheim und zum Berliner Theatertreffen eingeladen.

 

Kritikenrundschau

Ewald Palmetshofers Stück macht in Florian Fischers Inszenierung den "Eindruck einer literarischen Laubsägearbeit" auf Volker Oesterreich, der in der Rhein-Neckar-Zeitung (28.9.15) schreibt: "Mühevoll hergestellt, aber doch nur ein Staubfänger, der aus der Zeit geraten zu sein scheint." Der Laienchor der "Hundsmäuligen" könne "dem sperrigen Sprachwust Palmetshofers" außerdem "kaum gerecht werden". "Sie geraten leicht ins Leiern, was sich wie ein Grauschleier über diesen Abend legt und ihn in ein diffuses Licht taucht."

"Allemal etwas konfus" wirkt die ganze Inszenierung auf Alfred Huber, der im Mannheimer Morgen (28.9.15) schreibt: Im "Bühnenbild-Durcheinander" fehle ein "übergreifener zwingender Rhythmus". "Worauf es ankommt, das Ungesagte und vielleicht auch Unaussprechliche, zeigt sich bei Fischer fast nur im Detail." Immerhin zeige der Regisseur gelegentlich ein feines Empfinden für die komplizierten Bezüge der drei Frauen untereinander. Und: "Erfreulich Mannheims Neuzugang Hannah Müller." Als Enkelin Ulrike setze sie manchmal "zwar zu druckvolle Akzente, vertraut mehr der Dynamik als der Nuance", so Huber. "Aber wenn sie fast übermütig, sprachsuggestiv beschreibt, wie sie die entblößten Körperteile ihrer zahlreichen Liebhaber im Bett fotografiert und als Trophäen-Sammlung auf ihrem Handy speichert, dann verwandelt sie den Abend, der als kleine Tragödie der Rechtschaffenheit zu enden droht, für kurze Momente in jenes absurde Wahnsystem, das wir Leben nennen."