Der Dämmerungskönig

von Christian Rakow

Berlin, 30. September 2015. Eine jede Kunst kommt an den Punkt, an dem sie sich ihrer elementaren Mittel besinnt. An den Punkt, an dem nicht mehr in Rede steht, was – sagen wir – ein Gemälde darstellt, sondern was seine Darstellungsmöglichkeit überhaupt ist. Man denke an die Befreiung der Linie von der Gegenständlichkeit bei Kandinsky oder an die Befreiung der Farbe bei Mondrian. Die Beispiele der nichtillustrativen, auf basale Formenverhältnisse abzielenden Kunst sind Legion.

Im Theater eröffnete die Regiekunst Dimiter Gotscheffs immer wieder solche Besinnungsräume. Wer Gotscheff-Abende liebte, der gab sich der Mikrosprache von Gesten hin, der schätzte die feinen Zäsuren im Redefluss, die freie, reine Gelenkigkeit der Spieler, die locker schraffierten Haltungen, überhaupt das Skizzenhafte, die hingehauchten, nie vollends ausdefinierten Figuren. Nicht von ungefähr rückte Gotscheff mit einem radikal reduktionistischen Abend wie etwa Die Chinesin (an der Volksbühne 2010) in die Nähe der abstrakten bildenden Kunst.

Minimalismus meets Budenzauber

Gotscheff ist tot, aber seine Spieler (liebevoll die Gotscheff-Familie genannt) spielen. Jüngst Wolfram Koch und Samuel Finzi in Warten auf Godot. Jetzt Margit Bendokat und Samuel Finzi in "Peer Gynt". Hier wie dort in der Regie des Gotscheff-Dramaturgen Ivan Panteleev (der mit Spielfassungen wie der zu Krankenzimmer Nr. 6 inspirierte und sich Meriten erwarb). Und wer an diesem Abend in den Kammerspielen des Deutschen Theaters sieht, wie die Bendokat für luftige Sekunden einen imaginären Theaterstaub aus den Handgelenken rieseln lässt, wenn sie mit schalkhafter Festigkeit rezitiert "Gulden und Taler, ein blankes Geriesel, /Streut er hinunter wie Hände voll Kiesel"; oder wer erlebt, wie Finzi, bloß mit einem weißen Herrentaschentuch bewaffnet, Gebetsrituale aller Weltreligionen anzitiert, der darf glücklich sagen: Der Gotscheffsche Minimalismus lebt. In Momenten.

Peer1 560 ArnoDeclair hMinimalkunst in wetterfester Umgebung: Margit Bendokat, Samuel Finzi in "Peer Gynt"
© Arno Declair

Natürlich ist "Peer Gynt" dasjenige unter Henrik Ibsens Werken, das am ehesten nach dem großen Budenzauber schielt. Der Lügenbold und Taugenichts Peer, der Frauen verführt und verlässt, der zu den Trollen in die Wälder zieht und später hinaus in die weite Welt, der bietet schon Stoff für buntes Brimborium. Sklavenhändler ist er, macht Geld und verliert es und kehrt nach Jahren der Weltenbummelei reumütig in die Heimat zurück. "Des Lebens Sinn heißt, dem Genuss sich vermieten", so beschreibt er den Tenor seines Daseins.

Endspiel Genussmensch

Bei Panteleev ist Peer von Anbeginn ein Mann, der die Genüsse schon hinter sich hat. So er sie denn überhaupt je verspürte. Finzi schleicht sich wie ein alternder Zauberer in abgewetztem Anzug in die Rolle des Titelhelden. Bendokat schultert die diversen Frauenfiguren des Versdramas als Wiedergängerinnen von Peers Mutter Ase. Wuchtig wie ein Berliner Waschweib hämmert sie Beschimpfungen auf ihren missratenen Sohne ("Du Idiot", "Du Schwein"). Dann wird kurz der Seidenschal um die Schultern geschwungen und schon verjüngt sie sich um Jahrzehnte zur nüchtern liebenden Solveig. Zwischen den Rollen navigiert sich Bendokat mit episch distanziertem, an Brecht geschultem Humor.

Finzi kitzelt derweil den Melancholiker in seinem Peer Gynt hervor. Sein wetterfester Witz wirkt leicht umwölkt. Überhaupt hat Panteleev diesen "Peer Gynt" ganz auf der Beckett-Linie entwickelt. Als dunkles Endspiel des Genussmenschen. Nur eine Funzel von Licht erhellt die Bühne der Kammerspiele (ersonnen von Johannes Schütz): weißer Sand, der die Schritte knirschen lässt; ein nordisches Zelt, auf Skiern befestigt, dessen papierene Wände Finzi irgendwann bis auf das Gerippe runterreißt. Alles wird entkernt, entleibt. Menschengerippe in dunklem Grund.

Liebhaberabend

In einem Fremdtext, den Panteleev offenbar einem Film von Godard entnommen hat ("Pierrot Le Fou") spiegelt sich Peer Gynt im Maler Velasquez: "Als Velasquez fünfzig Jahre alt war, malte er keine bestimmten Gegenstände mehr. Er umkreiste die Gegenstände mit der Luft und der Dämmerung (...). Velasquez war immer der Maler des Dunkels, der unendlichen Weite, des tiefen Schweigens."

Von dorther entwirft sich der Peer Gynt von Panteleev als Dunkelschweiger, als Dämmerungskönig. Man muss zur Warnung mitgeben, dass all das nicht eben leicht verdaulich ist (der Schlussapplaus bei der Premiere war äußerst verhalten). Die Distanzen zwischen Bendokat und Finzi sind teils riesig, das Tempo dem Dämmerlicht angepasst, die Energie, nun ja, auf Sparlampenniveau. Positiv gewendet: Diese Kunst hat ihre eigene Zeit- und Räumlichkeit. Wer sich selbst herunterdimmt und sich der leichten Lethargie dieses Unternehmens anheim gibt, wird mit Feinheiten belohnt, mit Einblicken in das Material des Spielers, in sinnfällige Pausen, kleine Gesten, hingeworfene Ausdrücke. Keine Formvollendung, sondern Formvorahnung. Ein Liebhaberabend.

Es gibt ja diese Werke im Oeuvre großer Künstler, die im Abglanz strahlen. "Street Legal" von Bob Dylan ist so ein Fall. Bei Lichte betrachtet, sicher kein großes Album. Aber doch eines, das im Halbschatten funkelt. So lautet denn die handfeste Formel für diesen Ibsen am DT: Ivan Panteleevs "Peer Gynt" verhält sich zu prägenden Abenden der Gotscheff-Spieler wie Street Legal zu Blood On The Tracks.

Peer Gynt
von Henrik Ibsen, Deutsche Fassung von Peter Stein und Botho Strauß unter Verwendung der Übersetzungen von Christian Morgenstern und Georg Schulte-Frohlinde, Bearbeitung von Ivan Panteleev
Regie: Ivan Panteleev, Aussstattung: Johannes Schütz, Sounddesign: Martin Person, Dramaturgie: Claus Caesar.
Mit: Margit Bendokat und Samuel Finzi.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.deutschestheater.de

 

Mehr über Lügenbolde am Deutschen Theater Berlin: Milan Peschel nutzte jüngst eine Münchhausen-Adaption von Armin Petras zur gelenkigen Schauspieler-Selbstreflexion.

 

Kritikenrundschau

Panteleev inszeniert "Peer Gynt" als wäre es ein Stück von Beckett: "reduziert auf die Sprache, hoch konzentriert und frei von äußerlichen Effekten", gibts ein kleines Lob von Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (2.10.2015). Man sehe eher ein Gedankenspiel als eine Geschichte, "das kann nicht wirklich aufgehen, ist aber zumindest wagemutig." Die dekorativ windschiefe Holzhütte sei vor allem niedlich. "In dieser Kinderwelt dürfen wir Finzi dabei zusehen, wie er seine Gedanken, Lügengeschichten, Assoziationen immer weiter spinnt, bis alle Grenzen zwischen Dichtung und gelebtem Leben verschwimmen."

Weniger um die Frage nach der Peerschen Selbstfindung, sondern um Peers ödipale Fixierung scheint es der Regie an diesem Abend vor allem zu gehen, so Simon Strauss in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (2.10.2015). Dieser Peer könne nie frei atmen, "immer drückt ihm eine Melancholie des Nicht-Ausreichens auf die Brust, er muss andauernd zweifeln und hadern. Panteleev hat die alte Schaubühnen-Fassung auf gut eindreiviertel Stunden eingekürzt. "Und doch wirken die Szenen, die jeweils nur mit wenigen Sätzen kurz angedeutet ineinander wehen, so zäh und langsam wie unter Zeitlupe gesetzt." Fazit: Panteleev habe Ibsens strahlende Weltanschauungsdichtung auf eine psychologische Fallstudie heruntergedimmt, "dabei ist ihm alle Naivität des Märchenhaften, alles Triviale, Stürmische des Stücks verlorengegangen. Übrig geblieben ist die Essenz, der verkopfte Rest".

Bendokat und Finzi packen jedes Wort aus einer Extraschachtel, "schmecken es, befragen es, heben es in die Welt wie einen Ziegelstein und setzen es ab", schreibt Ulrich Seidler in der Frankfurter Rundschau / Berliner Zeitung (2.10.2015). Bei aller Mühe um Solidität, sind es wieder nur immaterielle Worte, die sie aufeinander schichten, zu Bedeutungsgehäusen sortieren, in die sie sich vorübergehend und probeweise einnisten, um sie mit dem nächsten Satz in die Leere zu blasen. "Es gibt schauspielerisch virtuose Andeutungen von Verzweiflung und Hohn, von Liebe und Wahn, von Krampf und Gier, aber alle Einbildung und Bindung ist schnell wieder zerfetzt, und sie stehen wieder verloren und bloß da: nackte Nichtlinge im nackten Nichts. Sei's drum."

"Die Aufführung ist kurz, unter zwei Stunden. Aber die zwei Schauspieler auf leerer Bühne haben keine kleine Strecke zurückzulegen. Sie nehmen die Sache ernst, sehr ernst", findet Rüdiger Schaper im Tagesspiegel (2.10.2015), Das sei nicht mehr das barocke Theater der Sonnenkönige der Regie. "Wir sind bescheidener, und doch ist es ein Kraftakt, ein Stück wie 'Peer Gynt' aus einem Schauspieler herausholen zu wollen. Finzis Intelligenz und körperliche Präsenz machen das möglich." Fazit: "Ein Abend, schwer wie das Leben, wenn man keine Antwort bekommt auf seine Fragen."

 

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